moria: wo europa stirbt und menschen ums überleben kämpfen

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Raed AlObeed, Evelyn Schalk ◄

Stimmen aus der Krise, Stimmen gegen die Krise – 03

„Wir warten hier aufs Sterben“, sagt er und ich höre, wie er für einen Moment um die Festigkeit seiner Stimme ringt. Eine Sekunde oder zwei ist es still in der Leitung, dann hat er sich wieder gefangen. Wie, weiß ich nicht, mir fehlen längst die Worte. Raed AlObeed findet sie, immer und immer wieder. Auch jetzt im Gespräch mit mir, trotz der Müdigkeit am Ende eines weiteren Tages voller Anstrengung, in diesem Kampf gegen Verzweiflung, Wut, Trauer und Angst. Es ist Abend, wir telefonieren, ich sitze auf der Couch meiner warmen Wohnung, er in einem Zelt in den Hügeln um Moria, dem überfüllten Flüchtlingslager auf der griechischen Insel Lesvos. Seit die Corona-Pandemie die Insel erreicht hat, leben die Bewohner*innen des Lagers in noch größerer Furcht als bisher. Raed weiß: „Wenn hier Covid-19 ausbricht, bedeutet das eine unvorstellbare Katastrophe.“ Und er setzt hinzu: „Aber niemanden kümmert das.“ Deshalb haben er und andere Geflüchtete Mitte März das Moria Corona Awareness Team gegründet und versuchen seither, mit kaum vorhandenen Mitteln die Menschen über die Gefahren von Corona aufzuklären und einfachste Schutzmaßnahmen zu organisieren. Doch die Zeit läuft, ihre einzige Chance ist und bleibt die Evakuierung des Lagers. Daher fordern und appellieren sie: „Vergesst uns nicht! Holt uns endlich hier raus!“

Es ist ein kalter Aprilabend, es regnet seit Tagen in Moria und den Wind höre ich durchs Telefon, über tausende Kilometer. Da ist auch wieder Raeds Stimme. „Sorry“, sagt er, ich schüttle den Kopf, wissend, dass er es nicht sehen kann. Ein Videoanruf ist nicht möglich, im Zelt ist es zu dunkel, es gibt keinen Strom. Es gibt gar nichts. Keine Elektrizität, kein Wasser, keine Seife, keine Medizin, keine Wärme, keinen Schutz. Raed ist einer von rund 24.000 Geflüchteten, die im und um das Camp Moria festsitzen, einer Anlage, die einst für gerade einmal 2.000 Leute gebaut wurde.

Foto: MCAT/Moria White Helmets, Muhannad Al Mandil
TATsachen.at: Raed, kannst du mir einen Überblick geben, wie ist die Lage in Moria jetzt, was hat sich in den letzten Wochen verändert, was ist alles passiert?

Raed AlObeed: Im Moment ist es ein Horror. Man kann sich das nicht vorstellen. Hier sind so viele Menschen, es wird immer enger. Im erweiterten Lager haben maximal 5.000 Leute Platz, alle anderen müssen sich außerhalb niederlassen, im sogenanten „Jungle“. Hier sind Menschen aus Afghanistan (ca. 20.000), aus arabischen Ländern wie Syrien, Jemen Irak (ca. 3.000), sowie aus afrikanischen Ländern, aus Nigeria, Kongo, Somalia und Eritrea.

Wir haben nur Zelte aus Holzstücken, Resten von Planen und ähnlichem. Im Winter war es besonders schlimm, aber auch jetzt, wenn es soviel regnet und extrem windig ist, wird es immer wieder eiskalt. Außerdem fehlen die grundlegendsten sanitären Einrichtungen. Wir haben kein Wasser, keinen Strom, nichts. Im Camp selbst gibt es zumindest einige Waschgelegenheiten und Toiletten. Aber wir hier draußen haben gar nichts. Jedesmal wenn du ins Bad willst, musst du die Hügel hinunter zum Lager laufen, 500, 600 Meter und dich dort ein oder zwei Stunden anstellen, um auf die Toilette zu gehen oder zu duschen. Dasselbe bei der Essensausgabe, für Frühstück, Mittag- und Abendessen stehen alle stundenlang, jeden Tag streiten sich tausende Leute um die Plätze in der Warteschlange. Nur die Starken halten das aus, die Schwachen bleiben in ihren Zelten, oft bekommen sie nichts.

Alles ist noch schlimmer geworden, seit Rechtsradikale vor mehr als einem Monat begonnen haben, Geflüchtete und Mitarbeiter*innen von NGOs zu attackieren. Die meisten NGOs haben daraufhin ihre Arbeit eingestellt. Mit der Bedrohung durch das Coronavirus haben die letzen aufgehört und sind weggegangen. Jetzt sind fast alle fort und wegen der Ausgangssperre dürfen wir das Lager kaum noch verlassen.

Wir sind nur froh, dass wir bis jetzt keinen Corona-Fall im Camp haben. Wenn wir nur einen einzigen Fall bekommen, wird das eine Riesenkatastrophe hier.

Alle NGOs haben seit dem Ausbruch von Corona aufgehört zu arbeiten? Was bedeutet das für eure Versorgung?

Ja, nur sehr wenige, wie Stand by me Lesvos, sind geblieben. Sogar die UN und Ärzte ohne Grenzen hatten ihre Arbeit eingestellt! Jetzt versuchen sie gerade wieder anzufangen. In der kleinen Klinik im Camp sind nur wenige Krankenschwestern und Angestellte. Auch dort stellen sich immer viele Menschen an, um Medizin zu bekommen, Kinder, alte Leute, alle haben hier chronische Leiden. Immer wieder gehen Krätze und andere Krankheiten um, wegen der fehlenden Hygiene und dem Müll, der jetzt auch nicht mehr abgeholt wird. Aber selbst diese kleine Klinik arbeitet nur von morgens bis vier Uhr nachmittags. Auch die Mitarbeiter*innen von Ärzte ohne Grenzen gehen dann, nach vier Uhr schließen sie. Aber was ist mit den Leuten, die in der Nacht krank werden? Mit Notfällen? Es gibt keine Versorgung in der Nacht, nichts. Sie sagen uns, wir können ins Krankenhaus in die Stadt, nach Mytilini, gehen, aber wie? Das sind über 10 Kilometer und es gibt keine Ambulanz, keine Rettung. Sie sagen, wir können jederzeit selbst hinfahren. Aber es sind auch nirgendwo Taxis zu finden. Viele Leute kommen weinend zurück, wenn sie es versuchen. Das sind die Zustände in Moria.

Wir wollen und können das nicht länger ertragen. Deshalb haben wir beschlossen, uns selbst zu organisieren und unsere Stimmen zu erheben. „Evakuiert uns von hier so schnell wie möglich! Sonst sterben wir.“ Das ist unsere Botschaft, die ich jedem auf der Welt sage: Wir warten hier darauf zu sterben, es ist nur eine Frage der Zeit.

Also habt ihr das Moria Corona Awareness Team gegründet …

Ja. Es sind Menschen aus allen Communities, die sich zusammengeschlossen haben. Wir sind alle Geflüchtete, wir müssen uns selbst helfen und zwar gemeinsam. Die syrischen und arabischen Leute arbeiten unter dem Namen Moria White Helmets, weil alle in Syrien die White Helmets kennen und wissen, wieviel sie für die Menschen getan haben. Deshalb haben auch wir diese Gruppe gegründet, wir haben Erfahrung darin, Menschen zu helfen und Dinge zu organisieren. In einem Land, in dem so lange Krieg herrscht, sind selbst die Kinder darin Expert*innen. Unterstützung bekommen wir von niemandem. Nur Stand by me Lesvos steht uns zur Seite und versorgt uns mit allem, was sie irgendwie bekommen können, danke dafür! Wir selbst versuchen all jenen Leuten die Hand zu reichen, die Hilfe benötigen in Moria, also uns gegenseitig zu helfen. Das brauchen wir dringend, besonders jetzt. Denn uns steht ein sehr gefährlicher Kampf bevor, einer den die ganze Welt kämpft, jener gegen Covid-19. Wir müssen Lösungen finden, so schnell wie möglich. Sonst wird das hier niemand überleben. Das ist unsere einzige Möglichkeit.

Andrang beim Wasserholen, bei der Essensausgabe, überall.
Foto: MCAT/Aman Husseini
Wie viele seid ihr und was macht ihr konkret?

Unser Team wächst von Tag zu Tag, wir haben mit ca. 20 Leuten angefangen, jetzt sind es über 80 Menschen, die sich beteiligen. Es gibt ein Team, das Aufklärung über Corona betreibt, eines zum Müllsammeln, eines, das sich um die Waschstationen am Eingang zum Camp kümmert. Die haben wir zusammen mit der Starfish-Organisation auf ganz einfache Weise gebaut, nur ein kleiner Wassertank, mehr haben wir nicht. Aber jetzt erklären wir den Leuten, dass sie sich die Hände waschen müssen, bevor sie das Camp betreten, dass sie generell möglichst wenig rausgehen sollen und wie sie durch einfache Hygiene einem Corona-Ausbruch vorbeugen können. Das ist schwer, wie gesagt, es fehlt Wasser, es gibt kaum Seife, nichts. Aber wir versuchen alles.

Wir haben auch viele Poster in allen hier gängigen Sprachen im und außerhalb des Lagers aufgehängt, die erklären, was das Corona-Virus ist und wie man sich selbst und andere dagegen schützen kann, auf einfachste Art und Weise. Wir konnten auch Nähmaschinen organisieren und afghanischen Frauen haben unter Anleitung einer Schneiderin aus Kabul begonnen, Masken herzustellen.

Mit dem Müllsammeln haben wir vor etwa drei Wochen angefangen, denn es gibt eine Menge Abfall rund ums Lager, aber niemand tut etwas, keiner hilft. Die Müllwägen kommen nicht mehr hierher. Sie holen nur manchmal den Abfall im Camp, aber nicht darum herum. Um uns hier draußen kümmert sich niemand. Deshalb haben wir die Cleaning Teams gegründet, die soviel Müll wie möglich einsammeln und wegbringen.

Das alles sind, besonders unter diesen Bedingungen hier, harte Jobs, jeden Tag. Aber das ist unsere Pflicht, wir müssen zusammenstehen, besonders die Geflüchteten, denn wir sind alle Refugees, das dürfen wir nie vergessen. Wir möchten, dass alle Leute über diese Situation hier Bescheid wissen.

Wie lange bist du schon hier?

Ich bin im Dezember 2019 aus Syrien hierhergekommen. Wir haben in Syrien so viel erreicht und so viel verloren, unsere Familien, unser Land, unsere Jobs, unser Zuhause, wir haben nichts mehr. Wir wollten unser Land nicht verlassen, wir wollten nicht weg, aber dort ist seit 2011 Krieg, wir mussten. Wir möchten nur einen sicheren Platz zum Leben finden, nicht mehr. Leider haben wir diesen Ort bis jetzt nicht gefunden. Hier im Lager von Moria haben wir wirklich gar nichts, ich bin nur froh, noch am Leben zu sein. Ich bin zuerst gekommen, meine Familie ging später. Ich habe sechs Kinder, drei Töchter und drei Söhne. Eine meiner Töchter ist schwanger. Vor einem Jahr bin ich also hier angekommen, ganz allein. Nach einer Woche habe ich plötzlich meine Tochter gesehen, direkt vor meinen Augen, mit ihrem Mann, hier in Moria. Natürlich war ich glücklich, wieder mit ihnen zusammen zu sein. Jetzt lebt sie wenige Meter neben mir. In ein paar Tagen wird sie ihr Baby bekommen. Aber niemanand versorgt sie. Ich meine, sie sollte wenigstens einen Platz im Camp haben und nicht hier draußen im Jungle bleiben müssen. Ich sage das nicht, weil sie meine Tochter ist, sie ist nur ein Beispiel für so viele. Vor drei Tagen hat eine andere hochschwangere Frau aus Syrien um elf Uhr nachts gebeten, ins Krankenhaus gebracht zu werden, weil ihre Wehen eingesetzt haben. Aber niemand hat ihr geholfen, sie kam nicht weg. Ein paar Frauen aus Afghanistan haben sich dann um sie gekümmert und sie hat ihr Baby zur Welt gebracht, mitten in der Nacht, hier draußen im Jungle. Wo waren die großen NGOs da, wo waren alle anderen Leute?

Dazu kommt, ihr Mann und ihre anderen Kinder wurden zuvor ins Kavala Camp aufs Festland verlegt worden, sie ist ganz allein hier geblieben, jetzt auch noch mit dem Neugeborenen. Heute kam sie weinend zu mir, und bat mich, ihr zu helfen, damit sie zu ihrer Familie kann. Niemand tut etwas, sie ist verzweifelt. Wie soll sie Wasser holen, sich um Essen anstellen, alles gerade nach der Geburt? Es interessiert keinen. Meine Tochter wird in ein paar Tagen ebenfalls ihr Kind bekommen, wie wird es ihr gehen? Vor kurzem war sie im Krankenhaus zur Untersuchung und sie haben ihr gesagt, in ca. 10 bis 14 Tagen ist es soweit. Was passiert, wenn das Baby heute Nacht kommt? Wo ist die Ambulanz? Es gibt keine. Wir hoffen, die afghanischen Frauen werden sich auch um sie kümmern, was anderes können wir nicht tun. Sie hat nur diese Chance. Entweder sie schafft es oder sie stirbt. Es gibt keine medizinischen Einrichtungen, keine Medikamente, es gibt nicht einmal einen geschützten Ort, wo sie das Baby bekommen kann. Es gibt nichts. So ist das.

Oder: Hier sind viele Leute, die im Krieg verwundet worden sind, manche haben ein Bein verloren, ein Mann sogar beide. Nun sitzt er da – wer kümmert sich um diesen Mann, wer hilft ihm? Er braucht jemand, der ihn zum Waschen begleitet und zur Toilette, jemand, der ihm Wasser und Essen bringt. Niemand hilft. Ich kenne soviele solcher Beispiele. Wer spricht über diese Situation?

Wir sind doch keine Tiere. Wir sind Menschen und so wollen wir auch behandelt werden, wie Menschen.

In den letzten Monaten ist es noch schlimmer geworden mit der Bedrohung durch das Corona-Virus. Wir raten den Leuten im Camp zu bleiben, nicht hinaus zu gehen, aber wie ist das beim Essen holen, dreimal am Tag? Tausende Leute kommen da jedesmal zusammen. Wenn jemand etwas hat, egal was, auch wenn es nicht Corona ist, was wird passieren?

Es gibt einen Markt, wo Essen von außen verkauft wird, aber du brauchst Geld, was ist mit all denen, die gar keines haben? Da ist auch ein kleiner Supermarkt im Camp, aber es ist immer sehr chaotisch. Wir versuchen auch dort ein bisschen Ordnung reinzubringen, z. B., dass sich die Leute in Reihen anstellen mit mehr Abstand zueinander und nicht alle gleichzeitig eintreten. Und wir sagen ihnen, dass nicht die ganze Familie kommen soll, sondern jeweils nur eine Person, damit sich dort nicht gar soviele Leute sammeln. Wir versuchen es mit solchen kleinen Maßnahmen.

Wie haben die Leute im Lager auf eure Aktionen reagiert?

Die Leute sind dankbar, dass wir etwas machen und wir sind keine NGOs, sondern auch Geflüchtete, das verbindet. Wir sollten zusammenhalten und einander helfen, wir müssen es selbst tun. Es ist wirklich ein Albtraum hier, und auch gefährlich. Es gibt soviel Gewalt. Jeden Tag kommt es an der Essensausgabe zu Schlägereien. Wir versuchen, zu schlichten, zu vermitteln, aber das funktioniert nicht immer. Die offiziellen Stellen kennen diese Probleme alle. Seit zwei Monaten werden vier Leute vermisst, aus dem Jemen, Kongo, Afghanistan, Iran. Da kann auch die Polizei nichts tun.

[Anm.: Am Tag nach unserem Gespräch kommt es zu einer Messerstecherei, ein 16-jähriger Junge aus Afghanistan wird schwer verletzt, er verliert zuviel Blut, um noch gerettet werden zu können und stirbt kurz darauf. Einige Tage später bricht erneut ein Feuer aus, bereits Mitte März waren bei einem Großbrand zwei Kinder ums Leben gekommen, nur durch Glück wird diesmal niemand verletzt. Zwei Tage später berichtet MCAT wieder von Menschen, die in der Warteschlange zur Essensausgabe verletzt werden, eine Frau, die an Asthma leidet, kollabiert.]

Besonders in der Nacht ist es vor allem für die Frauen gefährlich. Sie können z. B. nicht einfach aufs WC gehen, es ist zu riskant. Nicht einmal diese notwendigsten sanitären Einrichtungen haben wir. Du musst irgendwo in den Jungle gehen, was sollst du sonst tun? Für Wasser laufen wir mit den leeren Flaschen hinunter ins Camp, füllen sie und bringen sie wieder hinauf in die Hügel zu unseren Zelten, um uns die Hände zu waschen, sogar unsere Kleidung. Wie in uralten Zeiten.

Das ist furchtbar, aber das ist die Wahrheit.

Insofern sind die Leute mehr als froh, dass wir etwas tun. Die Kommunikation funktioniert gut, wir versuchen alle zusammenzuarbeiten, gute Beziehungen untereinander zu haben. Das ist die einzige Möglichkeit. Sonst verlieren wir jeden Tag noch mehr Menschen.

Bekommt ihr dabei irgendeine Unterstützung, von Regierungsseite oder der lokalen Verwaltung, zum Beispiel wenigstens bei der Müllentsorgung?

Nein, nur von Stand by me Lesvos, sie haben uns Plastiksäcke, Handschuhe etc. besorgt, sonst niemand. Ansonsten sind wir völlig auf uns allein gestellt.

Im Moment wissen wir nicht, was morgen ist oder übermorgen. Die Leute fragen sich das ständig, sie haben Angst vor dieser Situation. Wir müssen so schnell wie möglich Lösungen finden.

Besonders für die vielen Kinder und Frauen, viele sind schwanger, die alten Leute müssen unbedingt hier raus, aber auch die Alleinstehenden, wir brauchen wirklich für alle Hilfe.

Für die einzige Lösung, die Evakuierung des Lagers, werden jetzt immer mehr Stimmen laut …

… wir hoffen es, so sehr. Ich möchte noch etwas sagen. Stell‘ dir dich selbst vor einem Jahr vor, wie du zusammen mit deiner Familie um den Tisch beim Essen sitzt, lachend, Kinder laufen herum, du redest mit deinem Vater, deiner Mutter. Danach verlierst du einen von ihnen, dann vielleicht noch einen, und immer so weiter. Stell dir das vor. Was würdest du tun, du denkst die ganze Zeit an die, die du verloren hast, überall. Wen kümmert dieser Schmerz? Wer fragt danach?

Ich zum Beispiel habe meinen Vater verloren und zwei meiner Schwager während des Krieges. Einem meiner Brüder fehlt ein Bein, meine Mutter ist jetzt allein in Saudi Arabien, eine Schwester und ihr Sohn sind in Damaskus, ein anderer Bruder in Kuwait, mein jüngster Bruder ist allein in Deir ez-Zor, ich bin hier, meine Familie in der Türkei. Stell dir vor, soviele Familien wurden zerstört. Davor waren wir alle zusammen, jetzt ist jeder allein, wie sollen wir das aushalten?

Du bist zu Hause, mit Essen, Sicherheit, Strom, Wasser, sogar warmem Wasser. Wir nicht.Wenn du daran dankst, kannst du unsere Gefühle vielleicht verstehen.

Leute hassen uns und sagen, ihr kommt und stehlt uns unser Land. Wir haben alles verloren, aber wir brauchen nichts. Nur einen sicheren Ort, sonst werden wir sterben. Deshalb habe ich gesagt, wir warten nur darauf, wann und wie. Das ist mein Gefühl. Ich und viele andere weinen oft in der Nacht, ich schäme mich, aber ich erinnere mich an meinen Vater, meine Familie, mein Zuhause. Wer fragt danach? Deshalb versuche ich, den Leuten hier wenigstens ein bisschen zu helfen, sie für kleine Momente zum Lächeln zu bringen.

Wir weinen nicht, weil wir Angst vorm Sterben haben, so viele sind gestorben, im Krieg in Syrien über eine Million. Aber hier steht in dieser furchtbaren Situation niemand hinter uns. Wir wollen als Menschen respektiert werden. Wir haben Rechte und so sollten Menschen mit uns umgehen.


Raed AlObeed, hat bis 2010 in Syrien aber auch in Saudi Arabien und Kuwait für Ölfirmen wie Shell als HSE Advisor, d.h. als Berater für Gesundheit, Sicherheit und Umwelt gearbeitet. Seit dem Ausbruch des Syrienkrieges 2011 war er für verschiedene lokale Hilfsorganisationen tätig und verfügt über Feuerwehr- und Erste-Hilfe-Ausbildungen. Neben Arabisch spricht er Englisch, Russisch und Ukrainisch. Seit Dezember 2019 ist er im Moria Refugee Camp auf Lesvos, Mitte März 2020 hat er dort das MCAT – Moria Corona Awareness Team sowie die Moria White Helmets mitgegründet.

Die Organisation Stand by me Lesvos ist eine kleine, lokale NGO, in der Inselbewohner*innen, internationale Freiwillige und Geflüchtete auf Augenhöhe und dauerhaft zusammenarbeiten. Sie sind als eine der ganz wenigen auch jetzt noch vor Ort und unterstützen die Eigeninitiative der Geflüchteten. Support können alle brauchen.

Aktuell (Stand 15.4.2020) leben auf den griechischen Inseln über 40.000 Menschen in überfüllten Elendslagern. Heute hat die griechische Regierung bekannt gegeben, dass 1000 besonders gefährdete Geflüchtete von den Lagern in leerstehende Hotels umziehen dürfen. Zehn EU-Staaten haben die Absicht erklärt, 1600 Kinder und Jugendliche, herauszuholen. Heute sind exakt 12 Kinder nach Luxemburg geflogen worden, Deutschland will demnächst 50 aufnehmen. Österreich: keine.


Raed AlObeed, hat bis 2010 in Syrien aber auch in Saudi Arabien und Kuwait für Ölfirmen wie Shell als HSE Advisor, d.h. als Berater für Gesundheit, Sicherheit und Umwelt gearbeitet. Seit dem Ausbruch des Syrienkrieges 2011 war er für verschiedene lokale Hilfsorganisationen tätig und verfügt über Feuerwehr- und Erste-Hilfe-Ausbildungen. Neben Arabisch spricht er Englisch, Russisch und Ukrainisch. Seit Dezember 2019 ist er im Moria Refugee Camp auf Lesvos, Mitte März 2020 hat er dort das MCAT – Moria Corona Awareness Team sowie die Moria White Helmets mitgegründet.

Die Organisation Stand by me Lesvos ist eine kleine, lokale NGO, in der Inselbewohner*innen, internationale Freiwillige und Geflüchtete auf Augenhöhe und dauerhaft zusammenarbeiten. Sie sind als eine der ganz wenigen auch jetzt noch vor Ort und unterstützen die Eigeninitiative der Geflüchteten. Support können alle brauchen.

Aktuell (Stand 15.4.2020) leben auf den griechischen Inseln über 40.000 Menschen in überfüllten Elendslagern. Heute hat die griechische Regierung bekannt gegeben, dass 1000 besonders gefährdete Geflüchtete von den Lagern in leerstehende Hotels umziehen dürfen. Zehn EU-Staaten haben die Absicht erklärt, 1600 Kinder und Jugendliche, herauszuholen. Heute sind exakt 12 Kinder nach Luxemburg geflogen worden, Deutschland will demnächst 50 aufnehmen. Österreich: keine.

https://tatsachen.at/2020/04/13/raedalobeed/