wie wir arbeiten wollen – eine utopie

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Grafik: taska

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Veronika Bohrn Mena ◄

Die Utopien von gestern sind die Realitäten von heute, sagte in den 1970er Jahren der große österreichische Gewerkschafter Alfred Dallinger. Seither haben sich unsere Utopien jedoch zunehmend an aktuelle Realitäten angepasst und nicht umgekehrt. Vielleicht ist uns der Mut zu träumen abhandengekommen, womöglich trauen wir uns nur noch kleine Wünsche zu. Vielleicht ist das auch darin begründet, dass die öffentliche Debatte seither stur und steif einem Dogma folgt, das grundsätzlich verkehrt ist. Der Irrglaube, dass „die Wirtschaft“ und „der Markt“ übermächtige Naturgewalten wären, denen der Staat, die Politik, ja wir alle hilflos ausgeliefert wären, denen wir uns sogar unterwerfen müssten, sitzt tief. Obwohl sich der alte Leitsatz „Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut!“ nachweislich wiederholt als falsch erwiesen hat. Dabei ist es eigentlich ganz einfach und es ginge auch ganz anders. Denn ebenso jene profitorientierten Geschäftsmodelle, die über Leichen gehen und „der Markt“ als solches wurde von Menschen geschaffen – und er kann und muss daher auch von Menschen reguliert werden. Denn „die Politik“ und „der Staat“ sind eben nicht dafür da, um die idealen Bedingungen für „die Wirtschaft“ zu schaffen, sondern primär für uns Menschen, die von ihr leben sollen. Das gilt natürlich auch dafür, wie wir unseren Arbeitsmarkt organisieren, wie wir also arbeiten – und leben wollen. Denn die Art und Weise wie wir arbeiten, bestimmt maßgeblich wie wir leben können. Den gesellschaftlichen Wohlstand, die Zeit, die uns zur Verfügung steht, den Stolz, den wir empfinden, die Sicherheit und die Zuversicht, die uns durch schwere Zeiten tragen können, kann uns unsere Arbeit schenken. Oder sie uns wegnehmen. Heute macht uns Arbeit viel zu oft krank, sie zehrt uns aus und lässt uns trotzdem ohne lebenssicherndes Einkommen zurück. Dabei müsste das nicht so sein. Arbeit kann erfüllen, begeistern und Freude bereiten, wir müssen sie dafür nur so organisieren, wie sie der Mehrheit der Gesellschaft gut tut, wie sie uns als Menschen gut tut.

Stellen wir uns nur einmal vor, wie schön ein Leben ohne Unsicherheit und Existenznot für alle sein könnte. Wie es wäre, wenn alle Kolleg*innen, die gleiche Arbeit tun, auch gleich bezahlt werden würden. Wenn es keine Diskriminierung mehr gäbe, weil alle Einkommen transparent ausgewiesen und begründet würden, vom Vorstand, über die Geschäftsführung, bis zur Reinigungskraft. Wenn es keine Leiharbeits- oder Freien Dienstverträge mehr gäbe, weil allen Arbeitenden ganz selbstverständlich die gleiche Sicherheit, die gleichen Rechte und die gleiche soziale Absicherung zustehen würde. Wenn sich niemand mehr krank zur Arbeit schleppen müsste, weil ein Tag Krankenstand auch ein Tag ohne Einkommen bedeutet. Wenn bezahlter Urlaub für alle eine Selbstverständlichkeit wäre, denn immerhin brauchen wir doch schließlich alle unser Pausen. Und im Falle einer Kündigung für alle die gleiche Kündigungsfrist gelten würde und niemand schon 14 Tage später beim AMS in der Schlange stehen müsste. Stellen wir uns vor, wir müssten uns nicht mehr nach acht, neun oder sogar zwölf Stunden und längeren Arbeitstagen, an fünf Tagen pro Woche müde nach Hause schleppen. Nur um noch kurz erschöpft auf der Couch zu liegen, bevor es am nächsten Tag mit der Arbeit wieder weiter geht. Wie es wäre, wenn wir nicht ständig gestresst und unter Zeitdruck wären, weil vor, nach und zwischen der Arbeit noch irgendwie die Erledigungen des Alltags in den Tag gestopft werden müssen. Nicht jedes Wochenende Berge von Schmutzwäsche und Hausarbeit warten würden, für die unter der Woche einfach keine Zeit bleibt. Wenn es eine Unkultur wäre, Überstunden zu leisten, weil sich die Vorgesetzten dann dafür genieren müssten, dass sie beim Management der Arbeitsverteilung jemandem zu viel zugemutet haben, was als absolutes Unding verpönt wäre. Eine Unterscheidung zwischen Voll- und Teilzeit würde es auch nicht mehr geben, da alle nur 30 Stunden pro Woche arbeiten und die Eltern ihre kleinen Kinder einfach in ihrer unmittelbaren Nähe im betriebsinternen Kindergarten untergebracht hätten. Gegen 15 Uhr würden dann alle gemeinsam noch einen Sprung auf den Spielplatz, in den Park, nach Hause oder zu einem Treffen mit der Familie oder Freund*innen gehen. Die Hausarbeit könnten sich Paare fairer aufteilen, schließlich hätten beide dafür gleich viel Zeit. Väter, die nicht immer wieder bei ihren Kindern zuhause bleiben würden, wenn sie krank sind, würden in der Arbeit schiefe Blicke der Kolleg*innen ernten und die Vorgesetze würde sich besorgt erkundigen, ob bei ihnen denn alles in Ordnung sei. So etwas wie befristet Dienstverträge würde es lediglich geben, wenn dafür eine triftige Begründung wie eine Karenzvertretung vorhanden wäre. In dieser Arbeitswelt wäre es üblich, zumindest alle fünf Jahre für sechs Monate oder ein Jahr in Bildungskarenz zu gehen, schließlich wird Bildung und Weiterbildung als ein essentieller Teil der Arbeit angesehen und alle, die es wollen, sollten regelmäßig auf den neuesten Stand ihrer Profession gebracht werden können. Deswegen würden auch Babypausen von Frauen und Männern in der Belegschaft nicht weiter auffallen oder zu Mehrarbeit bei den anderen Kolleg*innen führen. Zusätzliche Kolleg*innen wären für diese Pausen ohnehin ein fixer Bestandteil der Personalpläne, denn wir erinnern uns, so etwas wie Überstunden wären eine große Blamage für die Führungsriege des Unternehmens. Strenge Hierarchien würden grundsätzlich vermieden, darauf würden insbesondere auch die Betriebsrät*innen achten, die selbstverständlich in allen Betrieben mit mehr als drei Beschäftigten gewählt werden würden. Unternehmen, die keinen Betriebsrat hätten, würden dies vor ihren Kund*innen ausweisen müssen, da dies bei der Kundschaft allerdings keinen guten Eindruck hinterlassen würde, käme es kaum vor. Aktuelle Unternehmensbilanzen würden die Beschäftigten laufend erhalten, ebenso wie transparente Begründungen für strategische oder wesentliche Unternehmensentscheidungen, bei denen zumindest der Betriebsrat, in schwerwiegenden Fällen ebenso die gesamte Belegschaft mitentscheiden würden.

Pflege und Erziehung von Kleinkindern würde als notwendige Erwerbsarbeit im Dienst der Gesellschaft angesehen, wie auch jeder andere Beruf. Von Müttern, Töchtern, Lebensgefährt*innen und Enkelinnen würde nicht länger erwartet werden, dass sie sich unbezahlt um ihre Liebsten kümmern und sie würden dafür erst recht nicht mit Altersarmut bestraft. Familienarbeit wäre gesellschaftlich hoch angesehen, gleichsam die Elementarpädagog*innen, Pfleger*innen oder Reinigungskräfte oder Arbeitende im Dienstleistungssektor. Für Arbeiten wie ihre, die sowohl körperlich als auch psychisch mit hohen Belastungen einhergehen, würden schon 20 Stunden pro Woche als Vollzeit gelten, denn schließlich könnten sie ihren Beruf so wesentlich länger ausüben, ohne dadurch selbst zu einem Pflegefall zu werden. Die Bewertung von Arbeit wäre grundsätzlich eine andere. Prestige und hohe Entlohnung würden Berufsgruppen zugutekommen, deren Tätigkeiten besonders wesentlich und wertvoll für die Gesellschaft sind. Berufe, deren Sinn lediglich im Erhalt oder der Vermehrung von privatem Profit liegt, hätten einen geringeren gesellschaftlichen Wert und würden daher geringer entlohnt werden. Der Ausbau der baulichen wie sozialen Infrastruktur und viele neue Jobs zur Lebenserleichterung und Lebensbereicherung der Menschen im öffentlichen Dienst und in den Gemeinden wären ohne große Diskussionen geschaffen worden, die Gesundheit, die Kaufkraft und ordentliche Versorgung alles Mitbürger*innen wäre fraglos die Priorität aller politischen Aktuer*innen. In dieser Gesellschaft, in der die Erwerbsarbeit und unbezahlte Familienarbeit derart radikal umverteilt und neu bewertet würden, wäre auch die Erwerbsarbeitslosigkeit kein Problem mehr. Die kürzeren Arbeitszeiten, personellen Aufstockungen und vielen neu geschaffenen Berufsbilder würden ausreichend Arbeitsplätze für alle sicherstellen. Die rund zwei Prozent der Bevölkerung, die trotzdem nicht erwerbsarbeiten könnten oder wollten, würden dafür nicht geächtet, sondern von der Gemeinschaft solidarisch mitgetragen. Denn es gäbe ein grundlegendes Verständnis dafür, dass alle Menschen in ihrem Leben Phasen durchmachen, die es ihnen mitunter nicht erlauben, am Erwerbsleben teilzunehmen. Da Arbeit zudem nicht mehr so belastend wäre und kaum mehr Menschen durch Berufskrankheiten und psychische Erkrankungen wie Burn-out das Gesundheitssystem unnötig belasten würden, wären wesentlich weniger Menschen arbeitsunfähig oder in Frühpension. Vorbei wäre auch die Zeit, in der das Sozialsystem, das grundsätzlich niemanden ausschließen oder schlechter behandeln würde, fast allein durch die Arbeit der Arbeitenden finanziert würde. Finanztransaktionssteuern, Konzernsteuern, Vermögen- und Erbschaftssteuern, Leerstandsabgaben auf ungenützten Wohnraum und höhere Steuern auf den Besitz von Grund und Boden würden als natürliche Solidarabgabe derjenigen angesehen, die im Leben durch Zufall mehr Glück als andere hatten. Altersarmut gäbe es schlichtweg nicht. Weil allen alten oder kranken Menschen automatisch eine Mindestpension zustünde, von der es sich in Würde und Sicherheit anständig leben ließe. Es wäre eine Gesellschaft, die der Spaltung, der Endsolidarisierung und somit der Schwächung der Einzelnen entgegenwirken würde. Mit hoher Zufriedenheit, niedriger Kriminalität, weniger Suchterkrankungen, dafür mit hoher Lebensqualität und einem freundschaftlichen, friedlichen gesellschaftlichen Klima. Wenn – Dallinger folgend – die Utopien von gestern die Realitäten von morgen sind, dann liegt es an uns, im Heute den Mut zu haben, unsere eigenen Utopien zu formulieren und für diese zu kämpfen. Damit zumindest unsere Kinder und Enkelkinder einmal in einer guten und glücklichen Welt leben können, nicht weil sie durch das Glück der Geburt die Möglichkeit dazu erhalten, sondern einfach nur deshalb, weil sie Menschen sind.