an meinen vater

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Monika Herceg ◄
Aus dem Kroatischen von Alida Bremer

Link zum kroatischen Originaltext

Mir geht es gut, Vater, mach die keine Sorgen. Wir halten uns in Gruppen, damit wir es leichter haben. Und so hat man immer jemanden, mit dem man sich unterhalten kann. Auch Ältere sind dabei, und Kinder auch.

Es ist ein Jahr vergangen, Vater
Ein Jahr, und ein Jahr,
und ein Jahr, und ein Jahr,
und dann noch ein Jahr
Vielleicht war dieses letzte auch das kürzeste
Vielleicht

Ich habe gelernt, dass man sich an alles gewöhnt
Vor allem an den Schmerz
Ich habe gelernt, dass ein Schmerz den anderen kleiner macht
Ich habe gelernt, wie viel der Körper ertragen kann
Ich habe gelernt, dass ich nie die Furcht vor der Dunkelheit verloren habe
Meine Füße tun weh
Manchmal bringt jemand irgendwelche Schuhe
Ich freue mich über sie wie über eine neue Welt
Aber man nimmt sie mir wieder ab
Und dann treiben sie uns zurück
Immer zurück

Alles ist in Ordnung, Vater, wirklich. Ich werde nicht zurückkommen. Der Winter war milder als im letzten Jahr. Ich kann doch jetzt nicht aufgeben. Ich weiß, dass ihr euch Sorgen macht. Aber es wird alles noch in Ordnung kommen, du wirst sehen.

Barfuß, Vater
Draußen biss der Winter
Der Schnee hatte gerade alles bedeckt,
und ich ging barfuß durch den Wald
Ich spürte sie nicht
Meine Zehen
Man hatte uns wieder erwischt
Sie nahmen uns die Schuhe ab
Sogar den kleinen Jungen
Unsere Zehen waren blau
Wir spüren sie nicht mehr
Es ist dunkel, es ist so dunkel,
so dass ich das Gefühl habe zu sterben, Vater
Wird man uns die Zehen abschneiden, wird man es tun, Vater?

Mir
Ihnen
Die Zehen
Unsere Zehen

Mir geht es gut, mach dir keine Sorgen. Den Kindern hier geht es viel schlechter. Es gibt Jungen, nicht älter als zehn Jahre. Ich komme ja zurecht. Ihr sollt euch wirklich keine Sorgen machen. Wir jungen Männer kommen schon irgendwie zurecht.

Sie haben einen Hund auf mich gehetzt
Sie sagten, dieses Land gehöre ihnen
Auch die Luft gehöre ihnen, Vater, obwohl doch alles Gott gehört
Was wissen die schon über Gott, Vater
Sie sagten beiß zu und er biss und biss und biss
Er biss in das Fleisch bis auf die Knochen
Als mich ein weiterer Tod ereilte,
sagte er zu ihm es ist gut es ist gut
Aber ich habe den Hund nicht gehasst, Vater
Wirklich nicht

Mir geht es gut, Vater, ich glaube, dass wir bald hinüberkommen werden. Sie sind doch nicht so, Vater, es ist alles in Ordnung, wir sind ja mehrere, wir halten zusammen.

Ich habe Väter getroffen, Vater, viele Väter
und auch jene, die es nie werden
da man uns etwas weggenommen hat
Es ist nicht schlimm, das mit der Kleidung und den Schuhen,
aber sie haben uns die Chance zu lieben genommen
Sie haben uns nackt ausgezogen
und sind mit Schlagstöcken auf uns losgegangen
Sie dachten, dass wir verschwinden werden, wenn sie nur kräftig genug schlagen
Sie dachten, dass wir eine Erfindung sind
Dort an der Grenze zwischen zwei Welten ist nur ihre Welt echt

Und sie dachten, wenn sie lange genug auf unsere
nackten Körper einschlagen,
wenn sie sie uns wegnehmen,
wenn sie uns jede Festigkeit wegnehmen,
dass wir dann nicht weinen werden

Aber wir weinten, Vater

Ich weinte
und ich war so klein
Wir flehten sie an, Vater
Ich flehte sie an
Bitte nicht mehr bitte
Ich bitte Sie
Ich kann nicht mehr
Ich bitte Sie

Es gab Kinder, Vater
die zu Männern wurden
als man sie so winzig und unterkühlt auszog
und stundenlang warten ließ
Sie schluckten den Nebel
Krank
Diese zehnjährigen Körper
zitterten so sehr, sie zitterten, Vater
und ich weiß nicht, wie sie überlebt haben

Haben sie überlebt, Vater?

Es ist alles in Ordnung, Vater. Wir haben etwas zu essen. Mach dir keine Sorgen. Wir haben auch Kleidung, es gib immer wieder gute Menschen, es gibt sie immer wieder. Wenn ich jetzt zurückkehre, wie werde ich uns helfen können?

Habe ich überlebt, Vater?

Starb ich schon damals, als der Tod unter uns kam?
Schon damals, Vater, als ich diese Kinder trug, sie waren so still
Ich wusste nicht
Ich wusste nicht, Vater
Ich bin immer noch da
und rede auf sie ein, sie mögen weiterleben,
aber sie sind müde von dem ständigen Lärm und sie wollen nicht
Lass uns, sagen sie zu mir
Der Tod ist gut

Es wird alles in Ordnung sein, Vater. Und du wirst es noch erleben, dass du Enkelkinder bekommst.
Ich verspreche es dir.
Wenn ich Kinder habe, werden sie nicht im Blut großwerden.
Das werden sie nicht.

Dein Bruder, unter der Erde, Vater
Mein Bruder, unter der Erde, Vater
Du möchtest dieses Land nicht verlassen
Du sagst, dass der Tod sowieso in deiner Nähe ist
Er ist auch in meiner Nähe

Wir warteten nackt,
wir warteten
Wir hatten vergessen, dass wir Hände haben,
dass wir Augen haben,
Wir sind Gerten, Vater,
Gerten, die sie zu brechen versuchten
und wir sind nicht so stark, dass wir nicht gebrochen werden können
Und der Mann neben mir und die Frau neben mir,
sie hatten drei Kinder,
fünf Jahre, Vater,
drei Jahre, Vater
Und sie haben uns geschlagen, sie haben uns ausgezogen
Er hielt das Kind in den Armen
als sie ihm die Pistole an den Kopf hielten
Sie lachten
Sie lachten, Vater
während er nackt
sein kleines Kind in den Armen hielt
Wo ist dieser Gott?
Sag mir, wo ist dieser Gott?
Dein Gott, ihr Gott
Wo ist er?
Sie schrien
Sie schrien
Und der Mann nahm die Pistole
und hielt sie an den Kopf
des Mannes, der sein Kind hielt
Er weinte,
das Kind schrie,
wir dachten alle
das wars
es ist vorbei
Jetzt ist alles vorbei

Dann schlug er auf ihn ein
er schlug und schlug
Sie schrien
Wir rannten nackt
Ich fiel
Das Kind, wo ist das Kind?
Wie geht es dem Kind?
Es tut mir leid, es tut mir so leid
Ich komme schon zurecht, Vater
Aber wie soll man Kindern erklären,
dass sich Menschen wie Bestien verhalten können?

Mir geht es gut, Vater. Die Tage sind lang. Ich versuche immer wieder hinüberzugehen, aber du weißt schon wie es damit ist. Sie sind misstrauisch. Das wird sich noch ändern, ich bin mir ganz sicher. Gib der Mutter einen Kuss. Sag ihr, dass ich sie liebe.

Wo soll ich dieses Kind begraben, Vater?

Denn es wird nicht die Arme
seines Vaters verlassen
Es wird schreien
sein Leben lang
Es wird die Pistole an dem Kopf seines Vaters sehen
und seine Angst
Sie wird in jedem Dunkel lauern, Vater
In jedem Dunkel
wird die Angst
seines nackten Vaters lauern
Es wird hungern
Es wird unter der Kälte leiden, Vater
Und sie werden es auslachen

Ist das wirklich jene bessere Welt?

Diese Kinder werden aufwachsen
wobei sie ständig hinüberzugehen versuchen werden
Stell dir das vor, Vater
diese Kinder werden in diesem Dunkel
zu Menschen
Und sie werden hungern
und sie werden wieder
nackt sein
nackt
und geprügelt

Nur noch ein wenig, Vater. Was ist schon ein Jahr, noch ein Jahr, im Vergleich zu einem ganzen Leben.

Wo soll ich diese Ohnmacht begraben?
Wo soll ich diese Wut begraben?
Meine Faust ist unruhig,
aber ich möchte nicht schlagen, Vater
Das möchte ich nicht

Und es sind viele unter uns, die nie
Väter werden
da wir diese Wut
niemandem
weitergeben wollen
Vor allem nicht den Kindern

Der Winter war mild, Vater. Bald wird auch der Sommer kommen. Mach dir keine Sorgen. Das Wasser ist dann ruhiger. Was ist noch ein Jahr im Vergleich zu einem ganzen Leben.