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ausgabe #62. editorial. evelyn schalk

editorial

koste es was es wolle


Wir werden nicht aufhören“, erklärt Patrick Pelloux, Kolumnist des Satiremagazins „Charlie Hebdo“ unter Tränen dem Radiosender „France Inter“ einen Tag nach dem brutalen Terroranschlag auf die Zeitungsredaktion. „Wir müssen ein noch besseres Heft herausbringen, ich weiß noch nicht, wie. Aber wir werden es machen, wir werden mit unseren Tränen schreiben, aber wir werden schreiben … Wir haben nicht das Recht, beizugeben.“

Es ist mehr als die Verzweiflung, das die überlebenden MitarbeiterInnen des Magazins zu den Stiften greifen lässt. Es ist das Wissen, dass der Anschlag auf ihre Redaktion, bei dem 12 Menschen getötet und zahlreiche verletzt wurden, ein Anschlag auf die Freiheit der Presse, der Kunst, der Meinungsäußerung ist. Eine Freiheit, für die „Charlie Hebdo“ immer vehement eingetreten ist, überzeugt davon, dass Intoleranz und Fanatismus nur durch konsequente Thematisierung entgegen gewirkt werden kann. Ihre Zeichnungen haben provoziert – weil sie jeglichem Dogmatismus den Boden nicht nur entziehen, sondern mit jedem Strich förmlich unter den betonierten Füßen und Köpfen wegreißen. Die Zeichner und RedakteurInnen haben sich geweigert, das Spiel religiöser und politischer Demagogen mitzuspielen, geweigert, sich ihren Regeln zu beugen und stattdessen mit Stift und Feder deren Absurdität enttarnt. Damit haben sie konsequent auf den Entzug ihrer Macht- und Einflussgrundlage gezielt, auf das Durchbrechen der Schranken in den Köpfen und die Befreiung im Moment des Lachens.

Es ist jener Moment, den Fanatiker nicht ertragen und dessen Konsequenzen ihren Anführern zu gefährlich werden. Dieses Wissen und das Festhalten daran haben die JournalistInnen von „Charlie Hebdo“ am 7. Jänner 2015 mit ihrem Leben bezahlt.

Das freie Denken und das freie Wort sind dauerhaft die einzig wirksame Waffe gegen Terror und Diktatur, das hat das Massaker in der Redaktion des Pariser Satiremagazins nicht zum ersten Mal in der Geschichte blutig bewiesen. „Dieser brutale Terroranschlag markiert einen schwarzen Tag für die Pressefreiheit in Europa“, so Rubina Möhring, Präsidentin von Reporter ohne Grenzen Österreich. In nahezu allen internationalen Statements, Kommentaren und Verurteilungen des Anschlags wird der zentrale demokratische Stellenwert von Presse- und Meinungsfreiheit beschworen. Eine Welle der Solidarität mit „Charlie Hebdo“ geht durch die Straßen, Titelseiten und Social Media Plattformen. Ein öffentliches Signal, das für die Überlebenden, für das Magazin und darüber hinaus für das Selbstverständnis einer Gesellschaft von größter Wichtigkeit ist.

Man würde sich solch leidenschaftliche Bekenntnisse – und noch mehr ein in der Folge entsprechendes Agieren – jedoch auch abseits eines derart schrecklichen Anlasses wünschen. Gerade um gegen Entwicklungen, die einem solchen vorangehen, zu Felde zu ziehen. Denn auch Taten wie diese ent­stehen zuallererst im Kopf und werden nur in der Situation, die die Möglichkeit dazu bietet, umgesetzt.

Mehr Sicherheit wird es nicht durch weniger Demokratie geben, im Gegenteil. Dass der Anschlag gegen das linke Satiremagazin umgehend jene auf den Plan rief, denen er das Tableau für ihre Hetzreden zur Verteidigung des Abendlandes liefert, war genauso erwartbar wie perfide. Umgehend nutzte Marine Le Pen, Chefin des rechtsextremen Front National, die Gelegenheit, ihre Forderung nach einer Volksabstimmung über die Wiedereinführung der Todesstrafe zu postulieren. Neonazistische und rechte Bündnisse, wie die deutsche „Pegida“, die mittlerweile auch einen österreichischen Ableger hat, konstruieren sich eine Bestätigung ihrer rassistischen Positionen herbei und treiben die massive Einschränkung eben jener Freiheit voran, die sie doch so tönend zu verteidigen vorgeben. Eine fatale Spirale der Gewalt, die von Freiheit nicht weiter entfernt sein könnte.

Mehr Sicherheit kann es nur durch einen breiten öffentlichen Diskurs, ein tatsächlich gemeinsames, solidarisches Einstehen für die Freiheit des Wortes und des Denkens geben. Wobei Rassismus und Diskriminierung keine zu tolerierenden Meinungen darstellen, sondern schlichtweg Verstöße gegen Grundrechte markieren. Als solche sind sie zu behandeln. Und genau da schließt sich der Kreis, denn das zu vermitteln (und selbst umzusetzen), ist wiederum die Aufgabe der Medien. Damit sie dieser auch nachkommen (können), braucht es eine starke, unabhängige Presse, die nicht einzig damit beschäftigt ist, sich dem wirtschaftlichen Druck der Profitsteigerung zu unterwerfen.

Religiöser Fanatismus hat nur dort eine Chance, AnhängerInnen zu generieren, wo Ausweglosigkeit, Wissensmangel und gesellschaftliche Marginalisierung vorherrschen. Hier haben HetzerInnen aller Couleurs leichtes Spiel. Es zeigt sich, wie unverzichtbar die Funktion von Medien als vierte Macht im Staat, als Kontrollinstanz, mehr denn je ist und wie unzureichend diese wahrgenommen werden kann, wenn die einzige Maxime Profitmaxierung lautet. Diese hatte mit dem Einsatz für demokratische Werte und Strukturen bekanntlich noch nie viel am Hut, im Gegenteil.

Die Betonung der zentralen Rolle der Pressefreiheit darf also nicht lediglich ein dem Anlass geschuldetes Lippenbekenntnis bleiben. Die Grenzen der Meinungsfreiheit werden nicht nur mit Kalaschnikows gezogen, sondern hängen immer mit jenem tatsächlichen Stellenwert zusammen, der ihr innerhalb einer Gesellschaft zuerkannt wird. Dieser manifestiert sich in der Schaffung und Finanzierung notwendiger Strukturen. Das zu ignorieren, bedeutet nicht weniger, als sich mitverantwortlich zu machen. Angesichts des verheerenden Anschlags muss diese bitter notwendige politische Aufgabe endlich wahrgenommen werden. Dazu gehört, dafür auch Geld in die Hand zu nehmen, sprich Presseförderungen endlich aufzustocken statt permanent zu reduzieren und gezielt die Förderung nicht-kommerzieller Medien zu verbessern. Sie sind es, die am vehementesten ihre Positionen vertreten. „Charlie Hebdo“ ist ein wöchentlich erscheinendes Satiremagazin, 16 Seiten pro Ausgabe, in einer bisherigen Auflage von 60.000, zu einem Preis von 2,50 Euro das Stück, gedruckt auf Zeitungspapier, auf Anzeigenschaltungen wird verzichtet. Wiederholt stand es knapp vor der Schließung. Kaum ein anders Blatt hat so nachdrücklich an der Universalität der Meinungsfreiheit festgehalten, ist so oft über Grenzen gegangen und hat damit den dringend nötigen öffentlichen Diskurs herausgefordert.

Emmanuel Vire, Generalsekretär der französischen Journalistengewerkschaft SNJ-CGT äußerte die Hoffnung, dass nun jene zentralen Fragen endlich auf den Tisch kommen. Er betonte die absolute Notwendigkeit, dass „Charlie Hebdo“ weiterhin erscheint und verwies auch auf die seit langem prekäre finanzielle Situation des Blattes. Nachdrücklich fordert er einen breiten öffentlichen Konsens über den Wert alternativer Medien: „Der Erhalt von Pluralismus bedeutet auch eine vielfältige Presselandschaft, zu der Zeitungen zählen, die nicht zu den großen Industrie- und Finanzkonzernen gehören. Momentan ist es so, dass die öffentlichen Mittel, via Presseförderung, vor allem diese großen Unternehmen unterstützen – das muss nun ein Ende haben.“

Die neue Ausgabe von „Charlie Hebdo“ ist wie geplant am 14.1. erschienen. „Das ist sehr hart, wir alle sind voller Leid, Schmerz, Angst“, sagte Kolumnist Patrick Pelloux zuvor. „Aber wir machen es trotzdem, denn die Dummheit wird nicht gewinnen.“ Er hält sich damit an die Worte seines getöteten Chefredakteurs Stéphane Charbonnier – niemals aufgeben: „Charb hat immer gesagt, dass die Zeitung erscheinen müsse, koste es, was es wolle.“

Evelyn Schalk

 

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