Erst auf Augenhöhe

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Evelyn Schalk ◄

Ich kann die Ausreden nicht mehr hören. Die Entschuldigungen. Die Rechtfertigungen. Ich kann nicht mehr hören, dass man ja wollte, aber nicht konnte, wusste, durfte. Und ich weiss nicht, was es noch braucht. Wieviele Videos müssen wir noch sehen? Von welchen Toten? Nach denen in den Booten im Mittelmeer fragt keiner mehr, die auf den Straßen Teherans ignorieren alle, jene im Schnee von Minneapolis sind beinah schon wieder vergessen. Die Millionen im Sudan hat sowieso niemand wahrgenommen, mit den Ermordeten in Damaskus und Kabul hat keiner gelitten und an die im frierenden Kyiv haben wir uns längst gewöhnt. Through the winter‘s ICE and cold (Bruce Springsteen: Streets of Minneapolis, 2026) oder was uns erfroren ist, schon lange, ‚Neath an occupiers boots. Alles was bleibt: ein fernes Rauschen, das uns keinen Wimpernschlag lang mehr bewegt.

Wieviele Schreie müssen wir noch hören? Wieviele Schüsse? Wie nah müssen sie sein, damit sie nicht ignoriert werden? Oder ist es nur der letzte, der uns selbst trifft, zu spät? Wie lange müssen die Mörder noch ungestraft bleiben und wieviele Regierungen müssen sie legitimieren? Oder sich selber? Wieviele Deals geschlossen werden und wieviel Blut von den Händen gespült, ohne es je abwaschen zu können?

Nach Auschwitz keine Gedichte, hieß es einst, aber wir reimen immer noch. reimen uns den Kapitalismus mit dem Neoliberalismus zusammen und Menschen auseinander, aber es klingt doch so harmonisch. Es passt.

So alternativlos fatal.

Und es endet immer wieder und immer wieder so.

Wieviele Tote werden wir noch als Kollateralschäden zu bezeugen verweigern?

I will bear witness to terror / I will bear witness to tyranny / I will bear witness to murder / I will bear witness to fascism (Billy Bragg: City of Heroes, 2026)

Bis keiner mehr da ist, um Zeugnis abzulegen oder zu verhindern, dass es überhaupt notwendig wird. Bis das Blut in den Streets of Minneapolis und Teheran und Mytilini und Khartoum, Kabul, Tel Aviv und Gaza getrocknet ist oder den Grund des Mittelmeers schwarz unterspült.

Bis alle Schreie erstickt sind, im Dröhnen einstürzender Verbindungen. Bis alle Bilder sich auflösen zwischen Wahrheit und Manipulation. Bis jedes Wort zu vergiftet ist, um ausgesprochen und gehört zu werden und ein donnerndes Schweigen alles unter sich begräbt.

In Italien streiken die Hafenarbeiter und Schiffsbelegschaften immer wieder und weigern sich, Kriegsmaterial über ihre Häfen zu transportieren. Ich frage mich, wann das Kriegsmaterial endlich Geschichte statt Story wird, die täglich über unsere Displays flimmert, sich in unsere Worte brennt, auf billigem Papier grade noch so gedruckt und gratis, aber zum höchstmöglichen Preis verteilt, unter die Menschen gebracht wird, die es umbringt. Ich frage mich, wer wann endlich streikt, dieses Material zu produzieren, zu transportieren, zu manifestieren. Ich frage mich, wann wir endlich damit aufhören, diese Hetzer das Bild der Welt schaffen zu lassen und selbst hinschauen, auf Augenhöhe einander sehen, erkennen, verstehen, Fühlen zulassen, jenseits des Geifer und der Gewissenlosigkeit des Ich und nur Ich. Der Tag, an dem WeltBild auf Augenhöhe entsteht, wird der erste, an dem wir keine weiteren Toten bezeugen müssen.


In eigener Sache:

Zur aktuellen Ausgabe:

Die vorliegende ausreißer-Ausgabe „WeltBild“ erscheint als Doppelausgabe #117/118. Die Faltausgabe enthält eine Extrabeilage mit Fotografien zur Reportage „Wer weiß, welche Geheimnisse dieses Meer versteckt hält“ von Alexander Danner. An der Wand wird diese als Spezialausgabe umgesetzt, die an einer Hälfte der Standorte parallel zur regulären Ausgabe plakatiert ist. Nach vier Wochen gibt‘s einen Wechsel, sodass beide Nummern überall zu sehen sein werden.

Online bzw. in der Plakatierausgabe sind im Rahmen dieser Doppelnummer weiters Texte von Dilan Canbaz, blumenleere und Jasmin Karami auf ausreisser.mur.at publiziert.

ausreißer bei ARGE Freie Medien

Der ausreißer ist Mitglied der neu gegründeten Arbeitsgemeinschaft für Freie Medien. Diese hat sich nicht zuletzt als Reaktion auf die Streichungen der meisten Förderungen für Freie Medien durch die blauschwarze Steiermärkische Landesregierung im Sommer 2025 gebildet. Die ARGE Freie Medien hat das Policy Paper „Freie Medien fördern − Medienvielfalt stärken“ vorgelegt. Um für gemeinwohlorientierte Medien endlich gleichberechtigten Zugang zu Presse- und Medienförderung zu realisieren, fordert die ARGE Freie Medien:

1. Eine Öffnung des Systems der Medienförderungen für journalistische Medien, die bislang vor allem aus quantitativen Gründen ausgeschlossen waren. Erreicht werden kann diese Öffnung durch eine Integration aller bestehenden Fördersysteme und ein einheitliches – und plattformunabhängiges – Abstellen auf „Public Interest“-Medien, die vor allem qualitativ definiert werden sollten.

2. Eine Aufwertung von nicht-traditionellen journalistischen Organisations- und Geschäftsmodellen, die Faktoren wie Kooperationen, Gemeinnützigkeit, Community-Orientierung sowie Diversität und Regionalität hinsichtlich der Förderhöhe deutlich belohnt.

3. Eine eigene Förderschiene für journalistische Neugründungen, die auf Ansätze des Media Innovation Lab der Wiener Zeitung bzw. der Medien-initiative Wien aufbaut und „Startup“- Förderungen bundesweit skaliert.

Auch die im Vorjahr gegründete Initiative „Plattform Medienvielfalt“ der Österreichischen UNESCO-Kommission fordert die massive Unterstützung nicht-kommerzieller Medien, besonders angesichts der enormen Medienkonzentration in Österreich. Das gesamte Policy Paper der ARGE Freie Medien ist auf ausreisser.mur.at zu lesen. Es ist darüber hinaus in eine aktuelle Stellungnahme der ARGE kulturelle Vielfalt der UNESCO eingeflossen.


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