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ausgabe #91. prosa. radka denemarková

hartnäckiger widerstand


Wir müssen heute den persönlichen Mut zur freien Sprache ohne Zensur, also dem Mut, die Wahrheit zu sagen, wieder schützen. Es gibt viele Gründe für hartnäckigen Widerstand. Es ist wichtig und es hat wieder Sinn, sich als Staatsbürger und Staatsbürgerinnen, als Schriftsteller und Schriftstellerinnen tapfer zu verhalten und ohne Autozensur zu reden. Das Bewusstsein, dass jemand nicht zögert, auch in einer Zeit allgemeiner Apathie, Ohnmacht, Resignation, öffentlich die Wahrheit zu sagen, hat unschätzbaren Wert. Wenn schon aus keinem anderen Grund, dann allein wegen dieses Gefühls der Solidarität und Tradition, geprägt von Václav Havel.
In Prag wird wieder demonstriert. Die jungen Demonstrantinnen und Demonstranten fordern den Rücktritt des Ministerpräsidenten. Sein „neoliberaler Populismus“ kam bislang bei vielen Wählerinnen und Wählern gut an. Einen wichtigen Verbündeten hat er im Präsidenten. Trotz der Korruptionsaffäre, Beweise für seine Tätigkeit als Mitarbeiter der tschechoslowakischen Staatssicherheit und seiner Zusammenarbeit mit der altstalinistischen Kommunistischen Partei blieb er lange der beliebteste Politiker des Landes. Das könnte sich nun ändern. Denn die Demonstrationen, die 2019 in Tschechien stattfinden, haben noch einen anderen, tieferen Sinn: Sie bedeuten den Anfang der staatsbürgerlichen Erhebung. Es ist die Erwartung, dass wir gemeinsam etwas bewirken können und spüren: „Es ist möglich, es geht!“. Das macht das Leben frei.
[…]
Wer heute nicht über Bildung, Wohlstand, Gesundheit, Zeit und Zugang zum Internet verfügt, dessen praktische Freiheit der Meinungsäußerung ist bereits durch seine Lebensumstände stark eingeschränkt. Für alle anderen werden die Grenzen der freien Meinungsäußerung durch den Staat, in dem wir uns gerade befinden, durch die Unternehmen und Organisationen, die unsere Kommunikationsmittel beherrschen, gezogen. Die Redefreiheit, die man real besitzt, ist ein Produkt der im realen Staat herrschenden Bedingungen, aber auch der Bedingungen, die virtuelle Staaten wie Facebook, Google und Twitter oder andere Plattformen, Verleger, Sender, Zeitungen, Universitäten usw. setzen. Im globalen Informations- und Kommunikationssystem ist der Kampf um die Wortmacht auch ein Kampf um die Weltmacht.
Immer wieder bleibt also die große Frage, die uns alle heute plagt und wie alle wirklich wichtigen Fragen erscheint sie simpel: Individuum oder Masse, geschlossene Gesellschaft oder offene Demokratie, Totalitarismus oder Freiheit? Es scheint, dass diese Frage heute eine universelle ist. In unserer Welt verlaufen Grenzen nicht so sehr zwischen Volksgruppen, Nationen, Konfessionen, als vielmehr zwischen Vernunft und Fanatismus, Toleranz und Hysterie, Kreativität und Zensur. Antihumanismus ist oft das Resultat, der Prozess zuvor heißt Entmenschlichung. György Konrád, der gegen das kommunistische Regime in Ungarn kämpfte, hat erklärt, Viktor Orbán, dieser „zutiefst illiberale Ministerpräsident seinen Landes“, sei zwar „kein guter Demokrat“ und seines Erachtens „auch kein guter Mensch“, doch im Hinblick auf dessen Politik gegenüber Immigranten (das heißt die Abschottung der Grenzen, den Bau von Zäunen, die Propaganda von mit Flüchtlingen verbundenen Gefahren), müsse er „leider eingestehen“, dass Orbán recht habe. Mit anderen Worten: Falsch an Orbán ist seine illiberale Haltung gegenüber den Bürgern des von ihm regierten Landes. Richtig ist jedoch seine illiberale Haltung gegenüber Menschen, die in diesem Land Rettung vor Tyrannei, mörderischer Verfolgung oder unmenschlicher Armut suchen. […]
Migration ist in erster Linie eine moralisch-ethische Herausforderung. Doch was bedeutet es, heute moralisch zu sein und die Hoffnung nicht zu verlieren? Moralisch sein heißt im Kern, den Unterschied zwischen Gut und Böse zu kennen und zu wissen, wo die Grenze zwischen beiden verläuft. Im weiteren Sinne heißt es, die eigene Verantwortung für die Förderung des Guten und den Widerstand gegen das Böse zu erkennen. Es ist nicht zulässig, bestimmte Menschengruppen aus dem Bereich der moralischen Verpflichtung auszuschließen. Gänzlich unvereinbar mit der Qualität des „Moralisch-Seins“ ist die Tendenz, die moralische Verantwortung für andere an willkürlich gezogenen Grenzen zu „Anderen“ enden zu lassen und zu verleugnen.
Angewandt wird der infame Trick, den von unserer moralischen, ansonsten unbedingten, Verantwortung ausgenommenen Menschen Eigenschaften zuzuschreiben, die ihr Bild beschmutzen. Dieses Bild rechtfertigt unsere Missachtung und mangelnde Fürsorge als Strafe für vermeintliche Laster oder böswilligen Absichten derer, die wir übergehen, ignorieren, schlecht behandeln, herzlos vernachlässigen. Ja, die Entmenschlichung. Die Entmenschlichung von Geflüchteten bereitet den Weg für ihren Ausschluss aus der Kategorie der legitimen Träger von Menschenrechten und führt zu einer Verschiebung des Migrationsproblems aus dem Bereich der Ethik in den Bereich der Kriminalität. Selbst die Sprache, die zur Beschreibung der Migranten und Migrantinnen benutzt wird, die nach Europa zu gelangen versuchen, ist mechanisch entmenschlichend. Aber sie sind doch Menschen mit Gefühlen, Familien und, nicht zu vergessen, Menschenrechten!
Totalitarismus hat heute verschiedene Gesichter. In manchen Ländern implementiert der Staat zum Beispiel Abtreibungs­gesetze, die durch katholische Verdunkelung versüßt wurden, wie in Polen. Wann immer Angst und Unsicherheit in der Luft schweben, lenken die Mächtigen die Aufmerksamkeit auf das Territorium, das sie kontrollieren können: das Gebiet der Körper mit Vagina. Angst treibt die Menschen in die Privatsphäre von Häusern, die als Staaten bezeichnet werden. Nationalismus kann nur in Koexistenz mit Rassismus, Antisemitismus, Sexismus und patriarchalischem Eifer wachsen. Nationalismus braucht Nationalisten. Das Leben einer Frau verkürzt sich erneut auf die nationale Aufgabe, so viele Kinder wie möglich zur Welt zu bringen. Ihr Körper hat keine andere Aufgabe auf dieser Welt, er ist das Privateigentum eines Mannes und wird zur Fortpflanzung verwendet. Nationalistinnen behaupten, Ehefrauen und Töchter zu sein, als wären sie geduldige Leserinnen Friedrich Nietzsches; er war kein Vorkämpfer in Liebesdingen, aber er kannte das Heilmittel für aufstrebende Frauen: eine Frau ist ein Mysterium, das eine „Lösung“ hat, die Schwangerschaft heißt. Um sich freiwillig zur Versklavung zu melden, darf eine Frau weder lesen und schreiben noch denken können. Der Staat hat ein Problem: wie man Frauen heute aus der Bildung verbannt. Dies ist ein allgemeines Problem für Diktatoren: Wie können Menschen in die Sklaverei zurückgeführt werden? Der Hauptkonflikt der Welt im 21. Jahrhundert wird nicht nur ein Klassen-, Religions-, sondern auch ein Sexualkonflikt sein. Westliche und östliche Gesellschaften streben die Wiederherstellung traditioneller sexistischer Wertungen und des Chauvinismus an, und ihre höchste Überzeugung ist Gewalt und eine bösartige Überzeugung von Macht. Patriarchalische Männer, die heute noch die überwiegende Mehrheit bilden, zweifeln nicht an sich selbst und haben eines gemeinsam: cie Idee, dass eine Frau Männern dienen und gehorsam sein soll, und ihr Glück heißt „er“.
Viele Menschen ziehen sich auch heute in sich selbst zurück und hören auf, sich für allgemeine, öffentliche, politische Dinge zu interessieren. Aber so beginnt die Ära der Apathie und der umfangreichen Demoralisierung. So beginnt die Ära der grauen, totalitär-konsumorientierten Alltäglichkeit.
[…]
Die Literatur soll sich tapfer all diesen Themen widmen. Die Literatur ist für mein Leben die Gesamtheit aller Formen der Tapferkeit, der Kunst, der Liebe, der Freundschaft und des Denkens, die dem Menschen erlaubt, kein Sklave zu sein: Die Literatur so zu leben, ist die reinste Form der Liebe. Der Kampf um Freiheit und freiheitliches kritisches Denken ist zu jeder Zeit schwierig und endet nie. Aber die Freiheit ist für die Gesellschaft, was die Gesundheit für den Einzelnen ist. Die Begriffe „kollektive Schuld“ und „kollektiver Sieg“ sind monströs. Und der Nationalismus nimmt heute noch monströsere Formen an, weil er nur eine Frage ausspuckt: „Und woher kommen Sie?“ Stellen wir uns eine andere, wichtigere Frage: „Wer sind wir?“
[…]
Es muss immer wiederholt werden, dass das Maß unserer provokativen Hoffnung das Maß unserer Fähigkeit ist, uns um etwas zu bemühen, weil es moralisch ist, und nicht nur, weil es garantiert Erfolg hat. Schließlich gibt es wirklich nur eine einzige Grenze: die Grenze zwischen einem Menschen und dem anderen.


Radka Denemarková


Auszug aus dem Essay Hartnäckiger Widerstand.
Der vollständige Text ist auf
http://ausreisser.mur.at/online zu lesen.

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