Internationaler Srebrenica-Gedenktag
Der serbische Schriftsteller Vladimir Arsenijević wurde am 11. Juli, dem Internationalen Tag des Gedenkens an den Völkermord von Srebrenica, in Belgrad auf offener Straße von einer Gruppe rechtsradikaler Hooligans zusammengeschlagen. Der Leiter der Literatur- und Kulturinstitution „Krokodil“ war auf dem Weg zur von ihm mitorganisierten Gedenkveranstaltung unter de Brankov-Brücke, initiiert vom Bündnis „Menschen gedenken Menschen“. Zwanzig bis dreißig Männer lauerten Arsenijević bereits auf, als er um acht Uhr morgens nahe dem Veranstaltungsort aus dem Taxi stieg, wie er später berichtete. Sie attackierten ihn erst verbal und prügelten dann brutal auf ihn ein. Danach ließen sie ihn mit der Drohung zurück, das sei noch nicht alles gewesen, er stehe ganz oben auf ihrer Liste. Zudem verwüsteten sie den Veranstaltungsort, hinterließen nationalistische und Kriegsverbrechen verherrlichende Schmierereien. Die Veranstaltung, zu der sich auch der niederländische Botschafter angekündigt hatte, wurde daraufhin abgesagt.*
Wir sind entsetzt über diesen Angriff und erklären uns voll und ganz solidarisch mit unserem Kollegen Vladimir Arsenijević!
Gedenken bedeutet Verantwortung, so wie jedes „Nie Wieder“ Verantwortung bedeutet – gegenüber den Opfern, aber auch für eine gegenwärtige und zukünftige Gesellschaft, in der Enthumanisierung und Verfolgung keinen Platz haben dürfen. Stattdessen werden nationalistische und faschistische Ideologien aktuell zusehends normalisiert. Ein gewalttätiger Angriff wie dieser, der durch jahrelange Ignoranz und mangelnde Solidarität mit kritischen Stimmen über nationale Grenzen hinweg nicht verhindert wurde, straft jedes „Nie wieder“ bittere Lügen.
Das kritische Wort und seine Verbreiter/innen gehören immer zu den ersten Opfern totalitärer Systeme. Die serbische Literaturinstitution „Krokodil“, die für internationalen Austausch und eine unabhängige Debattenkultur steht, wurde über Jahre hinweg wiederholt Ziel von verbalen und physischen Angriffen. Dasselbe widerfährt unzähligen regimekritischen Autor/innen, Journalist/innen und Aktivist/innen, die immer und immer wieder mittels gezielter öffentlicher Kampagnen und Attacken mundtot gemacht werden sollen.
Bis heute, über dreißig Jahre nach Kriegsende, verweigert das offizielle Serbien Verantwortung für die in Bosnien begangenen Kriegsverbrechen zu übernehmen, der Völkermord von Srebrenica wird geleugnet, der Kriegsverbrecher Ratko Mladić als Held inszeniert. So auch an diesem 11. Juli unter der Belgrader Brankov-Brücke.
„Nie wieder“ bedeutet, jetzt und hier nicht wegzuschauen, wenn öffentliches Gedenken buchstäblich mit Gewalt verhindert wird. Während der serbische Präsident Vučić, der einst Slobodan Milosević als Informationsminister zu Diensten war, ein gern gesehener Gast an den Verhandlungstischen der EU ist, werden auf den Straßen von Belgrad Menschen wie Vladimir Arsenijević bedroht, verprügelt, zum Schweigen gebracht.
Alles an diesem Fall ist schrecklich, schreibt die Journalistin Jovana Gligorijević kurz danach, aber das Schlimmste sei, dass „wir nicht einmal überrascht sind“.
Wir, die IG Autorinnen Autoren Österreich, stehen an der Seite all jener, die für einen offenen, kritischen Diskurs eintreten, die sich weigern, Kriegsverbrechen zu leugnen und zu verschweigen und sich nationalistischen Ideologien entgegenstellen. Gewalt gegen Kritiker/innen und Unterdrückung oppositioneller Stimmen dürfen nicht folgenlos bleiben, sondern müssen sowohl persönliche als auch politische Konsequenzen für die Täter/innen haben. All jene, die diese Verantwortung ignorieren, machen sich an der anhaltenden Gewalt mitschuldig.
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Gerhard Altmann, Evelyn Bubich, Georg Bydlinski, Nina Frey, Christl Greller, Hahnrei Wolf Käfer, Erika Kronabitter, Werner Richter, Gerhard Ruiss, Gabriele Russwurm-Biro, Evelyn Schalk, Siljarosa Schletterer, Jelena Semjonowa-Herzog, Sylvia Treudl, Renate Welsh, O. P. Zier.
IG Autorinnen Autoren
ausreißer – Grazer Wandzeitung
Literaturkreis Podium
Wien, 20.7.2026
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* Am 11. Juli 1995 war die bosnische Stadt Srebrenica, eine „UN-Schutzzone“ für Geflüchtete aus anderen Gebieten Bosniens, vom gefürchteten bosnisch-serbischen General Ratko Mladić mit seinen Truppen und Milizen besetzt worden. Die niederländischen UN-Soldaten hatten kein Mandat, ihre Schutzbefohlenen mit Waffen zu verteidigen, und sahen tatenlos zu, wie tausende Jungen und Männer abtransportiert und schließlich erschossen und in Massengräbern verscharrt wurden. Die Exekutionen dauerten tagelang an, nach offiziellen Angaben wurden dabei 8372 bosnische Muslime getötet. Der Internationale Gerichtshof in Den Haag klassifiziert das Massaker als Genozid. General Mladić wurde in Den Haag zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Erst 2024 wurde jene UN-Resolution beschlossen, die den 11. Juli zum internationalen Gedenktag des Genozids von Srebrenica machte. Serbien versuchte bis zuletzt, den Beschluss zu verhindern.
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