Call for Papers #119 – Wer schreibt die Geschichte?

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Wer schreibt die Geschichte? 

Wer schreibt Geschichte und Geschichten, wer definiert, woran erinnert wird und wer oder was dem ewigen Vergessen preisgegeben? Wer urteilt, wer wertet, wer erzählt? Wer entscheidet, was wo für wen von Interesse ist und was hinter den Weltkulissen zu bleiben hat? 

Geschichte bedeutet Macht, Identifikation, Festschreibung oder Veränderung von Sein – und sie entsteht aus Geschichten, jeden Tag. Den erzählten und den verschwiegenen, den gehörten, gelesenen und den ungesehenen. Denen, die zwischen wenigen Menschen bleiben und jenen, die weitererzählt werden, fortgeschrieben, eingeschrieben, über Generationen in die Historie.

„Wer schreibt die Geschichte?“ fragten die Schmetterlinge 1972 und eröffneten mit dem gleichnamigen Song die „Proletenpassion“, die wiederum als „Proletenpassion 2015 ff.“ von der Schweigenden Mehrheit fast ein halbes Jahrhundert später in neuer Inszenierung eindringlich und mitreissend auf die Bühne gebracht wurde. Dass wir jetzt, mehr als zehn weitere Jahre danach, wieder darauf rekurrieren, verdeutlicht die anhaltende Brisanz der Frage, ganz besonders angesichts der aktuellen Lage – international ebenso wie lokal.

So versammeln sich die Massenproteste gegen Trump unter dem Slogan „No Kings!“, während er, der sich selbst die Krone aufgesetzt hat, sich gleichzeitig noch als KI-generierter Jesus inszeniert. Trump beansprucht die ultimative Universalherrschaft. Dass zum Jesus-Gewand unvermeidbar auch die Dornenkrone gehört, liegt jenseits seines Erfassungsvermögens. Oder vielmehr: Er schreibt sich und der Welt die Geschichte so, wie sie ihm passt. Er setzt alles daran, das alleinige Definitionsrecht auf Gegenwart, Vergangenheit und eine vermeintliche Zukunft an sich zu reissen. Nur dass diese eben keine ist, wenn er wahr machen kann, was er will. Mit jeder Minute an den Hebeln der Zeit ruiniert er alles Kommende, schon jetzt. Wie allen Autokraten, Tyrannen, Diktatoren. Weil sie Geschichte erst mit blutigen Parolen, dann mit ihrer fatalen Realisierung schreiben, sobald sie die Macht dazu haben. Erst die der Worte, dann die der Taten. Genauer: Sobald ihnen die Macht dazu gegeben wird und so lange man ihnen diese lässt. 

Oder sollen wir es lassen? Mit dieser Frage begann und endete Geschichte. Zeitenbrüche. Das Fundament, auf dem Menschheit steht oder fällt. Vor ebenfalls über zehn Jahren meinte die Frage: Sollen wir sie ertrinken lassen? Gestellt auf der Titelseite einer der wichtigsten deutschsprachigen Printmedien, der ZEIT. Als Pro und Contra über die Rettung von Menschen in Seenot. Als Pro und Contra über Leben und Tod. Der Wert von Leben wurde zu einer Frage des Benefits für die Rettenden. Damit wurde offiziell das erste und universell gültigste Menschenrecht negiert – dass jeder Mensch frei und gleich an Würde und Rechten geboren ist. Menschenrechte waren immer ein Ziel, nie eine Realität, aber sie waren die Grundlage für ein „Nie Wieder“ nach dem Fall der Nazi-Herrschaft und nach der unfassbaren Realität des Holocaust. Doch die Frage „Oder sollen wir es lassen?“ hat diese vermeintlich unverbrüchliche Grundlage zur Disposition gestellt – und damit folgerichtig den Weg frei gemacht für den neuerlichen Aufstieg von Faschisten. Diese Frage hat das Fundament gelegt für die Trumps rund um den Globus. Sie hat sie an die Macht gelassen, wenn nicht gar gehievt und mit ihr jede*r, der sie stellte, am Stammtisch, in Social Media Foren, in TV Diskussionen oder auf Titelseiten. Sie hat ihre Tyrannei, ihren Faschismus normalisiert. Legitimiert. Stufe für Stufe. Wir lassen sie töten. Wir lassen sie vernichten. Wir lassen sie das Fundament von Menschsein in Grund und Boden bomben. Und währenddessen wägen wir bürgerlich korrekt Pro und Contra ab. Cui bono? Immer wieder.

„Jeden Morgen, wenn wir zur Arbeit fahren“, so beginnt der Song der Schmetterlinge. Wir lassen sie noch immer, denn wir sind beschäftigt, werden beschäftigt, bis ans Limit und weit darüber hinaus, während „eine neue Seite ins Geschichtsbuch geschrieben“ wird. Aber: „Wer schreibt sie? Geschieht Geschichte mit uns?“ Indem die Proletenpassion diese Fragen auf der Bühne und wir sie hier stellen, öffentlich, unumgehbar, setzen wir selbst Buchstaben auf die Seite.

Widerstand ist komplex, gefährlich, nervenzehrend, er kostet Zeit, Kommitment und im schlimmsten Fall Leben. Doch die Frage, ob wir es lassen sollen, ist keine börsennotierte Option. Denn die Alternative bedeutet in letzter Konsequenz Auslöschung. Und die Antwort geben tagtäglich Millionen von Menschen: Wenn sie auf den Straßen „No Kings!“ rufen oder “ICE out!“, wenn sie über alle Unterschiedlichkeit hinweg miteinander leben, lachen, essen, feiern, und für einander einstehen, wenn sie zur Wahl gehen, weil es eben nicht egal ist, oder den Stapel rechter Hetzblättern vor der Tür in den Müll befördern. 

Wenn Medienkrise in aller Munde ist und große Konzerne noch größeren Konzernen und jeder*m Einzelnen erklären, was wie sehr wert ist, geschrieben, gelesen, gehört, gesehen, verbreitet, gewusst zu werden und alle gleichzeitig lamentieren, doch niemanden mehr zu erreichen, dann liegen darin Gefahr und Chance dicht beieinander. Doch da ist noch viel mehr. „Oder machen wir unsere Geschichte?“ Das ist eine Handlungsaufforderung. An uns alle, und zuvorderst an uns als Journalist*innen, Autor*innen, Künstler*innen, deren tägliches Brot es ist, Geschichte und Geschichten zu machen, Lebensmitte einer ganzen Gesellschaft. Es ist an uns und mit allen zu fragen, nicht nur worüber und für wen wir Geschichte/n machen, sondern auch wie, mit wem, in welchem Kontext. Denn „Unsere Geschichte ist die Geschichte von Kämpfen zwischen den Klassen. Eine wütende Chronologie“ Zeigen wir, machen wir, schreiben wir diese Geschichte – und zwar als wütende Chronologie? Oder lassen wir es, lassen wir es zu? „Doch gelehrt wird uns die lange Reihe von Kronen und Thronen. Und über allem waltet ein blindes Geschick“ Beanspruchen wir als Medium mehr zu sein als das kurze Aufblinken eines verzeihlichen Start-ups? Erdreisten wir uns, zu bleiben? Zu beharren? Zu sagen was ist und zwar nicht über, sondern mit denen, deren Geschichte viel zu lange über sie hinweg geschrieben worden ist? Und wieder: Die Antwort ist keine Option unter vielen. Sie ist konstitutionell. Weil wir es eben nicht lassen, weil es nie ein Entweder/Oder gab, weil es keine Entscheidung ist, Leben oder Sterben geschehen zu lassen. Deshalb sind wir hier. Wir, die wir schreiben, lesen, kämpfen, fragen, um Antworten ringen, gegen Widerstände, in Auseinandersetzungen, in dem was ist und was sein soll, muss, kann, wird. 

Jenseits der Kronen und Throne, weil mit jedem verlorenen Leben auch das eigene untergeht, und würde man „es lassen“ niemand mehr auch nur über diese Frage debattieren könnte.

„Wenn wir so vieles nicht erfahren sollen Wer hat Interesse daran, dass wir es nicht wissen? Wenn so vieles nicht in den Lehrbüchern steht? Wer will, dass es nicht gelehrt wird?“ 

Die Macht über die Geschichte, die Lehrbücher, die Literatur, die Erinnerung, die Sprache. Die Kings dieser Welt haben sie schon immer als erstes zensiert, offen oder strukturell. Doch jetzt stellt sich die Frage nach dem Wie, muss sich, müssen wir stellen. Wie diesen historischen Cancel Failure wieder zurechtrücken? Wie den Boykott manifestieren? Wie die Macht, die wir ihnen gelassen haben, zurückholen? Indem wir fragen: Wer schreibt die Geschichte? und indem wir uns verdammt nochmal die Mühe machen, genau das zu tun. Jeden Tag. In jedem Gespräch, Auf jeder Seite. Denn wir schreiben Geschichte nicht nur. Wir sind die Geschichte.

Und damit schließen wir diesen Newsletter auch schon – fast. Schickt uns eure Geschichte/n, Gedanken, Recherchen, Erfahrungen, Beiträge, wütenden Chronologien und verdichteten Reflexionen, eure Gespräche, Interviews, Fragmente, Miniaturen, eure ausufernden Vertiefungen, euer Sagen was Ist. 

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Reaktionsschluss: 17. Mai