Jenseits der Maschinen

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Heinz Wittenbrink ◄

Zum Einfluss eines alten Weltbilds auf die ökologische Politik

Wie unterscheiden sich lebende Organismen von Maschinen, fragt eine Arbeitsgruppe um Dilip Kondepudi und beschreibt Experimente, bei denen Strukturen hergestellt werden, die sich ähnlich wie Lebewesen verhalten1. Es handelt sich um einfache dissipative Systeme – offene Systeme, die ihre eigene Struktur aufrechterhalten, indem sie Energie und „negative Entropie“, also Ordnung, aus der Umwelt aufnehmen und Entropie produzieren. Sie suchen dabei aktiv nach Energiequellen. Mit den Eigenschaften solcher Systeme hat sich Ilya Prigogine beschäftigt und dafür 1977 den Nobelpreis erhalten. (Das Arbeitsfeld Prigogines und seines Schülers Kondepudi ist die Thermodynamik.)

Maschinen versus Organismen

Dissipative Strukturen und Maschinen werden einander gegenübergestellt. Maschinen sind eine Anwendung der Gesetze der Mechanik. Es zeigt: Lebewesen unterscheiden sich als dissipative Systeme grundlegend von Maschinen. Dazu gehört, dass Lebewesen nicht in funktionierende Teile zerlegt werden können, sie sich selbst reparieren können, sich in hohem Maß kontextsensitiv verhalten und eine irreversible Geschichte haben, die ihr zukünftiges Verhalten bestimmt.

Die Struktur einer Maschine wird von außen bestimmt oder „designt“ und nach einem bestimmten Plan gebaut. Die Struktur eines dissipativen Systems wird dagegen durch nicht umkehrbare Prozesse innerhalb dieses Systems erzeugt.

Die Wirksamkeit einer Maschine wird von irreversiblen Prozessen verringert. Je weniger Entropie die Maschine erzeugt, desto größer ist in der Regel ihre Effizienz. Dissipative Strukturen existieren dagegen nur aufgrund von Prozessen, die Entropie erzeugen.

Die Analyse einer Maschine kann zeigen, wie die Maschine als Ganzes durch die Zusammensetzung ihrer Teile funktioniert. Ein dissipatives System ist hingegen etwas anderes als die Summe seiner Teile. Es konstruiert, repariert und repliziert sich selbst und kann die Funktionen seiner Teile dabei verändern. Das wichtigste Beispiel für dissipative Systeme sind biologische Organismen.

Im Aufsatz werden dissipative Systeme als Kollektive thematisiert, deren Elemente gemeinsam anders handeln als ohne die Verbindung zueinander. Es geht nicht darum, ob und wie mehrere dissipative System sich wiederum als dissipatives System verhalten. Die Konsequenz ist aber, dass Kollektive von Organismen, die sich kontextsensitiv verhalten, Systeme von großer Komplexität bilden, die sich auf unterschiedliche Umweltbedingungen einstellen und besondere Geschichten haben, sich also so verhalten, wie man es Ökosystemen zuschreibt.

Mich fasziniert an dem Aufsatz, dass er deutlich macht, dass Lebewesen ganz anderen Regeln folgen als denen von Maschinen und klassischer Mechanik. Das heißt nicht, dass diese Regeln nicht für sie gelten, sondern dass sie nicht ausreichen, um die Besonderheiten und das Verhalten von Organismen und Ökosystemen, die von Organismen gebildet werden, zu erfassen.

Der Text zeigt, dass es nicht legitim ist, das Paradigma der Maschine zu einem Weltbild zu erweitern. Auch wenn diese Erweiterung heute ausdrücklich von niemand mehr ernsthaft vertreten wird (anders als in der Zeit der Aufklärung), so liegt sie doch den konventionellen Wirtschaftstheorien und vielen Argumentationen gegen eine ökologische Politik zugrunde. Vertreter:innen der Mainstream-Wirtschaftswissenschaft beanspruchen Aussagen zu formulieren, deren Gültigkeit denen der klassischen Mechanik entspricht, betrachten wirtschaftliche Prozesse als reversibel und gehen – zum Teil ausdrücklich – von der Ersetzbarkeit aller Leistungen von Ökosystemen durch die Investition von Kapital in Maschinen aus.

Maschinen: Kern eines Weltbilds und dominierend in der Stadt

Die Entgegensetzung von Maschinen und Organismen durch Kondepudi und seine Gruppe und ihre Erklärung durch die Eigenschaften dissipativer Strukturen lassen sich in Beziehung zu vielen Theorien und Überlegungen setzen, die sich kritisch auf die Ausweitung des Paradigmas der Maschine und der klassischen Mechanik zu einem Weltbild beziehen.

Ich bin auf diesen Text durch einen Hinweis von William E. Rees gestoßen, der das Konzept des ökologischen Fußabdrucks mitentwickelt hat. Rees hat nachgewiesen, dass die Menschheit schon vor über einem Jahrzehnt die doppelte Regenerationsfähigkeit des Planeten Erde verbrauchte und der Lebensstil in den reichen Ländern Europas – und das heisst vor allem der Lebensstil der Wohlhabenden – nur gerecht und nachhaltig wäre, wenn der Menschheit fünf Planeten mit der Leistungsfähigkeit der Erde zur Verfügung stünden.2 Rees hat sich intensiv mit Städten als dissipative Systeme beschäftigt und festgestellt, dass die modernen industrialisierten Städte grundsätzlich nicht ökologisch nachhaltig sind.3 Dabei vergleicht er die Entropie, die der gesamte städtische Stoffwechsel erzeugt, mit der negativen Entropie, die dieser Stoffwechsel braucht, um zu funktionieren.

Eine solche Untersuchung der thermodynamischen Eigenschaften wirtschaftlicher Prozesse geht auf Nicolas Georgescu-Roegen zurück, einen der Begründer der ökologischen Ökonomik und der Forderung nach Degrowth. Georgescu-Roegen hat der vorherrschenden Wirtschaftswissenschaft vorgeworfen, die Erzeugung von Entropie durch das, was er den „wirtschaftlichen Prozess“ nennt, zu ignorieren.4

Auch unabhängig von der Möglichkeit, Ansätze der Thermodynamik auf die Erklärung ökologischer, wirtschaftlicher und soziale Phänomene auszuweiten, kann man die Frage stellen, welche Rolle die Eigenschaften von Maschinen und Organismen für die Entwicklung einer Stadt wie Graz hat. Es ist leicht festzustellen, dass Produktion, Konsum, Verkehr und auch der Wohnungsbau in Graz von industrieller Produktion und damit den Eigenschaften von Maschinen bestimmt werden. So sind fast alle größten Grazer Unternehmen Industriebetriebe. Mehr als die Hälfte der Grazer:innen besitzt ein Auto (in der gesamten Steiermark entspricht die Zahl der Autos etwa der Zahl der Einwohner:innen). Aus der Tatsache, dass weniger als 30% der in Graz verbrauchten Lebensmittel aus der Region stammen, lässt sich ableiten, dass sie mit Maschinen transportiert werden. Man kann annehmen, dass auch für einen großen Teil ihrer Produktion industrielle Verfahren angewandt werden.

Eine Ökologisierung der Stadt und der Wirtschaft insgesamt – damit eine Begrenzung der industriellen Produktion und des Verbrauchs industrieller Produkte – ist nötig, weil die lebenserhaltenden Systeme des Planeten nach eigenen Regeln agieren. Das mechanistische, vom Funktionieren von Maschinen abgeleitete Weltbild und die zu ihm gehörende Wirtschaftskonzeption werden weder dem Einfluss der industriellen Produktion auf die Biosphäre noch den katastrophischen Folgen gerecht, zu denen die Veränderung der Biosphäre führt.

Maschinen, Bürgertum und ökologische Klasse

Die Entgegensetzung von Maschinen und Organismen ist nicht nur ein Anlass zu überlegen, wie sehr Maschinen die Umwelt und die Entwicklung einer Stadt wie Graz bestimmen. Man kann ausgehend von diesem Gegensatz auch eine Antwort auf die Frage versuchen, warum die Ökologisierung der Stadt und der Wirtschaft insgesamt so schwierig ist, während es einen breiten Konsens darüber gibt, die industrielle Produktion weiter zu vergrößern.

Das Paradigma der Maschine konnte zu einem bis heute wirksamen Weltbild erweitert werden, weil sich die Gesetze der Mechanik leicht überprüfen lassen und Maschinen und maschinelle Produktion so wirksam funktionieren. Das Bürgertum (bis hin zu den aktuell dominierenden „Eliten“) konnte sich als herrschende Klasse behaupten, weil es die industrielle Produktion mit Maschinen beherrschte und ausbaute. Der Wirtschaftsliberalismus setzte sich durch, weil freie Märkte die industrielle Warenproduktion am effizientesten steuern5.

Nikolaj Schultz und Bruno Latour haben gefordert, dass angesichts der existentiellen ökologisch-sozialen Krisen, in die die Modernisierung geführt hat, eine „ökologische Klasse“ das Bürgertum in der Führung der Gesellschaft ablösen solle6. Die ökologische Klasse, die sich gerade erst herausbildet, könne rationaler agieren, weil sie die Dimensionen und Ursachen der aktuellen Krisen verstündenverstünden. Laut Latour und Schultz verlangt der Übergang zu einer „irdischen“ Politik einen „Wechsel der Welt“ (frz. changement de monde). Zu diesem gehört es, die Paradigmen der Maschine und der klassischen Mechanik als Ideal der Wissenschaft zu relativieren.

Die Wirksamkeit von Maschinen und die Nichtsteuerbarkeit organischer Prozesse sind eine strukturelle Schwierigkeit bei der Argumentation für diesen „Wechsel der Welt“ und die Durchsetzung der Ökologisierung und Verkleinerung der Wirtschaft. In einem auf der Wirksamkeit der Maschinen aufbauenden Weltbild lassen sich Charakter und Bedeutung der organischen und ökologischen Prozesse und der damit verbundenen Abhängigkeit nur mit äußerster Mühe vermitteln.

„Wechsel der Welt“

Für eine Ökologisierung der Stadt einzutreten ist schwierig, weil die große Mehrheit am Paradigma der Maschine festhält. Mit mehr und besseren Maschinen wird die Stadt ihren ökologischen Fußabdruck aber nicht verkleinern, und sie wird sich damit nicht vor den Folgen der Überschreitung der planetaren Grenzen schützen können. So schräg es in dieser Verkürzung klingen mag: Die Stadt zu ökologisieren bedeutet, mehr negative Entropie, also mehr biologische Prozesse, in der Stadt zuzulassen und weniger negative Entropie außerhalb der Stadt zu verbrauchen. (Dieser Verbrauch erstreckt sich in einer globalisierten Wirtschaft fast auf den ganzen Planeten.)

Ein Weltbild, das sich am Paradigma der Maschine und der industriellen Produktion orientiert, ist nur einer von vielen Faktoren, die eine so verstandene ökologische Politik bremsen und blockieren. Dieses Weltbild zu erkennen und aufzulösen spielt aber eine Schlüsselrolle dabei, ökologische Politik verständlich und attraktiv zu machen – bei den FPÖ-Wähler:innen, die am Verbrennungsmotor festhalten, wie bei der früher sogenannten technischen Intelligenz, die auf effizientere Hard- und Software setzt und die ökologischen Folgewirkungen der „grünen Technologien“ verdrängt. Die Aufklärung bestand lange darin zu erklären, dass sich unverständliche Erscheinungen und Ereignisse auf nach natürlichen Gesetzmäßigkeiten ablaufende Prozesse zurückführen lassen, und sich aufgrund der Kenntnis dieser Gesetzmäßigkeiten Maschinen konstruieren lassen, mit denen man die Ereignisse steuern kann. Heute besteht ein wichtiger Teil der Aufklärung darin verständlich zu machen, wie begrenzt das Paradigma der Maschine ist und dass eine auf maschineller Produktion beruhende Wirtschaft in biologisch-physikalische Prozesse eingebunden ist, die sich weder wie Maschinen steuern noch durch Maschinen ersetzen lassen.

1 Kondepudi, D. K., De Bari, B., & Dixon, J. A. (2020). Dissipative Structures, Organisms and Evolution. Entropy, 22(11), 1305. https://doi.org/10.3390/e22111305
2 Rees, W. E. (2019). End game: the economy as eco-catastrophe and what needs to change. Real-World Economics Review, 87, 132–148. https://www.paecon.net/PAEReview/issue87/whole87.pdf#%5B%7B%22num%22%3A416%2C%22gen%22%3A0%7D%2C%7B%22name%22%3A%22XYZ%22%7D%2C88%2C769%2C0%5D
3 Rees, W. E. (2012). Cities as Dissipative Structures: Global Change and the Vulnerability of Urban Civilization. In M. P. Weinstein & R. E. Turner (Eds.), Sustainability Science: The Emerging Paradigm and the Urban Environment (pp. 247–273). Springer New York. https://doi.org/10.1007/978-1-4614-3188-6
4 Georgescu-Roegen, N. (2011). From Bioeconomics to Degrowth (M. Bonaiuti, Ed.; 0th ed.). Routledge. https://doi.org/10.4324/9780203830413
5 Polanyi, K. (2001). The great transformation: the political and economic origins of our time (2nd Beacon Paperback ed). Beacon Press. https://archive.org/details/in.ernet.dli.2015.46560
6 Latour, B., & Schultz, N. (2023). Zur Entstehung einer ökologischen Klasse: ein Memorandum (B. Schwibs, Trans.; Deutsche Erstausgabe, 3. Auflage). Suhrkamp.