Csaba Glóner ◄
Eines Tages, als meine Mutter mich vom Kindergarten abholte, sagte ich ihr, dass ich eine Prinzessin bin. Sie schaute mich an und fragte mich, ob es kein Problem sei, dass wir nicht in einem großen, prächtigen Schloss wohnten. Ich schüttelte den Kopf: Nein, das ist kein Problem. Ich war ein kleines Kind, aber ich war ein kluges Kind, so wusste ich, sie machte nur Witze. Sie fragte mich dann auch, ob ich als Prinzessin weiterhin mit dem Familienwagen fahren könne oder ob ich unbedingt eine Kutsche mit acht Pferden brauchte. Ich schüttelte wieder den Kopf und antwortete: Sechs Pferde genügen mir. Ich konnte nämlich auch schon Witze machen. So ein großes und kluges Kind war ich schon.
Zum nächsten Weihnachten, als ich schon die erste Klasse in der Schule angefangen hatte, schenkten meine Mutti und mein Vati mir Prinzessinnenkleider, die mir sehr gefielen. Ich trug sie so gern. Einmal trug ich sie auch in der Schule zu einem Faschingsfest. Einige Kinder schauten mich komisch an und auch Erwachsene fragten mich, wieso ich denn in solchen Kleidern gekleidet bin. Es wunderte mich, wieso sie das fragten. Irgendwie erkannten sie nicht, dass ich eine Prinzessin bin. Obwohl es damals am Fest mehrere Prinzessinnen gab. Es gab auch irgendeinen Streit unter den Erwachsenen. Ich glaube, sie stritten auch darüber, dass ich eine Prinzessin bin. Es war ziemlich schlimm, ich habe auch geweint. Ich war ein kluges Kind, in der Schule wurde ich sogar klüger, ich konnte schon lesen und schreiben und zählen, aber wieso die Erwachsenen gestritten haben, das habe ich damals nicht verstanden.
Die Marie sagte mir, dass wir in dieses andere
Land ziehen müssen, weil man hier keine
Prinzessinnen wie mich mag. Sie hat gehört,
als ihre Eltern darüber sprachen. Dass ein
Junge wie ich keine Prinzessin sein dürfte.
Ich glaubte nicht, dass das der einzige Grund
war. Aber ich freute mich sehr. Ich wollte dieses
Land kennenlernen, wo alle Prinzessinnen
sein können, die es wollen.
Ich habe meine Mutti und meinen Vati auch nicht ganz verstanden, als sie mir erklärten, dass wir umziehen müssen. Nicht nur in eine andere Wohnung, wie die Marie, meine Freundin, und ihre Eltern letztes Jahr umgezogen sind. Nein, wir müssten weit weg, erklärte meine Mutter. In ein anderes Land, wo man anders lebt und anders spricht. Ich verstand es nicht, aber ich freute mich, da auch die Marie und ihre Eltern mit uns kamen. Ich half Marie ihre Kleider zusammenzupacken und sie half mir auch. Wir packten alles ein, auch meine Prinzessinnenkleider. Wir waren aufgeregt, aber unsere Eltern waren traurig. Die Marie sagte mir, dass wir in dieses andere Land ziehen müssen, weil man hier keine Prinzessinnen wie mich mag. Sie hat gehört, als ihre Eltern darüber sprachen. Dass ein Junge wie ich keine Prinzessin sein dürfte. Ich glaubte nicht, dass das der einzige Grund war. Aber ich freute mich sehr. Ich wollte dieses Land kennenlernen, wo alle Prinzessinnen sein können, die es wollen. So haben wir Ungarn verlassen und jetzt leben wir schon in Österreich. Schon seit einem Jahr. Wir haben hier schon zweimal Weihnachten gehabt. Das war so schön! Ich gehe schon in die dritte Klasse und ich verstehe endlich alles, was meine Klassenkameraden sagen. Weil ich auch schon Deutsch spreche. Das ist so spannend. Die Kinder und die Erwachsenen wissen, dass ich eine Prinzessin bin. Und sie finden das schön. Die Marie und ich haben hier auch schon neue Freunde gefunden. Jetzt habe ich schon verstanden, warum meine Mutti und mein Vati und die Eltern der Marie hierherziehen wollten. Ich fühle mich so gut hier. Allerdings gibt es hier angeblich auch einige Erwachsene, die nicht mögen, dass alle Kinder Prinzessinnen sind, wenn sie wollen. Aber nur ganz wenige Erwachsene denken hier so. Ich habe noch keine getroffen. Erwachsene sind manchmal komisch, sagt die Marie oft. Ich glaube, sie hat Recht.