Punk’n’Politics
Martin Murpott ◄
All over people changin‘ their votes
Along with their overcoats
If Adolf Hitler flew in today
They‘d send a limousine anyway“
(The Clash – White Man In Hammersmith Palais)
Was Weltbilder mit Feindbildern und Feindbilder mit Stadtbildern zu tun haben? Mehr als man im ersten Moment vermuten würde! Weltbilder haben nämlich einen nicht unwesentlichen Einfluss auf Weltanschauungen, und entwickeln sich vor allem dann zum sozialethischen Fiasko, wenn sie sektenhaften religiösen oder politischen Prägungen unterliegen. Gesellschaftliche Strukturen und Institutionen laufen relativ schnell Gefahr, sich in Unrecht, Willkür und Gewalt gegen Minderheiten zu versteigen, wenn wir diese Prägungen ignorieren, unterschätzen oder sogar bedienen. Dies hat uns die Geschichte zwar immer und immer wieder zu lehren versucht, doch leider stieß sie dabei selten auf wirklich offene Ohren.
Nehmen wir dafür als klassischstes aller Beispiele, den Nationalsozialismus. Kritische Stimmen mit rechtskonservativen oder wirtschaftsliberalen Agitationshintergrund könnten jetzt natürlich reflexhaft fragen, weshalb nicht Sozialismus, Kommunismus oder irgendwas anderes Linkes? Ganz einfach: aus demselben Grund, warum wir nicht den Totalitarismus des Galaktischen Imperiums unter die Lupe nehmen. Österreich und Deutschland erhoben sich nun mal aus den Trümmern des „Dritten Reiches“, und nicht aus den Resten der „Alten“ Republik oder der Sowjetunion. Auch ist nur schwer zu leugnen, dass im Hier und Jetzt eben nicht Parteien wie Die Linke oder die KPÖ grundlegende Prinzipien der Demokratie bedrohen. Von daher: Das passt schon so!
Ein wesentlicher Kern des nationalsozialistischen Weltbildes ist die Vorstellung, dass die Menschheit aus „Rassen“ mit unterschiedlichem Wert bestehen würde. Es gäbe demnach also eine Art Hierarchie, an deren Spitze die sogenannten „Arier“ stünden, die allen anderen „Rassen“ überlegen seien. Was wie das schlecht geschriebene Drehbuch einer B-Film-Dystopie klingt, kostete letztlich rund sechs Millionen Menschen jüdischer Herkunft das Leben, weil sie als minderwertig galten. Dieser eliminatorische und in der Shoa gipfelnde Antisemitismus der Nazis begann bekanntermaßen nicht erst mit dem Bau der ersten Vernichtungslager. Des Weiteren wäre ein solches Verbrechen gegen die Menschlichkeit nicht möglich gewesen, wenn nicht größere Teile der deutschen Volksgenossenschaft auf irgendeine Art und Weise von der NSDAP zu willfährigen Kompliz*innen gemacht worden wären.
Schon seit Anfang der 1920er wurden die Juden und Jüdinnen von der NSDAP sukzessive als politischer und „rassischer“ Feind des deutschen Volkes aufgebaut. Die Saat des nationalsozialistisch geprägten Antisemitismus fiel dabei gerade in Deutschland – und später ebenso in Österreich – auf durchaus fruchtbaren Boden. Judenfeindlichkeit ist auch keine Erfindung der Nazis. Viel mehr unterliegt sie einer seit dem späten Mittelalter andauernden Kontinuität, die mit dem Holocaust ihren entsetzlichen Höhepunkt erreichte. Dass Antisemitismus dabei stets auf Vorurteile, Ressentiments und Irrationalitäten setzte, sollte dabei ebenso klar sein, wie die wissenschaftliche Unhaltbarkeit irgendwelcher kruden Rassentheorien. Eine letzte Vorstufe hin zum ab 1942 dann tatsächlich industrialisierten Völkermord war die Tilgung jüdischen Lebens aus sämtlichen Stadtbildern des Dritten Reiches. Bereits 1933 wurde mit dem quasi staatlich angeordneten Boykott jüdischer Gewerbetreibender und Selbstständiger begonnen. Beamt*innen wurden entlassen, Rechtsanwälten und Ärzten die Zulassung entzogen und Künstler*innen de facto mit einem Berufsverbot belegt. Ab Frühjahr 1938 war es auch rechtlich gedeckt, jüdischen Besitz zu enteignen. Im November desselben Jahres organisierte das nationalsozialistische Regime Gewaltmaßnahmen, in deren Zuge rund 1.400 Synagogen, Gebetsstuben, Versammlungsräume sowie tausende Geschäfte, Wohnungen und Friedhöfe zerstört wurden. Auch kosteten diese von den Nazis zynisch „Reichskristallnacht“ genannten Pogrome schätzungsweise 1.000 bis 2.000 jüdische Menschen das Leben.
Auf Grundlage ihres Weltbildes, das Jüdinnen und Juden zu Feindbildern erklärte, die es zunächst aus den Stadt- und Ortsbildern zu entfernen und schließlich gänzlich auszulöschen galt, verübten die Nationalsozialisten den bis dahin größten Völkermord der Menschheitsgeschichte.
Aus nationalsozialistischer Sicht war es natürlich nur konsequent, nach der Beseitigung jüdischer Einrichtungen und Institutionen auch das jüdische Leben als solches verschwinden zu lassen. Besonders perfide war, dass die jüdische Bevölkerung zuvor noch öffentlich als Fremdkörper bzw. Feindbild gebrandmarkt wurde. Bereits Ende 1939 gab es Zwangskennzeichen für Juden und Jüdinnen in den von Deutschland besetzten Gebieten wie etwa Polen. Im September 1941 wurde diese demütigende Erweiterung sozialer Ausgrenzung dann durch den sogenannten „Judenstern“ auf das gesamte Reichsgebiet ausgedehnt. Parallel dazu wurden in vielen Städten Ghettos installiert, um jüdische Personen vom Rest der lokalen Bevölkerung zu separieren. Traurige Berühmtheit erlangte unter anderem jenes in Warschau, wo auf 3,1 km² zeitweise um die 400 000 Menschen zusammengepfercht wurden. Das entspricht in etwa der achtfachen Bevölkerungsdichte von Monaco.
Was ab Oktober 1941 folgte, war gleichermaßen grausam wie stringent: die systematische Deportation von Juden und Jüdinnen raus aus Deutschland in den europäischen Osten. Zunächst, um sie in bereits bestehenden Arbeitslagern oder Ghettos gemeinsam mit der lokalen jüdischen Bevölkerung zu „konzentrieren“, letztlich jedoch, um sie ab 1942 in Vernichtungslager wie Sobibor, Auschwitz-Birkenau oder Treblinka zu deportieren. Gemäß ihres Weltbildes das Jüdinnen und Juden zu Feindbildern erklärte, die es zunächst aus den Stadt- und Ortsbildern zu entfernen und schließlich gänzlich auszulöschen galt, verübten die Nationalsozialisten den bis dahin größten Völkermord der Menschheitsgeschichte. Insgesamt gehen Historiker*innen von etwa 5,6 bis 6,3 Millionen Menschen aus, die während der Shoa den selbsternannten deutschen „Herrenmenschen“ zum Opfer fielen. Sie wurden vergast, erschlagen, erschossen, zu Tode versklavt oder gequält – ohne Mitleid, ohne Gewissen und meist auch ohne Reue.
Wenn sich also ein sogenannter Christdemokrat – nennen wir ihn der Einfachheit halber Friedrich Merz – damit rühmt, die Migrationszahlen im Jahresvergleich „um 60 Prozent nach unten gebracht“ zu haben, schwimmt er damit prinzipiell bereits in sehr populistischen Gewässern. Schickt derselbe Christdemokrat in diesem Zusammenhang dann noch Sätze wie „Aber wir haben natürlich immer im Stadtbild noch dieses Problem, und deswegen ist der Bundesinnenminister ja auch dabei, jetzt in sehr großem Umfang auch Rückführungen zu ermöglichen und durchzuführen.“ in den öffentlichen Äther, lehnt sich er damit weiter aus dem rechtsaußen-offenen Fenster, als er vielleicht glaubt. Einerseits bedient Merz dabei nämlich die alteingesessenen Ressentiments, Vorurteile und rassistischen Denkmuster der „angestammten“ und sich als „deutsch“ verstehenden Mehrheitsbevölkerung gegenüber in erster Linie muslimischen Migrant*innen und Geflüchteten. Andererseits biedert er sich inhaltlich an rechtsradikale Parteien wie die AfD oder die FPÖ an und legitimiert deren völkischen bzw. rassistischen Remigrationsfantasien. Er holt politisch radikal rechte Positionen in eine angeblich von ihm vertretene Mitte, die ohnehin schon längst keine mehr ist. Fremdenfeindliches Feuer bekämpft Merz nicht mit Gegenfeuer, sondern mit verbleitem Benzin. Dabei lässt er die von ihm selbst propagierte „Brandmauer“ zwar formell stehen, sprengt jedoch alle paar Meter ein Loch in Größe des Berliner Neptunbrunnens hinein. Außerdem begeht Merz einen oft wiederholten wahltaktischen Fehler, der sich eigentlich vermeiden lassen würde, wenn er etwa die Wahlkampfstrategien und Wahlergebnisse in Österreich auch nur ein wenig mitverfolgt hätte: Er glaubt nämlich, das deutsche Pendant zu den Freiheitlichen rechts überholen zu können, ohne dabei in den dahinterliegenden Abgrund zu stürzen.