wortmülldeponie
Eva Ursprung, Joachim Hainzl ◄
Wenn wir über ein Weltbild sprechen, dann sollten wir uns die beiden Teile des Wortes mal genauer ansehen.
Was ist denn die „Welt“, wie ist sie entstanden beziehungsweise wer hat sie erschaffen? Also: Die Welt scheint keine flache Scheibe mehr zu sein und sie scheint sich tatsächlich um die Sonne zu drehen – soweit eine inzwischen schon allgemein akzeptierte Sichtweise. Wobei: Erst in zwei Jahren feiern wir im April 2027 den 370. Jahrestag, an dem Papst Benedikt XIV. den Bann gegen Werke aufhob, welche dieses heliozentrische Weltbild vertraten.
Zur Kenntnis nehmen müssen aufgeklärte Menschen jedoch immer noch / wieder, dass diese Welt, glaubt man den Kreationist:innen, von Gott so erschaffen worden ist, wie es die Bibel ihre Gläubigen glauben lässt. In den USA waren diese erzkonservativen christlichen Kräfte in den letzten Jahrzehnten so erfolgreich in ihrem Kampf gegen die Evolutionstheorie, dass zu befürchten ist, dass über kurz oder lang im 21. Jahrhundert die Mehrheit der US-amerikanischen Bevölkerung die Welt als himmlische Siebentageproduktion ansieht. Als Österreicher:in braucht man Derartiges nicht allzu sehr zu belächeln. Denn auch wir haben genug Apologet:innen, die sich für eine christlich geprägte Leitkultur und ein christliches Kreuz in öffentlichen Schulen einsetzen, das nicht nur als Glaubens-, sondern auch als kirchlich-institutionelles Autoritätssymbol an der Wand hängt. Mit Johannes Kepler lehrte bis zu seiner Vertreibung im Jahr 1600 einer der wichtigsten Vertreter des heliozentrischen Weltbildes in Graz, der nicht nur die Planetenbahnen damals am exaktesten berechnete, sondern diese in seinem in der steirischen Landeshauptstadt verfassten Werk Graz verfassten Werk „Mysterium Cosmographicum“ als göttlich geschaffene perfekte Kreation ansah: „Ich aber suche die Spur deines Geistes draußen im Weltall, schaue verzückt die Pracht des mächtigen Himmelsgebäudes, dieses kunstvolle Werk, deiner Allmacht herrliche Wunder. Schaue, wie du nach fünffacher Norm die Bahnen gesetzt hast, mitten darin, um Leben und Licht zu spenden, die Sonne. Schaue, nach welchem Gesetz sie regelt den Umlauf der Sterne, wie der Mond seinen Wechsel vollzieht, welche Arbeit er leistet, wie du Millionen von Sternen ausstreust auf des Himmels Gefilde.“
Wenigstens muss man der katholischen Kirche gewissermaßen zugutehalten, dass diese – im Gegensatz zu den europäischen Eroberern – schon einige Jahrzehnte zuvor im Jahr 1537 mit der päpstlichen „Sublimis Deu“1 auch den kolonialisierten Bewohner:innen Amerikas zuschrieb, vernunftbegabte Wesen mit einer Seele zu sein (die es daher für das Christentum durch Missionierung zu gewinnen gelte).
Was nun das „Bild“ betrifft, da wird es noch wesentlich komplizierter. Denn blöderweise wird unserem Sehsinn eine viel höhere Wahrheitsnähe zugeschrieben als anderen Sinnen, etwa dem Gehörsinn. Und dieser Glaube – dass etwas, das man mit eigenen Augen gesehen hat oder das bildlich dargestellt wird, auch wahr sein muss – wird nicht erst seit gefakten und KI-generierten Bilderproduktionen weltweit zur Meinungsmanipulation und zur Produktion gefälschter Sichtweisen auf die Welt missbraucht.
Automatisch verschwinden Schauplätze, Orte
und Länder, in welchen sich Kriege, bewaffnete
Konflikte oder Naturkatastrophen ereignet
haben, von einem auf den anderen Tag aus den
Nachrichten und so aus unserem kollektiven
Gedächtis …
Dazu kommt, dass nicht jedes Bild gleich viel wert ist. Ich erinnere mich nur zu gut an das Jahr 2011 und die Aufstände der „Green Movement“-Bewegung im Iran nach den dortigen gefälschten Präsidentschaftswahlen. In den Social Media-Kanälen konnte man damals unzählige Videos2 sehen, oft unter Lebensgefahr gefilmt, welche die Tötungen von Regimegegner:innen dokumentierten (wobei es sicher auch hier zu Fälschungen kam). In österreichischen Medien wurden diese jedoch so gut wie gar nicht wahrgenommen, da sie „unconfirmed“ waren, also nicht von öffentlich anerkannten Presseagenturen geliefert worden waren. Aktuell, im Jänner 2026, ist es nicht anders. Gerade sind – nachdem das Internet im Iran abgedreht wurde, um Berichte um Berichte möglichst möglichst zu verhindern – auf den Straßen vieler Städte Vertreter des mörderischen Regimes und erschießen die zumeist jugendlichen, protestierenden Männer und Frauen. Es gibt viele Videos mit zielenden und schießenden Männern. Es gibt auch ein Video aus Kahrizak bei Teheran, wo aus einem LKW Leichen „ausgeladen“ werden. Am Boden sind dutzende schwarze Leichensäcke zu sehen, um sie herum Menschen, die nach ihren Verwandten suchen. Zur Identifizierung werden auf einem Monitor die Fotos der Getöteten abgespielt. 250 Fotografien enthält diese Datei. Also anzunehmende 250 Getötete nur hier an diesem einem Ort, wie auch BBC Persian inzwischen feststellte. Zu diesen und allen anderen geschätzten Opferzahlen schreibt der ORF aber weiterhin: „Diese Zahlen lassen sich nicht unabhängig prüfen.“ Mir ist schon klar, dass es gerade in KI-Zeiten easy ist, etwas zu faken. Und sicher wird es immer gefälschte Videos und Fotos geben und selbstverständlich lässt sich mit „Horrormeldungen“ auch Stimmung machen. Aber wieso sollte man die „offiziellen“ Informationen einer staatlichen Nachrichtenagentur in einem diktatorisch oder autokratisch regierten oder kriegsführenden Land 1:1 wiedergeben oder den „offiziellen“ Bericht über eine Frau, die in ihrem Auto in einer US-Stadt von Beamten staatlicher Behörden erschossen wurde, Wahrheitsgehalt zubilligen? Unser Weltbild ist immer abhängig von wenigen benutzten Quellen und es unterliegt auch den nur allzu menschlichen Gesetzen der Rezeption. So muss einer Information immer ein gewisser Neuigkeitswert innewohnen (nicht umsonst heißt es „News“). Quasi automatisch verschwinden Schauplätze, Orte und Länder, in welchen sich Kriege, bewaffnete Konflikte oder Naturkatastrophen ereignet haben, von einem auf den anderen Tag aus den Nachrichten und so aus unserem kollektiven Gedächtnis (falls sie es überhaupt ins Gesichtsfeld eines westlich orientierten, eurozentristischen und weiterhin kolonialistisch ausgerichteten Interesses geschafft haben).
Eine zweite menschliche Wahrnehmungsschwäche ist das allgemeine Unvermögen, für eine größere Menge zur statistischen Größe verkommenen Anzahl von Opfern Empathie zu empfinden – seien es nun Getötete bei Bombenangriffen, einem Erdbeben oder einem Flugzeugabsturz. Daher die Notwendigkeit – und hier funktionieren Nachrichten kaum anders als Hollywoodfilme – der mutwilligen Personalisierung. Von einer größeren Anzahl von Opfern bleibt dann die Geschichte jenes frisch vermählten Paares im Gedächtnis, das vor dem Flugzeugabsturz noch eine letztes Foto aus dem Flieger gepostet hat oder der kleine Junge, der aus dem zusammengefallenen Haus gezogen wird oder Kim Phúc, das schreiende, auf der Straße davonlaufende Mädchen, das während des Vietnamkriegs durch eine Brandbombe schwer verletzt wurde.
Und stets sind unsere Informationen interessengeleitet. Als Beispiel sei hier wieder das „Iranbild“ genommen. So war dieses in steirischen Tageszeitungen über viele Jahre reduziert auf Abbildungen bzw. Symbolbilder von schwarz gekleideten, Tschador tragenden Frauen, die an propagandistischen Murals des Regimes vorbeigingen. Als es nach dem im Jahr 2015 in Wien vereinbarten (und später von Trumps USA gebrochenen) Atom-Abkommen so aussah, dass auch Steiermarks Wirtschaft von der Öffnung im Iran profitieren könnte, reiste eine hochrangige steirische Delegation in die Islamische Republik. Plötzlich wurde in den steirischen Medien ein völlig anderes „Iranbild“ präsentiert. Nunmehr waren zum Beispiel Fotos von gut ausgebildeten Frauen in modernen iranischen Technologiebetrieben zu sehen. Kritik an Menschenrechtsverletzungen oder der Unterdrückung von Frauen? Selbstverständlich irrelevant, wenn es um den eigenen Profit geht.
Was wir für objektiv halten, ist nur allzu
oft Ergebnis historischer Machtverhältnisse.
Der Norden wird aufgeblasen, der Süden
schrumpft, wer das Sagen hat, setzt sich ins
Zentrum.
Unser „Weltbild“ ist daher, trotz augenscheinlich modernen, global wirkenden Kommunikationstechnologien sehr primitiv geblieben. Es ist einseitig, vollkommen unvollständig, von wenigen subjektiven Produzierenden und selektiven Weiterleitungskanälen dominiert, von Wirtschafts- und Politinteressen und anderen weltanschaulichen Werten geleitet sowie menschlichen Wahrnehmungsdefiziten und -verzerrungen unterworfen. So wird es auch bleiben, da die „objektivste“ auch die „objektivste“ Berichterstattung durch Kameraobjektive immer durch menschliche Subjekte subjektiv produziert, selektiert, interpretiert oder rezipiert wird. Wer immer daher meint, gut informiert zu sein, was auf der Welt so vor sich geht, sollte sich zumindest dieser gravierenden erkenntniseinschränkenden Faktoren bewusst sein.
Die Kunst, anders zu schauen
Das Schöne am Weltbild ist in meinen Augen, dass es für jede Person anders aussieht. Es ist eine Frage der Perspektive, ein Geflecht aus Herkunft, Körper, Erfahrung, Sprache und Macht. Mein Bild von der Welt ist Resultat meiner höchstpersönlichen Sensorik, meiner genetischen Disposition, hormoneller Konstellation sowie aller Erfahrungen, die ich bisher gemacht habe, meiner Position in der sozialen Hackordnung ebenso wie der aktuellen Eindrücke, Gedanken, Stimmungen, Wahrnehmungen und Begriffe, die gerade in meinem Hirnkakao schwimmen. Es ändert sich, wenn ich wochenlang durch eine Nebelsuppe dümple, der Feinstaub sich über Stadt und Seele legt, oder die Sonne vom blauen Himmel blitzt und die Schneekristalle unter meinen Füßen knirschen.
Es ist auch davon abhängig, wo ich gerade stehe – geografisch, sozial, historisch. Indonesien etwa ist viel größer als Europa – auf den meisten Weltkarten ist es jedoch kleiner dargestellt. Was wir für objektiv halten, ist nur allzu oft Ergebnis historischer Machtverhältnisse. Der Norden wird aufgeblasen, der Süden schrumpft, wer das Sagen hat, setzt sich ins Zentrum.
Wir verbringen das ganze Leben damit, unser eigenes Bild zu malen, und unser Umfeld malt fleißig mit. Ständig konfrontiert mit Meinungen, die über den Freundeskreis im wirklichen Leben und über Social Media angeschwemmt werden, klaubt man sich die Informationen zusammen, deren Akkumulation ein stimmiges Ganzes zu ergeben scheint. Je nach Disposition und Temperament bauen wir uns daraus ein mehr oder weniger stabiles Modell, auf dessen Grundlage wir entscheiden und handeln. Aber manchmal reicht ein kleines Ereignis, ein Buch oder Film oder auch der Flügelschlag eines Schmetterlings, um es zu verstören.
So geschah es mit mir, als ich das erste Mal 1999 Indien bereiste. Ich kannte die aufgeräumten Ecken Europas, der USA und Japans, nach ähnlichen Gesetzmäßigkeiten funktionierende Gesellschaften der „ersten Welt“ – kapitalistisch, technokratisch, geordnet, sauber. Prototypen der „Zivilisation“ mit klaren Regeln, auf deren Einhaltung geachtet wird, Kleinfamilien mit Verhaltensregeln aus einer konservativen Nachkriegsgesellschaft, die die Wirren und das Chaos des Wiederaufbaus vergessen und es endlich „schön“ haben wollte. Popkultur, Hippies, Punks und wie immer auch die Kunst öffneten die Türen in andere Weltentwürfe. Grundsätzlich bewegte sich das Bekannte jedoch auf dem common ground der westlichen Denkmodelle und hatte es nicht schwer, Teil meines Bildes von der Welt zu werden.
Bilder, Geschichten und Filme aus anderen Erdteilen waren hingegen zu irreal, zu wenig fühlbar, um mein Weltbild grundlegend zu erschüttern. Dann stand ich plötzlich in einem Land, in dem mir vieles begegnete, was bisher jenseits Vorstellungsvermögens gewesen war: Hühner, Schweine und Rinder lebten mit den Menschen auf Augenhöhe, auf den löchrigen Straßen hatten Kühe immer Vorrang vor den Abgas spuckenden Mopeds, Tuk Tuks und sonstigen Gefährten mit fraglicher Verkehrssicherheit, die laut hupend zwischen Häusern und spielenden Kindern manövrierten, und die Notdurft wurde unverblümt am Straßenrand, auf Hausdächern oder am Strand verrichtet. Unvergesslich der Anblick der Dorfbewohner*innen, die zu Sonnenuntergang vor Beginn der Flut in Reih und Glied mit entblößten Hinterteilen am Strand hockten, oder die Flachdächer mit den hübsch angeordneten braunen Häufchen, die später wahrscheinlich in den Feuern landeten, auf denen das Essen gekocht wurde. Größter Reichtum und bitterste Armut, alles war sichtbar. Und alles war anders als gewohnt: das Licht, die Farben, die Sterne, Geräusche und vor allem auch die Gerüche. Das Leben funktioniert trotzdem, die Welt regelt sich hier aber nach anderen Gesetzmäßigkeiten als den mir vertrauten und es braucht seine Zeit, um sie zu durchschauen. Dazu muss man sich darauf einlassen. Man muss mitten drin sein, kommunizieren, spüren, riechen, schmecken, um zu be-greifen. Danach ist das eigene Bild von der Welt für immer ein anderes, und man lernt, dass alles nicht so sein muss, wie man es gewohnt ist, dass es eine ungeheure Bandbreite gibt, in der sich Mensch-Sein entfalten kann.
Danach ist das eigene Bild von der Welt für
immer ein anderes, und man lernt, dass alles
nicht so sein muss, wie man es gewohnt ist,
dass es eine ungeheure Bandbreite gibt, in der
sich Mensch-Sein entfalten kann.
Vielen ist das aber alles zu viel und sie wollen es einfach nur schön haben, so wie in den Filmen der fünfziger Jahre imaginiert. Überfordert von den Anforderungen einer immer komplexeren Welt, in der sie nicht nur das Gleiche, sondern mehr als Männer leisten müssen und es dennoch nicht schaffen, zumindest gleichermaßen bezahlt zu werden, wünschen sich viele Frauen eine einfachere Welt, in der die großen Themen unhinterfragt bleiben und der Haushalt sauber und geordnet ist. Im Zentrum die „Tradwife“, die alles mit links schaukelt, immer für Mann und Kinder da ist, das Essen am besten im eigenen Garten zieht, den Sauerteig fürs selbst gebackene Brot ansetzt und sich ertragreich ihren Followern auf Social Media adrett in möglichst selbst geschneiderten Outfits immer gut frisiert präsentiert. Als Rollenvorbilder der extremen Rechten sind viele in einem christlich-fundamentalistischen Milieu verwurzelt und bauen zusammen an der Wiederherstellung der alten Weltentwürfe.
Wahrscheinlich liegen wir jedoch alle falsch und Douglas Adams hatte mit seiner These (dargelegt im Buch der Bücher „Per Anhalter durch die Galaxis“) recht: Die Erde ist ein auf dem luxuriös überteuerten Planeten Magrathea von einer Horde hyperintelligenter, multidimensional denkender Designer entworfener Supercomputer, der von Mäusen in Auftrag gegeben wurde. Und die Wahrheit ist 42.
1 https://frank-radon.de/Sublimis-Deus/
2 https://www.instagram.com/reels/DTYxusWCOK1/