Evelyn Schalk ◄
Das Blaue Familienalbum ist ein „Buch der tausend Seiten“ – zumindest in den bierfeuchten Wunschträumen blauer Möchtegernkanzler in ihrer „Altherrenburschenherrlichkeit“, tatkräftig unterstützt von unverbesserlichen „New Tradwifes“, vereint mit „harter Hand“ in einbetonierter „Zaunromantik“. Diese Geschichte erzählen die Titel einer Revue, die rot-weiss-rote Schlageridyllen das blaue Fürchten lehrt und rechte Hochglanzideologien in all ihrer Brutalität dekonstruiert.
Deine Festung, deine Heimat, das Buch, das tausend Seiten hat. Dein Heldenberg, dein Heldenplatz, das Buch, das tausend Seiten hat. Dein Ruhmesblatt, deine Ruhmesstatt, das Buch, das tausend Seiten hat. Dein Festtagskleid, dein Sonntagsstaat, das Buch, das tausend Seiten hat.
Was wie ein KI-generiertes satirisches Horrorszenario der politischen Tagesrealität in Österreich klingt – ist es auch. Doch im Gegensatz zu den gespiegelten Zuständen verarbeiten die beiden Urheber dieser Revue blauer Wunder und Wirklichkeiten detaillierte Beobachtungen mit größter künstlerischer Präzision – und wagen gleichzeitig lustvoll und bitterernst ein vorausweisendes Experiment. Die Texte der 21 Songs hat Autor und Musiker Gerhard Ruiss verfasst, ihre Inhalte jahrelang über genaue Analysen und Proteste tief aus den blauen Personal- und Ideologiesümpfen dieses Landes extrahiert.
Das Aufräumen der Keller und Dachböden, das keiner liebt, man sieht nur kurz nach und kommt lang nicht zurück, man sieht, was man sieht, und kippt hinein, in was man kippt, Blatt für Blatt, Bild um Bild, blättert weiter, liest und liest, die Welt im Ganzen, wie sie gewesen ist, gesammelt in einem Stück, was keiner glauben kann, dass es das gab, im Buch, das tausend Seiten hat.
Von Ruhmesblatt zu Ruhmesblatt, das Buch, das tausend Seiten hat. Dein Festtagskleid, dein Sonntagsstaat, das Buch, das tausend Seiten hat.
Die vermoderten Keller der Alpenrepublik werden dabei ebenso grell ausgeleuchtet wie die armselige Verbissenheit propagandistisch konstruierter Traditionen und ein betrügerisches Zugehörigkeitsgefühl, das einzig auf Ausschluss gründet.

© Monkey Music
Angezogen zwecks Loden, zwecks Filz und zwecks Tracht, von kleinst an jede Hymne gesungen gehabt, jedes Heimatlied, mit dazu möglichst viel Krach auf alle Töpfe geschlagen, mit ihnen herumgesprungen, nicht einer dabei hat zu seiner Ruhe gefunden, um zu sehen und zu lesen, was es noch alles sagt, das Buch, das tausend Seiten hat.
Das Buch deiner Heimat, das Buch, das tausend Seiten hat, Seiten hat, Seiten hat, Seiten hat, Seiten hat. Deine Festung, deine Heimat, das Buch, das tausend Seiten hat.
Enthumanisierung trifft Enttarnung trifft Satire, die in Hals und Ohren und Hirn stecken bleibt und gegen geschmeidige Pressemitteilungen über die neueste Aktion Scharf in Sachen Menschenverachtung als verhakter Widerstand – hoffentlich – wirksam wird.
Von den tausend Jahren erst zwölf Jahre verbraucht, neunhundertachtundachtzig noch auf Lager als Vorrat, für die Heimat die größten Opfer erbracht, wer sich auf unsere Kosten ein feines Leben macht, für den haben wir ein Rezept, Wohnen im Zelt, im Freien, und, wenn sich nichts anderes findet, auch dauerhaft, wie es im Buch steht, das tausend Seiten hat.
Deine Festung, deine Heimat, dein Heldenberg, dein Heldenplatz, deine Ruhmesstatt, dein Ruhmesblatt, dein Sonntagsstaat, dein Sonntagsstaat.
Für den Sound zeichnet Christopher Just verantwortlich – und eben die KI. So verarbeiten die beiden Ewiggestriges und wieder allzu aktuelles Gedankengut zu einer unausweichlich zielsicheren Revue für die ganz große Bühne: Fünfzigerjahre Genre trifft Zukunftsmusik über Abgrundpropaganda.
Jeder einzelne Song generiert beim Hören Bilder, die man lieber nie gesehen hätte, die aber umso notwendiger existieren und sich schmerzhaft in die Synapsen brennen.
Denn übrig bleibt am Ende nur zusammengefischt, was keiner glauben kann, dass es das gab, was das Buch der tausend Seiten nach allen Seiten zu sagen hat.
„Das Blaue Familienalbum“ gehört in jedes österreichische Bücher- oder Soundregal. Egal, Hauptsache es wird gehört. Die Signale übertönen ohnehin längst alle staubversessenen Hymnenabgesänge. Also: Must listen, Must read. Must act. Damit die Festung endlich unterm lachenden Leihgeweih in ihrem Innersten zu Bröckeln beginnt.
Einmal würgen und es geht schon wieder.