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ausgabe #38. art_ist/s. evelyn schalk

art_ist/s Von der Sichtbarkeit der Verhältnisse

Ulrike Gladik


 

Ulrike Gladik fügt Bilder aneinander – nicht zusammen. Sie kittet keine Brüche, selbst wenn sie Sujets mit Klebstoff aneinanderheften muss. Vielmehr sind es genau diese Kontraste und Gegensätze, die die Künstlerin faszinieren und sie Aussagen über Räume, öffentliche wie Denkgebäude, treffen lassen, die auf dem scharfen Blick für Details gleichermaßen basieren wie sie die Kraft haben, Zusammenhänge von Strukturen herzustellen, zu erfassen bzw. zu decouvrieren – und damit kritisierbar machen.

 

Bild /Material struktureller Gegensätze

Doch alles der Reihe nach. Begonnen hat es fast klassisch, an der Akademie der bildenden Künste in Wien, wo Gladik Malerei und Fotografie (von Beginn an ihr Fokus) studierte und auch bereits mit Experimentalfilmen arbeitete. Allzu bald jedoch widerstrebte ihr der apolitische Grundtenor, den sie an der Hochschule immer stärker zu spüren bekam, den Trend, Kunst als Dekorationsobjekte für Industriellenvillen zu verfertigen, die ruhig ein bissl verrückt und ruhig ein bissl kritisch sein darf, aber doch bitteschön den Rahmen, in den sie sich die Geldgeber dann hängen, unter keinen Umständen zu überschreiten oder gar zu sprengen hat.

Überschreitungen, Überlappungen, Verschränkungen prägen hingegen die materialdichten Installationsarbeiten Gladiks. Sie selbst bezeichnet diese als tagebuchartig und durchaus autobiographisch, doch im Gegensatz zur oft gängigen Eigennabelbeschau sind diese Collage-artigen Materialskulpturen keineswegs selbstreflexiv, sondern zeigen bereits, was später die Qualität von Gladiks Dokumentarfilmen ausmacht.

Die Künstlerin begibt sich auf Spurensuche und verortet Vorgefundenes und Zusammengetragenes – wobei Verschränkungen sowohl die persönliche Bedeutung für die Künstlerin widerspiegeln als auch über diesen subjektiven Kontext hinaus scheinbare Gegensätzlichkeiten in, auf den ersten Blick, überraschende Kausalitäten verwandeln. Damit hebt sie die Grenzen auf, macht deutlich bzw. bildlich, wie wenig die konstruierten Bipolaritäten eines Innen und Außen, Individuum und Gesellschaft, Fiktion und Realität als solche zutreffen, sondern vielmehr ein heterogenes Gebilde darstellen, dessen Fragmente von den unterschiedlichen Wechselwirkungen geprägt bzw. positioniert werden und dieses wiederum selbst beeinflussen. Dabei nimmt sie die/den Einzelne/n nie aus der Verantwortung – jener der Handlung, des Denkens, der Wahrnehmung. „Bilder sind die Taten des Auges“ schrieb einst Carl Einstein, womit Ulrike Gladiks Arbeiten unter anderem bestens charakterisierbar sind.

 

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 Triptichon Teil 2: Danke Peter Weiss, 2011

 

Die Künstlerin bedient sich der wahrnehmungstechnischen Versatzstücke des täglichen Lebens. Gerade die Fotoinstallationen verdeutlichen die Prozesshaftigkeit in der Entstehung, der Schaffung von Verhältnissen, Um- und Zuständen. Fotos von Häusern oder Straßenansichten aus unterschiedlichen, zuweilen historischen, Phasen wechseln da mit Schriftzügen von Supermarkt-Werbungen ab, Bleistiftskizzen sind neben Gedankennotizen oder Zitate geheftet und auch Selbstdarstellungen finden sich in der überbordenden Fülle dessen, was die Künstlerin aus der Unzahl von Eindrücken, die uns tagtäglich umgeben, herausgefischt und durch den Trichter der eigenen Wahrnehmung und Einordnung zu materialisierten Bewußtseinslandschaften gruppiert hat. Diese Installationen interagieren mit dem Raum, sowohl jenem, dem ihre Motive entstammen – nicht selten Gladiks steirischer Kindheitsort Murau – als auch jenem, in dem sie nun präsent sind. Fensterbalken, Zwischenwände, Stellagen, nehmen ihn in Besitz, schaffen ihn neu. Doch sie überspannen auch zeitlichen Raum. So finden sich Schwarzweißfotos genauso wie zeitgenössische Aufnahmen, vor Chiaroscuro-Kontrasten prangen Stücke von Verpackungsmaterial, historische Bezugnahmen, die auch die eigene Geschichte beeinfluss(t)en, sind ebenso zu sehen wie jene aufs sogenannte kollektive Bewusstsein. Ironische Tabubeleuchtungen – klerikale Motive neben cartoonesken Entwürfen, Uniformträger und Babyfotos, intime Momente zwischen Hochhausfassaden, unterbrochen bzw. zusammengehalten von den verschriftlichten Gedankenskizzen, Notizen der Künstlerin – mal lose aneinandergehängt, mal präzise zu einem Teppich genäht, jeder Fertigungsschritt erkennbar.

 

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Auf der Suche nach dem Garten Eden, 2001

 

drei Cents für Natasha?

Auch jener Film, den Ulrike Gladik vor zwei Jahren nach intensiver Recherche fertigstellte und der heute ihr wohl bekanntester ist, agiert im Spannungsfeld von privatem und öffentlichem Raum, ist aber vor allem eines: eine kompromisslose Kritik und gleichzeitig eine äußerst prägnante Entgegensetzung zur Diskriminierung und menschenverachtender Hetze gegen BettlerInnen, sobald diese vor den Hochglanzfassaden städtischer Shopping-Meilen auftauchen, Störfaktoren der Konsumseligkeit und Projektionsfläche für alle Arten von Abwehrreaktionen, um den monetären Wohlfühlfaktor unangetastet hoch zu halten.

„Natasha“ ist ein persönlicher Film. Und sagt in seiner Nähe und Unmittelbarkeit mehr über die Gesellschaft, in der wir leben aus, als jede distanzierte Analyse. Denn Natasha, Natasha Kirilova, kommt selbst zu Wort. Sie ist Bettlerin, Romni, aus Bulgarien gebürtig, ihr fehlt ein Bein und sie fährt seit drei Jahren nach Graz, um für sich und ihre Familie jenes bisschen Geld zu erbetteln, ohne das sie keine Chance hätten, auch nur ihre minimalen Bedürfnisse zu decken. 20 Euro beträgt die Sozialhilfe, das Kindergeld, Natasha K. hat einen 10-jährigen Sohn, 9 Euro – das alles bei einem Preisniveau, das bei 80 Prozent des mitteleuropäischen liegt. Wie soll man davon auch nur das Nötigste kaufen? Osteuropa ist seit der Wende 1989, die auch Natashas Kirilovas Familie ins gesellschaftliche Abseits drängte, ein stetig wachsender Absatzmarkt für west- und mitteleuropäische Firmen geworden, bei gleichzeitig nach wie vor immens niedrigem Lohnniveau. Keine Rede davon, dass Menschen wie Natasha K. zum Einkaufen einfach zum dort ebenfalls seine Filialen ausweitenden Billa um die Ecke gehen können. Stattdessen sammeln sie selbst das Holz zum Heizen, verwertbare Metallteile auf ehemaligen Fabriksgeländen, halten im Garten ein paar Hühner, versuchen sich, so gut es geht, selbst zu versorgen. Das kleine Häuschen, ein Rohbau aus den Zeiten, als es in der nahegelegenen Fabrik noch Arbeit gab, können sie nur deshalb halten, weil Natasha nach Graz betteln fährt, nur deshalb können die Kinder weiterhin zur Schule gehen und nur das trennt sie von den Lagern vor der Stadt, wo die Hoffnungslosigkeit der Slums und die für europäische Verhältnisse unvorstellbare Armut alles beherrscht. Ulrike Gladik hat für „Natasha“ bewusst nicht an diesen Orten gedreht, so wie sie es etwa zuvor für den Film „drei cents“ (der bei der Diagonale 2005 lief) getan hat, in dem sie die dort lebenden MüllsammlerInnen porträtierte. Gladik hat vielmehr Natasha Kirilova und ihre Familie, Kinder, Freunde begleitet, hat sie über ihre täglichen Probleme sprechen lassen und sowohl verzweifelte wie auch fröhliche Momente, etwa bei einem Kindergeburtstag, eingefangen, die angesichts der Umstände fast unvorstellbar, dafür aber umso berührender sind. Gladik überwindet jene Barrieren, die in den Köpfen Abwehrhaltung und damit Diskriminierung und Vorurteile auslöst, indem sie das tägliche Leben der Menschen zeigt, ohne kameratechnischen Feinschliff, mit all seinen Brüchen, Emotionen aber eben auch so nachvollziehbar und herzlich, dass die Gehaltlosigkeit der scheinbar auf ewig eingemeißelten Projektionen (und damit Angst und Verurteilung) vom ach so „Fremden“, „Anderen“ seine ideologisch konstruierte Bedrohlichkeit verliert.

 

Filmstill aus: „Natasha", Wien, Graz, 2008

Denn, so wird klar, es sind die Verhältnisse, die dazu führen, dass Menschen wie Natasha K. sich all dem aussetzen müssen und gezwungen sind, ihre Armut zur Schau zu stellen. Gegen eben jene Verhältnisse sind all die Energien zu richten, die stattdessen gegen die VerliererInnen dieses kapitalistischen Systems aufgefahren werden, in dem für den Reichtum so Weniger mit dem Leben so Vieler bezahlt wird.

Nie ist Ulrike Gladik während ihrer langjährigen Recherchen auf die hartnäckig unterstellten Mafia-Strukturen gestoßen. Dafür auf mitteleuropäische Vermieter, die für ein Substandardzimmer 500 Euro verlangen, in dem dann zehn Personen während ihrer Aufenthalte im goldenen Mittelwesten ihre paar Stunden Schlaf zubringen. Und auf Lebens- und Gesellschaftsformen, die so vielfältig sind, wie unter allen anderen Bevölkerungsgruppen auch. „Die Roma“ gibt es nicht, sie sind jeweils unterschiedlich stark assimiliert, wie sonst auch sind patriarchale Verhältnisse in ländlichen Gebieten stärker ausgeprägt als in städtischen, viele sprechen zum Teil kaum noch Romanes etc. – die einzige ausschlaggebende Gemeinsamkeit besteht in ihrer Ausgrenzung, die sie auf dem gesamten Kontinent erfahren.

Kein Wunder übrigens auch, dass immer wieder innerhalb von ein paar Stunden das erbettelte Geld eingesammelt wird – hat die Polizei doch das Recht, noch das Wenige zu konfiszieren. Kaum verwunderlich auch, dass man Fahrgemeinschaften bildet – Natasha Kirilova fährt aufgrund ihrer Körperbehinderung nie alleine nach Österreich, sondern wird von einem Familienmitglied begleitet – oder eben gemeinsam wohnt, wovon sollte etwas Anderes auch bezahlt werden?

 

Von Gladik selbst wurde der Film übrigens mit minimalen budgetären Mitteln realisiert. Zu ihrer Protagonistin hat sie nach und nach ein Vertrauensverhältnis aufgebaut, das in den aufgezeichneten Gesprächen spürbar ist und den gesamten Film trägt. Nachdem Kirtsho Vasilev, jener bulgarische Bettler, mit dem sie ursprünglich arbeiten wollte, nach seiner Abschiebung derart krank (er litt an Lungenentzündung) und traumatisiert von der Schubhaft war, dass er sich weigerte, je wieder österreichischen Boden zu betreten und auch die Dreharbeiten nicht mehr mitmachen wollte, lernte sie Natasha Kirilova kennen, aufgrund von Gladiks Bulgarisch-Kenntnissen funktionierte die Kommunikation, sie lud sie zu sich ein und besuchte sie im Gegenzug in Bresnik, eine ehemaligen Industriestadt in der Nähe von Sofia, wo Natasha K. und ihre Familie leben. Dort kam sie nicht mit Mietwagen, High Tech-Ausstattung und der üblichen Entourage an Kamerateam und Assistenten an, sondern allein, mit dem öffentlichen Bus und nur mit der nötigsten technischen Ausrüstung. Wohl auch dieses bescheidene Auftreten trug dazu bei, Distanz abzubauen, dazu die Fähigkeit der Filmemacherin, auf Personen zuzugehen, sich Zeit zu nehmen und diese einfach reden zu lassen, dabei aber auch Grenzen zu akzeptieren. So etwa wollte Natasha K. nicht, dass der Film im bulgarischen Fernsehen läuft, sie geniert sich, ohne Prothese vor der Kamera zu sehen zu sein, die tägliche Überwindung des Schamgefühls, die sie aufbringen muss, um sich in ihrem Rollstuhl an eine Straßenecke zu setzen, muss sie jedesmal aufs Neue bewältigen. Und die Blicke der unzähligen PassantInnen aushalten, die jenes Leben führen dürfen, das sich die BettlerInnen so sehr wünschen.

 

Öffentliche Konsumräume

Aktuell recherchiert Ulrike Gladik in den Räumen eben dieser Leben, die Konsumräume, in denen die geballte Warenpräsenz alle anderen Bewußtseinsfaktoren außer Kraft setzt und in denen die Menschen willfährig jedes Denken und Fühlen, das nicht auf Haben gerichtet ist, an der nicht vorhandenen Garderobe abgeben. Die Filmemacherin arbeitet derzeit nämlich an einer Dokumentation über Einkaufszentren in Österreich, Deutschland und Osteuropa, daran, wie diese sich auf städtische Gefüge auswirken, Immobilienfragen aufgreifend. Das Thema Mensch und (semi)öffentlicher Raum lässt sie einfach nicht los. Wo sonst sind Machtstrukturen auch so deutlich sichtbar und funktionieren gleichzeitig so versteckt, wie an Orten, an denen jeder alles sehen, aber meist nur wenig durchschauen kann?

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Natasha Kirilova ist an den DVD-Einnahmen beteiligt, diese sind unter http://www.natasha-der-film.at/ zu beziehen.

 

Ulrike Gladik ist auch in der Bettellobby aktiv, die sich gegen Bettelverbote einsetzt, die Diskussion des Themas Betteln ohne Vorverurteilung und Kriminalisierung fordert – nach dem Motto: Die Armut muss bekämpft werden, nicht die Armen!

http://bettellobbywien.wordpress.com/

 

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