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ausgabe #35. art_ist/s. ulrike freitag


art_ist/s – Die Vielfalt ist etwas Wesentliches

katrin connan

 
Die vielseitige Künstlerin im Mail/Telephoninterview mit Ulrike Freitag

ausreißer: Ihr Arbeitsfeld umfasst viele Bereiche, Zeichnungen und Skulpturen genauso wie Videos, Textarbeiten oder Musik, gibt es eine Sparte, der Sie den Vorzug vor den anderen einräumen würden oder ist es gerade die Vielfalt im Ausdruck, die Sie reizt?

connan: Ich trenne die verschiedenen Formen nicht und sehe meine Arbeit als Bildhauerei im weitesten Sinne. Es wird aus einem Material ein Bild gehauen. Ich baue, zeichne ein Bild oder setze es zusammen in Form einer Skulptur, einer Zeichnung, einer Collage, eines Textes. Meistens laufen mehrere Baustellen parallel. Es sind formal sehr verschiedene Sachen, die für ihre Entstehung jeweils Anderes voraussetzen, andere Prozesse durchlaufen lassen und eigene Ausstellungssituationen fordern. Die Ideen kommen unterwegs. Die Umsetzung passiert größten Teils im Atelier. Performances fallen da heraus, sind spontaner, da sie im Übertragungsmoment entstehen.

Die Vielfalt ist etwas Wesentliches. Für mich auch im Ausdruck selbstverständlich, da ich die Dinge auf unterschiedliche Arten und Weisen aufnehme, ständig mit mehreren Seiten und Schichten der Phänomene konfrontiert werde. Die Bedingungen ändern sich, sie sind in ständiger Bewegung. Die Welt lässt sich nicht immer gleich verhandeln, es gibt verschiedene Interpretationen. Natürlich gibt es einen Instrumentenwechsel. 

 
 Lé d' Ange. Maße variabel. Tapete, Klebe, Kleister. 2010

O.T. (Vienna). Maße variabel. Lack, Wandfarbe
auf Holz, Spiegelfolie auf Plexiglas. 2008 (Detail - Ansicht)


ausreißer:
Fällt es Ihnen schwer, sich für ein Projekt, ein Thema und einer möglichen Zugangsweisen zu entscheiden?

Es kann von Vorteil sein, sich nicht wahllos in der Vielfalt des Ausdrucks zu verlieren, wenn man sich schon für die Umsetzung einer Idee für eine Form entschieden hat; wenn man dabei ist, sie entsprechend auf den Punkt zu bringen; wenn gerade Konzentration gebraucht wird, um an einer bestimmten Stelle einen Schritt weiter zu kommen, (in einer konkreten Produktionsphase eines Projektes...) aber der Vorgang einer Konzentration setzt ja eine differenzierte Wahrnehmung voraus, folgt einer Forschung, einer Auseinandersetzung mit den zusammenhängenden Aspekten, die meistens mit einem vielfältigem Experimentieren verbunden ist, das Dinge abwirft, die woanders ihre Wirkung haben. Das Abschweifen, die Abwechslung in den Beschäftigungen ist ein Spielraum. Über den Umweg, also Distanz, gewinne ich neue Aspekte, die für das jeweils andere, das ich betreibe, entscheidend sind; Ich verlasse mich darauf, dass mein Blick sich auf dem Spaziergang das für mich Relevante ausgesucht hat und mich so lenkt, dass bei der Wiederaufnahme einer Sache, in der Kontinuität etwas Kohärentes entsteht.

Widersprüchlich erscheinen meine abstrakten Arbeiten, die formal minimalistischen Bühnenbilder – die „kargen“ werden sie in der Kritik genannt – und die konkret lesbaren Situationen, die sich für ein Moment darin herstellen lassen; oder die mehrdeutige Wortwahl neben der manchmal sehr direkten Aussagen in meinen Texten. Es ist genau dieser Widerspruch, der mich kontinuierlich beschäftigt. Die Sachen wirken unterschiedlich, da sie unterschiedlich Raum einnehmen und von anderer Dauer sind: Die Installationen und Skulpturen nehmen mehr Raum ein, sie sind in ihren Maßen und Verhältnissen variabel, da es bald neue Bilder gibt, die im weiteren Verlauf mit der Gegenwart besser korrespondieren oder ortspezifisch Bezug nehmen. Zeichnungen und Texte werden nicht wieder auseinander genommen, sie sind datierte Dokumente, in Strichen gefasste Gedanken, die zum Teil in Kombination mit neuen Gedanken, in neuen Zeichnungen wiederholt werden. 

La Dérive, Encore. 42 x 45 cm. Lackfolie,
Tape, Buntstift, Acryl auf Papier, Karton. 2009

O.T. 42, 5 x 32,5 cm. Lack, Bleistift , Acryl auf
Karton, Glas, Holzrahmen. 2009

ausreißer: Gibt es Themen oder wiederkehrende Momente denen Sie mit besonderem Interesse nachgehen?

connan: Wiederkehrend in meinen Arbeiten ist sicher der Vorhang und andere Oberflächen, die die Maskerade, die Verwandlung, die Täuschung thematisieren. Die Komposition der Bilder impliziert Kontradiktorisches, da sie aus dem Konflikt entstehen. Es geht um das Problem, nur in Ausschnitten sehen zu können. Um den Versuch, das Sichtbare und das Unsichtbare in Verbindung zu bringen; oder das, was scheinbar nicht zusammenpasst, zu verhandeln, so dass Unterschiede koexistieren können. Bei einer Veränderung zum Beispiel, mit dem Akzeptieren des neu Erschienen, des bisher Fremden, oder mit einem „reisenden“ Blick, der die Seiten wechselt, sich also in das Fremde hineinversetzt. 

hors d connan

Hors d' Œuvre du Dancing . 4,25 x 20 m . Semipermeable Spiegelfolie,  transparentes Klebeband, Holz, weiße Farbe, Leuchtstoff. 2008  (Detail-Ansicht)

ausreißer: Welche Form, welche Materialien verwenden Sie und hängt dies auch mit der jeweilig umgesetzten Thematik ab?

Dazu benutze ich Materialien, die entweder selbst changieren, oder ich setze sie im Kontrast zueinander, so dass die unterschiedlichen Qualitäten in einem fragwürdigen oder scheinbaren Widerspruch stehen. Die zunächst gegensätzlichen Adjektive des Objektes erscheinen manchmal unwahrscheinlich nah bei einander: Stabil und fragil, opak und transparent, fad und brillant, attraktiv und abstoßend wechseln sich zum verwechseln ab.

In den Texten geht es um die verschiedenen Facetten, die sich schwer in eine Figur oder in eine Einigkeit unterbringen lassen. So wie z. B. in „Das Zuwenig An Zuviel“ – ein Text, den ich mit Nadine Droste zusammen – unter dem Namen der mehrstimmigen Helga Sandra-Barbara – in einer Art Dialog geschrieben habe, in dem die Kreation der Identität und die Autorenschaft der Geschichte (angelehnt an der historischen Figur Johanna von Orléans) diskutiert wird, in Bezug auf verschiedene Wahrheiten in der Rezeptionsgeschichte.

Es geht darum, wie die Bilder entstehen, da sie Traditionen bzw. Konditionen folgen, so dass manche Facetten hervorkommen, und andere verborgen bleiben. Wie ein Stück Stoff, das zusammengeknüllt ist, und die Aspekte in den Falten für sich behält.

Wenn der Stoff entfaltet wird, gibt es die Möglichkeit, bisher ungesehene Aspekte an die Oberfläche zu bringen, den Stoff also in eine andere Form zu legen, darzustellen, neu zu falten. Er muss nicht zwangsläufig in den alten Abdruck der Falten zurückfallen, auch wenn diese als Spuren bleiben.


Hors d' Œuvre du Dancing. 4,25 x 20 m. Semipermeable Spiegelfolie, transparentes Klebeband, Holz, weiße Farbe, Leuchtstoff. 2008 (Detail-Ansicht)

ausreißer: Wirkt sich das auch auf die Art der Umsetzung aus?

connan: Ich benutze Kontraste in Material und Form, um den sinnlichen Zugang mit den Gedanken zu verbinden. Es gibt, wie gesagt, immer die verschiedenen Aspekte, die aus dem Perspektivwechsel resultieren. So liegt es mir nahe, mit dem Raum umzugehen: Bei einer Skulptur, kann man herumgehen, und das Bild aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten, so dass das Bild „mehrere“ ist. Bei der Arbeit an einem Bühnenbild versuche ich die eine Blickrichtung vom Zuschauerraum auf die Bühne zu brechen, indem sich die Bilder auf der Bühne von verschiedenen Seiten zeigen. Zum Beispiel mit Hilfe der Drehbühne, oder indem ich mehrere Bühnen herstelle, die auch außerhalb der eigentlichen, gegebenen Bühne verortet sein können.

Es gibt immer das Problem der kontemplativen Angelegenheit. Schon die räumliche Aufteilung von Bühne und Zuschauerraum stellt eine Trennung zwischen Spektakel und Zuschauern her, die ich bei jedem Projekt versuche aufzuheben. Es hat sich bisher doch etwas eingelöst, das anscheinend über die unüberwindbare „vierte Wand“ gelangt ist und das Publikum erreicht hat. Wenn ich an Graz denke, bei der Lulu, das Publikum war zu spüren gewesen, es hat teilgenommen.

Ich will ja mit dem Theater keine Bilder in den Köpfen anderer erzwingen, aber es soll eine Vision ermöglichen, die den eigenen Zugang zu den ungeklärten oder nur scheinbar geklärten Phänomenen schafft. Das, was man sieht, soll nicht von einem selbst abgeschnitten sein. Es muss einen Bezug geben, die eigene Existenz und die eigene Haltung sollen präsent sein.

Wie abstrakt soll der Bühnenraum sein, damit dessen Rezeption durch den Zuschauer zu einer weiteren Verortung führen kann, und wie konkret, dass eine Position erkennbar ist, zu der man sich verhalten kann?

ausreißer: Sie haben in u.a. in Hamburg und Wien Bühnenbilder für Theater und Oper entworfen und in der letzten Saison konnte man Ihr Bühnenbild zu Alban Bergs Lulu in der Grazer Oper bewundern. Welchen Bezug haben Sie zum Theater, zur Oper?

connan: Ich habe Freie Kunst studiert, zunächst mit Schwerpunkt Malerei, wobei ich sehr bald die flachen Bilder von der Wand in den Raum erweitert habe, also hin zur Bildhauerei. Ich habe irgendwann die verschiedenen Formen räumlich in einen Zusammenhang bringen wollen und habe die Bühnenbildklasse besucht. Die Vorstellung, die ich von Theater hatte, war anders als einige Einblicke in die Praxis im Theaterbetrieb, ich dachte eher im Sinne eines Künstlerkollektivs. Es gibt für die Organisation letztendlich doch die Aufteilung in Bereichen.

Ich hatte das Glück, mit Regisseuren zu arbeiten, mit denen der gemeinsame Prozess in der Konzeption ein offener ist, das heißt, dass wir uns gegenseitig einmischten und die Rollen im Denken von Raum und Spiel tauschten.

 bühnenbild lulu connan

Lulu . Bühnenbild Oper Graz ( Inszenierung: Johannes Erath). 2010 (Detail- Ansicht) mehr Bilder unter: http://www.oper-graz.com/pressegalerie.php?c_id=13180]

ausreißer: Unterscheidet sich die die Vorgehensweise bei der Planung eines Bühnenbilds stark von der bei anderen Projekten? Wie läuft die Arbeit - gebunden an ein Thema, in Zusammenarbeit mit Regie etc. ab?

connan: Alleine arbeiten bedeutet, die eigenen Ideen selbstverständlich umsetzen, unanhängig von anderen Setzungen. Es ist das Finden einer ganz eigenständigen Form für die Bilder und Gedanken, das Entscheiden über ihre entsprechende Verortung, Übertragung, Ausstellung, die komplett selbständige Organisation von Arbeitsprozess, Arbeitsplatz, Austausch, Ökonomie. Es bedeutet eine stärkere Konfrontation mit der eigenen Identität in Bezug auf die Gesellschaft. Es gibt keine Grenzen, außer die selbst erhaltenen, oder die selbst gesetzten.

Es gibt Themen, die ich mit anderen Künstlern teile, die zu Zusammenarbeiten jeweils im Duo geführt haben. Diese Arbeit ist ähnlich strukturiert, jedoch kommt der intensivere Austausch über ein Thema hinzu, der durch die verschiedenen Ansichten, etwas Drittes bildet. Ich finde den Wechsel zwischen dem alleine arbeiten und der Zusammenarbeit sehr gut, einen Raum für die eigenen Definitionen zu haben und einen für die gemeinsame Auseinandersetzung. Es ist auch schön, sich gegenseitig (aus-) zu halten.

ausreißer: Was geschieht auf dem Weg vom Entwurf über die erste Umsetzung bis hin zu den Endproben?

connan: Wenn ich mit einem Regisseur arbeite, gibt es einen merkwürdigen Rhythmus. Es ist wie ein verlangsamtes Ping-Pong-Spiel, in dem wir ab und zu gleichzeitig zuschlagen. Mit Johannes Erath [Anm. führte Regie bei Lulu] ist es ein vertrautes Gedankenspiel, da sich gemeinsame Sprachen entwickelt haben. Wir überlegen sehr genau, wie die Überschneidungen und die Unterschiede der Ideen und der Ästhetik in Raum und Inszenierung verteilt werden, in welchem Verhältnis sie zu einander stehen. Wir erzählen uns gegenseitig über das Stück, reden über den Text, die Musik, von unserem Eindruck. Dann trennen wir uns und ich beschäftige mich mit meinen Bildern, recherchiere über den Stoff. Ich suche dann nach einer formal klaren und mehrdeutigen Lösung. Sobald der Entwurf die Bilder gut trägt, zeige ich ihn und wir schauen, überprüfen zusammen ob das mit den Ideen für die Inszenierung hinhaut. Das Zusammendenken ist wie eine Verdichtung, eine der intensivsten Phasen. Die ähnlichen Bilder und die unterschiedlichen Bilder werden ausgetauscht und man baut ein gemeinsames Konstrukt.

Es ist eine besondere Herausforderung, die eigenen Themen mit dem Raum auf einer Bühne zu setzen, und sie zugleich für eine Inszenierung praktikabel zu machen, ohne dass sich Bild und Spiel im Wege stehen. Das Ergebnis sollte ja eine Potenzierung der Ideen auf verschiedenen Ebenen sein.

Das ist genau das, was mich immer wieder überrascht: Wie verschiedene Menschen mit ihren Bildern im Kopf etwas in eine Arbeit hineingeben, die eine komplexe Aufführung ergibt. Der Weg dahin ist ein kontinuierliches Diskutieren, Auswählen, Verwerfen, Entscheiden, Umsetzen. Eine Zeit, in der man partiell wahrnimmt, versucht im Zusammenhang zu denken, was irgendwann in einem Ganzen wirkt. Bis zum Schluss der Probenzeit wird kommuniziert, erweitert, gekürzt und im Detail weiter gemacht.

Das letzte Bühnenbild war für die „Lulu“ in Graz. Diese unfassbare Figur passt sehr gut zu meinen Fragen, und so habe ich einen Raum gemacht, der mit Projektionsflächen und Fragmenten konstruiert und dekonstruiert wird. Es gibt kein eindeutiges Bild von Lulu, sondern eher ein Prinzip der Verwandlung durch die Zeit, der Rezeptionsgeschichte und ihrer gesellschaftlichen Ansichten. 

connan 01

Tipi Zone A. Maße variabel, Lack und Öl auf Leinwand, Tape, Papier, Lackfolie, Holzlatten,
Keilrahmen. 2010 (Detail-Ansicht, in Zusammenarbeit mit Renata Palekcic Pasel)

connan 09

 Not Really White Cube. 337 x 823 cm /337 x 770 cm. Lack, Öl auf Leinwand, Tape auf Papier, Lackfolie. 2010 (Detailansicht, in Zusammenarbeit mit Renata Palekcic Pasel)

ausreißer: An welchen Projekten arbeiten Sie gerade? Was können wir in Zukunft erwarten?

connan: Ich arbeite an mehreren Ausstellungsprojekten. Einige davon sind auf längere Zeit angelegt, so dass zunächst Arbeiten kontinuierlich wachsen, und zu einem späteren Zeitpunkt – durch eine bestimmte Auswahl – Kontur bekommen. Einen Teil davon stelle ich als nächstes im Herbst alleine in Hamburg aus, ein Teil wird in Zusammenarbeiten platziert werden: Es laufen mehrere Dialoge mit anderen Künstlern, (wie z.B. in meinem Bildwechsel mit Renata Palekcic Pasel) mit denen ich zusammen ausstelle und performe. Parallel dazu läuft die Planung eines Raumes in Georgien, den ich mit Sophie Krayer zusammen organisiere, in dem wir Projekte u.a. auch kuratieren wollen.

 Les Vieilles Peaux . 46 x 43 cm . Perlen auf Latex hinter Holzrahmen. 2009

Mehr zu Katrin Connan finden Sie unter: http://katrinconnan.com/

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