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ausgabe #28. bericht. ulrike freitag

Konrad Adam

das ist alles gelogen.

 


Konrad Adam ist Maler. Er spricht mit mir über seine Bilder wie mit einem kleinen Kind. Aber das ist gut so. Und wie ein kleines Kind möchte man seine Bilder gerne berühren. Es sind großformatige Gemälde, auf denen die Struktur der Farben erkennbar ist, um die das Licht herum wächst, wie er sagt, und dass Technik eigentlich nichts beschreibt. Außerdem, dass alles was er mir heute erzählt, gar nicht wahr, gelogen ist; dass er morgen vermutlich etwas ganz anderes sagen wird. Also frage ich ihn nach seinen Motiven. Warum er malt, was er malt. Vielleicht sind die Bilder Erinnerungen. Nicht nur seine, solche die man hat, wie ans Älterwerden oder ans Kindsein.

Aber auch das sei eigentlich nur Unsinn, meint Herr Adam, denn erinnern und beobachten könne jeder. Vielleicht sind seine Bilder eher Hilfestellungen für Geschichten. Für ihn seien nur diese Geschichten interessant, was die Figuren miteinander verbindet und dass die Geschichten, die auf den Bildern sind, möglichst offen bleiben.

Warum seine Bilder großformatig sind, möchte ich wissen. Er könne nicht an den Bildern teilhaben, wenn sie klein sind. Aber so kann er mit ihnen schweben, eine Rolle einnehmen oder nur zusehen.
Es sei auch ein wenig wie bei dokumentarischen Formen, meint Konrad Adam. Nur dass dadurch, dass er die Figuren aus der Umgebung, in der sie sich bewegen, herausnimmt und woanders hinstellt, diese irgendwie frei im Raum fliegen, meistens nur mit ein oder zwei Horizontlinien, um eine bestimmte Flucht aufzubauen. Ansonsten versuche er, möglichst alles wegzulassen was diesen Eindruck nicht unterstützt. Und dadurch, dass alles sonst entfernt wird, verstärke es diese Präsenz der Banalität des Alltags. Dann sieht man es, dann nimmt man es wahr – wenn er nicht alles falsch macht. Aber auch das sei nur ein Trick.

Vielleicht habe seine Arbeit ja auch etwas von einem Vexierspiel, und wie realistisch man etwas bearbeite habe auch damit zu tun, wie viel Spielraum dem anderen bleibt, der es betrachtet, der auch einsteigen will, der durch diesen Spiegel durchgehen will oder durch diese Tür, deshalb auch die Größe der Gemälde.
Die einfachen Dinge, die die Figuren auf den Bildern tun, sieht er als eine Möglichkeit an dieser Geschichte teilzuhaben oder zumindest hineinzuführen, meint der Maler und wenn den Betrachtern verschiedene Dinge einfallen, dann scheine es zu funktionieren.

Oft ist es das was „übrig“ bleibe, dass das Geschehen anzeigt. Wie verwaistes Spielzeug auf einem Kinderspielplatz. Kinder hätten eben ganz andere Dinge im Kopf, als mit solchen Dingen zu spielen. Aber um dieses „Übrige“ zu sehen, müsse er die Möglichkeit haben „abzukühlen“, damit er Dinge gut wahrnehmen könne. Sonst sitze er immer auf demselben Eindruck.


Ebenso wie bei verwaistem Spielzeug, sei es auch mit jener ominöse Rutsche, die vor jedem Haus mit Garten stünde. Nur Kinder gebe es kaum, die damit spielen. Es ist eine ständige Verdoppelung, die verweise natürlich auch auf andere Dinge. Auf das Miteinander. Dieses Miteinander ist eine ganz zentrale Sache für Herrn Adam. Und doch, sagt er, jede seiner Figuren sei etwas Fremdes. Etwas, das da nicht hingehöre. Menschen, die nur zufällig aneinander geraten. Er habe sie gern zwischendrin, damit sie auch mitspielen, damit man sich selber auch wahrnehmen könne, ein wenig verschoben. Und das könne er nur über diese Form von Realistik, die seine Figuren haben und über die Geschichten. Diese seien der große Teil der Auseinandersetzung.
Ob es etwas Ähnliches sei, wie Geschichten zu erzählen, möchte ich wissen. Sprache sei ihm zu kompliziert, antwortet er. Auch beim Malen. Wenn er zuviel sagt, dann zerstöre er seine Bilder. Er müsse möglichst vorsichtig sein. Vielleicht auch ein wenig verschwommen. Das was man sieht, solle nicht zu eindeutig sein. Die Geschichten rund um seine Figuren interessieren ihn mehr, als nur kunstgeschichtliche Zitate zusammen zu tragen. Obwohl auch das spannend sei…

Und wie steht es mit Symbolik, sich Wiederholendem in seiner Kunst? Christliche Ikonographie habe bestimmte zwingende Figuren miteinander verschachtelt, meint Konrad Adam. Das sei soweit gegangen, dass schon jede Handhaltung ihre eigene Symbolik hatte. Und daran hat man immer wieder weitergearbeitet. Und so gesehen möchte er Ähnliches. Er sehe den Leuten zu und versuche dann auch so eine Art von Ikonographie zu schaffen, etwas, was sich wiederholt, etwas, dass durch diese Wiederholung auch immer wieder dieselben Dinge beschreibt. Wenn er Menschen beobachte, dann friere er manche Momente, die zeigen wie es ihnen geht, ein. Aber wenn es so ein Faktotum sei, wenn es dann wirklich so eine spezielle Figur werde, wäre das hinderlich, das schiebe sich dann zu stark in den Vordergrund, so dass nichts anderes mehr vermittelt würde, ebenso wie bei zu starke Realistik.

Ob es stimmt, dass er sich der Selbstvermarktung innerhalb des Kunstmarkts verweigere, möchte ich wissen und ob das der Grund ist, dass man kaum Berichte über ihn findet. Er sei wahnsinnig scheu, schon als Kind immer gewesen. Dass heiße wohl, er habe den falschen Beruf. Aber er male gern; also weiche er aus, wenn er kann. Das habe Nachteile. Aber die Dinge entstünden so oder so, auch ohne Zutun. Es sei eben nur so, dass, wenn man in derselben Zeit lebe wie jene, die die eigenen Bilder betrachten – zumindest jetzt sei das ja noch so – dann habe das, was jemand macht, auch Anteil daran, was man später erinnert.

Manche Bilder seien einfach ein Scherz, meint Herr Adam, während er den Katalog seiner letzten Ausstellung, den ich mir als Gedächtnisstütze mitgenommen habe, durchblättert. So wie bei dem Bild mit dem „Kampfhund“. Es sähe ja wahnsinnig gefährlich aus. Aber der Mann hat einen Anzug an, der ihn schützt und der Hund ist (perspektivisch) viel weiter vorne, der flöge ja am Mann vorbei. Eine völlig irre Darstellung. Es seien eben nur Versatzstücke, die zusammengefügt werden, sodass eine Geschichte, ein Schreckeffekt da ist, der eigentlich nur ein Reflex sei, den mancher dabei hat. Es sei eben ein Witz. Das meine er auch mit Vexierbild.

Ich frage ihn nach einem Bild, das mir einen Schreck versetzt hat. Kinder hinter Bäumen, eines von ihnen hat ein Messer in der Hand. Das sei ja nur das Küchenmesser von der Mama, lacht er. Das könne beim Betrachten auch Angst machen, unangenehm sein; aber nicht immer. Denn es habe ihn schon immer gegeben, den Krieg der Knöpfe. Die einen gehen voran, die anderen folgen, dann entwickle sich etwas ganz Furchtbares. Kinder seien wahnsinnig grausam. Wenn sich da einige zusammenrotten gegen andere, wäre es immer ganz schlimm; vor allem für den, der es abkriegt – aber auch für die anderen, die damit leben müssen. Es sei immer die Frage, wie weit es geht. Durchleben müssten wir das alle. Es gebe immer jemanden, der voraus geht, jemanden, der verschwindet in diesem Gefolge und jemanden, der assistiert. Wir könnten nur Killer oder Feiglinge sein. Wir seien alles, von allem ein bisschen. Deshalb tue man sich auch schwer damit, mit dem Finger zu zeigen.

adam_kind mit messer
männer kind kranz adam

Das sehe man auch auf einem andren Bild. Auch hier wäre ein solches Gefüge zu beobachten. Jemand der leitet, jemand der assistiert, jemand der zusieht. Er meine das auch nicht böse, es sei nur das, was er sehe. Und so füge er auch die Elemente zusammen, er beschreibe nur das was er sehe und nichts anderes. Nur, dass er es manchmal neu zusammenstellt. Wie bei den beiden Priestern. Sie stünden bloß nebeneinander, aber normalerweise träfen sie ja nicht aufeinander, denn sie haben jeder ihre eigenen Schäfchen. Auch das sei eigentlich eine Ausnahmesituation. Er nimmt sie aus ihrem üblichen Umfeld und stellt sie dann gegenüber. Es sei also neu zusammengesetzt, aber keine Erfindung. Nicht einmal seine Wolken seien Erfindung, er klaue sie sich direkt vom Himmel.

Ich erzähle davon, dass eine Freundin beim Betrachten seines Kataloges beobachtet hat, seine Figuren würden einander so gut wie nie ansehen. Die Menschen selber hätten ja auch wenig miteinander zu tun, antwortet er. Auch das sei so ein bisschen etwas Herausgefallenes, auch ein Spiel mit dem Betrachter. Aber es gebe auch Bilder, an denen der Betrachter selbst Anteil habe. Bei seiner Variante der Jagdgesellschaft? Ja, da habe der Betrachter Anteil. Er sei schon drin im Bild. Aber darf er da überhaupt mitmachen? Oder braucht man eine bestimmte Vorstellung, um das zu tun? Das Medium erzwingt auch etwas, wenn man bei diesem Bild reingehen möchte, dann müsse man in diesem Fall auch inhaltlich mitspielen. Hier habe man seine Waffe schon mit. Man wisse nur noch nicht, was weiter passiert, erläutert Herr Adam in gespielt bedeutungsvollem Ton.

Grausam sei ein anderes Bild. Seine Cheerleaderinnen. Diese Aufschlichtung von hüpfenden Mädchen, die im Moment gerade gelangweilt seien, weil die Jungs nicht weiter machen, was auch immer sie gerade täten, und die Mädchen daher in Wartehaltung verharren. Aber später kommen dann wieder ihre akrobatischen Einlagen. Hier interessiere ihn mehr das Weibliche und das Männliche. Es gebe ja ganz typische Haltungen, die man – egal wo – immer wieder sehe. Aber es gehe eher darum, was tut wer? Warum macht wer was? Das sei sein Spaß. Was sonst jemand denke, beim Betrachten, wisse er ja nicht.

Was er von Galerien und Museen hält, frage ich ihn. Zu Galerien falle ihm nichts ein. Das verstehe er nicht. Sie seien einfach nur Häuser mit Dekorationsgegenständen, herausgeschnitten aus der Zeit. Da bewege man sich nicht in der natürlichen Welt. Am liebsten sei es ihm, wenn seine Bilder in einer fast öffentlichen Form da sind. Nicht museal. Je banaler ein Ausstellungsort, desto besser. So wie dieses Aquarium neben dem wir sitzen, so müsse man auch in den Bildern ein wenig mitschwimmen. Man habe dann so ein riesiges Teil, durch das man in ein anderes Medium hineingelange. Es habe so etwas Verspieltes, wenn Bilder dort hängen, wo die Menschen schon sind, woran sie vorbeilaufen, wo sie nicht so staunend davor stehen müssen. Es sei besser durch Bilder Anteil zu haben am Alltag. Wie durch einen verschwommenen Spiegel, wir seien auch darin, nur anders herum, so ähnlich funktionieren Bilder. Aber das sei dann doch eine schlechte Metapher, lacht er.

Ob er auch darum am Salzburger Art Hotel mitgearbeitet hat oder seine Bilder auch in Büroräumen oder Buschenschänken ausstellt? Ja, denn in diesem Fall sehe es so aus, als ob die Figuren in den Bildern auch dort sein, dort arbeiten würden, durch die Größe der Bilder wirken sie fast wie zusätzliche Räume, die sich öffnen. Das sei schön.

Ulrike Freitag

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