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ausgabe #27. "evi lemberger". evelyn schalk

evi lemberger

subtile einblicke


Die Arbeiten der vielseitigen Fotografin sind in den unterschiedlichsten Facetten präsent. Vorwiegend sind es Fotoserien, die sie publiziert und die sowohl im journalistisch/dokumentarischen – wo sie sich selbst primär verortet – als auch im künstlerischen Kontext funktionieren. „Kommunikation und Recherche“ sind ihr wichtig – und das merkt man den Ergebnissen auch an. Immer zeigen sie mehr als bloße Abbildungsoberflächen, vermitteln über das Einzelbild hinausgehend Zusammenhänge, die sie über die ästhetische Ebene ebenso kommuniziert wie in der unmittelbaren Objekt-Auswahl.


Für ihre Abschlussarbeit am London College of Communication kehrte sie an die Orte ihrer Kindheit im Bayrischen Wald zurück und porträtiert in Between then and now Menschen, Gegenstände, Landschaften, kurz Lebensfragmente einer ländlichen, bisweilen archaisch anmutenden Welt, die gleichzeitig das Aufeinanderprallen von Einst und Jetzt verdeutlicht. Nirgendwo wird dies so augenscheinlich wie bei Alltagsgegenständen. Auf den ersten Blick unspektakulär ins Bild gesetzte Szenerien, die mitunter wie Bühnenbilder eines traditionellen Theaterstückes anmuten – doch dieser erste Eindruck wird durch subtile Implikationen konterkariert. Alter spielt in dieser Arbeit eine wichtige Rolle, alle Personen scheinen genauso lange zu bestehen, wie die Landschaft und die Räume, die sie umgeben. Sie wirken einerseits zerbrechlich, unbeholfen vor der Linse. Doch gleichzeitig von einem Selbstverständnis, das Fragen nur durch das unmittelbare Hinschauen aufwirft.

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Kaum nostalgische Patina, durch die Fokussierung von festgefahrene Traditionen und Hierarchien wird einer Folklorisierung entgegengewirkt. Auch dies funktioniert vor allem auf der Ebene der alltagsgegenständlichen Objekte, Randerscheinungen, die akzeptierte Gewohnheiten illustrieren und Überlieferungen austapezieren. Hirschgeweihe prägen Innenräume, erstarrte Blicke, Holztische, dunkle Wandteller.

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Dann wieder die Ironie in der Serie „Gruppenbild mit Dame“, ein Kleiderbügel an einer Vorhangstange, auf dem Stoff Geschirrzeichnungen – Versatzstücke. Oder wenn eine weiße Kugellampe wie gerade ausgepackt nach einem Einkauf im Möbelhaus auf einer Couch Platz nimmt. Das Licht hingegen dringt durchs Fenster. Ein hingeworfener Ball, scheinbare Leichtigkeit, ein Lächeln in abgenutzten Zimmern.

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Überbleibsel ziehen sich durch die Bilder, von Mensch und Natur, Verhältnisse beredt abbildend.

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Vergänglichkeit, die sich an Gegenständen ablesen lässt, Naturrhythmik, die nur von außen wirksam wird, aber auch Unentrinnbarkeit.

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Während Between then and now Erinnerungsfetzen einer „verschwindenden Welt“, wie Lemberger sie charakterisiert, festhält, widmet sich Der Nachsommer (ein Titel, der Ähnliches nahelegen würde), dem genauen Gegenteil. Der Blick auf eine Jugend in Moskau, eine Stadt von permanenten Veränderungen und zugleich starren Strukturen (hier sind sie wieder, wenn auch in gänzlich anderem Kontext). Lemberger leuchtet die Bewegungsräume der Jugendlichen aus, wirft Blicke hinter die Kulissen von Lokalen und Galerien, blendet Details ein wie etwa im Club Duma und arbeitet mit unterschiedlichen Perspektivierungen und fast ausschließlich im (sogenannten) öffentlichen Raum.

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Auch hier prallen Gegensätze aufeinander, die Lemberger durchs Objektiv nicht neutralisiert, sondern zusätzlich Zwischenräume fokussiert.

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Metro-Stationen sind ebenso großstädtische Durchgangs- und Aufenthaltsräume wie Brücken, Hinterhöfe und Gehsteige.

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Mal crasht eine Graffitti-Wand das Bild in satten Farben, sodass motivisch kaum unterscheidbar ist, ob es sich tatsächlich um eine solche handelt oder hier nicht vielleicht doch ein Bild von einem Bild, etwa in einer Ausstellung, sorgfältig in den Rahmen gesetzt wurde – was nicht einer gewissen Ironie entbehrt, wurde das Foto mit der Fight Club-Nennung schließlich in der Metro Arabat, der Zufahrt zur Moskauer Künstlerstrasse, aufgenommen.

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Dann wieder kühles, weißes, beinah steriles Mauerwerk, auf dem der Schriftzug MOST in schwarzen, die Buchstaben einfassenden Linien prangt. Aufgenommen am Art Strelka-Areal – die dortigen ehemaligen Lager- und Betriebshallen der Schokoladenfabrik ‚Roter Oktober’ wurden 2004 in ein Galerien-Projekt umgewandelt. Most auf einer der weißen Wände – der, neben anderen, federführend beteiligten Künstler Wladimir Dubosaki sieht in dem Projekt einen Schritt zur förderlichen Entwicklung von Beziehungen zwischen Geschäftswelt und zeitgenössischer Kunst…

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Da dreht sich das Schattenkarussell…

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Strelka bedeutet übrigens übersetzt nicht nur „kleiner Pfeil“, womit eine weitere Wandaufschrift spielt, sondern war auch der Name eines der russischen Weltraum-Hunde an Bord der Sputnik 5, die ersten auf Erden geborenen Lebewesen, die lebend aus dem Orbit zurückkehrten.

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Wenn sie Footballwomen porträtiert, fächern die Fotos tatsächlich den ganzen Assoziations- und Fragebogen von männlicher Gestik, weiblicher Übernahme und Entgegenstellungen, Sport und Körperbeziehungen, Identitäten zwischen kollektiv und Individuum sowie die wirkungsvolle Ästhetik von Spielfeld, Dressen, Pose auf.

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Und dann wären da noch die Aufnahmen aus Spanien und Portugal, wo sie beinahe enttäuscht war von den ausgetretenen Pfaden und sich mit der Kamera auf die Suche nach Seitenwegen begab. Gefunden hat sie Motive, die genau dieses Verhältnis zum Ausdruck bringen. Die Frage nach Zentrierungen. Wie majestätische Aquädukte spannen sich die Bögen der Autobahntrassen durchs Bild unter einem Wolkenhimmel und Gräsern, die auf kargem Sand stur ihr Auskommen suchen. Filmkulissen. Verläufe von Verbindungen und Verkehrswegen, Ebenenstapelung, Fragen nach Blickzentrierungen.

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Wirkt manches auf den ersten Blick leicht zuordenbar, schnappschussmäßig, offenbart es auf den zweiten genau jene Diskrepanz, etwa zwischen Tourismusklischees und tatsächlichem Background, Bauboom und Umweltfolgen, Landschaft, Lebensraum. So auch der Baukran, wie er über dem Fischkutter in den Himmel ragt, eine trügerische Als-Ob-Freiheitsstatue, die ihre Erstwirkung nicht verfehlen mag, die Infrastruktur die sie überragt, bringt sie aber gleichzeitig zum Verschwinden.

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Entwicklung, Vergänglichkeit, Zukunft – Evi Lemberger macht Verläufe auch in Einzelbildern deutlich, sie arbeitet augenscheinlich an ihrer eigenen visuellen Sprache und wird durch die gleichzeitige inhaltliche Vermittlung sowohl künstlerischen als auch dokumentarischen Ansprüchen gerecht.

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Evi Lemberger, geboren 1983 in Bayern, Studium an der Academy of Visual Art in Leipzig und dem London College of Communication, zahlreiche Gruppen- und Einzelausstellungen, u.a. Bayrischer Pressepreis 2008.

Evelyn Schalk

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