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Glänzende Bruchstücke, trügerischer Oberflächen

Carla Bobadilla


Die intensiven Farben nimmt man als erstes wahr, wenn man Carla Bobadillas Arbeit De primera selecciòn betrachtet. Pralle Formen, die ins Auge springen, glänzende Oberflächen. Doch genau darum geht es. Denn was diese scheinbar einheitliche Bruchlosigkeit tatsächlich ausmacht, offenbart eben die künstlerische Betrachtung, indem sie jene Strukturen aufdeckt, die Realitäten schaffen, gänzlich unterschiedliche nämlich, aber in kausaler und hierarchischer Abhängigkeit voneinander. Glatt poliert für den Blick allerdings, der darauf konditioniert ist, an der Oberfläche abzugleiten und dieser Konditionierung bereitwillig nachkommt. In

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Einladung für die Ausstellung/ Invitación para la exposición De primera selección, 2003


De primera selecciòn geht es um die Verteilung von Waren – und damit um Machtverhältnisse.
Es sind vor allem Früchte, die die Länder Süd- und Lateinamerikas in den Norden exportieren. Mit ihnen wird einerseits auch jene Exotik transportiert, die hierzulande gerne als Projektion für Sehnsuchtsorte postkolonialistischen Zuschnitts instrumentalisiert wird, während andererseits der Reichtum der sogenannten Ersten gegenüber der Armut der sogenannten Dritten Welt auf eben diese ungleiche Machtverteilung gebaut ist und entgegen so mancher Beteuerung kontinuierlich zementiert wird. Nach dem Motto Unterschied muss sein... Darauf bezieht sich De primera selecciòn. Für die Erste Welt nur die erste Wahl, primera selecciòn eben. In den Süden werden umgekehrt tonnenweise Second Hand Klamotten von Caritas & Co. „exportiert“. Was in Europa abgelegt wird, ist für die Slums des Südens noch lange gut genug. In Säcken gebündelt wird die Kleidung auf Reisen geschickt, wobei die Farben der Verpackung diese auch gleich kategorisiert: Blau für Männer, Rot für Frauen, Gelb für Kinder. Diese gefüllten Säcke setzt Carla Bobadilla in direkte Beziehung und unmittelbare Nähe zu den Obst-Fotografien. Der Gleichklang der Oberflächen wird frappant verdeutlicht, des Plastiks und der Früchte...
Im zweiten Teil der Arbeit wird der Zusammenhang der Warenströme auch sprachlich sichtbar gemacht. Deutsche Worte für den Weg der Waren Richtung Süden: auf Konsum folgt Entsorgung in Form von Konsum zweiter Wahl; spanische für den umgekehrten Weg: produzieren für den Konsum anderer. Und immer geht es um Auswahl, Selektion, Zuordnung, die sich über Generationen spannt und Menschen kategorisiert und in ihren Positionen festschreibt – Blau, Rot, Gelb.

Von der Tragweite der Verhältnisse

Immer wieder kommt Carla Bobadilla in ihren Arbeiten auf diese konstituierenden Zusammenhänge zurück (etwa in Fruteros, wofür sie Obstschalen – das Motiv biedermeierlicher Stillleben schlechthin – in „gutbürgerlichen” Haushalten fotografiert und so ihrer Wirkung und Funktion ebendort nachspürt).


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Gelb-Mispel/ Amarillo-Níspero, 2003


In Cargar (Tragen) konterkariert sie die Leichtigkeit der Installation und ihres Materials (Plastiksackerln, also die Hülle) mit dem Gewicht des Inhalts. Doch noch weitere Gewichtungen spielen hier eine Rolle: „Im Unterschied zu den Plastiksackerln der Supermarktketten, der großen Warenhäuser und der international bekannten Boutiquen haben die Sackerln, die in den lokalen Wochenmärkten benutzt werden, eine wesentliche Eigenschaft: es fehlen ihnen Logo und Werbung. Es scheint, als sei einzig ihre dünnhäutige Transparenz ihre kommerzielle Identität.” (Mit Strukturen von Industriebetrieben hat Carla Bobadilla sich in ihrem schwerpunktmäßig fotografischen Werk ebenso auseinandergesetzt wie mit kleinen, spezialisierten Unternehmen rund um die Welt. Orte, die einladen sind Arbeitsorte und -plätze in kleineren, spezialisierten Unternehmen rund um die Welt, wobei Bobadilla auch deren Wirkung auf das lokale wirtschaftliche Gefüge, also in erster Linie die dadurch entstehende Infrastruktur für die Bevölkerung mitdokumentiert.)


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Komm rein! / Adelante!, 2003


Diese sozial und gesellschaftlich hierarchischen Zustände bedingen noch ein weiteres Ungleichverhältnis: jenes der Geschlechter. Immer wieder setzt Bobadilla sich mit der Position und den Lebensrealitäten von Frauen auseinander. Komm rein! thematisiert in seiner visuellen Gestaltung die ökonomische Abhängigkeit, in die kapitalistische, sich beinahe ausschließlich über Konsum definierende Gesellschaftsstrukturen Frauen treiben und profitablerweise ebendort halten. Weltweit wird der weiblichen Hälfte der Bevölkerung auch noch im 21. Jahrhundert die tragende Rolle in Sachen Nahrungsversorgung zugeschrieben – und zwar im wahrsten Sinn des Wortes. Und so sieht man Frauen mit Einkaufssackerln beladen im öffentlichen Raum und ebenso auf Bobadillas Fotos – doch diese gehen nicht einen, sondern viele Schritte weiter. Die abgebildete Frau (übrigens immer dieselbe) trägt nicht nur Einkaufstaschen unterschiedlicher Supermarktketten herum, sondern trägt dabei Pantoffeln, die aus exakt den gleichen Plastiksackerln geflochten sind, durch die Straßen, vorbei an Portalen, Mistkübeln, auf Parkbänken. Auch eine Form der Privatisierung von Öffentlichkeit und Kapitalisierung des Privaten – was sich zeigt, sind die Folgen: Frauen werden zu Marken-Trägerinnen, doch nicht Luxuslabels sind es, über die die Definition der eigenen Identität erfolgt, sondern jene von Supermärkten und Diskontern. Wer kann sich was leisten und wo reduziert sich das Leistbare auf das (Über)Lebensnotwendige? Hier ist sie wieder, die Selektion...

entfesselnd entgegenarbeiten

Ein wenig spielt Bobadilla in dieser Arbeit auch auf das gängige Bild von Migrantinnen in der Öffentlichkeit an, subtile Ironie schwingt hier mit, die jedoch vor einem äußerst ernsthaften Hintergrund operiert. Mit Vorurteilen und Schubladisierungen hat die in Valparaìso in Chile geborene, in Wien lebende und leidenschaftlich reisende Künstlerin hinreichend Erfahrung, ebenso mit der Projektion von Exotismen – sowohl im Alltag als auch im Rahmen ihrer künstlerischen Tätigkeit. Der eurozentristische Kunstbetrieb ist da keine Ausnahme, im Gegenteil. Der Faktor Arbeit repräsentiert einen weiteren zentralen Aspekt in Bobadillas künstlerischer Strukturanalysen und Decouvrierungen.

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Die Ernte/ La cosecha, 2006, Illustration: Padma Bahtt


Die entscheidenden und sichtbar bewusst zu machenden – groß zu schreibenden (!) – Grundpfeiler bilden den Titel G.P.F. Dieser lautet vollständig Die Geographie von Frauen in der Produktion und verweist gleichzeitig auf die Bedeutung, Partizipation einzufordern – und zwar nicht nur in puncto Verteilung, sondern genauso innerhalb der Produktion. Vor allem Frauen sind es, die mehrheitlich in der Obstbranche im Süden arbeiten, fast immer in Saisonjobs und viel zu schlecht bezahlt. Doch Einkommen heißt Macht, auch und gerade innerhalb der Familie, was wiederum den Saisonarbeiterinnen mehr Einfluss und eine Veränderung des traditionellen Rollenbildes ermöglicht. Ihre Armut, ihre Anstrengungen und deren Folgen wird man den Früchten nicht ansehen, die nach Europa und in die USA geliefert werden, nur die erste Wahl...


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Die Ernte/ La cosecha, 2006, Illustration: Padma Bahtt


Gegen Fesselungen durch Konsum und überkommene Rollenklischees, wie sie sie auch in Ferne Besessenheit thematisiert, stellt die Künstlerin eine ganz andere, eigenständige und kraftvolle Arbeit. Mit Wünschen und Realitäten setzt Carla Bobadilla sich in Ekeko auseinander.

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Ferne Besessenheit/ Ajenas obsesiones, 2005

Die Arbeit Ferne Besessenheit besteht aus Bildern, wie sie die Polizei an Tatorten aufnimmt und zeigt Frauen in Opferpositionen von Gewaltverbrechen. Die Besonderheit dabei: Sie sind an Händen und Füßen mit Streifen von Plastiksackerln gefesselt oder auch geknebelt. Damit bezieht sich die Künstlerin zwar auf reale Vorfälle (die Opfer wurden tatsächlich so zugerichtet gefunden), bricht aber diese zugeschriebene Opferrolle ironisch und rührt damit an einem Tabu, einem Dogma, das medial nicht mal als solches benannt, sondern weitestgehend unhinterfragt befolgt wird: Die Vielschichtigkeit, die Ironie der Kritik ermöglicht ohne sie zu verharmlosen, sondern im Gegenteil Sollbruchstellen sichtbar zu machen in einer Welt, deren Konsumgötzen nur insofern ernst genommen werden können, als dass sie manifeste und dramatische Auswirkungen auf das soziale Gefüge und jedes einzelne Individuum haben. Ebenso verhält es sich mit biologistischen Rollenklischees. Deren gewalttätigen Inhalt jedoch zeigt Bobadillas Arbeit und rückt diesen unausweichlich ins Bewusstsein.

Wenn das Wünschen (nicht) hilft

Im Gegensatz dazu geht es bei Ekeko um das genaue Gegenteil: Wünsche und deren Umsetzung. Ekeko bezeichnet eine aus der Andenregion stammende Figur und ist ursprünglich ein Gott der Aymara, einem indigenen Volk Südamerikas.

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Ekeko, 2007 / Co-Künstlerin: Carla Degenhardt


Dargestellt wird er in Form eines kräftigen Mannes, der alles, was er zum Leben, zum Glücklichsein braucht, also alles, was er sich wünscht, mit sich herum trägt. Diese Figur gibt es in unterschiedlichen Darstellungen. In ländlichen Gegenden sind es vor allem Lebensmittel und Geld (bezeichnenderweise US-Dollars), die er mit sich herumschleppt, in den Städten kommen nicht nur Haushaltsgeräte, sondern sogar Autos und ganze Häuser dazu. Überall jedoch fungiert die Figur als Glücksbringer. Carla Bobadilla eignet sich diese Figur an, abstrahiert und transformiert sie als Künstlerin, gleichzeitig als Frau, als Migrantin, als Reisende. Längst geht es nicht mehr um die tradierte Symbolik für ein transzendentes Glücksversprechen, um passiven Aberglauben also, sondern im Gegenteil – Carla Bobadilla IST ihr eigener Ekeko, in Person! Sie selbst ist diejenige, auf deren Kräfte sie sich zur Durchsetzung und Erfüllung ihrer Wünsche verlässt, verlassen musste und muss. „Das Libre-Schild ist eines der wichtigsten Stücke dieser Performance”, betont die Künstlerin. Dieses war einst auf ein Taxi-Dach montiert – leuchtende Buchstaben bedeuten FREI.
Entgegen jedem neoliberalen Mythos hängt es keineswegs nur vom eigenen Wollen ab, ob und in welchem Ausmaß man Wünsche umsetzen kann, sondern ganz massiv von der Umgebung, den Verhältnissen, der Gesellschaft in der wir leben. Gerade Frauen, gerade Migrantinnen wird es nur allzu schwer gemacht, sich auch nur die geringsten und notwendigsten Wünsche, ja Notwendigkeiten zu erfüllen – Dinge, die für so viele andere Selbstverständlichkeiten sind.


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Ekeko, 2007, Co-Künstlerin: Carla Degenhardt


Dass Realitäten veränderbar sind, Wünsche und Utopien realisierbar und Widerstand gegen die vehementen Ungerechtigkeiten keine Frage des Könnens oder Wollens ist, sondern schlichtweg unausweichlich, ist Inhalt von Luchin. Mit Volksschulkindern in Linz hat die Künstlerin gearbeitet und „konnte sich nicht anders entscheiden”, als sich mit Victor Jara, den Texten und der Musik des Widerstandskämpfers gegen Pinochet im Chile der 1970er Jahre auseinanderzusetzen und die bis heute aktuellen Inhalte weiterzuvermitteln. Das Lied Luchin handelt von einem kleinen Jungen, der in den ärmlichen Arbeitersiedlungen von Santiago de Chile lebt. Die Poesie Jaras konterkariert dabei mit der Härte der Realität und lässt keinen Zweifel zu an der Notwendigkeit, zu Handeln und eine Realität zu schaffen, die allen dieselben Chancen einräumt. Dementsprechend ließ Bobadilla die Kinder den Text von Jaras Lied selbst realisieren: Mit verschiedenen Materialien, allesamt aus dem alltäglichen Gebrauch, schufen sie Figur, Landschaften und Protagonisten des Textes, mit ihren eigenen Händen…

Evelyn Schalk


Mehr zu Carla Bobadilla auf www.carlabobadilla.at

In Graz ist die Ausstellung Ekeko – Verkörperung der Wünsche noch bis Ende März im Afroasiatischen Institut in Graz zu sehen. Mitte Mai ist Carla Bobadilla beim Festival Soho in Ottakring in Wien vertreten.



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