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ausgabe #31. kolumne. evelyn schalk

Mind Migration

 Hansel Sato

 

Hansel Sato begnügt sich nicht mit künstlerischen Einzelstatements, seine Arbeiten gehen vielmehr gesellschaftlichen Strukturen und Systemen in ihren komplexen Ausprägungs- und Wirkungsweisen auf den Grund, enttarnen sie, um in der Folge aus der ganzen Bandbreite der ihm zur Verfügung stehenden ästhetischen Mittel Widerstand und Redefinition zu leisten. Eingefahrene Denkmuster, Stereotype – Sato weigert sich, diese zu akzeptieren, ihnen erklärt seine Kunst den Kampf. Dabei spielt er furios auf der Kreativklaviatur ästhetischer Möglichkeiten; Dekonstruktion und, oft bittere, Ironie schließen einander in seinen Arbeiten nicht aus, sondern verstärken wechselseitig ihre Wirksamkeit.

 

Großformatig und farbintensiv sind die Bilder, die vor mehr als zehn Jahren unter Ausstellungstiteln wie Die Einsamkeit der Spiegel oder Warten auf Godot gezeigt wurden. Surreale Traumsequenzen einerseits, andererseits die Fokussierung jener Teile urbaner Räume, die im Alltag dem Blick entzogen werden, aber nichtsdestotrotz Charakteristika des modernen Großstadtlebens darstellen. Gleichzeitig entziehen die Motive den Orten ihre Funktion und lassen sie, zu teils klaustrophobischen Räumen mutieren, die einzig durch die Geometrie ihrer Darstellung, den (extremen) Fluchtpunkt definiert werden. Es sind Raumbildnisse, die immer den Blick von außen wiedergeben, einen Ausschnitt zeigen und dem Betrachter dieses Fenster auch bewusst vor Augen führen, damit die Eingeschränktheit seines Blickes thematisieren. Schubladisierungen und Zuschreibungen werden so schon Mitte der 1990er Jahre für Hansel Sato zum Thema. Denn was für Räume gilt, gilt auch für Menschen. Sie sind es, die diese schließlich definieren – oder (in der Folge) von ihnen definiert werden. Die Figuren wirken oft wie nebensächlich, oder vielmehr verzweifelt ob der räumlichen Übermacht, die sie jedoch gleichzeitig akzeptieren. Eine Akzeptanz, die später aus den Arbeiten Satos weichen wird. Personen als Statisten einer nicht (mehr) vorhandenen, sondern lediglich durch die Gewohnheit applizierten Funktionalität, die durch die vorgeprägte Perspektive – und damit Erwartungshaltung – des Betrachters manifestiert wird. Der Blick von außen, Denken nach vorgefertigten Mustern – die Bilder Satos machen die Einschränkung dieser Wahrnehmung sichtbar und widersetzen sich im selben Moment ihrer Erfüllung.

 
Toilette 2, Öl auf Leinwand, 1998, 90 x 160 cm

Bewegung und Geschwindigkeit spielen ebenfalls eine entscheidende Rolle. Sie prägen auch als solche statische Räume, womit der Künstler auf die Bedeutung – und Definitionsmacht! – dessen, was sich in ihnen abspielt, verweist. Der Supermarkt ist auf den ersten Blick nicht von einem Fabriksfließband oder aber auch einem rasenden Vergnügungsparkkarussell zu unterscheiden (Auf Hoch- (oder in diesem Fall wohl eher Tief-)schaubahnen verwiesen fühlt man sich auch bei den Kloake-Bildern, die Massen dessen, was eine Stadt so auswirft, wegspült, unterspülen sie gleichzeitig, sie sind nicht weniger systematisiert, ein System jedoch, das für die Augen der Bewohner meist unsichtbar bleibt, mit dem sie aber, ohne es sich zu vergegenwärtigen, immer verbunden sind und das von ihnen gespeist wird. Auf den Bildern wird eine mögliche Eigendynamik dieser untergründigen Kanalisierung von (Wasser)Massen, also letztlich Naturgewalten, nicht ausgeschlossen, sondern bleibt vielmehr als Bedrohung präsent).

Vor allem letztere Assoziation wird durch die grelle Farbgebung hervorgerufen, Konsum vom Fließband, Konturen, die verwischen und die Exaktheit der Produktion unterlaufen. Supermarkt, es geht längst nicht mehr um das Was – die Theke ist leer, keine Waren zu sehen, nur gefletschte Hundegebisse – sondern einzig um die perfekte Integration des Ablaufs ins System.  Mit ähnlichen Motiven spielt später auch ein Teil der Arbeit Escape from Paradise

 

 Supermarkt, 2004, Öl auf Leinwand, 100 x 125 cm

Escape from Paradise 1, 2006, Öl auf Leinwand, 110 x 230 cm

Oberirdisch werden Geschwindigkeit und Wahrnehmung etwa in Währinger Gürtel thematisiert, der Blick aus dem Autofenster auf die Nachtclubs, der Titel setzt Ortskenntnis voraus, Bordellmeile, Sex, Konsum, Tempo. Im Hintergrund die Schemen einer nackten Frau in einer Auslage, doch nicht in der aufreizenden Pose werbender Prostituierter, sondern zurückgelehnt, halb sitzend, halb liegend, mit angewinkelten Beinen. Konturlos werden die Reklametafeln und Leuchtschilder der Lokale zitiert.

Verschwommene Wahrnehmung, das Fehlen eindeutiger Zuordnungen, kommt aber auch in anderen Kontexten zum Einsatz. Das Bild Flüchtling verzerrt die Landschaftsidylle (die eine hierarchische und nur für jene existierende ist, die sich ihrer Position gewiss sind, privilegiert (aber gleichzeitig erstarrt) zum Verweilen und Betrachten) von grünem Wald und grasender Kuh in extremer Untersicht zur Bedrohung, die durch Verfolgung erzwungene Fluchtbewegung führt zum Verlust von Wahrnehmungs- und damit Orientierungsfähigkeit und mündet in Desorientierung und Angst.

 
Flüchtling, 2004, Öl auf Leinwand, 150 x 210 cm

An die selbe Thematik schließen auch die beiden Bilder Die Grenze und Die Schiffbrüchigen an. Signifikanterweise gleichen sich die beiden in Aufbau und Farbgebung, wieder schaut der Betrachter durch ein Fenster, das Zielfernrohr oder Schiffsluke sein kann und ist. Soldaten mit Maschinengewehr im Anschlag oder Ertrinkende – Über/Leben eine Frage der Perspektive… Oder dessen, der sie einnimmt.

 

 Die Grenze, 2004, Öl auf Leinwand, 100 x 125 cm Die Schiffbrüchigen, 2004, Öl auf Leinwand


In seiner Arbeit Festung Europa nimmt Hansel Sato die zum Fixbegriff avancierte Verbindung wörtlich und setzt sich u. a. mit den Wiener Flaktürmen auseinander. Dabei wirft er einen analytischen Blick hinter die Betonfassaden, leuchtet psychologische und symbolische Funktionen der NS-Bauten aus und legt deren aktuellen Kontext offen. Sato verweist auf die hierarchisierende Funktion der Bauwerke, die dem bürgerlichen Stadtkern und seinen Bewohnern mehr Bedeutung zumisst als den Massenquartieren der Vorstadt, denn als Luftschutzräume „wären sie in Ottakring oder Hernals, wo es eine nicht annähernd so umfangreiche Unterkellerung gibt, zweckmäßiger gewesen.“ Schutz und Kontrolle, moderner Mauerbau und Rassismus, wer ist willkommen und für wen wird die Festung Europa zur unüberwindbaren Bastion? BeWertungen der Ware Mensch…

http://www.hanselsato.com/de/bilder2005.html

Mit Schubladisierungen und Vorurteilen hat Hansel Sato Erfahrung – und begegnet ihnen mit immer neuen Reflexionsformen. Der Künstler, der als Sohn einer peruanischen Mutter und eines japanischen Vaters in Tujillo, Peru geboren wurde, studierte in Lima Malerei und Grafik und kam vor zehn Jahren mit einem UNESCO-Aschenberg-Stipendium nach Österreich, wo er seinen Abschluss an der Akademie der Künste in Wien machte. Während seiner Tätigkeit als Guide bei der documenta12 in Kassel bemerkte er, dass manche der Besucher überrascht, sogar skeptisch reagierten, dass jemand nicht-europäischer Herkunft ihre Tour leitete. Sato startete ein Projekt, im Zuge dessen er sich abwechselnd als Peruaner, Japaner oder Österreicher vorstellte, Auftreten, Kleidung, Wortwahl, Tourverlauf jedoch nicht veränderte. Prompt wurde je nach genannter Nationalität mit unterschiedlichen Zuschreibungen reagiert, wobei der Künstler nach ca. der halben Zeit die Besucher über seinen Versuch in Kenntnis setzte und mit ihnen darüber diskutierte. Nicht alle waren begeistert, vom Subjekt des Ausstellungsbesuchers quasi selbst zum Objekt der Studie geworden zu sein, das Bewusstsein für die unreflektierte Wiedergabe von Stereotypen war jedoch geweckt und auch die vorgestellten Kunstwerke wurden unter diesem Aspekt anders beurteilt, oder beispielsweise auch der Faktor, dass die Info-Tafeln zu den Werken keinen Hinweis auf die Nationalität der Künstler enthielten. Denn, so fragt sich Sato, welche Rolle spielen letztendlich Herkunftsbezeichnungen oder der Umstand, wo jemand geboren wurde? Wer definiert, was als „typisch“ für eine Kultur gilt – und ist nicht gerade Kunst Ausdruck und Ergebnis von Hybridisierungsprozessen?

Die Hierarchien, die Herkunft generiert, verdeutlichte er auch mit seiner eigenen Kunstvermittlungsinitiative auf der documenta12. Thematisierte eines der Leitmotive durch die Auseinandersetzung mit dem „bloßen Leben“ zwar (in Anlehnung an Giorgio Agamben)

den gezielten politischen Ausschluss von Menschen aus der Gesellschaft auf biologistisch-nationalistischer Grundlage, blieb es doch weitgehend beim Sprechen-über, denn auch in Kassel waren unter den Ausstellungsbesuchern in erster Linie Ortsansässige und kaum Gäste aus Südamerika, Afrika oder Asien zu finden. Denn wie wenige können sich eine solche Reise mit allen damit verbundenen Kosten sowie dem bürokratischen Aufwand schon leisten? Sato bringt es auf den Punkt: Naturgemäß sind auch umgekehrt weniger Europäer auf Biennalen in Havanna oder Saõ Paolo anzutreffen, der große Unterschied jedoch ist: als Europäer würden sie jederzeit überall ein Visum bekommen. Sato kennt die Wahrnehmung, die die künstlerischen Zentren in der sogenannten Ersten Welt verortet aus seiner eigenen Studienzeit in Lima, wo hingegen vice versa das Gefühl der Marginalisierung vorherrscht, der Eindruck, sich an der Peripherie zu befinden. Dieser Umstand wiederum gab den Ausschlag für Sato, Studierende aus Peru mittels Kameras und Mikrophonen via Internet unmittelbar an der documenta12 teilhaben zu lassen, den Besuch virtuell zu ermöglichen und in der Folge in einen wechselseitigen Informationsaustausch und Diskurs zu treten. Peripherie und Zentrum, Geographien und Machtverteilung – egal, ob Wiener Flaktürme oder internationale Kunstbiennalen, der Künstler ist sich der Verschränkung von Raum und struktureller Gewalt bewusst und verweist einmal mehr auf Macht und ihre repressiven Verteilungshierarchien, die auch und gerade vor dem Kunstbetrieb nicht halt macht.

http://d12puentevirtual.blogspot.com/

Dieser Umstand wird bereits im Studium ausschlaggebend, Migranten können nie auf das selbe Netzwerk sprich soziales Kapital zurückgreifen, sondern müssen sich ein solches, wenn überhaupt, erst mühsam aufbauen – ein kaum aufzuholender Rückstand, der sich zum Teil mit jenem derer aus sozial schwachen Familien deckt.

Hansel Sato hat durchaus Ambitionen, sein bei der documenta 12 gestartetes Projekt in unterschiedlichen Kontexten in Fortsetzung gehen zu lassen, ebenso offene Atelier-Tage süd- bzw. lateinamerikanischer KünsterInnen in Wien oder Veranstaltung in spanischer Sprache zu realisieren, die seiner Meinung nach im Kunstbetrieb weit weniger präsent ist als die englische, sowieso, oder aber auch französische (auch hier die Fortschreibung historischer Hierarchien).

Ganz unmittelbar auf Rassismus und Xenophobie geht Hansel Sato vor allem in den letzten Jahren ein. Immer stärker wird die Auseinandersetzung mit Medien und ihrer Rolle im Definitionssystem. Parallel dazu verlegt sich der Künstler in erster Linie auf gezeichnete Schwarz-Weiß-Arbeiten, die schnelle Reaktionsmöglichkeiten bieten. In Mala educación verarbeitet Sato Zeitungsmeldungen von rassistischen Übergriffen ebenso wie Parolen der extremen Rechten in Graphiken und Cartoons, greift auf YouTube und Google-Bilder zurück und kombiniert Schrift und Bild zu einprägsamen und Zusammenhänge aufdeckenden Arbeiten, die unmittelbar, aber nicht weniger decouvrierend reagieren und vor allem agieren. Dabei reflektiert Sato, wie der Titel (zu deutsch: Schlechte Erziehung) schon andeutet, nicht nur bestehende Formen von Rassismus, sondern bezieht ihre historischen Entwicklungsstufen und Parallelzusammenhänge mit ein, verweist auf ihre Entstehung – wie Vorurteile in Menschen von klein auf verfestigt und aufrecht erhalten werden, so ist es auch in Gesellschaften ein Entwicklungsprozess, der bestehende Denkmuster immer im Interesse der von ihnen Profitierenden fortschreibt. Die Anspielung auf den gleichlautenden Filmtitel von Pedro Almodóvar kommt naturgemäß ebenfalls nicht von ungefähr – in seinen Graphiken stellt Sato auch die Scheinheiligkeit der Kirche bloß, etwa wenn er Papst Benedikt XVI bei seinem Brasilien-Besuch zitiert, der verlautbarte, die Verkündigung Jesu und des Evangeliums hätte den amerikanischen Ureinwohnern in „keinster Weise eine Entfremdung“ gebracht. Auch wäre es zu keiner „Besetzung oder Auferlegung einer fremden Kultur“ gekommen. Die Indianer hätten sich Christus, den Retter herbeigewünscht, die Wiederaufnahme vorkolumbianischer Religionen bezeichnete der Papst als „Rückschritt“. Immer wieder legt Sato die Wechselwirkung (und das gegenseitige Bedingen) von rassistisch motivierten gewalttätigen Übergriffen im Alltag, politischer und medialer Hetze sowie neoliberaler Ideologie und ihrer rücksichtslosen Umsetzung offen. Er dekonstruiert verfestigte Bilder, macht deutlich, auf welchen ideologischen Grundlagen diese basieren und mit welchen propagandistischen – und ästhetisierenden! – Mitteln, sie umgesetzt werden.

   

                    

       

(Bilder in hoher Auflösung: mehr...)

Am bisher komplexesten und vielschichtigsten erfolgt dies in der zwischen Graphic Novel und Comic-Novela (einem Subgenre der Telenovela) angesiedelten Arbeit Last Model Standing. Durch Verweise und Bezugnahmen wird eine reflexiv verdichtete Geschichte erzählt, deren Meta-Ebenen komplex ineinandergreifen, ebenso auf Pop-Elemente zurückgreifend wie Einflüsse japanischer Manga-Comics sichtbar sind und mit einer guten Portion Ironie Stereotypen hinterfragt werden. Die fiktive Story einer Widerstandsbewegung gegen eine amerikanisch-chinesische Invasion im Venezuela des 21. Jahrhunderts lässt ausgerechnet eine Model-Schule in Caracas zur letzten und radikalsten Bastion der Gegenwehr mutieren, bedient sich damit gerade jenes Ortes, der als Zulieferer eines neoliberalen, auf Konsum basierenden, frauenfeindlichen Systems fungiert und greift Erwartungshaltungen auf, um sie im selben Atemzug zu widerlegen. Satos Femme fatale ist Terroristin, der Comic beginnt mit dem Selbstmordattentat der Miss Venezuela in jenem Moment, als sie in New York zur Miss World gekrönt wird – statt Silicon hat sie sich Granaten in die Brüste implantieren lassen. Die Meldung über den Tod eines brasilianischen Models infolge von Magersucht war für Sato die Initialzündung, um in der Diktion zu bleiben, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Opfer und Täterin, beide Aspekte vereinen sich in den Geschichten, denn die Frau war nicht zuletzt an der Bereitschaft gestorben, ihren Körper einem System zu unterwerfen – und damit dieses wiederum zu stützen – dem sie einzig zur Profitmaximierung mittels Normerfüllung gedient hat, Sex sells. Menschenmaterial. Körper sind zurichtbar, herstellbar geworden, was die technologische Entwicklung der Waffenlobby bringt, befördern High-Tech-Methoden auch in der Schönheitschirurgie – und damit -industrie. „Was wäre passiert,“ so fragt sich Sato, „wenn sie, anstatt ihren eigenen Körper mittels Nahrungsmittelentzug zu zerstören, einen Kampf gegen das System begonnen hätte, das sie letztlich zu diesem langsamen Selbstmord gebracht hat?“ Im Comic verkehrt er, nicht ohne subversiven Impetus, gerade diese Rolle. Auch hier bringen Frauen ihren Körper zum Einsatz, jedoch um jenes System zu zerstören, das sie selbst hervorgebracht und konformistisch ebenso zerstört hat. Satos Selbstmordattentäterinnen sind keine religiösen Fanatikerinnen, sondern intelligente, strategisch kalkulierende Aktivistinnen, die bereit sind, für den Kampf gegen besagtes System aufs Ganze zu gehen.[1] Dass der Cartoon unter dem Titel Malinche, verbotene Liebe steht und damit nicht nur gängige Seifenopern-Titel zitiert, sondern bitter-ironisch auf ein für weibliche Zielgruppen generiertes Genre verweist, das Rollenzuschreibungen per definitionem manifestiert und die damit einhergehenden und gleichzeitig erzeugten Bedürfnisse eigenprofitabel bedient, ist eine weitere Facette des Sato’schen Assoziationsœvres.

Ein zentrales Motiv bildet der Widerstand gegen kolonialistische Repressionssysteme. Steht im Comic die Liebe zwischen dem venezolanischen Fotomodell Malinche und einem chinesischen Besatzungsgeneral im Mittelpunkt, wurde die historische Malinche als Frau aus indianischem Adel zu Beginn des 16. Jahrhunderts geboren, als Sklavin verkauft und spielte für den spanischen Eroberer Hernán Cortés während dessen Feldzuges in Mexiko als Dolmetscherin und spätere Geliebte eine entscheidende machtpolitische Rolle. Die Diskrepanz der heute wahlweise als Mutter der Nation verehrte oder Verräterin des eigenen Volkes verdammte Malinche ist ebenfalls symptomatisch, nicht umsonst negiert das Comic beide Rollenklischees, die neben der Gendertypologie auch noch die nationalistischen Machtimplikationen beinhalten. Apropos Gender: Augenzwinkernd wählt Hansel Sato mit dem Titel Last Model Standing (weitere Comic-Auschnitte zu sehen unter: http://www.hanselsato.com/de/bilder2009.html ) wieder ein Filmzitat: Last Man Standing, die zwischen Gangsterfilm und Western angesiedelte Neuverfilmung von Akira Kurosawas Klassiker Yojimbo – Der Leibwächter bzw. Sergio Leones Für eine Handvoll Dollar, besteht aus den typischen Motiven des Bandenkriegs und der Rettung der Schönen aus der Gewalt des Bösen, Mexiko ist Ausgangs- und Rückkehrort des Revolverhelden. Ein echter Männerfilm eben…

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(Bilder in hoher Auflösung: mehr...)

Die Arbeiten Hansel Satos sind also gleichermaßen reflexiv wie vielseitig, aktuelle und historische Bezüge spielen ebenso entscheidende Rollen wie die Auseinandersetzung mit öffentlichem und medialem Raum, aber auch ästhetischen Konzepten und Kunstbetrieb. Derzeit bereitet Sato u. a. ein Projekt für das Kunst- und Kulturfestival Soho in Ottakring 2010 vor – man darf sich auf Arbeiten mit Medienguerilla-Anleihen freuen…

Hansel Sato, geboren 1969 in Trujillo, Mexiko, seit 1998 in Österreich, Abschluss in Malerei und Grafik an der Universidad Catolica in Lima und an der Akademie der Bildenden Künste in Wien. Zahlreiche Reisen und Ausstellungen in Lateinamerika, Asien und Europa. Weitere Infos unter: http://www.hanselsato.com



[1] Auch in der mittel- und südamerikanischen Literatur finden sich solche Persönlichkeiten, etwa bei der nicaraguanischen Autorin Gioconda Belli, deren, wenn auch aus anderen Gründen, ebenso systembedingt dem Tod geweihte Protagonistin Engracia in Waslala sich ins Zentrum der Macht und Unterdrückung begibt, dort den Sprengstoff zündet, den sie, wissend am Eingang durchsucht zu werden, in ihrer Vagina versteckt hat und damit im letzten Showdown den Erfolg der Revolution sichert.

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