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ausgabe #42. kolumne. ulrike freitag

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Mehr davon!

Ulli Lust im Mail-Interview mit Ulrike Freitag

 

Ulli Lust, gebürtige Wienerin, lebende Berlinerin. Vielfältige Autorin/Zeicherin. Preisgekrönt: „Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens“*. Gründerin eines eigenen onlineverlags „electrocomics“ und Vieles mehr.

ausreißer: Der Unterschied zwischen Graphic Novel und Comic ist den Meisten (wie auch mir selbst) nie ganz klar geworden. Ist es eine rein begriffliche Abgrenzung von den Superhelden Comics unserer Kindheit bzw. den Comicstrips in Tageszeitungen oder steht da mehr dahinter?

Lust: Beides. In Deutschland und vielen Teilen der Welt wird Comic als Bilderzählung für Kinder oder Jugendliche verstanden. Wenn das Wort "Comic" fällt, denken viele an große Augen, plakative Bildsprache, einfache Inhalte. Das ist nachvollziehbar, denn der Comic, wie wir ihn heute kennen, mit seinen Panels, Sprechblasen, Soundwords, ist ein junges Format. Er hat sich Ende des 19 Jhds. gleichzeitig mit der Entwicklung der laufenden Bilder, des Films entwickelt. Lange Zeit wurde die Technik vor allem für Genregeschichten genutzt: Humorcomics, Abenteuer- oder Superheldencomics, Comics für Kinder. Immer wieder gab es Künstler, die das narrative Potential der Technik erkannten und außer- und innerhalb der bekannten Genres erstaunlich komplexe Bilderzählungen schufen, wie Lionel Feininger mit den Kinderkids, oder Allan Moore mit From Hell, Watchmen, usw. … In den letzten Jahrzehnten erschienen immer mehr Comics, die diese Technik der seriellen Bilderzählung mit neuen, nennen wir sie "literarischen" Inhalten füllten. Die Comics sind dicker geworden, ich bezeichne diese Bücher gerne als Comicromane. Es ist schwierig, genaue Abgrenzungskriterien zu definieren, deutlich wird jedenfalls, daß das Medium sich aus den engen Genregrenzen befreit hat und mittlerweile eine ähnliche inhaltliche Spannweite aufweist, wie die geschriebene Literatur.

art_ist/s. zeichnung

Fashionvictim / Modeopfer 014 Berlin 2010: Heutzutage kann Frau den Gürtel an jeder Stelle des Leibes zwischen Achselhöhle und Hüfte tragen. (Unter die Arschbacken hängen sich den Gürtel bislang nur männliche Teenager.)

Diese neue Entwicklung im Comic wird durch den Begriff "Graphic Novel" benannt. Er bezeichnet weniger eine Abgrenzung als eine Erweiterung des Mediums.

Für Autoren wie mich, die nicht in den klassischen Sparten arbeiten, ist der Begriff sehr hilfreich. Meine Leser finde ich nicht in den Comicläden, aber meine Bücher werden fast ausschließlich in Comicläden vertrieben, – ein Dilemma. Durch die vielen Presseberichte über Graphic Novels sind auch Leser auf meine Arbeit aufmerksam geworden, die normalerweise gar nicht in den Comicladen gehen.

ausreißer: Lange Zeit sind Comics bzw. Graphic Novels als Kinderkram oder Trashliteratur abgetan worden. Dies scheint sich in den letzten Jahren immer stärker zu ändern. Wieso wird im Zeitalter des Fernsehens (bzw. Anime und Digitalisierungen aller Art) dieses Genre wieder beliebter?

Lust: Neben bewegten Bildern scheinen die statischen Comics fast ein wenig nostalgisch, anachronistisch. Aber das verkennt die Tatsache, daß unser Gehirn als Projektionsapparat nach wie vor außergewöhnlich effizient ist. Warum lesen die Menschen immer noch Bücher im Zeitalter des Fernsehens?

Comics sind eine sehr avancierte Form der Bilderzählung, das Lesen von Comics ist eine Kulturtechnik, die gelernt sein will. Ich habe ältere Menschen getroffen, die nicht in der Lage sind, Comics zu dechiffrieren. Menschen, die mit Comics aufgewachsen sind, kennen diese Schwierigkeiten nicht. Diese Leser interessieren sich später auch für Comicreportagen aus Palästina von Joe Sacco oder für die dichten Erzählungen Ben Katchors "Der Jude von New York".

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Mädchen im Wettbewerb (Aus der Gesellschaft, Mai 2006)

ausreißer: Graphic Novels, Comic Reportagen, Bildkolumnen und Illustrationen… Ihr Repertoire ist ziemlich umfangreich. Es wirkt, als würden Sie alle Eindrücke sofort sortieren und verarbeiten?

Lust: Es hat sich im Lauf der Jahre angesammelt. Als Zeichner ist es gesund, innerhalb eines breiten Spektrums zu experimentieren, … am Ende sind es aber alles serielle Bilderzählungen. Die Bildsprache differiert je nach Inhalt. Ich habe keinen sogenannten "Stil", sondern entscheide angesichts des "Themas" oder Formats, welche Zeichensprache am besten passt.

Leider kann ich nicht alle Eindrücke sofort verarbeiten, würde ich ja gerne, aber das sortieren und verarbeiten ist vergleichsweise zeitaufwändig. Da muß stark selektiert werden.

ausreißer: Je nachdem welchem Thema Sie sich widmen, scheint Ihr Stil sich etwas zu verändern. Durch was/wen werden Sie beeinflusst? Wovon hängt es ab, welche Mittel Sie verwenden? (z.B. sehen die Fashionvictims eher aus wie Modegraphiken und unterscheiden sich dadurch stark z.B. von der Bildkolumne Six nights in the Circus Bizarre (Insomnia))

Lust: Six nights in the Circus Bizarre ist eine Fingerübung. Trainingsstunde zwischendurch. Ich habe es in den letzten Jahren etwas vernachlässigt, "nach der Natur" zu zeichnen, das Skizzenbuch zu pflegen. Je mehr man zeichnet, desto müheloser wird die Übertragungsarbeit vom Kopf auf das Papier. Damit ich es nicht wieder schleifen lasse, habe ich mir ein "Projekt" ausgedacht, daß es mit heiligem Ernst zu erfüllen galt. Zu Hause zeichne ich gerade an einem eher deprimierenden Comic, der im 3. Reich spielt. Das Skizzenbuch aus dem Berliner Fetischclub ist daneben mein Unterhaltungsprogramm. Ich mag Menschen in sonderbaren Kostümen und auch kopulierende Pärchen sind dankbare Motive. Sie bewegen sich nämlich immer nur zwischen zwei Positionen hin und her. Es ist ein bisschen wie Aktzeichnen für Fortgeschrittene. Diese Bilder sehen anders aus als die Arbeiten, die zu Hause am Zeichentisch entstehen, weil sie unter erschwerten Bedingungen gemacht sind: Ich habe bereits ein oder zwei Longdrinks genossen, laute Musik pumpert mir in den Ohren, es ist Halbdunkel und ich kann das Papier kaum sehen. Schwarz-weiss-Kontraste sind gerade noch zu erkennen. Die Motive sind ständig in Bewegung. Die Zeichnungen sind auf kleinstem Format schnell hingeworfen.

Es macht mir grossen Spass, im Club zu zeichnen. Ansonsten würde ich nicht mehr in Clubs gehen, mit 44 bin ich eigentlich zu alt dazu. Es langweilt mich mittlerweile, rumzustehen und sich nicht unterhalten zu können, weil die Musik zu laut ist.

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Aus: Six nights in the Circus Bizarre
(Insomnia)

 

ausreißer: Sie haben einmal gesagt, die „Frauenecke“ müsse größer werden (Montagsinterview, TAZ, September 2010). Wieso gibt es eine „Frauenecke“, wieso ist sie noch zu klein und hat der Wunsch nach Vergrößerung selbiger auch bei der Gründung von electrocomics eine Rolle gespielt oder hatte das mehr mit Produktionskosten oder der leichteren Verbreitung von Comics zu tun?

Lust: Zum besseren Verständnis muß ich auch hier historische Gründe anführen. Betrachtet man die Literatur der letzten 2000 Jahre, so ist ein enormer Männerüberschuß zu konstatieren. Heute hat sich das Verhältnis sehr gebessert. Früher habe ich vor allem Bücher von männlichen Autoren gelesen, aber ich habe ein deutliches Faible für die Werke von Autorinnen an mir bemerkt. Bei den auf electrocomics publizierten Comics ist das Verhältnis Autorinnen / Autoren mittlerweile relativ ausgeglichen, einerseits absichtlich, andererseits aus intuitiven Gründen, denn ich bestimme das Programm und mir gefallen Erzählungen aus weiblicher Perspektive. "Mehr davon" kann ich nur sagen. Die Bezeichnung "Frauenecke" ist natürlich diffamierend. Als würde er sagen: Von Männern verfasster Literatur gehört die ganze Welt, Literatur von Frauen gehört in die Ecke. Diese Haltung ist lächerlich und das hat sich glücklicherweise längst herumgesprochen.

electrocomics habe ich aus demselben Grund gegründet, wie ich das Skizzenbuch im Fetischclub begonnen habe: Spass am Spiel.

Der onlineverlag ist ein bisschen so etwas wie meine Schmetterlingssammlung.

Natürlich gibt es viele Gründe, heutzutage einen Onlineverlag zu gründen, aber ich verfolge ausschließlich künstlerische Interessen, nämlich die Verbreitung und Sichtbarmachung von eigenwilligen, interessanten Werken der Comicliteratur. Für einen kommerziellen Betrieb von electrocomics fehlt mir die Zeit und auch der emotionale Antrieb.

ausreißer: Sehen Sie sich selbst als Feministin bzw. was ist heute überhaupt Feminismus und ist es noch notwendig dies als Merkmal/Einstellung hervorzuheben?

Lust: Ich empfinde es als selbstverständlich, dieselben Rechte und Pflichten wie unsere männlichen Zeitgenossen zu genießen. Bin ich deshalb Feministin?

Vermutlich werde ich zur Feministin, wenn ich Ungerechtigkeiten beobachte und den Mund aufmache, um sie zu artikulieren. Dann bin ich die Feministin in Verteidigungshaltung. Aus der Verteidigung heraus zu agieren, riecht immer ein wenig nach "Looserposition", aber ich fühle mich stark in der Schuld bei den Frauenrechtlerinnen des 20. Jhds. Die hatten ganz andere Herausforderungen zu bewältigen, während uns die Aufgabe zukommt, nachzujustieren. Ich genieße ja die Früchte ihrer ausdauernden politischen Bemühungen, und es wäre fatal, sich zurückzulehnen und darauf zu vertrauen, daß sich die Welt ohnehin von Natur aus zum Guten, zum Besseren entwickelt. Ist ja leider nicht der Fall.

Also bin ich wohl eindeutig Feministin.

ausreißer: Wenn man Rezensionen über Der letzte Tag vom Rest deines Lebens liest, findet man immer eine Sache hervorgehoben. Die Seitenanzahl. War von Anfang an geplant, dass es diesen Umfang bekommt oder hat sich das beim Erzählen ergeben? Die meisten Comic-Bücher, die man sonst in die Hand bekommt sind wesentlich kürzer, woran liegt es, dass, im Gegensatz zum nicht gezeichneten Buch – in dem Short Stories (leider) seltener sind und weniger Beachtung finden als Romane – es hier genau umgekehrt ist?

Lust: Ich selbst bin literatursozialisiert, habe früher wenig Comics gelesen aber viele dicke Romane. Erst in den letzten 15 Jahren beschäftige ich mich intensiv mit Comics. Die Comics sind mir als Leserin zu kurz. Auch als Autorin bevorzuge ich umfangreichere Erzählungen vor Kurzgeschichten. Man kann ganz anderes inszenieren, langsam aufbauen, komplexe Verästelungen choreographieren… Ursprünglich sollte das Buch 250 Seiten lang werden. Der Plan war gewesen, den einzelnen Episoden soviel Raum zugeben, wie sie benötigen, um sich zu entfalten. Habe so ab 150 Seiten zu zählen aufgehört und als ich nach 2 Jahren endlich nachzählte, waren es plötzlich 350 Seiten und die Schlusskapitel fehlten noch. Meinem Verleger habe ich das verschwiegen (zur Erläuterung: die höhere Seitenzahl erhöht nur die Produktionskosten, kann aber nicht zur Gänze auf den Verkaufspreis umgelegt werden. Der Verleger wollte den Lesern kein Buch zumuten, daß mehr als 30,- kostet. Eigentlich hätte er 35 verlangen müssen. )

Am Ende war es aber ein Vorteil, daß das Buch so dick war. Es signalisierte beim ersten Anblick: ich bin ein Roman, ein Wälzer, mit dem man viel Zeit verbringen kann. Es gab vorher keinen so dicken Comic von deutschsprachigen Autoren, und weil Journalisten gerne mit Superlativen hantieren, haben sie alle auf dem Umfang herumgeritten.

Eine Kurzgeschichte kann man leichter zwischendurch zeichnen, als einen Roman, der 3-4 Jahre kontinuierlicher Arbeit braucht. Auch Comiczeichner müssen essen.

Niemand finanziert die Arbeitszeit, es gibt keine Stipendien für Comiczeichner, es gibt nur eine Handvoll Verlage, die überhaupt Comics drucken. Die zu erwartenden Verkaufszahlen sind so niedrig, daß man als Zeichner nie damit rechnen kann, von dieser Arbeit zu leben. Die Verkaufszahlen in Deutschland sind auch bei meinem sehr erfolgreichen Buch erbärmlich. Aber weil es international erfolgreich ist, finanziert es mir meine niedrigen Lebenshaltungskosten für die nächsten 2 oder 3 Jahre.

ausreißer: Sie haben einmal gesagt, dass sich Comics in einer Art Pionierphase befinden, von der Sie profitieren. Sehen Sie sich selbst – gerade in Hinblick auf die letzten Erfolge und das darauf folgende Medienecho – als eine Galionsfigur der deutschsprachigen ZeichnerInnenszene?

Lust: Wäre ich z.B.: Musikerin, oder Filmemacherin, wäre es viel beschwerlicher gewesen, wahrgenommen zu werden, weil das Angebot gewaltig groß ist. Das Angebot im Comic ist vergleichsweise sehr übersichtlich. Durch die Pressekampagne für den Begriff "Graphic Novel", die zufällig kurz vor dem Erscheinen meines Buches lanciert wurde, haben sich mehr Journalisten als vorher für das Thema interessiert. Mein Buch passte perfekt, um den Begriff zu erklären. Glück gehabt ;)

Der Erfolg des Buches hat mir dazu verholfen, daß ich jetzt ausschließlich an Projekten arbeiten kann, für die ich brenne. Die nächsten 2 bis 3 Jahre zumindest.

Fashionvictims / Modeopfer 035

ausreißer: Ich habe gelesen, Sie arbeiten an einer Comic Adaption für den Suhrkamp Verlag. Um was geht es dabei? Und wie ist es dazu gekommen? Im deutschsprachigem Raum sind mir Bücher, die als Comic umgesetzt wurden, wesentlich seltener untergekommen, als im Ausland (z.B. habe ich auf Büchermärkten in der Türkei unzählige gezeichnete Klassiker gefunden), wird das hierzulande noch eher als Frevel gesehen oder als „es sich mit Literatur leicht machen“?

Suhrkamp ist an mich herangetreten und hat gefragt: "Wollen sie einen unserer Romane als Comic adaptieren?"

Ich wollte immer schon mal eine Literaturadaption machen, die Arbeit des Inszenierens, des Dramaturgen ist es, die mich reizt. Also habe ich mit Freuden "Ja" gesagt. Die Wahl des Stoffes stand mir frei. Marcel Beyers Buch (Anmerk. „Flughunde“) hat mich fasziniert. Nicht, daß ich es wirklich mochte, es ist ein grausames, dunkles Buch, aber auch von einer großen Zartheit, die mich rührte.

Es ist absurd anzunehmen, daß der kombinierte Einsatz von Bild- und Textsequenzen "Leichtleseliteratur" ist. Genauso absurd, wie es ist, anzunehmen, daß Frauen keine ernstzunehmende Literatur schaffen können.

ausreißer: Welche Comics lesen Sie selbst gern?

Lust: die sogenannten "Graphic Novels", gerne mit historischen oder dokumentarischen Themen:  From Hell (Alan Moore, Eddie Campbell), Maus (Art Spiegelman), Funhome (Allison Bechtel), Palästina (Joe Sacco), Der Fotograph (Emmanuel Guibert), aber auch die Arbeiten von Olivier Schrauwen, Dominique Goblet, David B., Gilbert Hernandez, Posy Simmons, Chester Brown, Nicolas Mahler …

… in den letzten Jahren habe ich ein Faible für Alternative Mangas entwickelt: Osamu Tezuka, der Grossmeister; Yoshihiro Tatsumi, Suehiro Maruo, Tsuge, Kazuo Umezu, Kaija Nakazawa, Keiichi Koike, Yuichi Yokoyama, ua.

 

 

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*z.B.: "Prix Révélation" des europäischen Comcifestivals in Angoulême.

 „Fashionvictims, Trendverächter“ und „Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens“ von Ulli Lust ist im Avante Verlag erschienen.

Wer noch einige Empfehlungen braucht, auf http://www.electrocomics.com/ findet sich so einiges!

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