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ausgabe #82. prosa. hannah konrad

"wir behindern den verkehr nicht, wir sind der verkehr!"


Willkommen auf den Grazer Straßen!

Es folgen einige Informationen, um einen optimalen Aufenthalt im Straßenraum zu garantieren. Die 1.698 Grazer Straßen werden kostenlos für alle Bewohner*innen und Besucher*innen dieser Stadt, egal welcher Herkunft, welchen Alters oder welchen Geschlechts, als öffentlicher Service zur Verfügung gestellt. Während sie speziell darauf ausgerichtet sind, Transport von Gütern und Personen zwischen wirtschaftlich relevanten Orten zu ermöglichen, dürfen Straßen auch für andere Zwecke genutzt werden.

Die Beachtung einiger Grundsätze bezüglich der Nutzung dieses öffentlichen Straßenraumes, wird mit Nachdruck empfohlen. Obwohl deren Nicht-Einhaltung keinen Straftatbestand darstellt, muss deren Relevanz für das Funktionieren eines geordneten Gesellschaftslebens betont werden.

Für Ihr Wohlergehen befolgen Sie bitte folgende Tipps:
1. Die Straßen sind für den Automobilverkehr zu optimieren. Prinzipiell werden alle (gesetzlich erlaubten) Formen der Fortbewegung und des Transportes auf den Grazer Straßen toleriert, jedoch ist dem Automobilverkehr unter jeglichen Umständen Vorrang zu gebieten.
1.a. Andere Verkehrsteilnehmer*innen mögen sich möglichst unauffällig verhalten.
1.b. Es wird keine Verantwortung für aufkommendes Unbehagen von Bürger*innen, welche den motorisierten Verkehr ablehnen und alternative oder umweltfreundlichere Formen der Fortbewegung befürworten, übernommen.
1.c. Mutiges Fehlverhalten, also Aneignung des Straßenraumes seitens dieser Personen, darf gegebenenfalls mit lautem Hupen und wütenden Schreien der Autofahrer*innen sanktioniert werden.
2. Trödeln, Herumhängen, Spielen, Entspannen, Sitzen, Liegen, Langsamkeit sowie jegliche Form der unproduktiven sozialen Interaktion sollten auf den urbanen Straßen bestmöglich vermieden werden.
3. Straßen dürfen nach offizieller Ankündigung für Protest von Gruppen mit milden, reformistischen Forderungen genutzt werden, wobei ein gesittetes und möglichst unkreatives Verhalten wünschenswert ist, das keinesfalls den Autoverkehr behindert. Siehe Punkt 1.

Danke, dass Sie sich an die oben genannten Empfehlungen halten. Nur durch Ihre Mithilfe kann das Fortbestehen dominanter Ordnungen im öffentlichen Straßenraum garantiert werden.

RECLAIM THE STREETS!


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Freitag, 25. Mai, 16:30 Uhr. Trotz strömenden Regens mache ich mich auf den Weg zum Grazer Südtirolerplatz, wo Radfahrer*innen einander jeden letzten Freitag des Monats treffen, um gemeinsam, spontan und ohne Wegvorgaben durch die Straßen zu radeln. Das Ziel: den von Autos dominierten Straßenraum mit einer möglichst großen Gruppe an Fahrrädern für sich zu beanspruchen.

Es gibt keine Veranstalter*innen, welche diese aktionistischen Radtouren organisieren. Jede*r ist willkommen und losgefahren wird nur, wenn sich genug Radler*innen einfinden. Aufgrund des schlechten Wetters frage ich mich: Wird überhaupt jemand mitmachen? Bei meiner Ankunft am Südtirolerplatz lässt der Regen nach und schnell wird klar, dass sich zumindest einige der Teilnehmer*innen dieser Bewegung – welche als Critical Mass (dt. „kritische Masse) bekannt und international vertreten ist – von schlechtem Wetter nicht so schnell abhalten lassen. Mir wird erzählt, dass an schönen Sommertagen auch schon mehrere hundert Radfahrer*innen gemeinsam unterwegs waren, an diesem Tag sind es ungefähr dreißig.

Mit einem kollektiven Klingeln beginnt die ca. einstündige Tour durch die Stadt. Bereits am Kaiser-Franz-Josef Kai gerät der Verkehr hinter uns ins Stocken. „Na, wem gehört die Straße jetzt?“, höre ich jemanden rufen. Während die Bewegung oftmals kontrovers betrachtet wird und immer wieder der Vorwurf aufkommt, die Teilnehmer*innen würden den Verkehr stören, betonen diese: „Wir behindern den Verkehr nicht, wir sind der Verkehr.“ (1)

Heute zeichnet sich das Straßenbild durch die Dominanz des Autoverkehrs aus. Das war aber nicht immer so. Die Eroberung der Straßen durch das Automobil im ersten Jahrzehnt des letzten Jahrhunderts ging laut dem Soziologen Wolfgang Sachs nämlich nicht ohne „Flüche und Steinewerfen, Schmähschriften und Parlamentseingaben“ (2) einher.

Bis dahin wurden die Straßen unter anderem von „Fußgängern, Pferdefuhrwerken, spielenden Kindern und allerlei Federvieh“ (3) bewohnt, welche dem Automobil nicht ohne Protest weichen wollten. So brauchte es im Schweizer Kanton Graubünden 25 Jahre und zehn Volksabstimmungen, bis der Streit um die Zulassung des Automobils auf der Straße zum Wohle der Nation und Industrie entschieden wurde. Als der Straßenraum schließlich zum Verkehrsraum wurde, war eine Änderung des Verhaltens der Kinder, Radfahrer*innen und Passant*innen notwendig: Selbstkontrolle, Aufmerksamkeit und Rücksicht gegenüber den Kraftfahrzeugen schrieben sich in das Verhalten der Menschen ein. (4)

Während der Teilnahme an der Fahrt erfuhr ich, was es bedeutet, seinen zugeordneten Platz zu verlassen und als Fahrradfahrerin Raum in Anspruch zu nehmen, den man aus Vorsicht alleine nur ungern nützt. Dies kann mit ein paar hupenden Autofahrer*innen und gewagten Überholmanövern einhergehen, jedoch auch viele freundliche Begegnungen mit zustimmenden Autofahrer*innen, Fahrradfahrer*innen und Passant*innen bewirken. Die direkte Aktion der Critical Mass ermöglicht es, für kurze Zeit Ordnungen zu verdrehen und regt zum Nachdenken über Straßenraumnutzung an. Denn, wie Zach Furness es ausdrückt, „selbst wenn die Momente des Dissens nur kurz sind und gelegentlich schlecht ausgeführt und missverstanden werden, geben sie den Menschen doch die einzigartige Gelegenheit, sich zu fragen, wie sie ihre Stimmen, ihre Körper und sogar ihre Fahrräder einsetzen können, um ihr gemeinsames Recht auf Stadt zu leben.“ (5)         


(1)  Ted White: We Aren‘t Blocking Traffic, We Are Traffic! A Movie About Critical Mass and Return of the Scorcher. Online: http://www.tedwhitegreenlight.com
(abgerufen 17.6. 2018)
(2)  Wolfgang Sachs: Die auto-mobile Gesellschaft – Vom Aufstieg und Niedergang einer Utopie. In: Gewerkschaftliche Monatshefte 10 (1987), S. 582.
(3)  ebda.
(4)  Vgl. ebda, S. 583.
(5)  Zach Furness: Critical Mass gegen die Automobilkultur. In: J. Ilundáin Agurruza u.a.: Die Philosophie des Radfahrens, Mairisch 2013, S. 101


Hannah Konrad


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