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ausgabe #68. essay. valerie-therese taus

warum DIE wahrheit reinweiß betucht ist

oder eben nicht



DIE Wahrheit gibt es nicht, sondern mehrere Teilwahrheiten – das haben wir zumindest schon ein Mal gehört. Manchmal ist auch von der „halben Wahrheit“ die Rede, wobei eine Wahrheit freilich nicht prozentuell dargestellt werden kann. Deshalb gibt es weder DIE Wahrheit noch die „halbe Wahrheit“, denn – wie allgemein bekannt – wären das fünfzig Prozent. Und dann könnte man zwei Wahrheitshälften addieren und bekäme als Ergebnis die vollständige Wahrheit heraus und das ist doch unwahrer Unfug, sagt uns unser Verstand.


Vielleicht ist es deshalb in vielen Fällen von Vorteil, die Suche nach der einzig realen Wahrheit aufzugeben und sich mit der alltäglichen Realität also dem wahren Leben also known as „The Real Life“ auseinanderzusetzen. Zumindest vor Gericht schwört man ja bekanntlich mit einem Eid darauf, "die reine und volle Wahrheit und nichts als die Wahrheit" preiszugeben. Immerhin kann dadurch ein Teilaspekt der wirklich wahren Wahrheit ans Licht kommen, right? Sollte in diesem Zusammenhang nicht eher die Ehrlichkeit oberste Priorität haben? Sind diese beiden Begriffe (Wahrheit & Ehrlichkeit) also inhaltlich verwandt? Sie teilen sich zumindest ein Pendant: die Lüge. Im Gegensatz zu dieser ist die Wahrheit gut situiert. Ihre unabdingliche Macht spielt in Gesellschaften eine tragende Rolle. Denn sie ist einflussreich und dadurch mächtig weil sie gleichzeitig hoch angesehen wird – kurz zusammengefasst: sie hat einen betuchten Charakter.


Und nun stellt sich die Frage: Aus welchen weiteren Eigenschaften setzt sich die Wahrheit überhaupt zusammen? Wie soll sie also sein, die sogenannte „nackte Wahrheit“? Der Ursprung dieses Ausdrucks könnte in der Verschleierung der tatsächlichen Wahrheit liegen. Man kann sie sich wie ein Neugeborenes vorstellen, das in einem wärmenden Stoff eingewickelt ist. Unter der erkennbaren Oberfläche zusammengerollt – betucht eben. Ehrlich, klar, wirklich, korrekt, gewiss und oder (vor-)bestimmt, c’est vrai? Wenn man sie erfahren darf, ist man reich. Zumindest vermögend an Erkenntnis. Denn monetär gesehen wäre die Wahrheit doch unbezahlbar. Deshalb kann es sich auch niemand leisten, sie zu kaufen.


Angenommen die Wahrheit wäre eine Farbe. Meiner Meinung nach müsste sie weiß sein. So könnte sie als altbekanntes metaphorisches Licht am Ende unseres Lebenstunnels verstanden werden. Oder – weil die vorherige Vorstellung mit negativen Assoziationen verbunden ist – die Wahrheit könnte auch am Ende einer Röhre stehen. Ganz plakativ. Entweder in einer ganz verschnörkelten Schrift, ähnlich einem Wandtattoo oder doch eher als menschliche Gestalt. Dann würde sie zweifellos von einem Leintuch bedeckt sein und könnte ebenso gut als Geistin oder Bewohnerin des Antiken Roms durchgehen (Anm.: Das Geschlecht der Wahrheit wird durch den femininen Artikel bestimmt, weshalb an dieser Stelle nicht gegendert werden muss!). Jedoch ließe diese Vorstellung in unserem Kopfkino die Wahrheit nicht wirklich besser dastehen. Man könnte auch davon ausgehen, dass die Wahrheit ihre weiße Färbung von den unterschiedlich eingefärbten Teilwahrheiten der Menschen erlangt. Und wenn all diese Überlappen entsteht ein reines Weiß. Und totale Reinheit gibt es auch nicht, wie wir ebenfalls schon wissen.


Valerie-Therese Taus

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