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ausreißer - die grazer wandzeitung

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ausgabe #66. lyrik. SAID

unser haus voller musik

 

„was ist los?“

„ich weiß es nicht, wach auf“, flüstert sie.

ich richte mich auf und fluche; mein traum war gerade so schön.

durch das offene fenster war ich hinausgeflogen in ein anderes land mit einem andern meer.

blau und geduldig wartete dort das wasser auf mich.

„die spatzen.“

„was ist mit den spatzen?“ ich will wieder einschlafen und meinen traum einfangen.

„sie sind plötzlich ganz ruhig.“

ich stehe auf und gehe zum fenster.

die morgendämmerung ist nur eine lüge, die sonne hat mühe gegen die dunkelheit.

unter dem baum auf der anderen straßenseite stehen männer und frauen.

ich schließe die lider, zähle bis zwanzig und warte, bis meine augen sich beruhigen.

kaum bemerken mich die fremden hinter den gardinen, ziehen sie sich aus –

ruhig, rhythmisch.

die kleider werfen sie auf einen haufen.

sie drückt sich an mich.

„jetzt brauchen wir jemanden, der von lippen lesen kann“, sage ich und nehme sie in die arme.

notdürftig ziehen wir uns an und verlassen das haus durch die nebentür.

die anderen schreiten in unser haus, machen lichter an, entzünden kerzen.

dann spielen sie musik.

vielleicht tanzen sie auch.

wir bleiben draußen und horchen.

die gäste spielen bis zum sonnenuntergang.

wir frieren, unser hund nicht.

„er hat gar nicht gebellt“, sage ich; sie nickt.

unser haus voller licht, voller musik, voller menschen.

sie haben kein wort gesprochen, sie haben nicht einmal gesungen.

beim einbruch der dunkelheit verlassen sie das haus, gehen zum baum, stehen neben dem kleiderhaufen und schweigen.

wenn wir ihr schweigen verstehen, würden sie dann bleiben?

ohne ein wort, ohne eine geste, warten sie.

die stunde geduldet sich.

der ort kümmert sich um nichts.

die dunkelheit gibt dem haus seine unschuld zurück; das gemäuer bebt schon vor erregung.

bald äußert sich auch der hund.

wir vergessen die fremden.

sie stehen dort unter dem baum und schweigen.

 

SAID

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