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ausgabe #54. bericht. joachim hainzl

über die verwaltung von krankheit und die herstellung von gesundheit in graz im   19. Jahrhundert


Erst als der Druck ständiger Lebensbedrohung durch todbringende Epidemien zu weichen begann, konnte man sich im 19. Jh. der „Bearbeitung des Lebens“ zuwenden. Der Fokus verschob sich von der (erfolglosen) Bekämpfung von Krankheiten hin zur Aufrechterhaltung von Gesundheit, welche sich schließlich als verbindliche Norm in bürgerlichen und kapitalistischen Gesellschaften etablierte und Krankheit den Status des Abnormen verpasste. Dabei wurden Forderungen nach Hygiene und Sauberkeit immer wieder mit sozialdisziplinierenden Maßnahmen verknüpft. 

Prävention durch Säuberungsaktionen

Waren es einige Jahrhunderte zuvor Lepra und Pest, welche - auch in Graz - zu sanitären Sanierungsarbeiten des öffentlichen Raums führten, so erfüllten in der zweiten Hälfte des 19. Jh. Cholera und Blattern diese Aufgabe. Im Kampf gegen diese hatten „die Organe der Gemeinde vollauf zu thun, den Feind ferne zu halten oder wenigstens sein verderbliches Eingreifen zu beschränken.“ (Rechenschaftsbericht über die Thätigkeit der Grazer Gemeindevertretung, 1872, 16, im Folgenden: Bericht). Daher bezweckten „die sanitären Vorkehrungen hauptsächlich, die weitere Entwicklung allfälliger Ansteckungskeime durch Beseitigung alles dessen, was die locale Vermehrung begünstigen könnte, möglichst zu verhindern oder doch zu beschränken und bezogen sich demnach auf die thunlichste Reinhaltung des Bodens von diversen Abfallstoffen“ (Bericht, 1878, 15).

Inzwischen besaß man neue wissenschaftliche Erkenntnisse und Mittel, die tatsächlich eine erfolgreiche Behandlung von Krankheiten erlaubten (etwa Desinfizierungsmittel oder Impfaktionen). Durch Kochs Entdeckung des Cholerabazilluses 1884 bekam die Bekämpfung der Cholera zudem eine naturwissenschaftlich bewiesene Basis.

Das sanitätspolizeiliche Vordringen ins Private

Da die Behausungen der Ärmeren und ihre Wohn- und Lebensverhältnisse ebenfalls als krankheitsfördernd angesehen wurden, verband sich die Diskussion um die öffentliche Abfallbeseitigung in den 1870er Jahren mit einem sanitätspolizeilichen Vorstoß ins Private. Diese Ausweitung des Reinlichkeitsimperativs führte zur Legitimierung eines medizinisch-hygienischen Diskurses und seiner, auch mit Zwangsmaßnahmen verbundenen, sanitätspolizeilichen Eingriffe im öffentlichen und privaten Raum. Dabei meinten die Grazer Gemeinderäte noch 1871, dass sie "weder berechtigt, noch verpflichtet ist, ihren Wirkungskreis so weit auszudehnen, eine allgemeine Untersuchung der Wohnungen zu veranlassen, indem dies ein unberechtigter Eingriff ins Familienleben wäre" (Bericht, 1871, 20).

Die in Graz angewandten Maßnahmen ähneln stark jenen, die während der Choleraepidemien 1831/32 in England und Frankreich erstmals in diesem Umfang durchgeführt wurden: Machtbefugnisse wurden auf Bezirksebene übertragen, wo Sanitäts-Revisions-Kommissionen Hauskontrollen zur Beseitigung sanitärer Mängel durchführten. Diese lokalen Maßnahmen korrelieren mit dem 1870 in Kraft getretenen Reichsgesetz, wonach Gemeinden Vorkehrungen gegen ansteckende Krankheiten zu treffen hatten.

Im Folgenden kursorisch einige wichtige Entwicklungsschritte in Graz, welche zeigen wie rasch es zu einer Ver-sachlichung von Krankheit und Entwicklung in Richtung Prävention gekommen ist.

Maßnahmen gegen Cholera und Blattern 

Bezirkssanitätsrevisionskommissionen ließen vermehrt Wohnungen und Wäsche Infizierter desinfizieren. Zugleich wurde in öffentlichen Gebäuden durch informierende Anschläge Aufklärung über die Ansteckungsmöglichkeiten betrieben und 1873 Choleraerkrankte in einem abgeschotteten Trakt des Siechenhauses isoliert. Damit schien die Choleragefahr für einige Jahre gebannt, zumindest bis 1882, als sie durch in Ägypten stationierte Soldaten wieder nach Europa eingeschleppt wurde. 1884 kam es aufgrund der Choleragefahr zur „Überwachung des Fremdenverkehrs aus verseuchten Gebieten" (Bericht, 1984, 15). 1892 umfasste diese Maßnahme bereits 2175 „Geschäftsstücke“ (wie es inzwischen verwaltungs-technisch hieß). In jedem Hausflur wurde über die Anzeigepflicht verdächtiger Erkrankungen und Anmeldepflicht von Zureisenden aus Choleragegenden informiert. Aus dem Ausland und Ungarn Ankommende standen bis zu fünf Tage nach Ankunft unter ärztlicher Überwachung. Die Anschaffung eines großen Desinfektions-Abholwagen und neuer Vorräte an Desinfektionsmitteln waren weitere Mittel im Bestreben, die Krankheit durch verschärfte Überwachung und Kontrolle bereits „im Keim zu ersticken“. Zu Beginn der 1890er Jahre wurden die Stadtbegehungen durch die drei Sanitätskommissionen bereits als Präventiv-Vorkehrung gegen die Cholera angesehen. Daran lässt sich ablesen, dass die Bemühungen den erhofften Erfolg brachten.

Die sanitätspolizeilichen Maßnahmen gegen Blattern zielten ebenso auf eine vermehrte Kontrolle und Trennung der Kranken von den Gesunden ab. 1872 hielt man es daher für notwendig, „um die Kranken zu isoliren, so viel als möglich - jedoch ohne Anwendung irgend eines Zwangs - auf die Abgabe derselben in eines der Spitäler einzuwirken“ (Bericht, 1872, 17). Aus diesem Grund mussten die Insassen des alten Irrenhauses in der Paulustorgasse vorzeitig in den Neubau des Feldhofs umziehen, um Platz zu machen für eine provisorische Isolierstation. Von 1890 bis 1917 diente auch das spätere Frauenhaus (heute Omega) als Blatternspital.

Alle diese Isolierungs- und Desinfektionsvorkehrungen gegen die Blattern waren so erfolgreich dass 1880 "auch diese Seuche nur durch irrelevante Ziffern (8 Todesfälle im Jahre) vertreten ist" (Bericht, 1880, 16).

Begriffliche Mathematisierung und Abstrahierung von Krankheit

Zu den obenerwähnten Maßnahmen kamen große Bauprojekte im hygienischen Bereich, etwa das Schlachthaus oder auch der Zentralfriedhof. Die Irrenanstalt kam aufs Land und die Fäkalien der Grazer wurden in der Poudrettefabrik (späterer Seifenfabrik) zu natürlichen Düngerwürfeln gepresst.

Im Bereich der Verwaltung kam es einem massiven Verwaltungsausbau, zur Schaffung neuer Funktionen und Ämter und deren geregelten Organisierung als Sanitätsbehörde. Die Statistik wurde eingeführt und damit Begriffe wie „allgemeiner

Gesundheitszustand", „Volksbewegung" oder „Mortalitätsrate", die ihrerseits durch

Zahlen- und Prozentangaben kommentiert wurden. Vor allem die geänderte Wortwahl verweist auf eine sich ständig erhöhende Abstrahierung und Technisierung des Themas „Gesundheit“.

Von der Krankheitsbekämpfung zu deren Verwaltung

1873, als Reaktion auf die Cholera- und Blatternepidemien, wurde ein eigener Stadtphysikus eingesetzt um die „Inangriffnahme aller das öffentliche Gesundheits-

Interesse berührenden Agenden“, etwa eine einheitliche Exekutive bei der Sanitätspolizei, zu bewirken (Bericht, 1873, 10). Als großer Fortschritt für die Medizinal-Polizei galt die Einrichtung eines „Todtenbeschreibamtes“ im darauffolgenden Jahr da erst das Feststellen der genauen Todesursachen eine zuverlässige Mortalitäts-Statistik ermöglichte. 1876 bekam der Stadtphysikus schriftliche Dienstinstruktionen und man begann mit der Veröffentlichung von „Monatsbulletins“, welche u.a. über die „biostatischen Morbilitäts- und Mortalitäts-Verhältnisse“ in Graz berichteten. Zur Erreichung einer verbesserten Evidenz kam es 1880 zur Einführung ärztlicher Geschäftsberichte. 1882 hatte sich die Überprüfung der Wohnungen, öffentlichen Gebäude etc. bereits in eine „Amtshandlung“ gewandelt und auf knapp 700 „behördliche Aufträge“ gegen die Ausbreitung ansteckender Krankheiten ausgedehnt. 1883 führte die Ausweitung der Agenden zur Schaffung eines eigenen „Sanitäts-Bureaus“ sowie eines Städtischen Gesundheitsrates. Im Jahr 1892 betrug der „Geschäftsumfang“ des Stadtphysikates 7.864 Nummern, was eine Steigerung von +33% gegenüber dem Vorjahr darstellte (man vergleiche dies etwa aktuell mit dem Thema „Sicherheit“ in der Grazer Verwaltung und dessen Verselbständigung).

Ein vollkommen zufriedenstellender Gesundheitszustand

Auf die Sterblichkeitsrate wirkten sich die hier beschriebenen sanitären Maßnahmen der Stadtverwaltung sehr günstig aus: sie war seit 1872 prozentuell und seit 1894 (trotz enorm steigender Zunahme von in Graz Wohnenden) absolut im Sinken begriffen. Anstatt hilflos dem Schicksal böser Krankheiten ausgesetzt zu sein, wurde innerhalb nur weniger Jahre und Jahrzehnte auch in Graz Gesundheit zur neuen normativen Richtschnur. Und so wurde bereits 1883 der „Allgemeine Gesundheitszustand“ in Graz aus Gemeinderatssicht als „vollkommen befriedigend“ bewertet. Es gab zwar um 52 Tote mehr, aber alle aus „fremden Gemeinden". Im reinsten Amtsdeutsch heißt es weiter: „Nach Abrechnung dieses Contingentes und bei Annahme eines dem Durchschnitte der letzten drei Volkszählungen entsprechenden Bevölkerungszuwachses von jährlich circa 1.000 Seelen beläuft sich die Mortalität auf 25.1 pro Mille incl. der Garnison, ein Verhältnis, welches im Entgegenhalt zur Mehrzahl der größeren Städte des In- und Auslandes und der Durchschnittsmortalität des Kronlandes Steiermark selbst als ein entschieden günstiges bezeichnet werden muss" (Bericht 1883, 12).

Dieser Text basiert auf einem Auszug aus meiner Diplomarbeit. „Zur Topologie des Abfalls am Beispiel der Stadt Graz“ (Innsbruck, 1992)

 

Joachim Hainzl

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