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ausgabe #82. prosa. cosima hubner

straße hören

Eine kleine Anleitung zum Hörspaziergang



Wird der Gastgarten nicht wie gesetzlich vorgeschrieben um 22 Uhr geräumt oder feiert die WG nebenan regelmäßig bis tief in die Nacht hinein? Ist die Lärmbelastung durch den Autoverkehr zur Rushhour oder das Geschrei am Spielplatz unzumutbar? Gibt es hitzige Diskussionen um eine neue Flugzeuglandebahn? Harmonisches Blätterrauschen und sanfte Celloklänge jedoch beruhigen das Gemüt und sind erwünscht? Warum ziehen wir das Mur-Rauschen dem Straßenklang vor? Können wir diese überhaupt mit Sicherheit unterscheiden oder bastelt unser Gehirn aus der Gesamtheit der Eindrücke ein überzeugendes Bild unserer Wirklichkeit? Welche Geräuschquellen werden als „Lärm“ und damit als störend wahrgenommen und warum? Wer bestimmt diese Konventionen und damit verbundene Wertungen? Disziplinieren wir uns vielleicht sogar manchmal selbst, indem wir zum Beispiel den Wunsch, jemandem zu rufen, unterdrücken? Trauen wir uns als FahrradfahrerInnen, FußgängerInnen aus dem Weg zu klingeln, oder quetschen wir uns vorsichtig an ihnen vorbei? Welche Geräusche empfinden wir als angemessen im öffentlichen Raum und welche bewerten wir als unpassend? Oftmals legt uns eine unter anderem durch die Architektur – den gebauten Raum – geprägte, bestimmte Atmosphäre nahe, wie wir uns zu verhalten haben. Wenn wir im betreffenden kulturellen Kontext sozialisiert wurden, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass wir die Situation „richtig“ deuten und uns „angemessen“ verhalten können. Das Hören stellt eine wesentliche Technik zur Orientierung im öffentlichen Raum dar. Abgesehen von Straßenschildern, Weg- und Fahrbahnbegrenzungen sowie visueller Wahrnehmung von anderen Handelnden und Ereignissen, können sich nicht nur blinde Menschen mit Hilfe des Akustischen orientieren. Da wir mit dieser Funktion des Hörens vertraut sind, fällt es uns schwer, Gehörtes nicht gleich einzuordnen und zu deuten. Ampeln verändern ihr metronomartiges Ticken je nach Ampelphase, herannahende Autos können wir über unser Gehör in Richtung und Geschwindigkeit einschätzen, überholende Fahrräder mahnen uns durch ihre Klingel dazu, den Weg frei zu geben. Nicht umsonst gab es bei der Einführung von Elektroautos, die eine deutlich leisere und auch andere Geräuschkulisse erzeugen, Debatten darüber, eine zusätzliche Geräuschquellen einzubauen, um sie wieder wie gewohnt als Gefahrenquelle erkennbar zu machen. Wenn wir uns aus kulturanthropologischer Perspektive mit dem Hören beschäftigen, dann versuchen wir differenziert wahrzunehmen und nach den gesellschaftlichen Prägungen zu fragen, die unsere Deutung einer Situation bestimmt. Das Hörerlebnis einer Straße verändert sich nicht nur, wenn wir ihrer Geräuschkulisse konzentrierte Aufmerksamkeit schenken, sondern auch im Laufe der Zeit und unterscheidet sich von Person zu Person. Es gibt darüber hinaus Studien dazu, dass wir uns an Geräusche gewöhnen können, je länger wir an einem Ort leben. Auch der Kontext, in dem wir hören, spielt eine wichtige Rolle. Wenn wir uns bewusst dafür entscheiden, auf ein Noise-Konzert zu gehen, werden wir die Geräuschkulisse dort anders bewerten, als wenn uns ähnliche Geräusche auf der Straße begegnen.

Ich möchte Sie, liebe Leserin, lieber Leser, hiermit dazu einladen, über den beigefügten QR-Code einen kurzen Hörspaziergang durch eine Grazer Straße zu unternehmen. Dabei soll es nicht primär darum gehen, zu erkennen, um welche Straße es sich handelt oder welche Dinge, Menschen, Aktivitäten und Handlungen Sie entschlüsseln können. Vielmehr möchte ich Sie dazu anregen, Ihre Aufmerksamkeit zu schulen und das selektive Hören – eine Strategie, die uns ermöglicht, unseren Alltag in einer städtischen Lebenswelt zu meistern – über Bord zu werfen. Dabei können Sie sich die Frage stellen, ob vielleicht ihr Geschlecht, oder der/die Ort/ wo Sie aufgewachsen, sozialisiert und geprägt worden sind, eine Rolle dabei spielen, wie Sie Gehörtes interpretieren und bewerten. Was löst es aus und welche Bilder, Gedanken und Gefühle ruft es hervor? Vielleicht unterscheidet sich diese Hörerfahrung von der alltäglichen, bei der Sie vor Ort sind und Ihnen zusätzliche Sinne zur Verfügung stehen. Da die Audioaufnahme aus ihrem Kontext gerissen wurde, ist sie von der ursprünglichen Alltagssituation entfremdet.

Die Kulturanthropologie versucht stets, Zusammenhänge herzustellen und Relationen zu beschreiben. Das Hören ist ein Interpretationsprozess, bei dem wir Klänge und Geräusche durch den Filter unserer Erfahrungen und Prägungen wahrnehmen und deuten. Es ist also eine soziale Praxis, die (uns) viel über unseren Habitus und damit uns selbst verrät. Und letztendlich macht es das Auditive so wertvoll für die kulturwissenschaftliche Forschung, weil wir es als Medium verwenden können, das abseits von visueller und vermeintlich objektiver, rationaler und offensichtlicherer Elemente erlaubt, mit subtileren Wahrnehmungsschichten zu arbeiten und innere Beweggründe für das Handeln von Menschen in einer Gesellschaft zu erkennen und sichtbar zu machen. Da die Geräusche der Straße mit denen in Gebäuden und in privaten Räumen – und damit in anderen Kontexten mit sich unterscheidenden Konventionen – korrespondieren, können wir uns fragen, welche Konflikte hierbei möglicherweise entstehen und welchen Regeln wir folgen, wenn wir nach Lösungen suchen. Oftmals fügen wir uns belastenden Geräuschen, weil wir wissen, dass wir in der Stadt auch Kompromisse machen müssen und die eigenen Bedürfnisse nicht die einzigen sind. Wenn dieser Imperativ der Straße, eigene Bedürfnisse zurückstellen zu müssen, nicht greift, kommt es unweigerlich zu Konflikten.   Das Auditive erreicht und bewegt uns noch bevor wir es deuten und objektivieren können. Deshalb spielt es auch im Erleben einer Atmosphäre eine zentrale Rolle. Wenn wir uns diese Zusammenhänge aber bewusst machen und erklären können, schaffen wir eine Basis, um Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen im Kleinen und im Großen zu finden.


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Cosima Hubner

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