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ausgabe #53. kurz-theaterstück. wolfgang f. berger

niemand

viele wären inspiriert durch mozart (die schuldigkeit des ersten gebotes), thomas bernhard (ein fest für boris), felix mitterer (ein jedermann), hugo von hofmannsthal (jedermann), den weltweiten stumpfsinn und zeitgenössische reiz(darm)überflutung. auch wir – sprich niemand.1

 

bevor das eigentliche stück beginnt, werden die darin agierenden figuren der reihe nach von “allwissenderzähler” (dem allwissenden erzähler) vorgestellt. diese seien da: der schöpfer, sähmann, eins, zwei, null, vier, der löffel, die gabel und niemand.

niemand stellt seinerseits allwissenderzähler vor.

 

allwissenderzähler:

            der schöpfer erschöpfte: den löffel

            ein sähmann sähte: die zwitracht

eins: ist eine nur durch sich selbst teilbare ganze primzahl; monotheistisch und widersprüchlich.

            zwei: ist eine nur durch sich selbst und eins teilbare ganze primzahl; durch egoismus begründet altruistisch, widersprüchlich.

vier: ist ein vielfaches von zwei; und damit die durch solitarität gekennzeichnete: stimme aus dem off.

            null: durch eins, zwei, sowie vielfache teilbare mystische zahl; teilt eins, zwei, sowie vielfache nur relativ zur unendlichkeit ihres seins.

            der löffel: sohn des schöpfers, ein werkzeug

            die gabel: stieftochter des schöpfers, einst werkzeug

            niemand: kein herr höchstselbst; nirgends

niemand:

            allwissenderzähler: weiß alles; sagt aber nur nötigstes

 

1. BILDNIS.

allwissenderzähler:

            niemand; lebt ohne geboren zu sein.

            niemand; hat keine mutter, keinen vater.

            niemand; der tatsächlich nur nirgends wäre, wäre nur allzu menschlich.

            und das einzige, das niemand; wirklich wollte, schlummerte tief in jedermann,

            darauf wartend, irgendwo endlich wachgerüttelt zu sein.

(aus verschiedenen richtungen ertönt ein hallendes: niemand.)

allwissenderzähler:

im hintergrund schütteln die gabel und der löffel den baum der bekenntnis.

fern der heimat ist dem fremden der baum der bekenntnis das einzige glück dieser tage. eben dieser baum der bekenntnis aber (zeigt auf den ast, um den die gabel und der löffel nun streiten.) ist die frucht des lebens, der bekenntnis;

der angst um die wirklichkeit; und damit fiktion (verharrt einige sekunden schweigend auf dem fiktiven ast. szene steht still.)

            ausgangspunkt und ziel einer jeden unschuldlosigkeit.

            ist niemand aber; (zeigt auf alle im publikum) wirklich schuldlos?

steht der wert, wodurch er fällt? wie etwa die früchte erdachter götter durch das plötzlich eintretende wissen darum? könnte furcht und schrecken nur denjenigen schwängern, der sich von ihr hoffnung auf unendlichkeit erwartete? (unnötig lange pause. zeigt bedächtig auf den baum der bekenntnis.)

kosmischer druck des zeitgeists (beide zeigefinger in die höhe), allmächtiger staub des dreitagedrecks (zeigefinger regenbogengleich von der höhe ins

publikum); die schuldigkeit des ersten gebotes ist es, die niemand; kennt, jedermann aber seit jeher zu lehren vermeint!

(ab. eins und zwei betreten das bildnis in eine offensichtlich seit längerem stattfindende diskussion verwickelt. setzen sich in opposition zueinander an den tisch.)

eins.

            bei meiner seel’ ! haben sie etwas beobachtet?

zwei.

gesehen? naja!? haben sie den schöpfer beim erschöpfen gesehn? (kurze pause) nun:

            wir glauben! denn glaube ist stärker als jede sicht. und wenn

            sie mich fragen und wir schon darüber reden: niemand ist schuldig!

            und jeder, der glaubt, weiß, dass dies der wahrheit entspricht!

vier. (spricht parallel ab dem von zwei gesagten ‘wir glauben!’

mit.)

            wir glauben! denn glaube ist stärker als jede sicht. und wenn sie

            mich fragen und wir schon darüber reden: niemand ist schuldig! und

            jeder, der glaubt, weiß, dass dies der wahrheit entspricht!

eins.

            aber hat es eine bestätigung der richtigkeit der berichte gegeben? eine

            beichte?

 zwei. (schüttelt verächtlich den kopf)

            wir glauben! ihr etwa nit?

vier. (spricht parallel zu zwei.)

            ihr etwa nit?

eins.

            es wäre ja wohl töricht, nit daran zu glauben!

vier. (spricht parallel zu eins, setzt nach dem ‘nit’ ein)

            nit daran zu glauben.

(die szene erstarrt. allwissenderzähler tritt auf.)

allwissenderzähler.

wie jeder weiß, hätte vier nur wiederholen sollen, was zwei sagte. das heißt, dass vier versagte. vier muss sterben.

(ab. nur eins und zwei bleiben auf der bühne.)

eins.

            aber sagt an: war niemand nit auch ein freund von euch?

zwei.

            ein freund? naja. kein fremder immerhin.

eins.

            tatsache aber ist, dass niemand, den ich kenne, tatsächlich nit daran

            glaubt. das glaube ich. und das genügt ja wohl, ihn schuldig zu heißen?!

zwei.

            jaja. in der tat.

vier.

            in der tat.

eins.

            um ehrlich zu sein: niemand war einer meiner engsten bekannten.

zwei.

            ach ja?

eins.

            jaja.

zwei.

            und ist er es nun nit mehr?

eins.

            neinein. wie könnt das sein? nach dem, was geschehen ist. es sei denn,

            man zweifle.

(die beiden bekreuzigen sich. die szene erstarrt erneut. allwissenderzähler tritt auf.)

 

allwissenderzähler.

wie auf den ersten blick ersichtlich, haben die beiden ihre meinungen vertauscht. das ist hier so üblich. im laufe der zeit ändern sich nur die gesichter.

zwei.

            ihr sagt es doch selbst. es ist geschehn (!). er hat es nit getan! niemand

            hat es nit getan! es ist geschehn!

eins.

            nichts geschieht nur einfach so. wahrlich, ich sage euch: niemand ist

            schuldig!

zwei.

            niemand könnte aber nirgends sein! niemand wäre dann nit schuldig!

eins.

            tatsächlich hat’s wohl nit viel sinn, mit euch darüber zu sprechen, der

            ihr immer noch ein herz für ihn zu haben scheint!

zwei. (abweisend)

            wahrhaft! auch ich denk nit!

vier. (setzt wiederum nach dem ‘nit’ von zwei. ein mit einem stolzen:)

            nit. na dann nit!

allwissenderzähler.

während sich eins und zwei trennen, wäscht jedermann seine hände in unschuld.

 

(alle waschen ihre hände in einer schale, deren name unschuld ist. nur niemand nicht. alle ab.)

 

2. BILDNIS:

allwissenderzähler.

eine welt, in welcher der kampf um freiheit den der meinungen dominierte, kann nur für niemand; schön sein. sie könnte schön sein. es fehlte ihr nämlich an krieg und thorheit. man veranschauliche sich nur folgendes erwachen des so genannten faulenden knechts:

(niemand und sähmann betreten das bildnis. niemand in demut, sähmann in uniform und stramm, und erst einige augenblicke nach niemand.)

sähmann:

oha! da ist er ja!

niemand. (erschrocken aber wortgewandt:)

            wer?

sähmann. (packt einen stapel papier aus und legt ihn demonstrativ auf den tisch. meint hämisch:)

wer? die akte spricht ja wohl für sich. ich denke, deine lage ist aussichtslos! niemand ist schuldig! in allen anklagepunkten schuldig! ich brauche wohl nit zu betonen, was dies bedeutet!

der löffel. (betritt das bildnis. niemand scheint ihn zu bemerken. sonst

niemand. stellt sich als verteidiger auf niemands seite.)

uns trifft die härte des gesetzes mit voller wucht! und was wollen wir dagegen tun?

niemand.

alles was in meiner macht steht. alles. denn noch bin ich nicht der eure, weder dahin noch integriert, adaptiert. mehr wieder draußen als noch drinnen, mehr schon wieder fort als noch immer da. ist das mein einziges vergehen? was hab ich euch getan?

            sagt an, oberbefreiter sähmann!?

sähmann. (deutet vielsagend auf den papierstapel vor sich und meint leichthin:)

ist das nit genug? die akten sprechen ja für sich.

der löffel. (erwidert ehrfürchtig:)

            die akten!

(niemand versucht die akten einzusehen. sähmann kommt ihm zuvor, nimmt sie an sich und meint anklagend:)

            das hätte keinen sinn.

(sähmann ab.)

niemand.

mein einziges vergehen war es, an diesen ort zu kommen. ach wär’ ich doch geblieben, wo ich war! in einem jenseits, für das sie die fremden sind! und in dieses zurück.

(einige augenblicke stille.)

 

            dann werd ich jetzt wohl tun müssen, was ich längst schon hätte tun sollen.

(ab.)

 

3. BILDNIS:

allwissenderzähler.

ein richterspruch, so hart so recht, rückt wahre ehre gut aus schlecht. ein richterwort sagt an, was ist. sei’s mohammeds, shivas oder jesu christs.

sähmann.

            die akten haben gesprochen.

niemand.

dann bin ich wohl schuldig. (spöttisch) in eurem sinn! im namen der akten! so soll dieser wahnsinn an mir vorüber geh’n! aber nicht wie ihr es wollt, wie ich es will, soll es gescheh’n!

(zieht sich sein hemd aus und stürzt sich in den baum der bekenntnis, damit in die unschuldlosigkeit und verantwortung. schreit:)

            ich bin unschuldlos!!

(von allen seiten tönt’s:)

            unschuldlos!

der löffel. (richtet sich auf, die verteidigungsrede anstimmend, räuspert

sich und sagt:)

            schuldig im sinne der anklage.

der schöpfer. (trägt im ton einer predigt vor:)

siehe – oh niemand (!) – dir habe ich alles samentragende kraut gegeben, das auf der fläche der ganzen erde ist, und jeden baum: du solltest es zur nahrung haben!

(ans publikum gewandt:)

            du aber, hast dich gegen mich gewandt! gegen mich! (pause.)

diese suppe hast du. hast dir selber eingebrockt. selber auszulöffeln. meine rache wird übel riechen. mit haut und haaren werde ich dich verspeisen, wie jeden anderen, der meine sprache nicht spricht!

(von ringsum hallt es:)

            niemand!

allwissenderzähler.

            der schöpfer sah, dass es gut war.

die gabel. (tritt herrisch auf.)

wie sehr ich meine herkunft liebe, weiß jedermann. diesen tag aber, an dem verantwortung mit schuld verwechselt wurde, verfluche ich! verflucht sei dieses land, verflucht dein wort. lagetodesschlächternot!

allwissenderzähler.

das letzte wort der gabel bleibt unverständlich. es entstammt einer der drei eiligen sprachen, wie sie in kapitalistischen industriestaaten gerne gesprochen werden.

die gabel.

nicht länger bin ich eure tochter nicht. nie gewesen nicht. selbst in der hölle, dem andern ort, dem ausland, nicht schlimmer es kann sein! nicht nit ist meine wahl! niemand soll sie heißen!

(reißt den schöpfer hinfort. schafft sie es?)

niemand. (im kampf um die verantwortung an die gabel gewandt)

lasst mich in eurer gnade schein, der ich niemand (!), nicht christgeist, nicht bereuend bin, liebe und auch sehnsucht sein. ihr seid mein heim, mein heil, mein licht! und fand ich auch die gastfreundschaft nicht, in euch sie liegt, gegabelte dreispaltigkeit, unser frieden sieg heißt unschuldlosigkeit! unschuldlosigkeit!

stumpfsinn, furcht und acht, sei ins vergessen gebracht! und hinfort mit der grenze!

            hinfort mit dem hass! verantwortung ist kein spaß!

(niemand wird grob abtransportiert von: der löffel. stille. nachdem alle ein wenig in der gegend herumgeschaut haben, tritt plötzlich allwissenderzähler parteiergreifend

in den mittelpunkt des szenarios und ruft:)

            die düsternis! die finsternis! packt sie euch! so packt sie euch!

(der löffel missinterpretiert den aufruf von allwissenderzähler, packt die

gabel und ersticht sie, mit dem sie definierenden instrument.)

allwissenderzähler.

            du hast mich missverstanden!

(die gabel schreit, bevor sie getötet wird)

            lieber tot, als migrant in diesem himmelreich!

(und flüstert hingebungsvoll)

jedermann ein niemand! überall-all-überall!

(gemeinsames hände–in–unschuld–waschen und vorhang.)                                            

wolfgang f. berger

 

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