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ausgabe #43. prosa. anita raidl

herbert im museum


Menschen stehen grüppchenweise am Hauptplatz, klammern sich an dampfende Plastikbecher. Niemand steht alleine da. Bald ist Weihnachten, heißt es. Ein gut gekleideter Chihuahua legt sich mit einem Schäfermischling an.


Es geht schlecht. Gehen mit diesem vollen Bauch und den Glasscherben im Handfleisch. Es geht einfach nicht, sich durch die punschtrunkene Menschenmenge zu schlängeln ohne Schweiß- und Blutspuren zu hinterlassen. Ohne den Magen zu hören, der rebelliert. Ich muss weiter. Ich muss Geschichten erzählen. Das habe ich versprochen und ein paar andere haben es mit Alkohol begossen.


Herbert versteht nicht, warum sich in dem Lokal dort drüben nur Bestsellerautoren treffen, obwohl nichts ausgeschrieben und der Speisekeller leer ist. Warum in einer Stadt wie dieser die Autos schneller rosten als anderswo und warum es keine Alternative zu diesem Ort gibt. Manchmal sieht er sich das Treiben von oben an und denkt sich, nichts geht und vergeht, von oben sieht es bunt und friedlich aus, so wie überall, außer im Urwald. Manchmal beobachtet er die Wüste und stellt nichts fest. Die kalte Luft besiegt das poröse Mauerwerk, inzwischen zünden die beiden Nachbarinnen Kerzen an, um sich und andere zu besinnen. Wenn Herbert friert denkt er an seine Kollegen von früher, an alte Zeiten. Dabei wird es nicht wärmer. Er bedeckt sich mit seiner Heizdecke. Sie erinnert ihn an Liebe, die ist doch warm, manchmal auch brodelnd. Oder. Diese eine Liebe war anders und Herbert möchte sie aus dem Gedächtnis streichen. Er erzählt oft lustige Geschichten. Das Lachen erwärmt seinen Körper. Die Gesichter in seiner Umgebung regen sich nicht. Es funktioniert kein Wort, kein Satz, kein Witz. Manche zupfen an ihren Ohrläppchen und laufen weg. Herbert setzt zu einem neuen Satz an, der wieder nichts bewirkt. Viele Menschen können nicht lachen, ohne das Lachen anderer zu hören.


Es ist keine Rechnung über die literweise Inanspruchnahme des mittelmäßigen Schankweines und der arroganten Kellnerin vorhanden. Meine Hose ist ausgeleiert, ich bräuchte Hosenträger. Vor mir steht einer, der die Umrisse eines anderen Menschen mit seinem Zeigefinger in die Luft zeichnet. Ich höre einen Hit aus den 90ern und wippe mit meinen steifen Füßen den Takt mit. Meine Sehkraft ist schwach. Heute Abend habe ich nichts mehr zu sagen. Mir klebt fremdes Blut an den Fingern, die auch vor diesem Vorfall schon nicht besonders ansehnlich waren. Denn sie waren runzlig und dreckig vom vielen Herumwühlen im harten Boden.


Vor etwa vier Stunden fuhr ich ins Museum am Südtiroler Platz. Es kostete mich einiges an Überwindung. Der Boden der Straßenbahn war matschig. Ich durfte nicht ausrutschen. Fast hätte ich es versäumt, rechtzeitig auszusteigen. Eine schöne Dame mit einem schwarzen Ledermantel hielt mir die Tür auf. Danke. Nein, danke, ich spende nicht. Ich kaufe auch keine Maroni, denn ich mag den Dreck nicht, den sie verursachen. Ein Ticket bitte. Keine Ermäßigung. Ja, ich trage meinen nassen Umhang in die Garderobe, hänge ihn in ein Kästchen. Die Kartenabreißerin betrachtete mich ausführlich mit ihren Katzenaugen. Sie sah mir nach und telefonierte. Ich wollte nicht lachen und konnte nicht zwinkern. Aus alter Gewohnheit versuchte ich zunächst, mich selbst in den Spint hineinpressen. Ich war zu dick. Es war sinnlos, hier ans Einschlafen zu denken. Ich rümpfte die Nase und sperrte meinen Umhang ein. Den Schlüssel steckte ich mir in den Schuh. Es gab keinen sicheren Ort und keinen schöneren Umhang. Ich war kunstsinnig und mochte keine Kerzen. Ich steuerte direkt aufs Klo zu, fuhr mir durchs Haar und wusch meine Hände. Ich war zufrieden mit mir.


An der Rolltreppe kam ein junger, schwarzgekleideter Mann mit Tablett auf mich zu und überreichte mir ein Cocktailglas. Er sagte, der Drink sei ein Geschenk des Hauses, und da heute ein besonderer Tag sei, wären Geschenke nichts Außergewöhnliches. Ich betrat einen mit Scheinwerfern grell ausgeleuchteten, schlauchförmigen Raum und nippte an meinem bläulichen, bitter schmeckenden Cocktail. Menschen schnauften, es roch nach abgestandener Milch. Mir wurde übel. Und. Ich musste kurz eingenickt sein. Das aggressive Klicken eines Fotoapparates weckte mich. Um mich herum stand ein Dutzend Menschen in weißen Kleidern, die mich anstarrten, teilweise tuschelten und mich zaghaft berührten. Meine Augen schmerzten. Die Menschengruppe sang ein heiteres Lied. Schließlich folgte Kompliment auf Kompliment. Ich sei perfekt, käme wie bestellt. Ein Scheinwerfer wurde auf mich gerichtet, sie versuchten wohl, mich zu blenden und hatten Erfolg. Gebt ihm zu Essen! Gebt ihm zu Trinken! Die Menge jaulte und jeder wollte sich kurz neben mich setzen und mir die Hand auf die Schulter oder Schenkel legen. Jemand servierte mir Hühnerkeulen und Roast Beef, Gurkensalat, Bohnensalat und Reis. Bier, Wein und Schnaps. Marmorkuchen und Mohr im Hemd, Irish Coffee und eine Portion Schlagsahne. Mehrere Cocktails und ein Glas Wasser.


Meine Adern pulsierten. Ein dünnes, rothaariges Mädchen setzte sich zu mir, du ich mag dich, du bist etwas Besonderes. Erzählst du mir eine Geschichte? Mir fielen die Worte eines Bekannten ein. Sei misstrauisch in solchen Situationen. Inmitten eines berauschenden Festen erscheine oft ein alter Mann, verkleidet als junges zartes Mädchen, der doch nur auf deine letzten Münzen aus sei. Ich wimmelte das bittende Mädchen ab, versprach ihr fürs nächste Mal eine Geschichte und ließ mich nach hinten fallen. Ich wollte singen. Es gelang mir nicht. Vier Männer trugen mich auf einer gepolsterten Trage weg und stellten mich in einem Raum mit Diskokugeln und tanzenden Pärchen ab. Eine Oben-Ohne Kellnerin servierte angeblich Savagnin blanc. In schmutzigen Gläsern. Sie sagte, wenn ich saubere Gläser wolle, könne ich mir die selber holen. Die Pärchen umkreisten mich und zwinkerten mir unentwegt zu. Ein Trompeter stimmte sich ein.


Meine wackeligen Beine trugen mich fort. Ich erkannte von weitem den schlauchförmigen Raum und die Scheinwerfer, die mich eingangs blendeten. Ein paar Leute grölten, einige applaudierten. Die Kartenabreißerin versperrte mir den Weg. Du darfst noch nicht gehen. Wir sind noch nicht fertig. Unser Meister will dich sehen, er will sehen, wie gut alle zu dir waren und wie satt du bist. Ich griff auf meinen Bauch und wollte ihr Recht geben. Stoßen wir auf diesen schönen Tag an. Ich habe ihn für dich organisiert. Du durftest im Mittelpunkt stehen, essen und trinken. Sie reichte mir Sekt und stieß ihr Glas penetrant gegen meines. Kurz hob sie ihren schweren Rock, als wollte sie mich einladen, darunter zu verschwinden. Draußen ist es nicht besser, nur schlechter für dich, sagte die Kartenabreißerin. Ich habe meine Wahl getroffen, ich möchte gehen. Meine Stimme war zittrig. Das lasse ich nicht zu, und wenn es das letzte ist, das sie tue. Ich möchte dich nicht mehr auf offener Straße sehen. Du sollst in sicheren Mauern leben und sterben. Sie zerbrach ihre Sektflöte in der Faust, packte meine Hand und drückte zu, bohrte die blutigen Scherben in mein Fleisch. Jetzt kannst du gehen.


Der Schlüssel in meinem Schuh war verschwunden. Jemand reichte mir meinen Umhang. Es war das dünne Mädchen. Es zeigte mir den Ausgang, lächelte kurz und lief weg.


Anita Raidl

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