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ausgabe #17. online ausreisser. connie simon.

Gedanken zum Thema Stadt

 

Was bedeutet für mich der Begriff ‚Stadt’?

Also, ich habe in größeren Städten gelebt, in mittel- und nicht-so-großen und auch in der einen oder anderen Kleinstadt; und ich muss sagen, für mich ist „Stadt“ nicht unbedingt ein Ort, sondern eher ein Gefühl. Aber die meisten Menschen denken – wenn sie das Wort Stadt hören – an eine Großstadt, samt deren kulturellem Angebot, den einfachen Zugang zu allen möglichen materiellen und immateriellen Waren, an die Hektik, eine kleine Prise Verbrechen, eine Handvoll Nightlife und oben drüber: eine großzügige Portion Lifestyle.

Die Frage die ich mir stellen muss lautet: muss man tatsächlich in der Stadt sein, um die Stadt zu er(leben)? Vielleicht nicht; jedenfalls nicht immer… Zum einen haben die heutigen Medien unsere Welt auf Erbsengröße schrumpfen lassen, zum anderen, da die meisten Menschen mit einem halbwegs funktionstüchtigen Vorstellungsvermögen ausgestattet sind, sind sie auch in der Lage, sich zumindest geistig irgendwohin zu teleportieren. Dies würde vermutlich die Popularität solcher Serien wie SATC erklären: wir leben durch die Figuren und wähnen uns in eine etwas andere Realität versetzt.

20 Minuten lang, je Folge.

Viel mehr – außer vielleicht einer Doppelfolge – würden wir am Stück nicht verkraften. Schließlich wollen wir unsere Identität nicht ganz aufgeben und die kleinen und großen Krisen/Problemen der anderen sind uns dann doch zu lächerlich/peinlich/lästig/unrealistisch.

Aber warum wollen wir immer nur woanders sein – sind wir uns nicht bewusst, dass wir auch in einer (Groß/Stadt) leben. Und wenn wir so richtig stolz darauf wären, wie die NYC-Einwohner es seit jeher sind, würden wir unsere Umgebung dann anders gestallten, damit der (die/das?) Lifestyle zu uns kommt?

 Wenn man Promis in Interviews zuhört, dann behaupten sie ständig, sie wollen nur ein ‚einfaches’ Leben, irgendwo am Land, samt zweieinhalb Kinder, Katze und Hund. Und manche schaffen es sogar diesen Traum in die Realität umzusetzen. Bis sie dann doch einen unüberlegten Comeback-Versuch starten, um wieder durch die größeren Städte tingeln zu können. Warum das ganze Theater? Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass man auch in einer Kleinstadt so ziemlich alles bekommt, was man braucht. Wo Menschen beschließen die Zelte aufzuschlagen, sorgen sie auch dafür, dass man dort Leben kann. Wir können, wenn wir wollen auch überall für weniger konkrete Bedürfnisse sorgen: Behaglichkeit und Geborgenheit in der Großstadt, Aufregung und Abenteuer im kleinen Dorf (Kinder sind besondere Experten auf diesem Gebiet).

In einer Folge einer Englischen Krimi-Serie sitzen Sherlock Holmes und Dr. Watson in einem Zug, der quer durch England fährt. In einer wenig besiedelten Gegend mit hübschen Häusern bemerkt der gute Doktor, wie friedlich und schön das Leben da wohl sei. Holmes erwidert, ziemlich aufgebracht, dass dies der letzte Ort wäre, wo er so was erwartet. Verbrechen kann da jahrelang hinter verschlossenen Türen unbemerkt stattfinden, während in der Stadt mindestens der nächste Nachbar was mitbekommen könnte…

Nun wissen wir das dies auch nicht immer zutrifft: bei zu dichter Besiedlung kapseln sich die Menschen scheinbar instinktiv ab, und leben nebeneinander her. Trotzdem hat man ein anderes Gefühl, wenn man durch die Strassen einer Stadt wandert, als bei einem Spaziergang durch die Felder. Wo sind unsere Sinne schärfer? Gefahren lauern überall…? Sind wir in der Stadt ob der Vielzahl an Sinneseindrücke abgestumpft? Und werden wir am Land durch den Eindruck von Ruhe getäuscht? Wo fühlen wir uns lebendiger? Was verstehen wir unter lebendig?

Ich glaube, um uns lebendig zu fühlen, brauchen wir Abwechslung. Wir können nicht nur verschiedene Leben(s)-(Stile) vergleichen, allein eine neue Umgebung weckt die Lebensgeister. Was aber auch sehr beruhigend sein kann – es wird  Für Großstadtbewohner reicht es völlig aus, in eine etwas kleinere Stadt zu gehen, um sich dort ein wenig von der Hektik erholen zu können, es muss nicht gleich die die völlige Einöde sein, einfach nur eine kleiner Verlangsamung im Alltäglichen.

Und wenn doch, wenn wir uns doch bewusst in den entlegensten Winkel der Erde zurückziehen, abgeschottet vom Rest der Welt, dann können wir auch die dort gemachten Erlebnisse bewahren, um sie später – mitten in der Metropole – wieder aufzurufen. Ich bin dafür, dass man alle möglichen Umgebungen bereist und ausprobiert und wo das Wohlbefinden am dauerhaftesten ist, dort kann man sich für eine größere Zeitspanne niederlassen. Ohne sich dafür zu schämen.

Am Land fühlt man sich vielleicht mit der Natur verbunden, aber in der Stadt fühlt man sich mit den Menschen verbunden, mit der Zivilisation, in dieser bestimmten Form. Dieser kollektive Geist, dieser Genius Loci, kann nicht durch Bilder aus dem Web ersetzt werden: dass muss man am eigenen Leib erfahren. Aber seid gewarnt: exzessives Nutzen kann süchtig machen! Und selbst wenn wir nicht mehr in der Stadt sind, ist es längst in uns, und wir verhalten uns merkwürdig nervös, mitten in einem Weizenfeld.

Denn das, was wir Heimat nennen, ist in uns.

Connie Simon


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