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ausgabe #80. prosa. martin peichl

einmal eine wand durchschreiten


Du erzählst mir, dein Lieblingsspiel als Kind war Das verrückte Labyrinth. Es ist Sonntag und wir sind beim dritten Bier, das heißt, alles, was du sagst, klingt wie eine Metapher. Deine Mama, sagst du, hat nicht gern gespielt, außer Das verrückte Labyrinth. Und dass du erst Jahre später das Wortspiel verstanden hast.  

Vor dem ersten Spiel werden die Gängekarten und die Bildkarten vorsichtig aus den Stanztafeln gelöst.

Du erzählst mir von dem Haus, in dem du aufgewachsen bist, es ist ein Zweifamilienhaus, aber jetzt wohnt nur noch eine halbe Familie darin, erzählst du mir, und dass dort deine Spielsachen von früher auf dem Dachboden verstaut sind, dass die meisten davon noch in sehr gutem Zustand sind, zum Beispiel die Barbiepuppen, weil du immer so gut aufgepasst hast auf sie.  

Am Spielplanrand befinden sich 12 Pfeile. Diese markieren die Reihen, in die die jeweils freie Gängekarte eingeschoben werden kann, um die Wege im Labyrinth zu verändern.

Und du erzählst mir von deinem Vater, dass er am Sonntagvormittag immer ins Wirtshaus gegangen ist, gleich im Anschluss an die Sonntagsmesse, dass er dort ein paar Gläser Wein getrunken und Karten gespielt hat, manchmal um Geld. Einmal, sagst du, hat er dich mitgenommen, aber deiner Mutter war das nicht recht, dass dein lockiges Haar hinterher nach Rauch gestunken hat und dass dein Vater dich vom Wein kosten hat lassen.

Wird beim Verschieben die eigene oder eine fremde Spielfigur aus dem Labyrinth herausgeschoben, so wird sie sofort auf der gegenüberliegenden Seite auf die soeben eingeschobene Gängekarte gestellt.

Du hast mir nur einmal gesagt, dass du mich liebst, aber in derselben Nacht hast du mir auch gesagt, dass du mit einem anderen Mann schlafen willst.

Der Spieler darf auf jedes Feld ziehen, das er durch einen ununterbrochenen Gang im Labyrinth erreichen kann. Er darf so weit ziehen, wie er möchte. Der Spieler am Zug kann seine Spielfigur auch auf ein Feld ziehen, auf dem bereits eine andere Figur steht.

Du verstehst nicht, sagst du, warum man Abschied mit langem i schreibt, das findest du irgendwie pervers, das lange i in Abschied. Und dass du einmal einen 25-seitigen Abschiedsbrief geschrieben hast. Am Computer.

Erreicht ein Spieler in seinem Zug das Motiv seiner Bildkarte, legt er diese offen neben seinen Stapel mit den übrigen Bildkarten. Er darf jetzt sofort die nächste, oben liegende Bildkarte anschauen, die sein nächstes Ziel vorgibt.

Wie oft du schon jemanden so angeschaut hast wie mich, will ich wissen, will ich nicht wissen, wie oft du schon jemanden gesagt hast, dass du nur ihn willst, will ich wissen, will ich nicht wissen, wie oft du schon zu jemanden gesagt hast, dass du ihn behalten und nie wieder hergeben willst, will ich wissen, will ich nicht wissen. Ich trinke mein Bier aus und frage dich, ob du es nicht auch absurd findest, diese Vorstellung, wir könnten über Menschen hinwegkommen, die wir einmal geliebt haben.

Das Spiel endet, wenn der erste Spieler alle Motive seiner Bildkarten erreicht und seine Figur wieder auf sein Startfeld gezogen hat. Dieser Spieler hat die beste Orientierung im Labyrinth gezeigt und gewinnt das Spiel!

Es ist kalt, als wir das Lokal verlassen. Du sagst, wir könnten ein Taxi nehmen, ich sage, schau, da kommt unser Bus. Du hältst meine Hand und ich sehe unsere Reflexion im Fenster. Ich könnte auch ein anderer sein, denke ich, an meiner Stelle könnte auch ein anderer sitzen, denke ich. Und dass deine Hand auch in eine andere Hand passt, deine Zunge auch in einen anderen Mund. 


 Martin Peichl

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