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ausgabe #54. ute sonntag

einige gedanken zum 20jährigen bestehen des frauengesundheitszentrum in graz


1993 begann die Arbeit im Frauengesundheitszentrum in Graz. Auch in Deutschland feiern viele Frauengesundheitsprojekte in diesem Jahr ihr 20jähriges Jubiläum: Frauenberatungsstellen, Frauenhäuser, Frauennotrufe etc. Aus der Frauengesundheitsbewegung ist eine Projektebewegung geworden, die Projekte haben sich inhaltlich professionalisiert und etabliert. War zu Beginn verpönt, öffentliche Gelder anzunehmen, wurde die Finanzierung durch die öffentliche Hand immer üblicher. Leider hat die Finanzierung der Frauengesundheitsprojekte nicht mit der inhaltlichen Reifung und Güte der Projekte Schritt gehalten. Das Gros der Projekte ist immer noch unterfinanziert und führt Jahr für Jahr einen Kampf um jeden Cent. Ich wünsche allen Projekten, die jetzt 20 Jahre alt werden, in der Zukunft eine geregelte ausreichende Finanzierung!

Persönliche Kompetenzen stärken

Die Ottawa-Charta, die von der Weltgesundheitsorganisation 1986 verabschiedet wurde, setzt Gesundheit in Zusammenhang mit den Lebensbezügen der einzelnen Frauen und Männer. Eine Dimension, die dabei genannt wird, ist die der Stärkung persönlicher Kompetenzen. „Gesundheitsförderung unterstützt die Entwicklung von Persönlichkeit und sozialen Fähigkeiten durch Information, gesundheitsbezogene Bildung sowie die Verbesserung sozialer Kompetenzen und lebenspraktischer Fertigkeiten. Sie will dadurch den Menschen helfen, mehr Einfluss auf ihre eigene Gesundheit und ihre Lebenswelt auszuüben, und will ihnen zugleich ermöglichen, Veränderungen in ihrem Lebensalltag zu treffen, die ihrer Gesundheit zugutekommen.“

Frauengesundheitszentren arbeiten sehr stark in diesem Bereich der Gesundheitsförderung und stehen für neutrale ausgewogene Informationen. Frauen und Mädchen sind auf umfassende nicht interessengeleitete Informationen angewiesen, wenn sie sich für ihr eigenes Wohl einsetzen wollen und in ihrem Interesse Gesundheitsentscheidungen treffen sollen. Ob es die Frage ist, sich gegen Humane Papillomaviren impfen zu lassen, zum Mammografiescreening zu gehen, Hormone gegen Wechseljahresbeschwerden zu nehmen – oder eben nicht – letztlich müssen Mädchen und Frauen dies höchst persönlich entscheiden. Sie selbst müssen auch die Folgen tragen. Ausgewogene Informationen zeichnen sich darin aus, dass sie Vorteile sowie Nachteile und Risiken klar und deutlich kommunizieren. Das ist eine wesentliche Stärke der Frauengesundheitszentren. Neue Untersuchungen werden kommuniziert, es finden immer wieder Neubewertungen statt. Unser Gesundheitssystem, in Deutschland wie auch in Österreich, hat solche neutralen Instanzen bitter nötig, weil es außerordentlich stark von Interessengruppen beeinflusst wird.

Diese Informationspolitik ist auch im Bereich Gendermedizin notwendig. Wir erleben seit einiger Zeit einen Boom von neuen Erkenntnissen im Bereich der Unterschiede zwischen den Geschlechtern: Frauen und Männer haben unterschiedliche Symptome bei Herzinfarkt, Frauen und Männer verstoffwechseln Medikamente unterschiedlich, Prothesen und künstliche Gelenke sind einheitlich gebaut für Männer und Frauen, sollten aber unterschiedlich konstruiert sein, um richtig passend zu sein. Wir sehen in einer Vielzahl von gesundheitlichen Versorgungsfragen Mängel in der Berücksichtigung der Geschlechterunterschiede. Auch hier können Frauengesundheitszentren eine wichtige Rolle bei der Aufklärung der Bevölkerung spielen – und übrigens viel Geld sparen helfen!

Thema Rauchen

Rauchen ist ein überaus wichtiges Thema, verweist es doch auf massive Gesundheitsprobleme und große Kosten in der Zukunft. Die Nikotinabhängigkeit ist die am meisten unterschätzte Sucht der heutigen Zeit. Was wissen wir über das Rauchen bei Mädchen und Frauen? Schon ein geringer Tabakkonsum ist bei Frauen mit erhöhten Gesundheitsrisiken verbunden, zum Beispiel für Lungen-, Gebärmutterhals- und Blasenkrebs und mit einem höheren Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen als bei Männern. Wenn beispielsweise Frauen drei Zigaretten pro Tag rauchen, so haben sie ein ebenso hohes Herzinfarktrisiko wie Männer, die sechs Zigaretten pro Tag rauchen. Das Verhütungsmittel „Pille“ erhöht das Herzinfarktrisiko bei Raucherinnen nochmals drastisch. Rauchen in der Schwangerschaft belastet die Gesundheit des Kindes, 70 % derjenigen, die an Passivrauchen in Deutschland sterben, sind Frauen. Bei den 12- bis 17jährigen Jugendlichen rauchen mehr Mädchen als Jungen. Arbeitslose Frauen mit niedrigem sozialen Status und niedriger Schulbildung rauchen am meisten. Auch der Anteil der Raucherinnen unter schwangeren Frauen und allein erziehenden Müttern ist besorgniserregend hoch.

 

Gerade Mädchen und junge Frauen werden mit den gängigen Präventionskonzepten überhaupt nicht erreicht.

 

Pflegende Angehörige

Über 80 % der pflegenden Angehörigen sind Frauen. Etwas mehr als die Hälfte der pflegenden Frauen sind 40-64 Jahre alt, ca. 30 % sind über 65 Jahre alt. Die meisten fühlen sich stark belastet. Nach einer amerikanischen Studie haben pflegende Angehörige, die sich stark belastet fühlen, ein um 63 % erhöhtes Sterberisiko (nach Rásky, Groth, Lennquist, 2002). Belastungen treten in vielen Bereichen auf. Durch die Pflegetätigkeit selbst kommt es zu einer hohen körperlichen und psychischen Beanspruchung. Aber auch Teile des Krankheitsbildes, wie z.B. bei demenzerkrankten zu Pflegenden die Tatsache, nicht mit ihr oder ihm reden zu können und den ständig fortschreitenden Verfall zu sehen, belasten stark. Zudem verringern sich die sozialen Kontakte der Pflegenden im Laufe der Zeit, so dass eine Quelle des Auftankens versiegt. Oft ist die pflegende Tätigkeit mit mangelnder Anerkennung gepaart.

Wenn allerdings die Pflegende es schafft, sich emotionale Unterstützung zu verschaffen und sich soweit abgrenzen kann, dass es eine gewisse Zeit gibt, die eine verfügbare eigene Zeit ist, so ist schon viel gewonnen. Die Finanzierung der Pflege harrt gesamtgesellschaftlich noch ihrer Lösung. In Deutschland ist das Thema Vereinbarkeit von Pflege und Arbeit zurzeit sehr aktuell.

Hier hat sich das Grazer Frauengesundheitszentrum als Träger des Projektes „Die Spinne und das Netz“ im Bezirk Leibnitz in der Steiermark schon vor 17 Jahren verdient gemacht Es wurde dort eine niedrigschwellige Anlaufstelle in Fragen der Pflege betrieben. Projektziele waren zum einen die Gesundheitsförderung von Frauen, die in der Familie Angehörige pflegen. Es wurden Kurse abgehalten, Selbsthilfegruppen gegründet, ein Tauschring aufgebaut. Zum anderen wurde diese unsichtbare Arbeit sichtbar und dadurch einer Wertschätzung zugänglich gemacht. Eine Bestandsaufnahme der Angebote aller Organisationen vor Ort wurde für die Verbesserung der Zusammenarbeit genutzt. Das Projekt arbeitete mit an der sektorübergreifenden Reorganisierung der Gesundheits- und Sozialdienste, um zu mehr Transparenz und Übersichtlichkeit im Bereich der Rahmenbedingungen für die häusliche Pflege zu kommen. Das vorhandene Angebot wurde frauengerecht und bedarfsgerecht weiterentwickelt (Rásky, Groth, Lennquist, 2002).

Ich kann den Mitarbeiterinnen nur zurufen: „Mehr davon!“

Abschluss

Zum Abschluss möchte ich herzlich gratulieren zum 20jährigen Bestehen! Ich wünsche gute Ideen zur Weiterentwicklung, genügend Unterstützung und politisches Wohlwollen, Lust an der Arbeit und eine weiterhin so gute Vernetzung über Grenzen hinweg wie bisher zwischen dem Frauengesundheitszentrum in Graz und den deutschen Frauengesundheitsnetzwerken.

 

Ute Sonntag

Literatur:

Rásky, Èva; Groth, Sylvia; Lennquist, Eva: Netze spinnen, Kreise ziehen. Das Modellprojekt Frauengesundheitszentrum Leibnitz „Die Spinne und das Netz“, Österreich, 1997-2000. In: impu!se, 34, 2002, S. 19.

Weltgesundheitsorganisation: Die Ottawa-Charta, 1986.

Dr. Ute Sonntag, stellvertretende Geschäftsführerin der Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen und Koordinatorin verschiedener Netzwerke im Frauengesundheitsbereich.

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