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ausgabe #31. online ausreisser. lisz hirn

Eine Reise nach Volubilis

 

[…]

Alles begann mit einer Bemerkung meiner Schwester vor ungefähr drei Monaten. Die ganze Familie, meine Eltern und Schwiegereltern, meine Frau, meine zwei Kinder und meine Schwester Anna grillten im Garten meines Elternhauses. Anna war soeben aus finanziellen Gründen in das Haus meiner Eltern zurückgezogen. Es war ein schöner Sonntag, das Essen gut, mit den üblichen Diskussionen über das Wetter und über die diversen Krankheits- und Todesfälle in unserem Bekanntenkreis. Plötzlich legte Anna einen bunten Flyer auf den Tisch. Ich bin etwas kurzsichtig, konnte also nur verschwommene Buchstaben und die Farben erkennen, Klaudia hingegen, mit den Augen eines Adlers ausgestattet, legte nach drei Sekunden und mit einem kurzen Quietschen eine Serviette auf das schimmernde Papier. "Musst du diesen Scheiß vor unseren Kindern platzieren?" "Aber die sind doch gerade in den Swimming Pool gehüpft, ist doch keiner da.", erwiderte meine Schwester. "Super Entschuldigung. Warum zeigst du uns so einen billigen Dreck", keifte Klaudia. Sie können sich vorstellen, dass ich nun allmählich neugierig auf den Flyer wurde und hektisch nach meinem Brillenetui suchte. Meine Mutter suchte auch, mein Vater hingegen zog den Flyer sogleich unter der Serviette hervor und hielt ihn sich möglich nahe vor das Gesicht. Seine Haltung wurde steif, seine Augen begannen zu starren. "Was ist das?" "Das ist das Etablissement, wo ich vor drei Wochen zu arbeiten begonnen habe. Nein, sag´ jetzt nichts. Es ist erste Sahne! Kein billiges Laufhaus, bei uns kommen nur die angesagten und urreichen Manager rein.", übernahm ich Anna gleich beim ersten ersuch einer Rechtfertigung. Alle Augen richteten sich auf meine Schwester, die inder stürmten im selben Augenblick zum Tisch zurück und griffen sich mit nassen ingern ein Stück Torte. Meine Eltern, Schwiegereltern, Klaudia und ich bewegten ns keinen Millimeter. "Ich bin bald wieder weg von hier und kann mir wieder eine igene Wohnung leisten. Ich verdiene so viel, dass glaubt ihr nicht.", begeisterte sich nna. Meine Schwiegereltern schauten nun betreten zu Boden. Klaudia nahm einenSchluck Kaffee in der Art wie man einen hochprozentigen chnaps trinkt, meine Mutter ergriff das Kuchentablett mit einer Bemerkung über die Schwierigkeit den Teig dieser Schokotorte angemessen zu härten und verschwand unter geschäftigen Murmeln in Richtung Küche. Mein Vater fragte mich um den Flaschenöffner. Anna holte Luft, aber man merkte, dass sie ihre anfängliche Begeisterung verlassen hatte. Sie riss unserem Vater den Flyer aus der Hand. "Ich verstehe nicht, was das Problem ist. Ich meine, ich dachte, wir können schon über alles reden, nicht wahr? Sagst du das nicht auch immer, Papa?" Mein Vater war nicht gewillt, Annas Neuigkeiten Aufmerksamkeit zu schenken oder auf ihre rhetorische Frage einzugehen. Mit zwei Flaschen Bier unter dem Arm zog er sich in die Garage zurück. Anna stürmte in ihr Zimmer zurück, in ihrer Aufregung war der Flyer auf den Boden gefallen. Der Kaffee wurde schweigend getrunken und die restliche Torte von meiner Schwiegermutter in Alufolie eingewickelt. Erst in Klaudias und meiner Wohnung brachen die hungrigen Kinder die Stille zwischen uns. Dass man mit über 30 und als Vater von zwei Kindern noch Bedürfnisse nach neuen, sexuellen "Aufregungen" hat oder überhaupt nach Abwechslung hat, das wollen die Leute weder hören noch glauben. Und noch viel weniger wollen sie es verstehen. In ihrer Welt haben sie für dich ein gemütliches Einfamilienhaus mit Hund und einer Garage vorgesehen, wo du dich austoben darfst. Und natürlich darfst du dich ein oder zwei Mal mit deiner Frau vergnügen, die freilich durch die Geburten auch etwas gemütlicher geworden ist. Im Bett kannst du aber auf ihre Ungemütlichkeit zählen,  denn sie kennt mittlerweile alle deine Schwächen und verwendet sie immer öfter gegen dich. Unaufhörlich schreien könnte ich, während ich diese Wort nur niederschreibe, und mich daran erinnere. Die Spießbürger, diese Kleinlichen, kennen kein Mitleid und keine Gnade, und für die Wahrheit haben sie schon gar nichts übrig, was das Beispiel meiner Schwester Anna zeigt. Als ich den Flyer vom Gras aufhob und diesen eiligst in meine Tasche steckte, dachte ich nicht im Traum daran, dass Annas radikale Ehrlichkeit auch Folgen für mich persönlich zeitigen könnte. Weiter vermutete ich nicht, dass der Flyer Informationen beinhaltete, die mein Leben entscheidend verändern würden, ganz im Gegenteil. Ich wollte das ungeheuerliche Ding näher studieren, dass eine ganze Versammlung von Spießbürgern in Aufruhr versetzen konnte. Es war nicht schwer, die am Zettel angegebene Adresse zu finden. Das "Etablissement" war in einem ehemaligen Zinshaus aus dem 19. Jahrhundert untergebracht. Ein leuchtrosa Schild wies auf einen unscheinbaren Aufgang links im Innenhof hin. Ich war unsicher, ob meine Schwester auch am Dienstag arbeiten würde und so zog ich es vor, einen Kaffee im Gasthaus gegenüber zu trinken. Die Zeit verging, während ich die um die Ecke Kommenden und Gehenden beobachtete. Ich bestellte einen zweiten Kaffee. Schließlich war es so dunkel geworden, dass die Leuchtbuchstaben an der Hausmauer angeschaltet wurden. Ich möchte nicht leugnen, dass ich fruchtbar nervös, gleichzeitig aber auch unendlich neugierig war, einen Einblick in das "Haus" zu bekommen. Die gesamte Geheimnistuerei gefiel mir sehr, es war mir unvertraut, es erregte mich. Trotz allem verließ ich die Gaststätte an diesem Tag ohne meine Neugier und meine Entdeckungslust befriedigt zu haben und fand an der Seite meiner selig schlummernden Klaudia einen unruhigen Schlaf. Am nächsten Tag rief mich meine Schwester Anna auf meinem Mobiltelefon an. Sie wollte mit mir über die Vorkommnisse des letzten Sonntags sprechen. Ich willigte ein, traf sie Klaudia zuliebe allerdings in unserem Stammcafé am Naschmarkt. Anna war in ein schlichtes, schwarzes Kleid gewickelt und hatte sich in schwarze Mokassins gezwängt, die ihr sichtlich zu klein waren, sie humpelte etwas. Wir setzten uns, zuerst betreten, aber dann mussten wir doch lachen, als wir uns die spießbürgerliche Idylle von Sonntag vor Augen führten. Das Eis war gebrochen und ich begann eine Chance zu wittern, nähere und hilfreiche Informationen über das "Haus" zu bekommen. Anna erzählte mir alles großzügig, beschrieb mir die Prostituierten wie auch den Hausherren, gab Auskunft über Preise und Kundenstamm. Wozu ich das wissen wolle, fragte sie dazwischen, aber mehr im Spaß. Sie erwartete keine Antwort von mir, da sie nicht erwartete, dass ein verheirateter Vater von zwei Kindern mit mittleren Gehalt sich für solche Abenteuer interessierte. So exaltiert und aufgeklärt sie auch scheinen mochte, in dieser Hinsicht war sie eine Spießbürgerin geblieben. Ich erfuhr weiter, dass sie nur montags, mittwochs und freitags arbeitete. Ganz nebenbei ringelte ich mir den Donnerstag derselben Woche in meinem Terminkalender ein.

 

[…]

 

Lisz Hirn

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