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ausgabe #82. prosa. esther schögler

ein hund auf der straße


Ich möchte euch nun von meinem Leben als Hund in der Stadt erzählen. Ihr kennt das Leben in der Stadt ja aus menschlicher Perspektive, aber nun möchte ich aus meiner Sicht davon berichten. Das Leben in der Stadt kann recht abenteuerlich und interessant sein, die Stadt ist schließlich ein toller Ort, um ein spannendes Leben zu führen, aber es gibt auch Schattenseiten, die für Menschen vielleicht gar nicht sichtbar sind. Wenn ich mit meinem besten Freund die Straße betrete, strömen mir tausende Gerüche in die Nase, ein Gemisch aus Düften, die jede Stadt einzigartig machen. Ich kann das frische Brot des Bäckers um die Ecke riechen und auch den kleinen grünen Rasenstreifen, der den Weg säumte und die Duftmarken, die andere schon vor mir an der Straße hinterlassen haben, aber auch den Duft von frischem Kaffee, der von all den kleinen Cafés kommt. Ich bin immer begeistert, wenn ich durch die Stadt spazieren kann, da gibt es so vieles zu entdecken, jedes Mal ist alles anders, selbst das Wetter kann schlagartig wechseln.
Wir gehen nebeneinander die Straße entlang, lärmende Autos fahren an uns vorbei. Der Lärm ist für meine empfindlichen Ohren sehr unangenehm und irritierend, vor allem wenn Autofahrer*innen auch noch hupend an uns vorüberzischen. Der Gehsteig ist von vielen Menschen bevölkert, die mich zum Teil freundlich grüßen oder mit angstvollen Blicken an mir vorbeihuschen. Manchmal versteh ich die Menschen nicht, bin ich doch ein so unkomplizierter, freundlicher Kerl! Auch mein bester Freund versteht solche Menschen nicht und ist immer auf meiner Seite. Wenn ich bewusst durch die Stadt gehe, spüre ich die Verbindung zur Straße sogar körperlich. (Während mein bester Freund meist Schuhe trägt, spaziere ich mit nackten Pfoten über das Pflaster.) Der Straßenbelag ist unangenehm für mich, hart und rau. Im Sommer spüre ich die Hitze des Asphalts unter meinen Pfoten, wie eine Welle bebt sie durch meinen Körper. Im Winter wiederum spüre ich immer das Salz und den Rollsplitt, der sich schmerzhaft in meine empfindlichen Pfoten gräbt. Der Boden ist im Sommer so heiß, dass ich am liebsten in den nächsten Springbrunnen hüpfen würde. Aber mein bester Freund möchte natürlich nicht, dass ich da hineinspringe, weil es in der Stadt Regeln und Verordnungen gibt, an die wir uns halten müssen, aber der trägt ja auch Schuhe und spürt dadurch die Intensität der Hitze nicht.
Diese Verordnungen sind wohl auch der Grund, warum er mir eine besonders schöne Kette geschenkt hat. Daran hängt eine Leine, die er immer in seiner Hand hält. Eine Art Freundschaftsband nur für mich (ich frag mich öfters, ob andere Hunde das auch so sehen). So sind wir immer miteinander verbunden und  die Stadterkundung fühlt sich gleich viel sicherer für mich an. Ich glaube, auch die Menschen fühlen sich scheinbar sicherer, wenn ich das Halsband und die Leine trage (aber weshalb das wohl so ist?). Wenn wir so durch die Straßen laufen, beobachte ich die Leute ganz gerne und achte auch sehr auf die Umgebung, die wir durchstreifen. Da fallen mir oft seltsame Dinge auf, wie Spenderboxen mit roten Sackerln, die mein bester Freund dann benutzt wenn ich mal auf Klo musste. Da räumt er das dann wirklich auf und ich muss warten, bis er fertig ist, bevor wir weiter gehen können. Das ist manchmal schon mühsam, wenn ich doch schon so gerne los will.  (Manchmal lassen sich die Menschen ganz komische Dinge einfallen, immerhin hab ich ja gar keine anderen Möglichkeiten, mein Geschäft zu verrichten).
Und dann nehmen sie mir sogar noch die schönen Grünflächen weg und binden Plastikflaschen an Zäune und in die Wiese, damit ich es dort nichts mache, obwohl ich die Wiese doch so viel schöner fände als den rauen kargen Boden. (Ihr findet eine saubere Toilette doch auch schöner als eine karge, schmutzige mitten auf der Straße.) Und es gibt auch ganz skurrile Verordnungen, die besagen, dass ich in öffentlichen Verkehrsmitteln einen komischen Plastikkorb aufsetzen muss, weil ich ja sonst jemanden beißen könnte. In dem Beißkorb bekomme ich Platzangst und er schnürt meine Schnauze so unangenehm ein. Ich finde es wirklich unfair, dass ich so etwas tragen muss, nur weil ich ein Tier bin. Als ob ich jemanden beißen würde, da muss ich ja fast lachen. Aber selbst das nehme ich in Kauf, damit ich mit meinem besten Freund durch die Straßen spazieren kann. An jeder Ecke gibt es so viel zu entdecken.  Duftmarken an den Hausfassaden erzählen ihre eigene Geschichte und all die Gerüche von frisch gekochtem Essen sind unheimlich köstlich. Es ist zum Teil sehr gemein, dass wir an so viel gutem Essen vorbeigehen, das ich nicht fressen darf.
Wenn ich andere Hunde in der Stadt treffe, freue ich mich immer total, weil es so viele verschiedene gibt und wir ab und zu auch toll spielen können. So wie es unterschiedliche Menschen gibt, gibt es nämlich auch unterschiedliche Hunde.
Manche können richtig aggressiv sein, da bin ich dann froh, wenn mich mein bester Freund beschützt. Es gibt aber auch gar nicht nette Menschen, die mich mit böser Miene ansehen oder etwas Blödes zu meinem besten Freund sagen, weil er mich dabeihat. Aber das darf ich nicht so ernst nehmen, weil ich doch wirklich brav bin und die mich gar nicht kennen.
Ich finde es auch spannend, dass die Stadt so unterschiedliche Böden hat, das fühlt sich dann immer anders unter meinen Pfoten an. Es gibt ja nicht nur raue Asphaltböden, sondern auch Pflastersteine, die sehr glatt und geschmeidig sind, wie polierte Seide in Stein gegossen. Oder Zebrastreifen, da glaube ich immer, dass meine Pfoten weiß bleiben, was aber gar nicht passiert, oder rot bemalte Böden wie am Jakominiplatz, die sich aber auch wie Asphalt anfühlen. Aber egal wo mein bester Freund hingeht, ich komme mit. Er nimmt mich eigentlich fast überall hin mit. Ob er jetzt zum Friseur muss oder nur zum Bäcker, ich bin dabei. (Auch wenn es Geschäfte gibt, die ich nicht betreten darf und dann draußen warten muss. Das ist wirklich hundsgemein, immerhin bin ich ja kein Möbelstück, das man irgendwo abstellen kann und ich würde auch mal gerne mit einkaufen gehen).
Mein bester Freund findet einfach, dass es schöner für mich ist, wenn ich ein bisschen rauskomme und nicht immer in der Wohnung sitzen muss. Außerdem ist er auch stolz auf mich und nimmt mich deshalb gerne mit, denn ich bin gut erzogen und Manieren habe ich auch (das kann man ja nicht von allen behaupten). Und wenn meine Frisur irgendwann nicht mehr sitzt, dann geht er auch mit mir zum Friseur. Da ist so ein toller Laden mitten in der Stadt, in dem es wirklich alles für mich und auch für Katzen gibt. Ein richtiges Schlaraffenland, nur zum Haareschneiden geh ich da nicht so gerne hin. Da muss ich dann ewig geradestehen und dann zupfen und ziehen sie an meinen Fell, wenn sie es durchfrisieren und dann schneiden sie es, das mag ich gar nicht.
Aber das Schlimmste daran ist, dass mein bester Freund mich dann einfach dort lässt und allein durch die Stadt geht und mich erst irgendwann wieder abholt. Da kann ich dann manchmal schon beleidigt sein. Aber wenn ich ihn wiedersehe, freue ich mich meistens einfach darüber, dass wir wieder vereint sind.
Und wenn es die Zeit erlaubt gehen wir auch gerne durch den Park, da bin ich besonders glücklich, wenn ich durch die Wiese laufen kann und den Duft der Bäume und der Pflanzen in mich aufsaugen kann. Oder wir laufen die Mur entlang, die tosend und plätschernd an uns vorbeifließt.
Das ist besonders toll, wenn es heiß ist, da darf ich ab und zu auch ins Wasser springen, um mich abzukühlen. (Schade, dass jetzt dort überall Baustellen sind, da können wir nun nicht mehr spazieren gehen.) Es gibt aber auch noch eigene Parks, wo ich meine Freunde treffen kann, die dort ebenfalls frei herumlaufen dürfen, es ist ja eingezäunt. Das ist unsere persönliche Spielwiese, sagt mein Freund. Diese Spielwiese liebe ich wirklich und es ist schön, dass es solche Plätze in der Stadt für uns gibt. Die Stadt ist mein Zuhause und ich liebe sie, ich könnte mir keinen spannenderen Ort für mein Leben vorstellen.


Esther Schögler

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