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ausgabe #22. bericht. martina eberharter.

Ein Blick von vielen auf`s  Frau-Sein


Frauen so vielseitig, bunt, mit so unterschiedlichen Lebensentwürfen, mit verschiedenen Ansichten und eigenen Erlebnissen. Frauen mit und ohne Migrationshintergrund. Frauen mit wenig oder mit hoher Bildung. Jede einzigartig auf ihre Weise. Das Denken über Dekonstruktion alter Rollenbilder sickert langsam, sehr langsam in die Gesellschaft ein und
benötigt immer wieder aufs Neue ein Handeln und Diskutieren.

Bewegende Geschichten aus meiner Arbeit, skizzenhaft und verkürzt dargestellt, zeigen was „Frau-Sein“ bedeuten kann.
                                                
Olga, Technikerin, ehemalige Führungskraft, Mutter, Ehefrau, Freundin,…. nach ein paar Jahren Kinderpause wieder auf der Suche nach Arbeit. Sie erzählt über ihre Erfahrungen aus den verschiedenen Welten Ost und West. Sie erlebte die Unterschiede und auch die Parallelen der beiden Welten.

Ülker hat aufgrund eines privaten Schocks als Kind fünf Jahre nicht gesprochen und ist deshalb in die Sonderschule gekommen. Sie hat jahrelang in der Produktion gearbeitet und es fällt ihr schwer über ihre Schullaufbahn zu sprechen – ein Makel!? Sie vermittelt ihren Kindern, die Bedeutung von Bildung und ist auch daran interessiert möglichst viel für sich zu lernen.

Anna, Alleinerzieherin mit hoher Ausbildung und bereits erfolgreicher Arbeitserfahrung im Kulturbereich startet den Wiedereinstieg ins Berufsleben nach der Kinderpause – und dieser erweist sich keineswegs als einfach. Kinder und Arbeit unter einen Hut zu bringen benötigt Ausdauer, hohe Frustrationstoleranz und Organisationsgeschick.

Berta hat aufgrund einer Krankheit ihrer Mutter nie die Schule besucht; sie hat sehr früh Aufgaben der Kindererziehung (ihre Geschwister) und Haushaltsführung übernommen. Sie brachte sich die Kulturtechniken Lesen und Schreiben selbst bei und möchte jetzt mit Anfang 30ig noch einiges an Bildung nachholen. Ihr Bruder ist Arzt, ihre Schwester hat eine Lehre abgeschlossen und beide stehen erfolgreich im Arbeitsleben.

Verschiedene Geschichten und Strategien das Leben zu meistern und doch haben sie einiges gemeinsam. Die Protagonistinnen dieser Geschichten haben die Verantwortung der Kindererziehung und -betreuung oder der Pflege von Familienmitgliedern übernommen egal ob in Partnerschaft lebend oder alleinerziehend. Das Abgeschottet-Sein und die soziale Isolation während der Zeit bei den Kindern kennen viele.
Sie verdienen nicht viel, das Arbeitslosengeld nach der Karenzzeit bringt wenig Entschädigung für die geleistete Arbeit im Privaten, dafür bringt ihre Entscheidung Nachteile in der öffentlichen Berufswelt. Die Arbeitszeiten sind selten vereinbar mit den Kinderbetreuungszeiten. Die Unsicherheit wieder Arbeit zu bekommen beschäftigt jede einzelne und Strategien dagegen werden gesucht. Das Wissen und die Fähigkeiten welche diese Frauen mit sich bringen wird von der Gesellschaft selten gewürdigt.

Kindererziehung und das Wie und Wer der Übernahme von Verantwortung ist weiterhin diskussionswürdig, es ist nicht allein eine private Frage sondern auch eine öffentliche politische Frage. Was ist das Schöne an dieser Aufgabe? Wie ist eine Teilung der Verantwortung in Partnerschaften möglich? Was bedeutet es für ein Paar, für eine Frau, für einen Mann, für Firmen, für die Gesellschaft, wenn Männer die Hälfte der Karenzzeit ihr Vater-Sein leben? Was macht Veränderung möglich? Wie können andere Gesellschaftsmodelle längerfristig und weitreichend entwickelt werden oder sind diese ausschließlich an einzelne Menschen und ihren Willen andere Lebenskonzepte umzusetzen gekoppelt?

Diskussionen über den Bevölkerungsrückgang in Europa – parallel dazu fokussiert statistisch aufgearbeitete demographische Daten – bringen Ängste und Rassismen mit sich. Angst um die Erhaltung des Eigenen; Angst um die Erhaltung der Versorgung im Alter, Angst vor zuviel „Fremden“,….
Politische Statements und Diskussionen verstärken diese Ängste:
„Österreich braucht Kinder! Wenn Frauen nicht gewillt sind Kinder zu bekommen dann sollen sie finanziell „bestraft“ werden, da sie ihre Aufgabe in der Gesellschaft nicht erfüllen!“
Auch die Diskussionen um das Thema Abtreibung, wo sich aufgrund der gesellschaftlichen Stimmung, die verstärkt die Schuldfrage stellt, Betroffene selten zu Wort melden, dafür umso stärker manche PolitikeR auf sogenannte Moral pochen führen zu Ressentiments und offenbaren eine Einstellung, welche Menschen rein als FunktionsträgerInnen und für die Reproduktion nützlich erachtet.

Die Widersprüchlichkeit der Gesellschaft zeigt sich einerseits an der oben angeführten Diskussion und an den real erlebten Einschränkungen von Menschen, die die Aufgabe und Verantwortung der Kindererziehung und -betreuung übernehmen.

Die Dekonstruktion gesellschaftlicher Strukturen – wie die Übernahme von traditionellen Geschlechterrollen, sowie die altbewährte Arbeitsteilung – befindet sich noch immer am Anfang.

 

Martina Eberharter


* Die Namen der oben angeführten Personen wurden geändert

** Die Autorin arbeitet mit Wiedereinsteigerinnen

***Mit Dank an Bettina Geidl für ihre Anregungen

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