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ausgabe #69. kommentar. katrin fischer

Die zukunft verbauen


Angst und Hass. Zwei Begriffe die in diesen Tagen beinahe gespenstisch vertraute Weggefährten sind. Denn: Ein tiefer Riss geht durch die Bevölkerung und der Schrei nach Sicherheit wird immer lauter. Momentan wird von Zäunen und Mauern nicht nur gesprochen, sie werden wieder gebaut. Doch im Grunde genommen sind es die Grenzen in unserem Kopf, die gerade dabei sind, einmal mehr real zu werden.


Ein Versuch, sich den Italien-Urlaub zu Großmutters Zeiten vorzustellen: Mit dem Auto bis nach Tarvis getuckert, aus dem Schilling mach Lire und die Mafia wartet mit Sicherheit hinter der nächsten Ecke. Immer noch genervt von dem Stau an der Grenze, jagt ein Kulturschock den nächsten. Die Belastbarkeit ist  zur Gänze ausgereizt und der Geduldsfaden zum Reißen gespannt. Auch mein Vater weiß so einiges zu erzählen. ,,50 km hinter Wien, also bei der tschechischen Grenze, da hat die Welt aufgehört." So oder zumindest so ähnlich, setzt er an, wenn er sich an seine Kindheit erinnert. ,,Für uns Dorfkinder waren andere Länder ein Fleck auf dem Globus, aber in unseren Köpfen kaum existent."

Und heute? Während damals allein der Besuch des Nachbarlands einem schier unüberwindbaren Hindernis glich, gehört Reisen für mich zu den normalsten Dingen der Welt. Egal ob ein schneller Tagesausflug ans Meer oder  mit dem Zug quer durch ganz Europa. Geprägt von dem Bewusstsein, dass Grenzkontrollen der Vergangenheit angehören und ein freies Europa eine der größten Errungenschaften der vergangenen Jahre ist, bin ich bisher also durchs Leben gegangen. Ganz klar, ich gehöre zu einer Generation, die mit einem gemeinsamen Europa aufgewachsen ist. Die Anfänge hab ich zwar nicht mitbekommen, das Prinzip aber als Ganzes verinnerlicht. Bis vor einiger Zeit war ich der Auffassung, dass verschlossene Grenzen der Geschichte angehören. Mauern wurden eingerissen – das Ergebnis eines langwierigen Prozesses. Starre Schlagbäume sind mittlerweile lediglich verstaubte Relikte und erinnern uns an eine längst vergessene Zeit. Parallel dazu steht das Schengener Abkommen: einer der Grundpfeiler, auf die sich unsere Gesellschaft stützt.

Soweit die Theorie, doch ein Blick in die Zeitung offenbart etwas anderes. Es wird klar, dass es in erster Linie die Grenzen in unserem Kopf sind, an denen wir gegenwärtig scheitern und die jene in und um Europa immer unüberwindbarer werden lassen. Pessimismus und Verdrossenheit greifen um sich und verklären die Sicht auf die Dinge. Nach dem Motto: ,,Früher war alles besser", deshalb ,,Grenze wieder zumachen und fertig." Doch damit ist das Problem nicht gelöst und schon gar nicht aus der Welt geschafft. Vielmehr in die Welt, aber aus den Augen und aus dem Sinn. So gerne man sich an die vermeintlich ,,gute alte Zeit" zurückerinnert: Lasst gestern gestern sein und denkt an die Zukunft. Glorifizierung und Nostalgie haben ihren Platz, aber nicht wenn es um unser aller Morgen geht. Während mit großem Fleiß analysiert und debattiert wird, blenden wir gekonnt aus, dass wir uns auf politischer sowie menschlicher Ebene im Kreis drehen. Ein Zustand, der mehr Unsicherheit erzeugt, als er beseitigt. Wenn ich in diesem Moment auf Europa blicke, sehe ich Stillstand einkehren, aber noch lange keine Ruhe. Stimmen wollen gehört werden und fordern gleichzeitig den Rückzug nach hinten – eine Misere, wenn man bedenkt, dass im Zuge dessen all das Blut, Schweiß und Tränen Vergießen für ein freies Europa vergebens war.

Eine beliebte Glückskeksformel lautet ,,Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Mauern und die anderen Windmühlen." Klischeehafter Poesiealbumspruch? Mag sein.Aber  einer, den man auf die heutige Situation übertragen kann. Schlussendlich liegt es zwar in unserer Hand, wie wir die vor uns liegenden Probleme lösen, doch wie das mit der Zukunft am Ende eben so ist: Sie steht und fällt mit den Entscheidungen, die wir heute treffen.

 

 Katrin Fischer

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