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ausgabe #82. prosa. valentino filipovic

die unsichtbarkeit auf der hinterbühne


Die Straße ist der Raum, in welchem Fortbewegung stattfindet. Auf der Straße gehen wir unsere individuellen Wege, um von einem Ort zum anderen zu kommen. Diese individuelle Art und Weise gilt es in den Blick zu nehmen, wenn wir uns der Straße hier nähern möchten. Das Problem dabei ist: unser Alltag zieht meist unbeobachtet und unbewusst an uns vorbei, ohne dass wir ihm nähere Beachtung schenken. Wir bewegen uns zwar alltäglich auf den Straßen, aber was nehmen wir dabei eigentlich wahr und was nicht? Wworauf richten wir unseren Blick, was beschäftigt uns und was zieht an uns vorüber, ohne dass wir es wert finden, uns näher damit auseinanderzusetzen?
Für viele von uns, wie in meinem Fall, ist der alltägliche Trott auf der Straße folgender: Von zu Hause in die Arbeit oder auf die Universität; vom Ort der Lohnarbeit oder Bildung, noch schnell über das Lebensmittelgeschäft, nach Hause zurück; von einem Punkt des Aufbrechens zu einem Punkt des Ankommens. Wie kommt es eigentlich, dass Sie, liebe Leserinnen und Leser, in ihrer eigenen alltäglichen Bewegung mal Halt finden können, um an dieser Straßenwand – an der Sie womöglich gerade diese Zeitung lesen – stehen zu bleiben? Befinden Sie sich auf dem Weg in die Arbeit oder von der Arbeit nach Hause zurück? Oder machen Sie gerade einen gemächlichen Sonntagsspaziergang und haben Zeit und Muße, um stehen zu bleiben? Oder warten Sie nochauf eine Bekanntschaft und vertreiben sich die Zeit mit lesen?
 Die Straße ist ein Weg, deren Qualitäten im Übergang und im Dazwischen-Sein liegen. Ihre vielen Wege fließen oft an uns vorbei und wir schenken ihnen meist wenig Aufmerksamkeit. Denn unser Wahrnehmen und unser Interesse gilt meist dem fixen Punkt, dem Punkt des Aufbrechens und des Aufkommens, und weniger dem des Dazwischen. Die Kulturanthropologie schätzt die Qualität dieses Übergangs- und Zwischenraumes, denn sie weiß, dass in diesem vermeintlichem Vakuum etwas passiert. Darin entsteht nämlich die Art und Weise, wie wir unsere Identität und Persönlichkeit entwickeln und die Welt um uns herum wahrnehmen, weil sich in diesem Moment entscheidet, wie wir etwas sehen, betrachten, interpretieren und bewerten – wie sich etwas in unsere Realität einfügt und ein Teil von uns wird. In diesem Vakuum, das wir Alltag nennen, lässt sich das Werden beobachten, welches uns sonst meist verborgen bleibt. Sofern wir den Blick darauf richten können und wollen – oder, um eine Parabel von David Foster Wallace zu verwenden: Schwimmen zwei junge Fische gemächlich im Wasser und treffen einen älteren Fisch. Fragt der ältere die jüngeren: „Na Jungs, wie ist das Wasser heute?“ Antworten die jüngeren Fischer: „Wasser? Was ist das?“
Die zweite Qualität des „kulturanthropoligschen Blickes“ ist es, dass er die Menschen als kulturelle Wesen betrachtet. Also, dass wir Menschen in der Kultur, Gesellschaft und Zeit, in der wir leben, verwoben sind, und wir aus dieser Prägung heraus handeln und unsere Realität fortschreiben. Der Zwischenraum ist jener Ort, in dem sich der Prozess aus Gewesenem und Werdendem beobachten lässt; das Werden unserer eigenen Persönlichkeit und das Werden unserer Gesellschaft. Dieser Zwischenraum ist kein leeres Vakuum, in dem wir machen können was wir wollen. Vielmehr beeinflussen die Regeln und Imperative unserer Kultur, Gesellschaft und Zeit uns in unserem Handeln und unserer Identitäts-Fortschreibung.
Was sind also die Rahmenbedingungen unserer Straßen und Wege, die wir täglich gehen, und die ich näher in den Blick nehmen möchte? Was sind die Imperative der Straße und die Regeln unserer kulturellen, sozialen und zeitlichen Prägung, aus der heraus wir handeln und unsere Identität entwickeln? Greifen wir uns doch mal eines davon heraus!

Die Straße ist nicht nur der Raum der Fortbewegung, sondern auch der Begegnungsraum der Menschen. Auf der Straße treffen sich bekannte sowie unbekannte Menschen und interagieren miteinander. Wir allen kennen die Vorstellung der Straße als Bühne, auf der sich Menschen blicken lassen, inszenieren, selber zur Schau stellen. Wir alle sind die Schauspieler in diesem Stück; die Straße unsere Bühne und die anderen unser Publikum; mal treten Menschen auf, mal sind sie im Hintergrund; mal haben sie eine Rolle eingenommen, mal verweigern sie die Rolle. Der Titel des Stückes in zwei Akten: Wie anonym sind wir eigentlich in dieser Stadt?
Erster Akt: Die Straßenkulisse einer mitteleuropäischen, mittelgroßen und durchwegs mittelmäßigen Stadt: Unser Protagonist bewältigt wieder mal gehend einen seiner Alltagswege, weil er der Meinung ist, dass das Gehen die kultivierteste aller Fortbewegungsarten ist, im Vergleich zum Radfahren, den öffentlichen Transportmitteln oder – Gott behüte – dem Autofahren. Denn das Gehen hat das langsamste Tempo – im Gehen entstehen für ihn die intensivsten Eindrücke, Gefühle, Gedanken, Vorstellung. Denn im Gehen kann man auch mal abschweifen und sich von der urbanen Kulisse und ihren Protagonisten, Requisiten sowie ihrem Drehbuch leiten lassen. Im Gehen begegnet man Menschen, kreuzen sich Blicke und passieren Ereignisse.
Die Stadt ist nicht nur zweckorientierte Fortbewegung, sondern auch der Ort der Sichtbarkeit und des Sich-Zeigens, vor allem in dieser mitteleuropäischen, mittelgroßen und mittelmäßigen Stadt, in der sich unser Protagonist bewegt. Wenn wir uns in unserer Stadt wie der Fisch im Wasser bewegen, begegnen uns Menschen, die wir kennen. Manchmal wollen wir diesen Menschen begegnen und sie sehen. Manchmal auch nicht, weil die Sichtbarkeit auch immer mit einem Risiko verbunden ist. Denn im Gehen begegnen wir manchmal Menschen und Situationen, die wir gerade nicht haben wollen bzw. vermeiden möchten. Aber wo ist der Platz für Unsichtbarkeit? Wo können wir unbeobachtet verschwinden und vorbeihuschen? Und wieso tun wir das eigentlich?
Die Straße lässt sich insofern „aneignen“, als dass uns das Straßennetz – in dem wir leben – vertraut wird. Wir wissen, worin wir uns bewegen und was uns darin erwarteten könnte. Wir entwickeln dabei auch Strategien und Praktiken, um ein bestimmtes Maß an Sichtbarkeit oder Unsichtbarkeit zu erzeugen. Der zweite Akt handelt genau davon: Was macht die Sichtbarkeit mit uns? Wann möchten wir auf der Straße unsichtbar sein? Wieso wollen wir unsichtbar sein? Wie werden wir unsichtbar? Was sind die Orte und Requisiten, mit denen wir uns unsichtbar machen?
Teilen Sie mit mir doch ihre eigenen Geschichten darüber! Was sind ihre Strategien, Praktiken und Requisiten? Wie schaffen Sie es in dieser mitteleuropäischen, mittelgroßen und mittelmäßigen Stadt unsichtbar zu werden?                          

valentino.filipovic@edu.uni-graz.at  


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Valentino Filipovic

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