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ausgabe #47. prosa. wolfgang f. berger

die hochzeit des scheidungsrichters.

 

auf der fahrt nach ischl saß diesmal die eifersucht ganz vorn. das bedauern kochte in ihrem gehirn, von der nachrede noch keine rede. bereits vor der ankunft am busbahnhof, wo georg schließlich dazustoßen sollte, hatte sie sich aber schon symmetrisch auf die sitzbänke verteilt. und das ganz ohne kenntnis jener person, die es sich erlaubt hatte, schon zwei stationen zuvor einzusteigen.

georg stand am gehsteig. etwas verschwitzt. die hitze kroch langsam über den boden in die erde zurück, der abend kam spürbar näher und doch fühlte es sich so an, als hätte er den ganzen tag noch vor sich, was in gewisser weise auch stimmte. er musste nach ischl, zum gericht. der bus würde jeden augenblick ankommen. es konnte sich nur mehr um sekunden handeln.

still verabschiedete er sich von senthan, dem einzigen tamilen den er kannte, mit einem flattrigen winken warf er ihm zwei kusshände zu, die man auch ernst nehmen hätte können, hätte man georg nicht gut genug gekannt, um zu wissen, dass er es ironisch meinte.

der tamile, der zufälligerweise einem inder ähnelte, den georg kürzlich kennengelernt hatte, winkte freundlich zurück. irgendwie wirkte er jetzt erwachsener, reifer, mit dem schnurrbart, dem engen hut und der hose, die eindeutig aus amerika kam. rechts bewegten sich die baumstämme, der wind kühlte die umgebung.

der tamile tänzelte davon, über die straße und noch bevor er hinter dem parkhaus verschwunden war, fuhr der bus ein und georg hatte ihn vergessen.

handshake. ein weiteres winken, dann stand er schon in der schlange und wartete erneut. zerzaust spiegelte er sich in der fensterscheibe. vor ihm zwillinge, die tuschelten. hinter ihm eine großmutter mit ihrer enkelin. zur linken sein spiegelbild, das wieder nicht zeigte, was er gern gesehen hätte. bleich war er, ein wenig traurig, auch wenn er sich stärker fühlte als jemals zuvor.

drinnen roch es nach schwermetall, ziegenkäse und muskat. der busfahrer war sehr nett, was ihm verdächtig vorkam, er aber ignorierte, da sein ziel ein anderes war. vollkommene abgeschiedenheit. eine mischung aus isolation und der vorfreude auf ein wiedersehen mit lieben menschen. etwas, das er von früher kannte, sich als kind aber niemals erhofft hätte.

hinter ihm sprach die großmutter. was, verstand er kaum, da er zu sehr mit sich selbst und seiner unmittelbaren zukunft beschäftigt war. die sturmgegrämten gesichter der bauersleute lachten grau, ein leiser wink, dass es höchste zeit war, wieder auszusteigen.

ein ticket lösen, sitzplatz suchen, sitzen, schweigen, starren, einfache fahrt, ohne worte, scheinbar endlos und dann doch endlich da. ischl. der schlauch der nation. aussteigen, starren, suchen, gehen. betrunkene wankten ihm entgegen, der hauch der welt. am ende nur hoffnung und die ganze straße entlang nur ein ziel: der rechtsanwalt. ein weiterer mensch, der ihm sagte, was zu tun und zu denken sei.

links türken, die worte unverständlich, eine verschleierte frau, volksmusik und kinder. ein gewöhnlicher tag.

"geiler arsch", schrie ein junge, der ihm irgendwie bekannt vorkam. "siebzehn" antwortete sein fetter sitznachbar, doch georg war schon wieder weg, sodass er nicht mitbekam, was danach geschah.

beteiligungslos saß er dort. ja, hieß es: der scheidungsrichter heiratet endlich. der rechtsanwalt reichte ihr den ring, drückte ihr einen kuss ins gesicht. damit war es vollbracht. georg nahm sie am arm, spazierte mit ihr zur kutsche, die bereits wartete und öffnete die tür.

die eifersucht war fort, die glocken läuteten und für einen kurzen augenblick hörte es sich so an, als hätte selbst der wind nichts mehr zu sagen.

 

wolfgang f. berger

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