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ausgabe #81. prosa. saša ilić

casablanca blue


Der Windhund hieß Kaspar. Ich hatte ihn vor zwölf Jahren in meinem Wiener Atelier fotografiert. Er gehörte dem Architekten Otto Drabek, der ihn eines Tages an einer kurzen Lederleine mit metallenem Karabiner hereinführte. Mich mochte er nicht, das konnte man schon an der Tür sehen. Als er mich erblickte, zitterte seine Schnauze, als hätte er ein angeschossenes Tier im Gras aufgespürt. Daher bat ich meinen Kollegen Karl, mir den Auftrag abzunehmen. Drabek zog jedoch den Hund zu sich heran, woraufhin dieser sich beruhigte. Er bestand darauf, dass ich Kaspar fotografiere, denn er hatte mein Foto von Marlene Dietrich in der Zeitschrift Wiener Magazin gesehen. Um die grazile Figur seines Windhundes zu betonen, sollte es genau derselbe Bildaufbau sein.


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Foto: Edith Barakovich, Windhund 1928; Ullstein Bild.


Als ich ihm sagte, dass das unmöglich ist, wurde Drabek wütend und schlug sich mit den Handschuhen auf die Schenkel. Siehst du etwa nicht, dass mein Hund Marlene ähnelt?, ereiferte er sich. Er hat denselben Gang wie sie, ist verführerisch und zärtlich, aber auch gefährlich. Es fehlt nur wenig und er wird lernen zu sprechen. Genau wie Marlene. Hat denn noch niemand bemerkt, wie sehr diese Schauspielerin einem Mann ähnelt? Na, und genauso ähnele sein Kaspy einem Weibchen. Aus irgendeinem Grund war das für ihn offensichtlich, auch wenn ich beim besten Willen diese Ähnlichkeit nicht entdecken konnte. So versuchte ich aus Kaspar etwas zu machen, das er nicht war. Einen gutmütigen Windhund, der mit sanften Augen in die Welt blickt. Die Fotografie schafft das, wenn man mit der Blende umgehen kann. Wird das Licht im Hintergrund verringert, dann gewinnt der Körper an Fülle und Wärme. Der stärkere Kontrast lenkt die Aufmerksamkeit von der Atmosphäre auf den Charakter. Ein nackter Charakter aber ist imstande, den Betrachter zu täuschen. So wurde Kaspar zum Schoßhündchen und Drabek bekam das, was er wollte: Marlene im Format eines Hundes. Die Fotografie habe ich ihm allerdings wegen Kündigung der Geschäftsräume nie ausgehändigt, denn ich war gezwungen, mit meinem Atelier ans andere Ende der Stadt zu ziehen. Ich erinnere mich, dass ich auf der Rückseite des Bildes noch meinen alten Stempel benutzt hatte: „Atelier Edith Barakovich. Prinz Eugen Strasse 30“. Das Bild hatte ich in einen Umschlag gesteckt und den dann wer weiß wohin gelegt. Es war die letzte Fotografie, die an der alten Adresse aufgenommen worden war.

Fünf Jahre waren seit jenem Herbst vergangen, in dem Kaspar in mein Leben getreten war. Paul und ich lebten bereits in Berlin. Hinter ihm lag ein großer Erfolg mit dem Film Die Drei von der Tankstelle, ich aber hatte in der Friedrichstraße ein kleines Studio eröffnet, „Atelier de Moda“. Ich arbeitete als Modefotografin und meine Bilder illustrierten die Moderne Welt. Meine junge Assistentin Lilly erzielte mit nur zweiundzwanzig Jahren einen beachtlichen Erfolg in der Berliner Kunstszene. Paul und ich waren von ihr begeistert. Er bot ihr sogar die Mitarbeit am Bühnenbild für ein Musical an, das er gemeinsam mit seinem alten Freund Schulz plante. Also war ich in diesen Tagen oft allein im Atelier und völlig in Anspruch genommen vom Auftrag einer Fotoserie mit Frauenhüten für den bevorstehenden Sommer 1933. Modell standen mir zwei Männer, die ich eines Nachmittags auf dem Alex entdeckt hatte. Sie hatten dort gesessen und Tauben gefüttert. Aus ihrer heruntergekommenen Kleidung konnte ich schließen, dass sie arbeitslos waren. Der ältere hieß Franz und hatte in einer Textilfabrik gearbeitet. Er war groß und abgemagert. Der Name des jüngeren war Hubert; hartnäckig gab er sich als Pianist aus. Allerdings habe ich nie gehört, dass er je etwas gespielt hätte. Noch nicht mal vor sich hin gepfiffen hat er. Er war einfach unmusikalisch. Aber beide verstanden sich ausgezeichnet auf ihre Aufgabe. Sie kamen in der Regel am späten Nachmittag zu mir, zogen die Kleider an, die ich vorbereitet hatte, und posierten mir bis spät abends. Ich hatte wirklich Glück und versuchte das auch Paul zu erklären, der gewöhnlich spät aus dem Studio kam. Der tat so, als verstünde er mich nicht, oder ihn interessierte schon damals nichts mehr von mir. Jedes Mal, wenn ich anfing, ihm etwas mitzuteilen, begann er von sich zu erzählen. Von Schulz, von Lilly, von einem neuen Drehbuch. Über die Probleme, die sie mit einem Produzenten hatten. Er klagte, dass sie in Kürze incognito würden arbeiten müssen, um ihre Arbeit fortsetzen zu können. In dieser Zeit lief mein Geschäft ausgezeichnet. Ich erstellte eine herausragende Serie an Modefotografien, auf denen Männer in Frauenkleidern mit großen Hüten posierten. Ich fotografierte sie immer von hinten oder im Profil, zumeist von unten, wobei sie den Kopf zur anderen Seite wandten oder ihr Gesicht von der herabgezogenen Hutkrempe verdeckt war. In der Regel machten sie einen Aufstellschritt, manchmal begegneten sie einander auf der Bühne, und ab und an hielten sie eine Blume, eine Zeitung oder ein Glas mit einem farbigen Getränk in der Hand. Man könnte sagen, dass Franz in dieser Rolle aufging, während Hubert das alles eigentlich nur machte, weil er nicht spielen konnte. Manchmal haben wir alle drei nach der anstrengenden abendlichen Arbeit noch etwas zusammen getrunken und uns auf die große Matratze in der Garderobe gesetzt, wo ich sonst die Kleider lagerte. Einmal legte sich Franz auf den Rücken und stellte sich das Glas auf die Brust. Er trug immer noch das Kleid. An eine einsame Frau erinnerte er mich, und so streckte ich mich wortlos neben ihm aus. Ich hörte, wie unregelmäßig er atmete. Und dann legte sich Hubert behutsam an meine andere Seite und schmiegte sich an meine Schulter. Zum ersten Mal, seit ich nach Berlin gekommen war, fühlte ich mich sicher. Was, wenn uns der Teufel holt, setzte Franz an. Was für ein Teufel? fragte Hubert träge. Ja, was für ein Teufel auf einmal? fragte auch ich, während ich mit den Fingern die Falten auf seinem Seidenkleid glättete. Ich meine den Führer, antwortete er und erhob sich ein wenig, um einen Schluck zu trinken. Ein Tropfen fiel dabei auf seine Brust und hinterließ einen roten Fleck, der sich schnell vergrößerte. Scheiße! Macht nichts, sagte ich zu ihm und berührte die Stelle. Das Kleid war dünn. Ich spürte darunter seine eckige, feste Brust. Was geht uns der Führer an, flüsterte Hubert und näherte sich gefährlich meinem Hals. Sein Atem paralysierte mich. Irgendwie musste ich in diesem Augenblick an Paul und Lilly denken. Ich sah sie in dem riesigen Studio, in dem sie arbeiteten. Es war schon spät, aber die beiden lagen in dem großen Metallbett mit der dicken Matratze. Unter ihnen war ein leuchtend rotes Laken, auf dem ihre nackten Körper in starkem Kontrast glänzten. Niemals zuvor hatte ich diese Epiphanie erfahren. Lilly hatte kleine Brüste, mit denen sie sein Gesicht berührte als würde sie es nach dem Waschen abtrocknen. Und er lächelte und griff sie an Stellen, an denen er mich nie berührt hatte. Dann biss mich Hubert in den Hals, ich schrie unterdrückt auf und brach mit ihm und Franz durch die Matratze wie durch den baufälligen Dachboden, damals in Zemun, im Dachgeschoss der Apotheke meines Vaters Ludwig.

Von diesem Sturz brach ich mir das Schlüsselbein und war grün und blau am ganzen Körper. Mein Vater fand mich im Schlafzimmer zwischen dem Bett und dem Nachttisch. Über uns gähnte ein großes schwarzes Loch. Seine Form wurde damals für mich zur drohenden Kontur des Unglücks. Ich sollte mich an sie erinnern, wann immer ich mich später in einer beängstigenden Situation befand. Als sollte durch dieses Loch im Dachboden etwas Dunkles und Eisiges in unsere Welt eindringen. Mein Vater hob mich dann vom Boden auf und legte mich aufs Bett. Er roch wie immer nach Arzneimitteln, besonders nach einem, von dem ich später erfahren hatte, dass es „Valium“ heißt. Vielleicht hatte er mit ihm versucht, ein Loch in seinem Leben zu stopfen, ich weiß es nicht, aber damals, umgeben von diesem Geruch, verspürte ich den Wunsch, mir einige Szenen für immer einzuprägen. Das hatte ich ihm etwas später auch gesagt, als Doktor Puljo gegangen war und mich in einem kalten Joch aus Gips und Verbänden zurückgelassen hatte. Mein Vater blinzelte hinter seinen runden Brillengläsern und sagte, er werde bald mit Malvine sprechen, einer Verwandten von uns, die seit einiger Zeit in Wien ihr eigenes Fotoatelier besaß. Wäre ich damals nicht durch dieses Loch gefallen, dachte ich später, hätte mir mein Vater nie erlaubt, mich der Fotografie zu widmen. Auf mich wartete die väterliche Apotheke und das war schon seit meiner Geburt beschlossene Sache. So ließ ich ihn allein in diesem Haus mit dem Loch im Dachboden, das zu schließen ihm nie gelungen ist. Selbst als die Handwerker schließlich gekommen waren, blieb danach an der Decke eine hässliche Narbe mit dunklen Kanten zurück, die drohten, sich jeden Moment vom Rest des Dachbodens zu lösen und zu zeigen, was sich eigentlich hinter dieser Maske verbirgt.

Es verging nicht viel Zeit, seit Franz den Führer erwähnt hatte, und eines Morgens erwartete mich ein riesiger Stein im Schaufenster des Ateliers sowie ein Haufen Splitter drumherum. Noch am selben Tag ließ ich eine neue Glasscheibe einsetzen und entfernte meinen Namen vom Geschäft. Das war eigentlich Pauls Vorschlag. Er glaubte, dass wir uns namenlos leichter durch die Berliner Geschäftswelt würden bewegen können. Das währte nicht lange. Eines Abends, als Franz, Hubert und ich die Aufnahmen beendet hatten, begannen wieder Steine zu fliegen. Hinter ihnen waren Hundegebell und Stimmen von Menschen zu hören. Hinter dem Vorhang stehend sah ich hinaus und erblickte eine Gruppe von Männern mit Hunden an der Leine. Sie erinnerten mich an wütende Eigentümer, die aufgrund fehlender Mietzahlungen die Geduld verloren und sich zu äußersten Maßnahmen entschlossen hatten. Sie nahmen ihre ausgehungerten Hunde und machten sich auf, die Schulden einzutreiben. Franz und ich sahen einander an. Diesen Teufel habe ich gemeint, sagte er, als er in Windeseile das Kleid auszog. Einen Moment lang vergaß ich die Szene vor meinem Atelier. Mager und hochgewachsen stand er ohne Unterwäsche vor dem Spiegel. Sein muskulöser Hintern war vom Hungern unter den Beckenknochen eingefallen. Hubert versuchte panisch, das Fenster in der kleinen Toilette zu öffnen. Dann flog noch ein großer Stein herein und hinter ihm sprang ein riesiger kurzhaariger Hund durch das zerschlagene Schaufenster. Mit einem Mal stand ich ihm direkt gegenüber. Ich hörte den Schrei von Franz und sah, wie er nach dem Kleid griff, um seine Blöße zu bedecken und Hubert hinterher in die Toilette rannte. Die Meute heulte auf der Straße, während sich der Hund für einen Augenblick vor mir verschanzte. Wir schauten einander an, als versuchten wir uns zu erinnern, woher wir uns kennen. In seinen Augen meinte ich, Zweifel zu erkennen: vielleicht würde er all das auch gar nicht tun, wenn sie ihn nicht tagelang ausgehungert und misshandelt hätten. Während er seine Fangzähne bleckte, wich ich Schritt für Schritt vor ihm zurück. Ich wollte irgendwie bis zur Tür, die in meine Dunkelkammer führte, gelangen. Ich stieß einen Hocker und das Stativ um. Der Hund begann dumpf zu knurren und dann sprang er auf mich zu. Ich spürte den Schlag seiner Pfoten bevor ich stürzte. Ich dachte, dass jetzt der Biss käme, aber das passierte nicht. Er sprang über mich hinweg und griff die Puppe mit dem Hut an. Ich erhob mich auf die Ellenbogen und kroch zur Tür der Dunkelkammer. Die Beine spürte ich kaum. Zum Glück war die Tür auf; ich schob mich nur hinein und machte sie zu, indem ich mich auf die andere Seite setzte und mich mit dem Rücken dagegen stemmte. Für etwas anderes fehlte mir die Kraft. Den Hund hörte ich Atelier wüten. Ich dachte, die aufgeheizte Meute würde bald eindringen, aber sie gab sich damit zufrieden, das Schaufenster zu demolieren. Als alles still geworden war, versuchte ich zu hören, was hinter der Tür geschah. Zunächst nichts. Dann schien es, als bewegte sich etwas auf dem Fußboden. Als würde jemand mit dem Fuß gegen einen metallenen Gegenstand treten. Dem Geräusch nach zu urteilen, das zu mir drang, begriff ich, dass das keine willentliche, beabsichtigte Bewegung war, sondern eine zufällige, tierische. Dann näherte er sich mir. Ich spürte ihn hinter der porösen Holztür. Ganz dicht stand er an der Tür und machte dasselbe wie ich. Er versuchte, meinen Atem zu hören, denn mein Geruch hatte schon längst seine Sinne erreicht. Die Puppe hatte ihn nicht befriedigt. Sie trug zwar Kleidung von irritierender Farbe, ihr Fleisch jedoch war hart. Vielleicht war es ihm auch gelungen, ihren schmalen Torso mit den Zähnen zu durchstoßen. Wir waren einander eine gewisse Zeit sehr nah, getrennt von der Tür, ich im Dunkeln, er im Hellen. Dann rief ihn jemand von der Straße. Ich hätte schwören können, den Namen Kaspar gehört zu haben. Der Hund gab einen tiefen Laut von sich und machte sich langsam zu seinem Besitzer auf. Ich nahm an, dass er durch dasselbe Loch gesprungen war, durch das er auch hereingekommen war. Ich blieb allein. Franz und Hubert waren durch das Toilettenfenster geflohen. Ich wusste, dass dieser Raum mir nicht mehr gehörte.

Genau dasselbe geschah später in Wien, wo ich versuchte, mir erneut ein Atelier aufzubauen. Paul konnte immer weniger als Drehbuchautor arbeiten, und das einzige, was er noch tun konnte, war Zeitung lesen und ins Café „Central“ gehen, woher er jeden Abend mit fürchterlichen Geschichten darüber, was uns erwarten würde, zurückkehrte. Ich wollte nicht glauben, dass ich Wien würde verlassen müssen. Ich hatte einen ausgezeichneten Auftrag angenommen. Ich fertigte Portraits angesehener Persönlichkeiten Wiens für eine große Monongraphie des „Zsolnay“-Verlags an. Viele dieser Leute wollten, dass ich sie in ihrem privaten oder beruflichen Ambiente ablichte. Die einen fotografierte ich neben dem Kamin, die anderen neben ihrer Bibliothek im Arbeitszimmer, die dritten im Garten vor dem Haus. Als ich die Adresse eines Architekten in Grinzing bekam, brach ich gewohnheitsmäßig auf, ohne zu prüfen, um wen es ging. Erst als ich das große schmiedeeiserne Tor erreicht hatte, hinter dem mir über den großen Rasen ein Windhund entgegenrannte, begriff ich meinen Fehler. Das war das Haus von Otto Drabek.

Die Hausangestellte führte mich in den Salon, in dem mich Architekt Drabek erwartete. Er saß in einem tiefen Sessel mit einem Wolfsmuster auf der Polsterung. Ein Lächeln spielte um seine Lippen, als er mich begrüßte. So sehen wir uns wieder, liebe Edith, sagte er, als er sich aus dem Sessel erhob. Dann drückte er mir fest die Hand und schaute mir in die Augen. Wissen Sie, dass mein Kaspy gestorben ist, sagte er nach einer kurzen Pause leise. Das hatte ich nicht gewusst. Ich wollte ihm sagen, dass ich gehört hatte, Windhunde würden nicht lange leben, aber ich hielt mich zurück. Die traurige Grimasse veschwand schnell von seinem Gesicht. Er wurde wieder der alte Drabek, dieses Mal nur noch selbstbewusster. Ich sollte ihn neben dem Fenster fotografieren, so, wie er es sich ausgedacht hatte, damit ich die Warteatmosphäre „einfange“. Als ich danach fragte, auf wen er da wartet, lächelte Drabek kalt und zeigte mit der Hand auf die Tür, die in den Nachbarraum führte. Ich folgte ihm. Ich werde Ihnen etwas zeigen, sagte er als er die Tür öffnete. Mit einem Mal waren wir in einem verdunkelten Raum, durchzogen von Leinen, an denen großformatige Fotografien hingen. Mir war nicht ganz klar, ob wir uns in einem Wäschezimmer oder einer improvisierten Galerie befanden. Drabek zog dann die Vorhänge auf und ich konnte die Früchte seiner Arbeit sehen. Auf diesen Bildern war eine riesige Baustelle. Viele Baracken und Menschen in Arbeitskleidung. Die langen Schatten hoher Baugerüste unterteilten die breiten, betonierten Straßen zwischen den Baracken. Hier habe ich ein paar Jahre gelebt, begann mir Drabek zu erzählen. Es handelt sich um das Arbeitslager Morungen, an dessen Rekonstruktion ich beteiligt war. Ein Lager, wiederholte ich bestürzt, was für ein Lager? Ein Arbeitslager, antwortete mir Drabek begeistert, vor allem für Frauen. Gleich werden Sie es sehen... Tatsächlich, die Fotografien waren chronologisch angeordnet, von den Bauphasen des Lagers bis zu seiner Inbetriebnahme. Es folgten Bilder von Kolonnen der Lagerinsassinnen in Zivil, dann in Lagerkleidung. Morgenappelle, Arbeitsszenen am Fließband, auf dem ordentlich gestapelte Pakete von Kampfmunition zu sehen waren. Wie Sie sehen, sagte Drabek zufrieden, dem Reich ist es gelungen, negative Energien in etwas Nützliches zu verwandeln. Alle, die ihre Zeit für die Zersetzung des Systems verwendet hatten, wurden auf bestmögliche Weise mit Arbeit versorgt. Es muss sicher nicht erwähnt werden, dass die meisten solcher Subjekte Frauen sind. Vor allem Kommunistinnen, Feministinnen und Jüdinnen. Ich spürte, dass seine Spucketropfen wie kleine Nadeln meinen Hals trafen, als er mir das erklärte. Er war sichtlich erregt, schwitzte stark und verbreitete einen unangenehmen Körpergeruch. Und dann konfrontierte er mich mit den speziellen Umerziehungsmaßnahmen in Moringen. Es folgte eine Reihe Fotografien, auf denen vor allem Frauen waren, aber in schrecklichen, erniedrigenden Posen: nackt, sehr oft mit Hundeleinen oder dünnen Silberketten um den Hals. Die meisten knieten und hatten die Hände auf den Boden gestützt. Neben ihnen stand jemand in brauner Uniform und glänzenden Stiefeln. Er war nur bis zum Gürtel zu sehen. Den Beinen und Hüften nach schien es sich um einen Mann zu handeln. In einer Hand hielt er die Leine, in der anderen eine Peitsche. Die Frauen zu seinen Füßen wirkten gepeinigt, einige trugen die Spuren von Schlägen. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, als ich das sah. Auf meinen Schultern spürte ich Drabeks Blick. Ich hatte das Gefühl, er würde sich jeden Moment auf mich stürzen. Das ist das Resultat der Umerziehung, so fasste Drabek es zusammen und fuhr mit dem Finger die Kette entlang, die von der Hand eines der Aufseher zum Hals einer schwarzhaarigen Frau reichte. Die Frau war von der Seite fotografiert, genauso, wie ich einst Kaspar in meinem Atelier abgelichtet hatte. Ihr Blick war erloschen, im Rippenbereich und auf den Hüften hatte sie dunkle Striemen vom Auspeitschen. Das ist schrecklich, entfuhr es mir unwillkürlich. Nein, widersetzte sich Drabek, das ist die rationale Antwort des Staates auf die Organisation von Streiks, den Druck kommunistischer Pamphlete, letztlich auf den Müßiggang, der unter den Frauen herrschte. Mein Blick traf seinen. Da bemerkte ich einen Punkt in der blauen Regenbogenhaut seines rechten Auges, der für einen Moment eine optische Täuschung zu sein schien. Es sah aus, als hätte er zwei Pupillen in einem Auge, so dass er seine Wahrnehmung nicht mehr unter Kontrolle hatte. Seine Blende war offensichtlich kaputt und er konnte seine Umgebung nicht mehr ohne diesen Defekt sehen, der zu all den Szenen auf den Fotos führte, die ihn erregten. So, darauf warte ich, sagte er am Ende: den Anfang eines geordneten Lebens.

*


Tag und Nacht standen wir am Hafen in Biarritz im Regen. Mein Mantel wurde steif und schwer vom Wasser und mein Hut fiel nach siebzehn Stunden Regen vollständig auseinander. Eine Zeitlang saß ich auf dem großen Koffer und lehnte mich an Pauls Seite. Obwohl meine Blase voll war, wollte ich mich nicht wegbewegen. An seiner anderen Seite stand Lilly mit ihrer Mutter Ida. Sie hatten zweimal soviele Sachen wie wir, aber nicht einen Augenblick lang, seit wir am 13. Juni Paris verlassen hatten, hatten sie daran gedacht, sich des überschüssigen Ballastes zu entledigen. Obwohl wir alle erschöpft waren, erzählte die alte Ida weiter davon, dass ihnen ihr Verwandter aus New York sicher mit den Papieren helfen würde. Dennoch hörte ich Lilly ab und zu schniefen. Ich spürte, wie sie sich an Paul schmiegte. Wie sie seine Hand drückte. Und noch schlimmer, wie sie die Hand in seine Hosentasche steckte. Vielleicht auch tiefer. Ich denke, dass für Paul das Warten in Biarritz am schwersten war, denn wir waren das erste Mal beide um ihn, hingen an seinen Schultern wie zwei Körbe an einem Esel (dieses Bild sollte ich dann auf den Straßen Casablancas öfter antreffen). Nach einiger Zeit bemerkte ich die Masse an Flüchtlingen um uns herum nicht mehr. Sie waren nur noch durchnässte Mäntel, Taschen und Säcke, Hüte, die jede Form verloren hatten, Menschen ohne Gesichter, Kinder ohne Eltern. Nur die Stimmen hielten diesem Regen stand, abgehackte Silben auf Französisch, Deutsch und Jiddisch, wovon ich immer müder wurde. Ich bemerkte noch nicht einmal, als es passierte. Ich spürte, dass mir wärmer wurde. In diesem Traum war ich wieder ein kleines Mädchen. Ich saß auf einem Wagen, den ein Pferdegespann zog. Das Gesicht des Kutschers konnte ich nicht sehen, aber ich wusste, dass es mein Vater ist und dass wir uns auf einer gepflasterten Straße befinden, die zur Donau hinabführte. Da fiel mein Blick auf einen offenen Sarg, der auf dem Wagen lag. Unter ihm waren Fensterscheiben aus dickem Glas gestapelt. Langsam stand ich auf, griff nach dem Rand des Sarges und schaute hinein. Die Pferde gingen in einen leichten Trab über und ich begriff, dass dort jemand liegt, unter einem Leinentuch, das ihm bis zum steifen Kinn reichte. Ich stöhnte, als ich mein eigenes Gesicht erblickte, aber als Erwachsene. Mit einem Mal stellte sich heraus, dass Otto Drabek das Gespann lenkte und dass wir durch dichte Wassermassen tauchten, die ganz Zemun, und weiter Belgrad bis zum Avala überschwemmten, dessen Gipfel die Oberfläche dieses unerwarteten Meeres des Unterbewusstseins berührte. Ich stieß mich von dem Wagen ab und begann, nach oben zu schwimmen, zu den immer größeren Wasserbergen. Unter mir waren wie auf Chagalls Bild Menschen, Dächer und Vögel geblieben. Und dann ergriff mich eine überraschende Strömung und zog mich nach oben, zu einer Stelle, wo ein Loch auftauchte, das demjenigen auf unserem Zemuner Dachboden ähnelte. Aus Angst vor der Kraft, die mich aufsaugte, begann ich zu schreien. Plötzlich zuckte ich zusammen. Du bist eingeschlafen, Liebling, hörte ich Paul durch den Regen sagen. Bald geht es ans Einschiffen... Das ist gut, sagte ich, ich fühle meinen Rücken nicht mehr. Da merkte ich, dass ich eingenässt hatte und dass der Druck im Bauch endlich schwächer wurde. Aber nicht der im Leben.


*


Casablanca ist die merkwürdigste Stadt, die ich je gesehen habe. Eine Verbindung von Welten, die einander auf den gepflasterten Straßen ablösen oder kreuzen, wie der amerikanische „Packard“ und kleine Esel mit Hängeohren, die überall von den Berbern herumgeführt werden. Als wir nach mehrtägiger Reise den Hafen erreichten – wir waren zuerst nach Lissabon gefahren, wo sie uns nicht aufgenommen hatten, und dann zur afrikanischen Küste – schien es mir, als wäre ich auf einem anderen Planeten, und nicht auf einem anderen Kontinent gelandet. Sie steckten uns zunächst in Quarantäne in ein kleines Camp außerhalb der Stadt und später bekamen wir dank der Alliance Israélite ein kleines Zimmer im Osten der Alten Medina. Hier war einst ein Lager, sagte uns in gebrochenem Französisch ein Mann, der sich als Kateb vorstellte; er war Besitzer eines Esels, auf dem er unsere Sachen in diesen Stadtteil transportiert hatte. Hier ist es jetzt für euch ganz gut, fügte er hinzu. Ich schaute ihn zweifelnd an und ging dann hinein. Auf den unverputzten Wänden waren gelbliche Spuren und in der Luft hing der Gestank ranzigen Mehls. Der Raum schien ein alter Speicher zu sein, ein „amber“, wie man in meiner alten Heimat sagen würde. Wir hatten ein Bett, einen kleinen Tisch und zwei Stühle, eine große Holztruhe mit geschnitztem Deckel, worin die Garderobe aufbewahrt werden sollte. Als er Kateb bezahlt hatte, betrat Paul unser „vorübergehendes Heim“, ohne ein Lächeln zu verstecken. Hilflos saß ich auf der Kiste und stützte mich mit den Händen auf ihre abgerundeten Kanten. In der Ferne hörte ich Kateb seinem Esel etwas zuschreien. Unter den Fingern fühlte ich Spuren von Mehl. Alles zerrann in diesem Zimmer. Ich hob die Hände und pustete in die Handflächen. Die Mehlpartikel flogen bis zu Paul, der, die Hände in den Seiten, nicht weit von mir stand. Für einen Augenblick erzitterte seine Silhouette im Licht des späten Nachmittags. Werden wir etwa für immer hier bleiben, fragte ich ihn. Er sah mich verwundert an, dann kam er zu mir und umfasste mein Gesicht mit seinen großen Händen, als würde er etwas daran reparieren wollen. Auf keinen Fall, sagte er leise, hier warten wir auf die Papiere für Amerika, und dann fahren wir weiter. Und was, wenn die nie kommen, frage ich und griff nach seinen mageren Beinen. Was machen wir dann? Wir können nicht zurück... Sie werden kommen. Er versuchte, überzeugend zu wirken. Aufmerksam betrachtete ich sein Gesicht. Lange waren wir einander nicht so nah gewesen. Er war unrasiert und um die Augen hatte er dunkle Augenringe, die ihm einen neuen Stempel aufdrückten – den der Sorge. Ich verbarg mein Gesicht in seinem Hemd und zitterte. Beruhige dich, hörte ich ihn sagen, aber ich konnte nicht mehr aufhören. Schon hatte ich die Knöpfe an seiner Hose geöffnet. Er rührte sich nicht. Als hätte ihn meine Reaktion unangenehm überrascht. Ich zog an seinem Gürtel und löste ihn aus der Schnalle. Wenn ich ihn nicht möglichst schnell in mir spüre, dachte ich, in diesem Zimmer, das die ganze Ungastlichkeit Casablancas in sich vereint, dann breche ich auseinander. Ich kann jetzt nicht, wehrte er ab, als ich ihn zwischen den Beinen streichelte. Warum kannst du nicht, fragte ich, du kannst wohl nie? Lilly und ihre Mutter warten auf mich, sagte er. Du weißt, dass es keinen gibt, der ihnen beim Umzug hilft. Das ist mir egal, entgegnete ich wütend und stieß ihn von mir. Jetzt sei nicht so, wir müssen in unserer Situation auch an andere denken, rechtfertigte er sich, als er die Hose wieder zuknöpfte. Du brauchst gar nicht erst wiederzukommen, sagte ich und ließ mich auf dem Bett nieder. Ich hörte nicht, was er antwortete. Als er hinausging, warf ich mich auf die schmutzige Matratze, auf der es krabbelte. In der Nachbarschaft war der Gesang des Muezzin zu hören. Danach war es still und dann – Hundegebell. Zuerst aus der Ferne, dann immer näher. Es schien, als ob es meiner Spur zu unserem „vorübergehenden“ Heim folgen und jeden Moment meine Tür finden würde.

Die Hunde in Casablanca waren anders. Auf das erste Rudel stieß ich eines Abends, als ich von der Volksküche zurückkehrte, wohin ich gegangen war, um Lebensmittel zu bekommen. Wir waren allein auf der Straße, sie auf der einen, ich auf der anderen Seite. Ich blieb wie angewurzelt stehen und lehnte mich an den Stamm einer Palme. Aber schnell begriff ich, dass mich keiner von ihnen bemerkt hatte, sondern dass sie hinter etwas anderem, für mich nicht Sichtbarem, her waren, das sie in der Luft witterten. Dieses Mal merkte ich, dass mein Geruch sie nicht anzog, und als ich mich wieder gefasst hatte, begann ich, ihnen zu folgen: die kleinen Gassen hinunter, durch alte Stadtviertel, zum Hafen. Sie liefen, den Rhythmus verändernd, in Schlangenlinien, zeitweise aus meinem Gesichtskreis verschwindend. Am Ende verlor ich sie, aber ich schwor mir, dass ich das nächste Mal vorsichtiger sein würde. Und dass ich meine kleine „Leica“ mitbringen würde, die mir von meiner Fotoausrüstung allein übrig geblieben war. So hörte ich auf, Menschen zu fotografieren und wandte mich den Hunden und ihrer Welt zu. Obwohl ich wusste, dass ich diese Fotos niemandem würde verkaufen können. Aber vielleicht wäre das in Casablanca sogar möglich. Lilly hatte es schnell nach unserer Ankunft geschafft, in Kontakt mit einem Herausgeber der Zeitschrift Life zu treten, den sie bei einem Empfang im Hotel „Anfa“ kennengelernt hatte. Schnell wurden ihre Fotografien über das Flüchtlingsleben in Casablanca veröffentlicht; die alte Ida triumphierte. Zweifellos öffnete sich ihnen langsam der weitere Weg nach Amerika. Paul zuckte nur mit den Schultern. Das ist alles Zufall, sagte er: jeder findet sich zurecht, wie er es schafft. Und wirklich, bald bekam er Arbeit als Deutschlehrer in einer Schule für Flüchtlinge, die von der Alliance eingerichtet worden war. Die Bezahlung war miserabel, aber immerhin bekam er etwas. Immer wenn er in die Schule ging, ging ich in die Stadt und suchte meine Hunde. Unterwegs lief ich über den lärmenden Markt und durch seine intensiven Gerüche, von denen mir schwindelte. Manchmal hielt ich an, um Jungs mit Fesen vorbeizulassen, die zwischen den großen Ständen herumrannten. Die Fischer boten Tintenfische, Krebse, Kalmare, Muscheln und Seeigel an. Ich hielt mir gewöhnlich die Nase zu und eilte weiter. Und dann gewahrte ich meist am Rand des Marktes einen Hund und lief ihm hinterher. Er führte mich zu den anderen und kurz darauf waren wir außerhalb der Stadt, wo sich ein Plateau aus Sand zur Steilküste des Ozeans hin erstreckte. Ich hatte den Eindruck, sie wüssten schon, dass ich ihnen folge, denn von Zeit zu Zeit hielten sie inne und schauten zurück. Ich fotografierte sie im Rudel, in Bewegung, einzeln. Dann erreichten sie die Uferfelsen und starrten lange auf den Ozean, dessen gewaltiges Rauschen sich bis zum Horizont ausdehnte. Als ich zum ersten Mal den steilen Felsen entlangkletterte, schlug eine Welle so stark auf die Steine, dass ich spürte, wie der Erdboden zitterte. Ich betrachtete die Hunde: sie waren längs der Felsen verstreut. Friedlich standen sie, sich dem Wind widersetzend, der ihnen das Fell den Hals hinab zu den Beinen und dem eingezogenen Bauch hin kämmte. Da sie so gebannt auf den Ozean starrten, konnte ich wie ein Eindringling zwischen sie treten und dasselbe tun wie sie. Ich überließ mich dem Wind, der den Kragen an meinem Mantel nach oben schob, die Knöpfe meiner Bluse löste und die Rippen hinab zur Taille glitt. Als würde mich der Ozean in seine mächtigen Arme nehmen. Dann fühlte ich zum ersten Mal, dass es mir in diesen Wellen viel besser gehen würde als am Ufer. Dieser Gedanke erwärmte mich zuerst, dann aber erstarrte ich vor Entsetzen. Ich beobachtete den Hund, der mir am nächsten stand und in die Wassermassen vertieft war. Er erinnerte mich an Otto Drabek, der ebenfalls auf seinen Tag gewartet hatte. Auch ich wartete hier, an der Atlantikküste, auf etwas. Aber, fragte ich mich, warteten Paul, Lilly und ich auf ein und dasselbe? Oder ähnelte ich den Hunden, in deren Fall ich nicht erraten konnte, worauf sie eigentlich warten. Ich zog meine „Leica“ aus der Tasche, stellte das Objektiv ein und fotografierte den Hund. Er war anders als Kaspar. Ausgehungert, gefährlich, aber auf eine merkwürdige Weise geduldig. Als ich den Apparat sinken ließ, wandte sich mir zu, als spürte er, dass sich in diesem flimmernden Licht etwas zwischen uns ereignet hatte. Es sah so aus, als blinzelte er im Wind, dann nahm er wieder seine Wartehaltung ein.

Ständig ist die Dame allein, sprach mich eines Tages jemand auf der Straße an. Als ich mich umdrehte, erkannte ich Kateb. Der Wind wirbelte das Tuch seines Turbans herum. Er schmunzelte, sein Esel stand wie angewurzelt da.


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Foto: Lilly Joss Reich, Straßengemüsehändler mit seinem kleinen Esel, Casablanca um 1940. Mit Dank an Pierre Björklund für die
Publikationsgenehmigung


In dieser Stadt kenne ich niemanden, sagte ich. Sie fotografieren, frage er mich und machte mit den Händen eine Bewegung, als würde er ein Bild von mir aufnehmen. Ja, das habe ich in meinem früheren Leben gemacht, sagte ich und lachte. Und hier, fragte Kateb, hier nicht mehr? Ich fotografiere Hunde. Warum Hunde? Hier ist es schön. Natur, Meer, weiter Himmel, Düne. Was für eine Düne, fragte ich ihn, worauf er mit der Hand einen Bogen in der Luft malte und zu pfeifen begann: eine wunderbare Düne. Ich kann Sie hinführen. Für fünfzig Franken… Beide lachten wir. Aber bald darauf befand ich mich auf dem Weg zu diesem Ort, den Katebs Worten zufolge in den letzten Jahren der Wind geschaffen hatte. Zum Ufer gingen wir durch Sand, der immer weicher wurde, während der Weg bergauf führte. Das, was am Anfang wie ein Hügel aussah, wurde immer höher. Mit einem Mal war die Sicht frei und vor uns zeigte sich eine riesige Düne aus rotem feinem Sand. Die Landschaft wirkte nicht real. Der Wind erhielt auf diesem Sandhügel seine proteische materielle Form: das Ganze erinnerte mich an Unmengen von Schlangen, die sich unter dem Sand winden, die Hügel von einem Ende zum anderen versetzend. Mit der Hand bedeckte ich mein Gesicht, um mich vor dem Sand zu schützen, und da zog Kateb aus seiner Tasche ein Tuch hervor und drehte sich zu mir herum. Seine Geste erschreckte mich. Dann trat er schweigend zu mir und wickelte mir geschickt das Tuch um den Kopf. So gingen wir weiter, wobei unsere Füße tief im Sand versanken. Sein Esel war störrisch, aber er folgte ihm trotzdem. Am Ende erreichten wir den Gipfel der Sanddüne, über dem Ozean, der in diesem Küstenbereich überraschend flach war. An einigen Stellen waren Sandbänke im Wasser zu sehen, die wie die Rückgrate vorsintflutlicher Fossilien herausragten. Hier kann man schön fotografieren, sagte Kateb. Ja, bestätigte ich, obwohl ich nicht zugeben wollte, dass mir dieser Ort in der Tat gefiel. Die Landschaft veränderte sich unter den Windstößen ständig. Meine Beine waren tief im roten Sand versunken. Langsam wuchs ich in die Düne hinein. Trotzdem fotografiere ich lieber Hunde, fügte ich etwas später hinzu. Bestürzt drehte er sich zu mir um und ich erzählte ihm alles, was ich in den letzten Tagen erlebt hatte. Dann schüttelte Kateb den Kopf. Das sind Aasfresser, sagte er mit düsterer Stimme. Sie fressen nur von den Körpern der Ertrunkenen. Alles begann vor einigen Jahren, als der Krieg in Spanien noch andauerte, als die ersten Flüchtlinge hierherkamen. Einige Schiffe, die im Sturm auf der Klippe aufgelaufen waren, lagen tagelang dort. Es war unmöglich, zu ihnen zu gelangen. Und dann versuchten die Verzweifelten gewöhnlich herüberzuschwimmen. Fast niemandem war es gelungen, lebend das Ufer zu erreichen. Dort warteten die Hunde. Der Polizei war es nie gelungen, sie zu vertreiben. Sie kamen immer wieder zurück. Jetzt spüren sie den Krieg in Europa. Und neue Ertrunkene, die der Ozean bald auswerfen wird. Deshalb sind sie so unheilverheißend ruhig. Ich sah Kateb eine Weile an, ich wusste nicht, was ich ihm antworten sollte. Mit einem Mal wurde ich mir der Vergeblichkeit meines Wartens bewusst. Ich wollte diesen Mann umarmen, dessen graue Augen mit einem Mal warm wurden. Ich spürte, dass sich unter diesen Lumpen, die er trug, ein geschmeidiger, muskulöser Körper befand, der bestimmt auf meine Berührung reagieren würde. Ich stellte mir vor, dass es gut wäre, ihn hier auszuziehen, im Sand, und dann vor ihm zu knien und seine großen schwarzen Hoden zu verschlingen. Ich wusste, dass einige Männer davon verrückt werden und anfangen, sich wie im Delirium zu schütteln. Für einen Moment sah ich Kateb in diesem Zustand, wie er mich gleichzeitig anfleht aufzuhören und weiterzumachen. Dann rebellierte sein Esel und zog am Zaumzeug. Kateb drehte sich um, besänftigte das Tier und fügte ruhig hinzu: Das wären dann fünfzig Franken. Ich weiß, sagte ich und begann hinunterzugehen: Du bekommst sie, wenn wir wieder in der Stadt sind.

Ich denke, dass ich damals, auf Katebs Sanddüne, meinen Entschluss gefasst hatte. Paul sagte ich nichts. Er kehrte in diesen Tagen immer später aus der Stadt zurück. Ich lag allein in der Dunkelheit des einstigen Speichers und lauschte dem Wind, der in der Nachbarschaft gegen die hölzernen Fensterläden schlug. Vor einer Woche hatte die alte Ida mitgeteilt, dass sie und ihre Tochter endlich ein Visum bekommen hatten und dass sie Neujahr sicher bei ihrem Bruder in New York feiern würden. Diese Frau hatte einen Plan und wusste die ganze Zeit, was sie tut. Paul verfiel in Depressionen. Er wurde nicht mehr nüchtern, und dann ging uns das Geld aus. Ich weiß nicht, wie er zurechtkam. Er trank immer mehr. Jeden Morgen ging ich zur Volksküche und dann auf den Markt. Ich suchte eine möglichst lange Leine. Es war nicht leicht, so etwas in Casablanca zu finden. Eines Tages fand ich sie schließlich am Stand eines alten Arabers aus Marakesch mit gebrauchten Sachen. Hergestellt war sie zufälligerweise in Linz. Ich gab mein letztes Geld für dieses seltene Produkt alter europäischer Handarbeit, gefertigt aus geflochtenen Lederschnüren. Die Leine war zwei Meter lang und an einem Ende war ein rostiger Karabiner befestigt. Ganz sicher hatte sie einem Hundebesitzer lange und gute Dienste geleistet. Dem Besitzer eines größeren Hundes. Das Leder zeigte Bissspuren. Dennoch schien mir die Leine brauchbar. Ich verband beide Enden und spannte sie vor den Augen des Händlers. Der Riemen knackte und der Araber lachte. Er sagte etwas Unverständliches und reichte mir seine knochige Hand. Wir schüttelten uns die Hände, als hätten wir ein ausgezeichnetes Geschäft abgeschlossen. Dann ging ich zum Ufer und suchte eine geeignete Stelle auf dem Felsen über dem Wasser. Eine solche, so schien es mir, hatte gerade auf mich gewartet. Sie befand sich einige Meter über dem Wasser und hatte eine kleine Fläche und eine Menge Gestein, das die Wellen im Laufe der Jahrzehnte zersetzt hatten. Mit Mühe schob ich einen größeren Stein zur Kante. Er war amorph, mit vielen gewundenen Auswüchsen, die an abgeschnittene Tentakel erinnerten, zerfressen von Salz aus Algen. Tagelang kam ich zu dieser Stelle und versuchte mit den Füßen den Stein zum Rand zu schieben. Aber er bewegte sich nur langsam, löste sich kaum vom Boden des Felsen und leistete Widerstand wie Katebs Esel. Ich dachte kurz daran, Kateb um Hilfe zu bitten, aber ich begriff, dass ich nichts mehr hatte, womit ich ihn hätte bezahlen können. Deshalb strengte ich mich noch mehr an und schob, wobei ich den Rücken gegen den Felsen stemmte. Meine Schuhsohlen waren schon durchlöchert und ich spürte immer wieder, wie mir der Stein in die Füße stach.

Der Ozean wütete im Dezember. Die Menschen hielten sich von ihm fern. Die Schiffe blieben im Hafen. Nur die Möwen, vom starken Wind getragen, kreischten. Die mutigsten von ihnen schossen senkrecht auf die Wasseroberfläche herab und schwammen, den Fischen auflauernd, als klebten sie an den Wellen fest. Und dann, wenn die Wassermassen sie auf die Klippen zutreibt, stiegen sie, den Wind ausnutzend, wieder hinauf. Ganze Nächte fragte ich mich, was ich wohl als Letztes sehen würde. Vielleicht die Vögel. Oder die Hunde, die im Vorgefühl guter Beute mühsam die Felsen hinaufkletterten. Ich probierte schon, wie es aussieht, wenn ich mir selbst die Leine um den Hals lege und das andere Ende an dem Stein befestige, den ich endlich zum Rand geschoben hatte. Es fehlte nur noch ein kleiner, letzter Ruck, damit mich diese Last nach unten zieht.

Paul kam spät. Er dünstete Alkohol und Urin aus. Er verkroch sich neben mich im Bett und teilte mit mir die Kälte, die er unterwegs aufgeladen hatte. Dann fing er an zu weinen und nach Lilly zu rufen. Befreie mich von dieser Trauer, winselte er, ich sterbe. Ich hielt es nicht mehr länger aus. Ich nahm sein steifes Glied und rieb es immer schneller. Er schlief im selben Moment ein, als er in meine Hand gekommen war. Schon immer hatte er zu wenig Samen. Die paar klebrigen Tropfen verstrich ich noch ein wenig zwischen den Fingern, im Dunkeln.

Im Morgengrauen schlüpfte ich aus dem Bett, zog mich an und ging zu der Holzkiste. Ich nahm die „Leica“, nahm den Film heraus und warf ihn in eine Ecke. Ich überprüfte, ob die Leine in meiner Tasche war. Dann putzte ich meine heruntergekommenen Schuhe. Als ich sie mir anzog, fiel mir auf, dass auch meine Strümpfe Löcher hatten. An den Füßen hatte ich Verletzungen vom Kampf mit dem Stein. Jetzt ist Schluss damit, freute ich mich auf einmal. So saß ich auf dem Stuhl, eingehüllt in den Mantel. Draußen war es windig. Das Schlagen der Fensterläden erinnerte mich an einen Marsch.

Zwischen den Schlägen hörte ich Paul schnarchen. Für ihn war dieser Speicher wirklich ein „vorübergehendes Zimmer“. Sofern er seine Papiere nach Amerika bekommt, wird er sich sicher nie wieder an ihn erinnern. Hätten wir ein Kind dann wäre es ein Mädchen und ich hätte es Ambra genannt. Auf ihren Namen bin ich über die Sprache gekommen, die ich in meiner Kindheit gesprochen habe, in der das Wort dieses Kerkers, „amber“, und der Name meines ungeborenen Kindes ähnlich klingen, aber das eine Wort bedeutet den Tod des Samenkorns, das andere aber die Kostbarkeit des Lebens.

Ich erinnerte mich an meinen Vater. Seit Ewigkeiten hatte ich nichts mehr von ihm gehört. Vielleicht hätte ich etwas mehr tun sollen. Dafür war es allerdings zu spät. Jetzt ähnelte ganz Europa Ludwigs Schlafzimmer in Zemun, mich aber hatte jenes schwarze Loch auf seinem Boden schon längst aufgesogen. Endlich begriff ich, was Casablanca war: ein Ort, der mich quälte, an dem eigentlich kein Leben möglich war.

Ich hoffte nur noch, dass die Linzer Leine lange genug halten würde. Die Wellen würden sie am Ende zerreißen, und dann wäre Zeit für die Hunde.

Ich drehte mich noch einmal zu Paul um. Die zerknautschte Decke lag wie ein Stein auf ihm.

Ich schaute auf die Uhr, nahm sie vom Arm und legte sie auf den Nachttisch.

Die Zeit bedeutete mir nichts mehr.


Epilog in der dritten Person

Edith Barakovich, Fotografin, Ende Dezember 1940 nahm sie sich, auf die Ausreisepapiere nach Amerika wartend, mit vierundvierzig Jahren in Casablanca das Leben. Die einzige Spur von ihrer Existenz sind ihre Fotografien, darunter auch das Portrait eines Hundes aus dem Jahr 1928.

Paul Frank(l), Drehbuchautor, fuhr im Frühjahr 1941, als er endlich das amerikanische Visum erhalten hatte, mit einem spanischen Schiff nach New York. Ein Jahr später siedelte er nach Los Angeles um. Ungeachtet zahlreicher Versuche gelang es ihm nicht, ein bedeutenderes Filmprojekt in Hollywood zu realisieren. Sein letzter Film stammt aus dem Jahr 1947 und trägt den Titel „The Invisible Wall“. Frankl heiratete noch einmal und finanzierte sich mit Hilfe seiner erfolgreichen europäischen Freunde George Froeschel und Gina Kaus. Er starb 1976 in L.A.

Lilly Joss Reich, Fotografin, 1911 in Wien geboren, nach der Ausreise in die USA begann sie eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit den Magazinen „Life“, „Look“ und „Ladies Home Journal“. 1958 heiratete sie den bekannten Wiener Theaterkünstler Richard Reich. Bereits Ende der sechziger Jahre befasste sich Lilly nicht mehr mit Fotografie und widmete sich der Kochkunst. Sie veröffentlichte ein sehr erfolgreiches Kochbuch mit Rezepten ihrer Mutter Ida Cohn unter dem Titel „Viennese Pastries“. Am 31.3.2006 starb sie in New York.

Ludwig Barakovich, Apotheker aus Zemun, seine Spur verliert sich im Konzentrationslager auf dem alten Belgrader Messegelände.

Otto Drabek, nach dem Zweiten Weltkrieg wegen Kriegsverbrechen im Konzentrationslager Mauthausen-Gusen zum Tode verurteilt. Am 27. Mai 1947 wurde er gehängt.



Saša Ilić

Übersetzung aus dem Serbischen: Eva Kowollik

Aus dem Erzählband von Saša Ilić: Lov na ježeve. Fabrika knjiga,
Beograd 2015


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