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ausgabe #36. prosa. franziska hederer

Boulevard _ Insel der Seligen

 

Von den Göttern und Göttinnen geliebt und unsterblich müssen sie sein, die entrückten Helden und Heldinnen des Vorzeigeboulevards, der den Namen Elysiums trägt, das, der griechischen Mythologie zu Folge, ganz im Westen des Erdkreises liegt, vom wilden, stürmischen, ungezähmten Titanen Okeanos umflossen wird, und in dessen paradiesischen Gärten der ewige Lenz herrscht.

Auf die Allianz zwischen Boulevard und Seligkeit treffen wir zwar nicht im äußersten Westen des Erdkreises, sofern man diese Verortung auf das gegenwärtig aktuelle Weltlandkartenbild bezieht,  dafür aber im mittleren Westen, nämlich in Paris, wo wir - nomen est omen? - die Champs Elysees, die Prachtstrasse der elysischen Felder vorfinden.

Um BoulevardheldInnen der Neuzeit muss es sich hier handeln, die ihre Entrückung in die elysischen Gefilde nicht mehr den Göttern und Göttinnen überlassen, sondern diese in übermächtiger Selbstherrlichkeit eigens vollziehen und sich aufgrund des dadurch fehlenden Äthers mit einer irdischen Verrückung anstelle einer himmlischen Entzückung zufrieden geben müssen. Schade eigentlich. Das allerdings wissen diese HeldInnen Gott sei Dank nicht. Selig und im einfachen Glauben von den Göttern und Göttinnen geliebt zu sein leben sie, verrückt eben, auf ihrer Insel der Seligen. Man kann diesem Umstand mitleidig und ebenso selig lächelnd begegnen, allerdings nur bis an jenen Punkt, an dem diese vermeintliche Seligkeit wirksam, um nicht zu sagen mächtig zu werden beginnt. Nachdem HeldInnen nun mal HeldInnen sind, egal ob rechtschaffen oder nicht, selbsternannt oder nicht, wir schenken ihnen bzw. ihren Geschichten und Offenbarungen in jedem Fall Glauben.

Nun haben sich aber diese HeldInnen der Neuzeit dem Göttlichen entsagt und so haben sich auch deren Offenbarungen vom Jenseits verabschiedet. Dies hat zur Folge, dass deren Offenbarungen nicht mehr Enthüllungen göttlicher Wahrheiten sind, sondern nach Sensationen lechzende, eher mehr als weniger flache Wirklichkeitsauslegungen, denen kaum mehr ein Funke ‚Geheimnisvolligkeit’ anhaftet und worüber jegliches, sagen wir inniges und ehrliches Staunen abhanden gekommen ist. Von dieser eigens konstruierten Insel der Seligen aus, in die sich diese selbst ernannten HeldInnen schon längst eingenistet haben, wird in uns einfachen ErdbewohnerInnen ein tiefgreifendes Erlösungsverlangen nach der Teilhabe an diesem heldInnenhaften, feuertrunkenem Sein entfacht. Aus dieser werbenden, starken und nicht zuletzt rätselhaften Anziehung heraus, werden wir in bizarrer Weise zu Himmelfahrten verführt, die uns glauben machen, einen ungebremsten Aufprall der Schädeldecke am eisernen Vorhang des metaphysischen Grenzübergangs in engelhafter Leichtigkeit, flanierend in gewisser Weise, unbeschadet überwinden zu können.

Zerbeult, zerkratzt, zerschunden und in erster Linie zutiefst enttäuscht landen unsere zuvor illusorisch berauschten Seelen nach dem erfolgten Aufprall nicht im paradiesischen Elysium, sondern in den Händen mehr oder weniger sympathischer, in jedem Fall aber nüchterner PsychotherapeutInnen, die uns, mit bewundernswerter Ausdauer zu erklären versuchen, dass wir es nur mit Trugbildern zu tun hätten, die in hinterlistiger Weise unsere Seelen verderben, und wir uns gar nicht erst von diesen verführen lassen dürften. Mit dieser Verabschiedung der Verführung verabschieden wir uns ebenso von unseren scheinbaren Trugbildern, die uns dennoch über weite Strecken Halt gegeben haben, und geben uns damit nicht nur mit der Haltlosigkeit, sondern auch mit der eben erfahrenen metaphysischen Armutsgrenze zufrieden. Damit sind auch wir einfachen ErdbewohnerInnen am Ziel, auf unserer Insel der Seligen angekommen und wir besinnen uns wieder auf die Bergpredigt in der es heißt: Selig sind die Armen.

Soweit eine kurze, durchaus widersprüchliche, in jedem Fall unfertige und damit seltsame, und überaus verhängnisvolle Skizze des ‚boulevarisierten’ Menschenwesens. Dennoch will sie nicht bloße Koketterie mit einer möglichen oder unmöglichen Unvereinbarkeit sein. Ebenso wenig will sie den Boulevard als die reale, irdische Inszenierung eines Ortes der Seligen aufzeichnen. Vielleicht ist sie ein Hohn an die Götter, vielleicht eine Liebeserklärung? Vielleicht ein Suchbild oder auch ein Bollwerk zwischen Tartaros, dem Strafort der Unterwelt und den paradiesischen Gärten Elysions wo der ewige Lenz herrscht? Am ehesten jedoch ist sie der Auftakt zu einer sommerlichen Reise nach Paris, zum Flanieren an der Champs Elysees um der wahre Held, die wahre Heldin des Boulevards zu sein, der/die sich leidenschaftlich und aufmerksam sich selbst und dem Dasein hingibt und in vollen Zügen die ganze Stadt einatmet.

Ps.: selig sind nicht nur die Armen, sondern auch die, die sich nicht an diesem Text ärgern. Schönen Urlaub in Paris.

 

franziska hederer

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