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LeserInnenzuschriften


Hier werden Reaktionen/Kommentare/Ergänzungen/Kritik/Lob unserer LeserInnen veröffentlicht. Schreiben Sie bitte an ausreisser@gmx.at!

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Der folgende Text wurde für die ausgabe #29 - "Arbeitslos" - als LeserInnenbrief eingesandt:

Inklusion


Da es sich bei den derzeitigen Beschlüssen und Vorgängen in der steirischen Landesregierung eigentlich nur um ein furchtbares Missverständnis handeln kann (anderes kann ich mir diese leider nicht erklären, da ich mir nicht vorstellen kann, dass Menschen mit Gewissen, Entscheidungen dieser Art treffen), möchte ich mit diesem Schreiben auf einige wichtige Dinge hinweisen.

Bei den Budgetkürzungen sind vor allem Menschen mit Behinderung stark betroffen. Bei der Arbeit mit Menschen mit Behinderung ist von INKLUSION die Rede. Laut Duden bedeutet INKLUSION Einschließung bzw. Einschluss. Ich persönlich habe das Gefühl, dass genau hier der Denkfehler der Regierung anzufinden ist. Mit Einschluss ist in diesem Fall nämlich nicht gemeint, dass Menschen mit Behinderung zu Hause eingeschlossen werden und keine Chance auf ein Leben in „unserer“ Gesellschaft haben. Denn wenn diese drastischen Sparmaßnahmen wirklich in Kraft treten wird genau dies der Fall für viele Menschen sein. Sie werden keine Chance mehr an der Beteiligung an gesellschaftlichen Ereignissen haben. Beim Thema INKLUSION sollte eigentlich die Wertschätzung von Verschiedenheit im Vordergrund stehen. Somit sollte jeder/jede IN die Gesellschaft „eingeschlossen“ werden und ein Teil davon sein.

Ich persönlich bin zurzeit Freizeitassistentin für Menschen mit Behinderung. Wir Freizeitassistentinnen und Freizeitassistenten ermöglichen es Menschen mit Behinderung an verschiedenen Aktivitäten teilzunehmen bzw. diese durchzuführen. Für viele Menschen mag die Freizeitgestaltung etwas ganz selbstverständliches sein, es ist ganz normal die ersten Sonnenstrahlen bei einem gemütlichen Spaziergang zu genießen oder, auch das Vogelgezwitscher an einem Samstagnachmittag im Park zu hören. Es gibt aber auch Menschen, die bei einer solch selbstverständlichen Sache Unterstützung brauchen – und diese Unterstützung wird ihnen nun von der Regierung genommen. Spazierengehen und Sonnenstrahlen genießen mag nun ein sehr banales Beispiel sein, aber es ist dennoch real. Und wie die Realität für diese Menschen aussehen wird, denen eine solche Unterstützung genommen wird, ist kaum vorzustellen.

Wird hier wirklich an der richtigen Stelle gespart?

Carina Körbler



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Der folgende Text wurde für die ausgabe #24 - "Beziehungen" - eingesandt:


Die ewige Jagd nach dem Glück


Es fing nicht erst mit dem Internet an, doch dort kann man die Entwicklung der Gesellschaft am einfachsten betrachten: die aktuelle Gesellschaft ist sexuell so befreit wie noch nie. Über Pornographie regt sich kaum noch jemand auf, die Marketing-Experten verwenden getreu dem ewigen Motto "Sex sells" Bilder und Assoziationen, deren öffentliche Darstellung noch vor wenigen Jahrzehnten undenkbar waren. Homosexualität, im 20. Jahrhundert noch im Visier des Strafrechts, ist geduldet bis akzeptiert und zumindest gesellschaftlich kein Tabu mehr. Bisexualität, Swingerclubs, Telefonsex – nichts davon ein Aufreger. Verliebt man sich, ist es heutzutage kein Problem, über Neigungen, Gefühle, Vorlieben und Gelüste zu reden.

Dennoch ist die Jagd nach dem Glück keinesfalls langweilig geworden. Vielleicht ist es heut einfacher, jemanden kennenzulernen – wir sind ja alle ach so aufgeschlossen, und auch Frau kann schließlich den Mann ansprechen, der ihr gefällt, das Korsett der gesellschaftlichen Spielregeln sitzt spürbar lockerer. Doch es gibt auch Kehrseiten der Medaille, heut ist man viel eher bereit, eine Verbindung auch wieder aufzugeben. Glück ist eben unbeständig, schwer zu erlangen und noch schwerer zu halten.

Am Ende sind es die kleinen Momente, die uns so glücklich machen: mitternachts gemeinsam am Strand liegen und den Sternenhimmel betrachten, ein Essen bei Kerzenschein, ein unerwartetes Geschenk oder ein Anruf "Hab gerad an dich gedacht". Einmal eingefangen erodiert das Glück zu Staub, der Alltag hinterlässt seine Spuren, verwandelt das Besondere in Gewöhnliches, mischt die Karten des Schicksals neu. Ob eigene Fehler oder das Unvermögen, die Fehler des anderen zu verzeihen, schnell ist der Augenblick da, an dem man sich desillusioniert voneinander trennt.

Beziehungen zu beginnen ist vielleicht nicht schwerer geworden, doch einfach ist es nach wie vor nicht. Und Beziehungen zu halten, sich dabei glücklich zu fühlen und gemeinsam in die Zukunft zu schauen bedeutet ein tagtäglicher Kampf um eine neue Prise Glück. Die zur Verfügung stehenden Mittel mögen sich geändert haben, wir agieren im Herzen mit der gleichen Leidenschaft, die Literaten der vergangenen Jahrhunderte in Romanform eingefangen haben – auch heut noch sind wir bereit, der Liebe wegen nach wie vor jede Dummheit begehen: In der Hoffnung, dem Schicksal zu trotzen.

Wer von euch dort draußen gerade leidet – auch das gehört zum Glück dazu, man muss bereit sein enttäuscht zu werden, um Glück zuzulassen. Es kommen auch wieder bessere Tage! Und wer von euch gerade im siebten Himmel schwebt – redet das Glück nicht tot, versucht es nicht einzufangen, sondern genießt es.

Marco Horn


Die folgenden Berichte wurden für die ausgabe #23- "Against the Clash of Clichés" - eingesandt:

Die Herrschaft der heiligen Kühe


Menschen brauchen Religion. Menschen brauchen ein Objekt der Hingabe. So sind sie konstituiert. Behauptet Erich Fromm. Und nicht nur er. Menschen brauchen ein Objekt der Hingabe. Der eine wählt dafür das Geld, der andere sein Kompakt-Fertigteilhaus von Elk. Der eine sucht sich einen semitisch-stämmigen Gott, der andere erwählt sich ein Kälbchen zum Objekt seiner Anbetung. Und dieses Kalb muss nicht einmal golden sein wie das von Moses´ Clique. Hauptsache Kuh. Groß und stinkend und allseits bereit. Um Abfall zu fressen, um Busse zum Stehen zu bringen, um dir einen Stoss in den Ellbogen zu verpassen, um dir den Schlaf mit einem erfrischenden, markerschütternden Röhren zu versüßen. Unvorstellbar? Everything´s possible in India. Und noch mehr.
Wer glaubt, er weiß, wie sich kulturelle Unterschiede anfühlen, war entweder schon in Indien oder redet einfach bloß gerne. Die Unterschiede sind Abgründe, über die man schwer Brücken bauen kann. Und die, die man baut... Nun, die erfordern Schwindelfreiheit. Zwischen würzigen Masala-Tee und der akzeptierten Massenabtreibung von weiblicher Föten, zwischen neureicher Arroganz und leprakranker Armut, zwischen patriarchaler Zwangsverheiratung und tänzelndem Bollywood-Glamour liegt nicht mehr als ein Universum. Nur dieses ist schwer durchquerbar, da dein europäisches Raumschiff “out of fuel” ist und dein Radar westlicher Herkunft bereits beim Jupiter den Geist aufgegeben hat. Und dann sind da noch die Kühe. Jede beherbergt (angeblich) über 600.000 Gottheiten. Oder waren es über 6 Millionen? Wer zählt schon. Viele eben. Und die Kühe bringen alles zum Stehen. So ist das.
Hmh. Vielleicht unterscheiden sich die Inder doch nicht so sehr von uns Westlern. Zumindest spirituell. Wir leben immerhin in einer Gesellschaft, in der es nicht nur eine heilige Kuh gibt, sondern eine ganze Horde trächtiger und fetter Kühe. Wir tanzen wild um sie herum – doch wissen wir wieso? Ich bin mir sicher, dass McDonalds mehr Kühe unter seinen Fittichen hat, als ganz Indien auf seinen Strassen. Nur, dass diese selten an einem Metallverschluss zugrunde gehen, sondern durch einen schnellen Schuss in den großen Schädel. Wie auch immer. Unsere westlichen Kälber sind (unter anderem) Geld, Erfolg und Konsum. Und wir ernähren sie gut. Mit aller Hingabe – unserer geistigen, seelischen und physischen Kräfte. Heilige Kühe allüberall. Und wie fett sie sind. Und wie sie wachsen. Uns über den Kopf? Fragen über Fragen. Und noch eine: Kann sie jemals zu Ende gehen, die Herrschaft der heiligen Kühe?

Lisz Hirn


fremd

Sie ist fremd wir verstehen ihre worte nicht.

Doch klingen die kalten begriffe
aus den profitbilanzen dir vertraut?
ist dies deine sprache,
die in krisen humanes kapital abbaut?

Er ist fremd er teilt nicht unsere religion.

Doch ist ein glaube der eigene
der den alten mann in rom verehrt
den aufstand beargwöhnt
und den verzicht auf ungenormte liebe lehrt?

Sie sind fremd sie haben nicht unsere kultur.

Doch soll dich, und was deine pläne
mit den herren da oben verbinden?
sie lehren dich ein „wir“
in dem die wahrheiten jeden tag verschwinden.

Du weißt:

fahneneide, denen wir nicht entrinnen
treueschwüre, uns seit kind anerzogen.
 
im besten fall daher: mitbürgerinnen
und freundlicher auschluss. betrug. erlogen.

Wach auf.

Nur fremd kann dir bleiben
die sprache, die wege in den abgrund weist
welcher herkunft sie auch sei
und ein glaube, der die ergebenheit preist
für christus, für allah, einerlei.

Niemals war die eigne
kultur, die deine träume mit zwängen füllt
welche riten sie auch pflegt
und tradition, die dich in ein schweigen hüllt.

zählt es wirklich wo sie entsteht?

Sieh hin.

Euer wir ist uns fremd
und nicht eine dunkle haut.

für die grenzen der macht
ist diese welt längst zu klein.

Eigenes ist, wo freies leben sich regt
und fremd –
das sollen uns nur seine feinde sein.


Ines Aftenberger

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Der folgende Bericht wurde für die ausgabe #18- "barrierenbrecher" - eingesandt:

 

Lob und Tadel der Entgrenzung

 

Die Grenze, einst Wall und Abwehrgebilde, ist janusköpfig geworden. Sie wird durchlässig bis zur Diffusion und lädt sich gleichzeitig mit Bedeutung auf, die, obschon neu gewandt, einen archaischen Kern aufweist. Boten bahnen sich nicht mehr den Weg durch Wälder und vorbei an Zöllnern; heute versenden wir elektronische Nachrichten durch die weltumspannenden Glasfaserkabel, ohne dass eine Grenze sie stoppt. Und gleichzeitig werden Grenzen wieder wichtig: Fast klassisch in seiner Symbolik (und wuchtig in seiner symbolischen Stärke) mutete es an, als Russland seine Titanfahne auf dem Meeresboden des Nordpols verankerte, seine Gebietsansprüche festlege, seine Grenzen absteckte. Überwunden ist die Packeisgrenze, eine weitere Grenze, eine, die den Nordpol abschottet; besser, in Zeiten der Atomeisbrecher: lange abgeschottet hat. Fast prophetisch hallt angesichts der nacheilenden, die Grenzziehung hinterfragenden und sie gerade dadurch in ihrer Bedeutung bestätigenden arktischen Anrainerstaaten – Kanada, Dänemark, Norwegen, Vereinigten Staaten von Amerika – der Roman jenes Schriftstellers, der wohl am eindringlichsten heute über Grenzen, Grenzerfahrungen und Entgrenzungen schreiben kann: Die Schrecken des Eises und der Finsternis von Christoph Ransmayer.

1984 erschienen, reiht Ransmayer Erinnerungsstücke an die österreichisch-ungarische Nordpolexpedition unter Payer und Weyprecht aneinander und zeichnet nach, wie sie in arktischen Wintern und Sommern versuchten, neue Länder zu entdecken und – sie verlassen uns nicht – Grenzen zu ziehen. Die wichtigste Grenze, so lese ich die Tagebücher der Expeditionsteilnehmer, ist jene im Kopf. Erinnern wir uns daran.

Zurück zur Janusköpfigkeit der Grenze: Auf existenzieller Ebene gesellt sich ein weiteres Doppelgesicht hinzu. Es gibt keine Grenzen. Und doch bestehen sie. Dieser Widerspruch ist nur ein scheinbarer. Grenzen sind Konstruktion, aber nicht nur: Sie sind auch Faktum, ein Gemachtes – ob historisch gewachsen oder auf dem Reißbrett entstanden. Viele missverstehen ihren Kern und sehen Grenzen nicht nur als von Menschen Gemachtes, sondern auch als unveränderliches, externes Datum, ein von Außen Gegebenes. Doch Grenzen sind in ihrer Relativität zu begreifen. Um eine Grenzdurchbrechung, eine Grenzüberschreitung als emanzipatorischen Akt begreifen zu können, muss das Tabu der Grenze erst konstruiert und gelernt werden.

Grenzen können abgebaut, dekonstruiert werden. Personenströme und Wirtschaftsflüsse überqueren zunehmend ungehindert Grenzen, zumal in Europa. Allein: Während der Kontinent, in dem sich einst nach jedem Wald eine Grenze fand und neue Staaten begannen, nach innen immer enger zusammenrückt, wird die Grenze Europas nach außen immer wichtiger. Entgrenzte Räume der Politik existieren nicht. Das Andere, das Fremde, wird zur Erschaffung des Selbst, zur Abgrenzung nach außen herangezogen.

Der Grenzgedanke bleibt virulent, auch nachdem die europäischen Grenzen gefallen sind. Warum nur wurden die Grenzhäuser nicht abgerissen, die einst die Binnengrenzen Europas bewachten? Nun stehen sie ausgeschlachtet als Schattenrisse ihrer selbst da; aber sie stehen. Stehen und erinnern uns bei jeder Durchfahrt durch die nun offene Grenze aufs Neue, dass die Offenheit nur ein Geschenk ist, die Grenze aber weiterhin Bestand hat.

Grenzen können schaden. Aber schadlos blieben wir ohne Grenzen auch nicht. Nicht Grenzen gegenüber anderen sind hier gemeint, sondern Grenzen im Inneren. Zu selten erkennen wir, dass wir wertvolle Grenzziehungen in unseren Köpfen bewirken können. Werden wir uns unserer eigenen Grenzen gewahr. Quidquid agis, prudenter agas et respice finem. Mit „Bedenke das Ende!“, werden die letzten Worte dieser Stelle, die Solon zugeschrieben wird, häufig übersetzt. Doch inhaltlich ebenso richtig wäre es, von der Grenze zu sprechen: Wahre die Grenze! Erkenne, dass du nicht unendlich bist, erkenne deine Fähigkeiten, erkenne, dass du dich nicht über deine eigene Grenze hin bewegen sollst.

Dies ist das doppelte Gesicht der Grenze. Grenzen in der Welt teilen und trennen, und Grenzen im Innern vermögen zu schützen. Nicht jede Entgrenzung bringt Vereinigung. Manche Grenzüberschreitung – Payer und Weyprecht lernten es im Packeis – bringt den Tod. Die Grenze zwischen Grenzen zu ziehen, die wir beachten sollen, und jenen, die wir überschreiten dürfen, ist eine Lebensaufgabe. Von grenzenloser Schwierigkeit.

Matthias C. Kettemann


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Der folgende Bericht wurde für die ausgabe #17- "Städte/Öffentlicher raum" - eingesandt:


als ich mal wieder in graz fremd fühlte

 

Als ich an den Resten der Stadtparkexzesse des letzten Wochenendes vorbeiging, begann ich unwillkürlich vor mich hin zu grummeln. Die Region um den Stadtparkbrunnen sah mal wieder aus wie eine besonders chaotische Mülldeponie. Um das Bild nachzustellen, nehme man einfach vier große Mülleimer, Metall, Restmüll, Glas und Plastik, schütte sie aus und rühre alles gut durch. Wenn es einem hochkommt, dann kotze man einfach drauf. Fertig ist das Kunstwerk.

Was ich murmelte, war nicht allzu menschenfreundlich und drückte eindeutig meine Frustration aus. Etwas entschieden Anderes schien auch der Müll nicht auszudrücken. Es gelang mir nicht so recht, ihn als Folge jugendlichen Überschwangs und ekstatischer Freude zu sehen. Immerhin standen diesmal noch alle Bänke und die Lampen waren unbeschädigt. Der „Zerstörungstrupp“ dürfte gefehlt haben – oder woanders tätig gewesen sein.

Ein einsamer schwarzer Mitarbeiter der Wirtschaftsbetriebe, kehrte – anscheinend geduldig – vor sich hin. Der Berg an alle dem Möglichen, den er bereits aufgetürmt hatte, war sehenswert.

Also: Alles ganz normal!

Zwei Fragen drängten sich auf:

Öffentlicher Raum – wem gehört er?

Wie wird mit ihm umgegangen?

Die so genannten Wohlstandskids und eifrigen Müllproduzenten nahmen sich hier was sie brauchten, zumindest bis sie von Vertretern von „Sicherheit und Ordnung“ vergrault werden würden. Die zuständigen Politiker und ihre Bürokratnics nahmen sich im Stadtpark auch was sie wollten. In den Jahren 2006 und 2007 unter anderem den alten Baumbestand der gesamten Montclair-Allee, um diese mit Jungbäumchen in eine Mischung aus Vorgärtlein und Exerzierplatz zu verwandeln.

Wir kämpften zwei Jahre dagegen an und fühlten uns dabei ganz klar im Recht: Die Bäume hätten nach einem hochrangigen Gutachten leicht erhalten werden können. Es bildete sich ein breites Bündnis gegen den „Sanierung“ genannten Kahlschlag.

Dennoch: die Fällungen wurden durchgezogen, die zuständigen PolitikerInnen lächelten sich über sämtliche Parteigrenzen hinweg an.

Das Vorgehen vor Ort wirkte auf uns wie eine Vernichtungsorgie, die – abgesichert durch Bauzäune und unter Polizeischutz – mit erschreckender Effektivität durchgezogen wurde. Dagegen wirkte der Vandalismus alkoholisierter Jugendlicher geradezu harmlos, weil unstrukturiert und ungeplant. Zertrümmerte Holzbänke kann man leicht ersetzen, einen lebenden, über hundert Jahre alten Baum nicht.

Wir fühlten uns plötzlich wie Fremde in der eigenen Stadt.

Wem gehört die Stadt? Wie wird mit ihr umgegangen? Gehört der alten Frau der Baum vor ihrem Fenster, der mit ihr zusammen älter geworden ist, über den sie sich sechzig Jahre lang gefreut oder geärgert hat und der Teil ihres Lebens geworden ist? Oder gehört der Baum den Bürokraten, die ihn wegen einer Straßensanierung fällen lassen, ohne die Aktion anzukündigen oder gar zur Diskussion zu stellen? Gehört der öffentliche Raum den „Verantwortlichen“ (oder wie immer man sie auch nennen mag), oder gehört er den Menschen, die ihn bewohnen und nutzen?

Bei der ganzen Misere spielt nicht nur der neurotische „Wille zur Macht“, sondern auch Bequemlichkeit und Phantasielosigkeit ein tragende Rolle.

Die Bürger rechtzeitig zu informieren und die Bereitschaft ein geplantes Vorgehen in Frage zu stellen sind arbeits- und zeitaufwändig. Darüber hinaus gehört dazu ein demokratisches Verständnis, das den Rechten aller politischen Fraktionen durch ihre Ausrichtung auf Macht und Kontrolle völlig abgeht. Es verunsichert und beunruhigt sie „die Autorität aus der Hand zu geben“.

Wenn die genannte alte Frau rechtzeitig erfährt, dass „ihr Baum“ fallen soll, gelingt es ihr (und anderen) möglicher Weise, eine Variante zu entwickeln, welche die Fällung unnötig macht. Vielleicht stellt sich auch heraus, dass eigentlich jeder außer den Bürokraten und Bauherren gegen das Vorgehen ist.

„Das ist unbequem! Wo hat es denn so etwas schon gegeben? Machen wir es so wie immer, die Aufregung wird sich schon in Grenzen halten. Oder informieren wir zwei Tage vorher, dann kann keiner sagen, dass wir undemokratisch sind!“

Selten fühlte ich so mich fremd und verloren in dieser Stadt, wie an den Tagen, in denen Sicherheitszäune im öffentlichen Raum errichtet wurden und unter Polizeischutz reihenweise Bäume gefällt wurden. Nie verstand ich das Bedürfnis, sich zuzuschütten und alles in einen Müllabladeplatz zu verwandeln, besser. In meinem Fall hätte das geheißen: „Ich gehöre eigentlich nicht hierher und entferne mich so weit es geht von allem!“ und „Auf das, was ihr aus dem öffentlichen Raum macht, scheiße ich!“

Das Gefühl war allerdings nur vorübergehend. Trotz und Optimismus gewannen wieder die Oberhand. Ich schrieb in mein Tagebuch:

 

Bald, vorausgesetzt natürlich, dass wir uns nicht kollektiv in zynische Arschlöcher oder in reine Anhängsel der Technik verwandeln, wird die Stadt wieder denen gehören, die sie bewohnen.

 

Nur so kann sich die Stadt von einem Wohn- und Konsumsilo, das von Sachzwängen, Spekulanten und ihren Erfüllungsgehilfen regiert wird, zu dem entwickeln, was sie immer – zumindest in Ansätzen – war, ein lebendiges Gebilde. Sie wird dann denen gehören, die sich in ihr aufhalten.

Wolfgang Wagner


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zum Artikel "freiheit in demokratischer hinsicht" von E. Fiala / Ausgabe #10


[zum Originalartikel]

ICH REDE VON FREIHEIT IN DER GEMEINSCHAFT, nicht als ihr Gegensatz! Dafür ist mir die Freiheit dann aber schon auch wieder zuu wichtig ... um sie gleich nach ihrer Entdeckung (Definierung) auch schon wieder zurecht zu stutzen ... (+ dann auch noch zum Schutz vor einem selbst!). Die Rhetorik, die letztlich mit einem negativen Menschenbild Freiheit des und der Einzelnen verhindert, ist wohl bekannt ... zuu häufig ...

 Erwin Fiala betont ganz richtig, dass wir keine Einzelwesen sind, sondern kollektive - anders würden wir tatsächlich nicht zum Menschen werden ... Wolfskinder ...

 Freiheit heißt ganz einfach, tun zu können was mensch will, - selbstbestimmt. Da wird sofort klar, dass dies nicht grenzenlos gilt, sondern nur mit Rücksicht, ja auf die anderen, alle anderen, gleich ... kollektiv

 Dass alles gleich ausgereizt wird bis zur Grenze, bis zum Erlaubten, Möglichen, quasi automatisch, von uns Menschen, ist in Wirklichkeit schon eine konservative Vorstellung. Ähnlich der ähnlichen, dass wir Menschen: Wölfe, wenn wir nicht unsre Macht gleich wieder abgeben ... und dass Hierarchie etwas mit Chaos zu tun habe: als ob Hierarchie, Herrschaft die einzig mögliche Organisationsform wäre ... wir Menschen: Wölfe, wenn wir nicht unsre Gleichheit gleich wieder abgeben ...

 NEIN!: Gleichberechtigung verbietet Macht abgeben. (Weil dann immer welche herrschen (müssen).) Macht begrenzen setzt sie geradezu voraus, aber dazu sind die Menschen, wir Menschen fähig, und konsenswillig sind auch die meisten von uns allen. Und nur bei diesem, positivem, vertrauenden Menschenbild kommt Demokratie raus - und sonst nicht. Demokratie könnte herrschaftsfrei, systematisch machtfrei, gleiche Regeln für alle, gleicher Einfluß auf alle, gleichberechtigt eben - und nicht Mehrheits-, sondern Konsensorientiert: Keine Machtspielchen, keine Sieger und Verlierer, die bestmöglichen Lösungen für alle (davon Betroffenen) ...

 Begrenzte Macht, heisst nicht Macht abgeben - sondern nur gleich verteilen, aufteilen, bzw. gleiche Grenzen. Begrenzte Freiheit, heisst nicht Freiheit abgeben - sondern nur gleich aufteilen: Kein Mensch herrsche über den anderen! ... da haben wir NullToleranz ... wir sonst so toleranten, kooperativen, kreativen ... guten tag - ich will mein leben zurück!

 [wodt Juli 2006]

Per mail, vollständiger Name ist der Redaktion bekannt


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