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You are here: Home Ausgaben Ausgaben #1-50 9 | März 06 widerstand & gemeinschaft
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ausgabe #9. satire. ulrike freitag

  

widerstand & gemeinschaft

  

Sie suchen gleich gesinnte Kameraden? Sie haben es satt mit sich selbst darüber zu reden, was alles anders sein sollte? Schließen Sie sich doch einer Gemeinschaft an, die Ihnen dabei hilft sich äußerlich und innerlich von anderen abzugrenzen! So wissen Sie immer gleich, wer „Wir“ sind und wer die „Anderen“. Sie brauchen sich nie wieder selbst Gedanken zu machen, Ihre Gemeinschaft hilft Ihnen dabei sicher zu werden, was richtig ist, und was falsch.
Damit es Ihnen leichter fällt sich in eine Gruppe zu integrieren, bzw. sich für eine zu entscheiden – falls Sie dass noch nicht getan haben – hier ein paar einfache Tipps, anhand von Beispielen:

Die „Kronen Tsai Tung1 Bewegung“

Ihre Einstellung schlägt (in) folgende rechte Bresche: Sie haben all die Ausländer satt, die in der Straßenbahn in fremden seltsamen Sprachen reden die Sie nicht verstehen können? „Neger“ machen Ihnen Angst, weil Sie in der Nacht ohnehin schon so schlecht sehen? Wenn Sie also auf diese Fragen mit „Ja“ antworten können und die Idee Ortstafeln zu versetzen brillant finden, sind Sie der/die richtige KanditatIn für die „Kronen Tsai Tung Bewegung“.
Das Service dieser Gruppe ist hervorragend! Sie werden jeden Tag mit neuen tief greifenden Ideen und Informationen versorgt, die so aufbereitet sind, dass Sie sie auch wirklich verstehen können. Sollten Sie es nicht so mit dem Lesen haben, aber am Stammtisch auch gern laut mitreden, helfen Ihnen die vielen Fotos in der Info-Broschüre dabei, den Inhalt leichter zu erfassen.
Aber wie integrieren Sie sich hier am leichtesten? Am besten beginnen Sie damit, sich im Wirtshaus laut über die EU zu beschweren. Sollte das keinen Anklang finden, wechseln Sie das Lokal oder setzen Sie noch eins drauf, um Skeptiker zu überzeugen. Hierfür geeignet wäre z.B. folgendes Originalzitat, gehört in der Linie 5 der Grazer Verkehrsbetriebe:
„I was schun gor nimma wen i wählen sull, weil da Haider so oft die Forb wechselt“.
Ein anderer Weg hier Fuß zu fassen wäre es einer Burschenschaft beizutreten, was den zusätzlichen Vorteil hat, dass man auch hübsche Uniformen mit entzückenden kleinen Käppchen tragen darf. Und überhaupt kommt die Sache mit den Narben bei den Mädls echt verdammt gut an!

Kunstszene

Chice (schwarze) Klamotten, Hornbrille und stolz auf Ihre Allgemeinbildung – insbesondere auf Ihr kulturelles Interesse? Willkommen in der Kunstszene! Nirgends ist der Schein so wichtig, nirgends der Klatsch so maßgebend. Sich hier zu integrieren oder gar zu etablieren erfordert ein hohes Maß an Selbstbewusstsein, Durchhaltevermögen und den eisernen Glauben daran, besser zu sein als andre.
Aber was brauchen Sie noch, um hier Fuß fassen zu können? Auf jeden Fall sollten Sie eine Meinung über die bedeutendsten Künstler (Ihres Heimatlandes) haben – und damit meine ich nicht Ihre Meinung, sondern die des jeweiligen „Leaders“ der von Ihnen favorisierten Gruppe. Widerstand wird in dieser Szene vor allem in Form von medialen Großveranstaltungen oder von künstlerischen Aktionen in (öffentlichen) Galerien betrieben. Die Künste können nämlich die Geister und Herzen noch so richtig bewegen und so verändern sie die Welt. Am besten geht das bei einer Vernissage, deshalb ist die Notwendigkeit unterschätzt, bei jeder kulturellen Veranstaltung präsent zu sein. Bei diesen Veranstaltungen ist es wichtig, das Dargebotene innig zu genießen, also nicht die Kunst – sondern Gratisbuffet und –getränke, denn so kann man schließlich das Establishment am besten schädigen, in dem man seine Achillesferse trifft: das Portemonnaie
Um die richtigen Kontakte zu knüpfen sollten Sie bei den angesprochenen Veranstaltungen nicht zu viel reden (wirkt souveräner) und wenn doch sollten Sie Sätze verwenden wie „…das hat doch Prof. Weibel letztens auch gesagt, oder?“ Und vermeiden Sie Scherze wie „Die frühen Arbeiten von Beuys sind doch etwas schmierig, hm?“. Wichtig ist es vor allem, immer einen leicht genervten Gesichtsausdruck zu haben und beim Sprechen einen leicht nasalen Ton anzuschlagen.
Fast genauso wichtig wie Ihre Omnipräsenz bei Veranstaltungen, Ihr Wissen und ihre Kleidung – vor allem im Literaturbetrieb – ist Ihre Trinkfestigkeit. Zumindest wenn sie sich noch in den unteren bis mittleren Kreisen bewegen, denn die enthemmende Wirkung von Alkohol hilft Ihnen dabei, ganz locker brisante und sozialkritische Themen anzusprechen und damit vielleicht sogar etwas zu bewegen. Sobald Sie jedoch ganz oben angekommen sind gilt eher „Koks ist die Antwort Gottes auf zu hohe Gehälter“ (R. Williams).

Militante Veganer2

Tiere essen ist Mord? Der Verzehr von Eiern fördert den „Genozid“ an männlichen Kücken? „Ja!“ Sie sind richtig in der Gruppe militanter Veganer aufgehoben! Doch einfach nur auf diese LEBENSmittel zu verzichten reicht hier nicht! Sie müssen auf jeden Fall auch versuchen, jeden den Sie treffen von Ihrer Einstellung zu überzeugen, reden Sie auch mit all Ihren Verwandten und Bekannten. Beginnen diese Menschen mit der Zeit Ihnen auszuweichen, seien Sie nicht traurig, Sie haben jetzt ohnehin neue Freunde (Ihre Eid-genossen und alle Tiere) mit denen Sie lustige Freizeitaktivitäten bestreiten können. Sie können z.B. Tiere aus Zoos oder Versuchsanstalten befreien, ohne vorher darüber nachzudenken, was dann mit den Viechern geschehen soll, oder sie exhumieren die Omi oder sonstige Verwandte von Versuchs-Tierzüchtern, um Ihnen so einleuchtend zu erklären, warum man diese dreckigen Geschäfte sein lassen sollte.3
Möglichkeiten sich zu integrieren wären: Als aller erstes natürlich das Verweigern sämtlicher tierischer Produkte, also Fleisch, Milchprodukte, Eier, Honig, etc. sowie das Tragen von Lederprodukten, einige lehnen auch das Fingernägel beißen ab, da der Mensch ja eigentlich dem Tier gleichgestellt ist, oder war’s umgekehrt…?
Weiters ist es wie gesagt wichtig, all seine Überzeugungen zu verbreiten und anderen zu sagen, dass Fleischfresser irgendwie stinken und moralisch verwerfliche Menschen sind. Um Kontakt zu finden, sagen sie hin und wieder einfach Dinge wie „Ich esse nichts was eine Mutter hat“ (Obwohl: Hat Honig eine Mutter? Und vor allem: die Franzosen haben da ja sowieso DEN Ausweg gefunden! Die Schneckenfresser!)
Wenn keine dieser Gruppen etwas für Sie ist und Sie sich überhaupt nicht gerne engagieren und/oder auch nicht dabei helfen lassen wollen, was Sie glauben sollen… es gibt noch immer einen Ausweg, frei nach Groucho Marx, treten Sie nie einem Verein bei, der bereit wäre Sie aufzunehmen oder auch: „(Whatever It Is) I'm Against It."4

Ulrike Freitag


1 Vgl. Artikelserie von Mike Markart im ausreißer
2 Zu Veganismus (übrigens nicht gleich Vegansimus) vgl. z.B. www.vegan.at
3 Vgl. Der Standard „Grabschändung durch Tierschützer“, 9.9.2005
4 Aus: Horse Feathers (1932)

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