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You are here: Home Ausgaben Ausgaben #1-50 9 | März 06 leben mit widerstand
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ausgabe #9. shortstory. clemens setz

  

leben mit widerstand

Bericht eines Betroffenen


Ich lebe nun schon seit fünf Jahren mit Widerstand. In dieser Zeit haben mir Verwandte und Freunde sehr geholfen, meinen Zustand zu akzeptieren. Inzwischen sehe ich Widerstand nicht mehr als einen Feind an, der sich meines Körpers bemächtigt hat, sondern als eine Chance. Ich werde an Widerstand sterben, so viel ist mir klar, aber bald wird ein Heilmittel dagegen gefunden werden und dann werden Leute wie ich wieder allmählich in die Gesellschaft zurückfinden.
Ich leite eine Selbsthilfegruppe und einen Workshop, der Betroffenen helfen soll, ihre Erfahrungen zu verarbeiten und ihre Verarbeitungen zu erfahren.
Mein jüngerer Bruder leidet ebenfalls an Widerstand. Er wird im nächsten Jahr vierzehn Jahre alt und ich habe mir vorgenommen, dass ich ihn so sorgfältig wie möglich auf das vorbereiten werde, was ihn in seiner Krankheit erwarten wird.
Meine Krankheit begann im Sommer des Jahres 2001. Ich war schon eine längere Zeit ohne Arbeit, mein Vermieter war aber so gnädig, mich trotz meiner finanziellen Nöte in seinem Haus zu behalten. Im Gegenzug verrichtete ich Hausmeisterarbeiten und ging für ihn einkaufen. Meine Freizeit verbrachte ich mit der Lektüre von Büchern. Oft las ich zwei bis drei Romane pro Nacht. Auch tagsüber hatte ich immer Bücher eingesteckt und naschte von ihnen, wenn ich während der Arbeit im Garten eine Pause einlegte oder zur Toilette ging. Die Bücher verwirrten mich zunehmend, aber ich merkte es nicht und da ich niemanden hatte, der mich beobachtete, geriet – wie bei jedem Leser – die Ordnung der Dinge in meinem Kopf langsam und ohne, dass man etwas dagegen unternehmen konnte, außer Kontrolle.
Eines Tages entdeckte ich einen Bettler in unserer Einfahrt. Er saß, mit dem Rücken an die Wand gelehnt, in einer großen Urinlache, und starrte auf seine Knie. Ich sprach ihn an und forderte ihn auf, zu verschwinden. Er schaute auf, aber unsere Augen trafen sich trotzdem nicht; er blickte einfach durch mich hindurch. Da geschah etwas Eigenartiges. Ich erinnerte mich plötzlich an eine Menge Sätze aus Büchern, sie wurden alle auf einmal merkwürdig plastisch und schwirrten ungeordnet durch mein Bewusstsein. Ohne, dass ich es verhindern konnte, bildete sich in mir ein Vortrag: Eine Verteidigung der Armut, silbergeädert von humanistischen Zitaten. Sofort zerrte ich den Bettler in die Höhe und hinter mir her – er wehrte sich fluchend und spuckend dagegen – ich zerrte ihn aus der Toreinfahrt und direkt in ein Restaurant auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Als er sah, was ich mit ihm vorhatte, riss er sich los und schlug mir auf die Schulter. Dann rannte er davon; ich hinterher. Ich erwischte ihn an seiner zerschlissenen Jacke und zerrte ihn wieder in Richtung des Restaurants. „Die sollen es wagen, dich nicht aufzunehmen…“, zischte ich ihm zu. Er schlug wild um sich. Inzwischen war auch ein Polizist auf uns aufmerksam geworden. Er hielt mich auf und fragte, was mir der Obdachlose denn getan hätte. Ich begann sofort mit meiner Verteidigungsrede der Armut und fragte den Polizisten, wie er denn so selbstverständlich annehmen könne, dass der Bettler mir etwas getan habe, wenn doch ich ihn in diesem Moment am Kragen über den Asphalt zerrte. Der Polizist fragte noch einmal, was um Himmels Willen der Obdachlose mir denn getan hätte, da verlor ich die Geduld: Ich warf mich auf ihn und entriss ihm, in ausweglosem Rebellionsbedürfnis, seinen Lederhandschuh. Der Polizist überwältigte mich schließlich und nahm mich und den Bettler fest.


Vor Gericht hielt ich eine weitere Rede an die Vernunft und man legte mir den Besuch einer Psychiatrie nahe. Hier hörte ich zum ersten Mal die Vermutung, dass es Widerstand sein könnte, was mich meine Beherrschung dermaßen verlieren ließ. Ich nahm eine Zeitlang, auf Anraten eines befreundeten Therapeuten, starke Medikamente, die mir recht gut halfen, aber mir auch die Lebensfreude nahmen. Bisher hatte ich nie bemerkt, dass mein ganzes Wesen, sogar die einfachsten emotionalen Regungen, von den langen Fühlern meiner Krankheit berührt und bewegt wurde.
In der Folge meiner Erkrankung musste ich die schwierige Aufgabe meistern, mein Lesebedürfnis in den Griff zu bekommen. Es gelang mir schließlich und ich verschenkte die Bücher von Huysman und Céline, von Gibson und Burroughs und sogar die von Peter Weiss, die mich bisher überallhin begleitet hatten. Nachdem ich meine Lieblingsbücher losgeworden war, kaufte ich mir die Romane zur Fernsehserie Charmed und die schwarzweißen Mangas Inuyasha und Tsubasa. Diese Bücher hielten mich eine Zeitlang über Wasser. Ich schaffte es inzwischen sogar wieder, mich neben ein weinendes Kind in der Straßenbahn zu setzen, ohne es gleich mit meinem Mitleid zu überhäufen.
Aber im Hintergrund arbeitete mein erkrankter Verstand leise weiter gegen mich. Anfang 2004 fand ich mich auf dem Nachhauseweg von einem gemütlichen Spieleabend bei Freunden plötzlich inmitten einer Demonstration von Studenten. Sofort erinnerte ich mich an den Notfallplan, den ich und mein Therapeut ausgearbeitet hatten. Ich zwang mich, die Plakate nicht anzusehen, ich wehrte jeden Flyer ab, der mir entgegengehalten wurde und ich hielt mir mit meinen Handschuhen, so gut es ging, die Ohren zu. Schließlich aber merkte ich, wie der Sprechgesang sich langsam in meinem Gehirn festsetzte. Nach wenigen Minuten schon sang ich mit und war dagegen. Mir liefen vor Scham und Verzweiflung über meine erneute Niederlage die Tränen übers Gesicht, aber trotzdem sang ich so laut ich konnte und hüpfte auf und ab.
Als ich an diesem Abend nach Hause kam, erschöpft, verschwitzt und vor Unzufriedenheit mit den bestehenden politischen Verhältnissen inzwischen schon halb wahnsinnig, fasste ich den Entschluss, einen Workshop ins Leben zu rufen, der mir und anderen hilfreich zur Seite stehen konnte.
Ich nannte den Workshop Pro Contra Pro.


Zur ersten Veranstaltung kamen fast fünfzig Menschen, manche davon noch sehr jung. So viele Menschen auf einem Haufen zu sehen, die, wie ich, einem Schicksal mit Widerstand gemeinsam mutig entgegentreten wollten, gab mir neue Kraft.
Natürlich habe ich seither viele Rückfälle gehabt. Ich habe mich in Demonstrationen geworfen, habe bis zur völligen Erschöpfung auf öffentlichen Plätzen Unterschriften gesammelt und habe sogar, in einem Augenblick des völligen Überhandnehmens meiner Krankheit, einen Antrag auf Adoption zweier rumänischer Mädchen gestellt, der Gott sei Dank von den zuständigen Behörden als Symptom erkannt und entsprechend ignoriert worden ist.
Es hat mir viel Mut abverlangt, hier über meine Krankheit, ihre Geschichte und ihre Auswirkungen offen zu sprechen. Ich kann nur allen anderen, die an Widerstand leiden, raten, sich nicht, wie ich so viele nutzlose Jahre, gehen zu lassen, sondern den Mut aufzubringen, selbst in kritischen Momenten und Augenblicken größter Ungerechtigkeit JA zu sagen.
Das große NEIN in unserem Hinterkopf, da bin ich mir sicher, wird bald der Vergangenheit angehören und bis es soweit ist, lasst uns gemeinsam Möglichkeiten finden, mit ihm zu leben und seine Verbreitung, so weit es in unserer Macht steht, einzudämmen.
Selbst der Weg in die Sackgasse beginnt mit dem ersten Schritt.
Alexander W., 25 Jahre, heute Programmierer

Clemens Setz

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