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You are here: Home Ausgaben Ausgaben #1-50 9 | März 06 kursentwicklung
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ausgabe #9. essay. evelyn schalk

  

kursentwicklung

  

Längst hat die Welt aufgehört sich zu drehen. Es ist einzig und allein der work flow, der sie in gang hält, rund um die Uhr. Da passiert ganz schön viel – nicht ganz schön vielleicht, aber vieles dafür ganz. Oft ganz ohne dass zur Kenntnis genommen wird oder werden soll, was da die Uhr umrundet, mit all den Ecken und Kanten, die sich ins Fleisch bohren, bis in den Puls, der das Lebenstempo angibt. Am Puls der Zeit zu sein scheint unausweichlich – legitimiert etwa die Zeit das Sein? Aber wessen Zeit und wessen Sein?
Die Definition des Wertes eines Menschen erfolgt in Äquivalenz zum Mittelwert seiner Leistung pro Stunde/pro Minute/pro Sekunde.
Doch: Wer definiert? Funktionsstörung mit irreparablen Folgen?
Die vermeintlich effizienteste Nutzung von Human Ressources... „Ja, ich bezahle sie auch für den ganzen Monat, die gehören mir.“ Angekommen auf der Suche nach der Zeit – und ihrer Inbesitznahme. Durch Vampirismus nach unten die Macht nach oben ausweiten. Blut für Geld für Zeit – aber: „..., ich will niemanden in den Herzinfarkt treiben.“ Wenn die Herzfrequenzkurve reziprok zum Dow Jones verläuft ist der Schnitt der beiden nur eine Frage der – ja, der Zeit. Oder dessen was uns als Zeitbegriff vorgegaukelt, win-win-strategisch powerpointpräsentiert wird. Permanent reorganisierte, upgedatete Flexibilität. Verschoben, verzerrt, gedehnt, gestreckt, verdreht nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage. Zusatzqualifikation: moralische Flexibilität. Profitfixierter Radikalopportunismus dessen Folgen eine auf Konsum gedrillte, PR-unterspülte Benutzeroberfläche treffen, die sich aus Bequemlichkeit und Gleichgültigkeit weigert, zu registrieren, welche Entmenschlichung da auf Festplatte programmiert wird.
Realitätenkonstrukte in und aus den Händen jener, für die Bombenanschläge wahlweise Trends verstärken oder die Stimmung leicht eintrüben, sich die Wirkung neuer Impfstoffe in Cash-Positionen bewährt und Menschenleben in Dollar pro Barrel aufgerechnet werden...

Ich lege die Füße hoch, den Kopf zurück und versuche in einen entspannungsähnlichen Zustand zu verfallen. Die Uhr hinter mir tickt. Ich schiebe sie weiter zurück, sie tickt immer noch. Ich drücke ein Ohr in die Kissen – es tickt. Ich presse die Hand fest auf das zweite – kein Ticken mehr? Doch, in meinem Kopf ticken die Sekunden im Zeigerrhythmus. Immer weiter.
Mein Balanceakt am Rande fibergläserner Konjunkturentwicklung und der Berührung des Menschen neben mir hat längst begonnen. Über seinen Verlauf versuchen so viele zu entscheiden. Seine Zeit verschenke nur ich.

Evelyn Schalk

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