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You are here: Home Ausgaben Ausgaben #1-50 9 | März 06 gegen die zumutungen des arbeitsmarktes
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ausgabe #9. bericht. romana scheiblmaier

  

gegen die zumautungen des arbeitsmarktes


Sie wollen nicht dynamisch, ehrgeizig, flexibel, immer verfügbar und bereit sein, das Leben ausschließlich der Firma zu widmen? Sie wollen nicht für eine Firma arbeiten, weil Sie nicht akzeptieren, ihre Ethik dabei über Bord werfen zu sollen? Sie sind nicht bereit für einen Hungerlohn zu arbeiten (inklusive unbezahlter Überstunden), und das alles hochmotiviert und immer gut drauf (schließlich ist eine positive Ausstrahlung das A und O, das lehren uns die Esoterik-Seminare)? Ausbeuterische Arbeitsverträge ohne bezahlten Urlaub, Krankenversicherung, Kündigungsschutz gehen Ihnen gegen den Strich? Sie finden nicht, dass jeder noch so miese Job besser ist als gar keiner? Sie sind nicht bereit, (auch unter unzumutbaren Bedingungen) den Mehrwert ihrer Firma zu steigern und für das Prestige von Anderen zu schuften? Sie haben es satt, dass jedEr Ihnen einreden will, sie seien nutzlos, weil Sie keinen Job finden? Sie haben kein Talent im Sich-rein-Schleimen und Sich-wichtig-Machen? Sie haben es satt, vom AMS in den x-ten Kurs geschickt zu werden, wo sie endlich lernen sollen, wie man sich richtig bewirbt? Sie haben es satt, auf Ihre Bewerbungen immer nur Absagen zu erhalten? Sie sind es leid, sich auf ein ideales „Anforderungsprofil” hinzubiegen?
Dann gibt es endlich Abhilfe für Sie!


Das Absageservice (ABS – in Anlehnung ans AMS, Arbeitsmarktservice) möchte Sie gezielt dabei unterstützen, unzumutbarer Lohnarbeit eine Absage zu erteilen.
„Wir helfen Ihnen, problematische Stellenangebote zu erkennen und dauerhafte Lösungen zu finden. Nehmen Sie unsere Hilfe in Anspruch, um die Flexibilität der Arbeitgeber zu testen sowie anspruchsvolle Absagen auf aktuelle Stellenanzeigen zu schreiben.“
Unter der Adresse http://www.f13.at/abs können Inserate recherchiert werden, die Absagen werden dann von den BetreiberInnen kostenlos an Firmen geschickt.

Die Idee zu einer Absageagentur entstand in Deutschland im Frühjahr 2004. Zu dieser Zeit gab es heftige öffentliche Debatten über Arbeitsmarktreformen, die sich besonders mit der Einführung von Hartz IV zum 01.01.2005 beschäftigten. Hartz IV ist der größte Eingriff in das Sozialstaatsgefüge Deutschlands seit 1945, was natürlich maßgebliche ökonomische und soziale Verschlechterungen für viele bedeutet. Neben zahllosen Kürzungen im sozialen Bereich können Arbeitslose nun unabhängig von ihrer Qualifikation zu allen Arbeiten gezwungen werden. Gleichzeitig wurden so genannte „Ein-Euro-Jobs” eingeführt, wodurch Sozialhilfeempfänger wieder dem „Arbeitsmarkt zugeführt werden sollen”. Real werden dadurch reguläre Arbeitsplätze vernichtet und billige Arbeitskräfte geschaffen, die keine Arbeitnehmerrechte mehr haben. Vor diesem Hintergrund entstand die Idee, den Spieß umzudrehen und an Stelle von Anbiederungen an den unattraktiven Arbeitsmarkt Absagen zu schreiben.

Romana Scheiblmaier,
 Grazer Stammtisch für Erwerbs-Arbeitslose

Und weil sie so schön ist, drucken wir hier eine Absage ab:

Ein Schreiben des Absageservice

Im Auftrag von Frau C.
An Frau Z./McDonalds Franchise GmbH

Sehr geehrte Frau Z.,
ich danke Ihnen für die Ausschreibung oben genannter Stelle. Leider kann ich es mir nicht leisten, Ihr Angebot anzunehmen und muss Ihnen daher absagen. Meine Nachbarin arbeitet bei Ihnen in der Küche, daher weiß ich, dass die Bezahlung in Ihrer Firma so gering ist, dass ich damit höchstens meine Fixkosten (Miete, Strom, Gas, Kinderbetreuung) bezahlen könnte. Doch was sollen ich und meine zwei Töchter dann essen? Soll ich etwa jeden Tag die übriggebliebenen Burger mit nach Hause nehmen? Das könnte ich aus gesundheitlichen Gründen nicht verantworten. In Ihrer Annonce ist ein junger Mann zu sehen, der versucht, zwei Tomaten als Fernrohr zu verwenden. Ich finde das mutig von Ihnen, denn es ist eine ehrliche Darstellung dessen, was Sie suchen: Leute, die noch Tomaten auf den Augen haben. Ich bedaure, Ihnen mitteilen zu müssen, dass ich nicht zu diesen Leuten gehöre. Ich versichere Ihnen, dass meine Entscheidung keine Abwertung Ihrer Person ist und wünsche Ihnen für die Zukunft alles Gute.


Mit freundlichen Grüßen, Frau C.

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