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ausgabe # 9. bericht. günter reder

  

»lieber kämpfend untergehen als kampflos kapitulieren«

Ein historischer Rückblick auf den Widerstand gegen die Machtergreifung Hitlers: Der Februar 1934 in Österreich


Als sich am 12. Februar 1934 in Linz sozialistische Schutzbündler unter der Führung von Richard Bernaschek einer Waffensuche der Polizei in der sozialdemokratischen Landesparteizentrale im Hotel Schiff auf der Landstraße bewaffnet widersetzten, begann ein vier Tage dauernder blutiger Bürgerkrieg, der sich schnell ausbreitete. Brennpunkte der Kampfhandlungen wurden die Arbeiterbezirke Wiens, in Oberösterreich Linz, Steyr und das Kohlenrevier des Hausruckviertels, in der Steiermark die Vororte von Graz und das obersteirische Industriegebiet mit Bruck an der Mur.

Gegen den Willen der sozialdemokratischen Parteiführung folgten diese Schutzbündler der Überzeugung „Bis hierher und nicht weiter, lieber kämpfend untergehen als kampflos kapitulieren“, da die Führung der österreichischen Sozialdemokratie seit Ende der 1920er-Jahre gegenüber dem immer aggressiver werdenden Vorgehen des bürgerlichen Lagers eine zurückhaltende Politik verfolgte. Im März 1933 wurde das Parlament ausgeschaltet und Bundeskanzler Engelbert Dollfuß konnte proklamieren: „Die Zeit der Parteienherrschaft ist vorbei […] Wir wollen den sozialen, christlichen, deutschen Staat Österreich auf ständischer Grundlage, unter starker, autoritärer Führung“ („Trabrennplatzrede“, September 1933). Nachdem bereits im Mai 1933 die Kommunistische Partei Österreichs verboten wurde, war die österreichische Sozialdemokratie das letzte Hindernis zur Errichtung dieses autoritären Ständestaates.

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen leisteten die Schutzbündler einen erbitterten Widerstand, obwohl die Erfolgschancen von Beginn an gering waren. Neben der mangelnden Unterstützung durch die eigene Parteiführung war es vor allem die geballte Übermacht von Bundesheer, Polizei, Gendarmerie und austrofaschistischen Heimwehren, die den Aufstand bald beendete. Zudem kam der erhoffte Generalstreik nicht – beziehungsweise nur lückenhaft – zustande. Einige hundert Tote waren als Folge der Februarkämpfe 1934 zu beklagen.

Nach dem Sieg des bürgerlichen Lagers wurden im standrechtlichen Verfahren vom 14. bis zum 21. Februar 1934 21 Todesurteile verhängt und an neun Personen durch Erhängen vollstreckt – darunter auch Koloman Wallisch, der in der Obersteiermark den Widerstand organisierte. Über 10.000 Februarkämpfer wurden verhaftet; von diesen 1.200 Personen zu schweren Kerkerstrafen verurteilt. Die Gewerkschaften und sozialdemokratischen Parteiorganisationen wurden aufgelöst und eine autoritär-faschistische ständestaatliche Diktatur in Österreich (Austrofaschismus) errichtet, die in weiterer Folge den Weg zum „Anschluss“ an das nationalsozialistische Deutschland im März 1938 ebnete. Vor diesem Hintergrund sind alle – von konservativer Seite auch heute noch vorgebrachten – Versuche, von einer „geteilten Schuld“ zu sprechen und den Ständestaat als „notwendiges Bollwerk“ gegen den Nationalsozialismus zu heroisieren, zurückzuweisen.

Zahlreiche von ihrer Parteiführung enttäuschte SozialdemokratInnen traten in der Folge der KPÖ bei, die unter den Bedingungen der Illegalität den Widerstand gegen den Austrofaschismus und den deutschen Nationalsozialismus organisierte. Der 12. Februar 1934 in Österreich war ein weltweites Signal, dass der Vormarsch des Faschismus’ nicht überall auf eine Machtergreifung ohne Gegenwehr hoffen durfte, ein Vorbote des antifaschistischen Widerstandskampfes im Spanischen Bürgerkrieg 1936 bis 1939 und im Zweiten Weltkrieg, der schließlich mit der völligen Niederlage des Faschismus’ endete.

Günter Reder

Henriette Haill (1904-1996), eine Zeitzeugin, die an den blutigen Kämpfen unmittelbar beteiligt war – während des Naziregimes wurden dann unzählige ihr nahe stehende Menschen in den KZs ermordet – verlieh ihren Gefühlen und Erlebnissen auch literarisch-authentischen Ausdruck. Erich Hackl meinte über Henriette Haill: „Sie war in fünffacher Weise dazu bestimmt, von der literarischen Öffentlichkeit übersehen zu werden: aufgrund ihrer ärmlichen Herkunft; aufgrund ihrer kommunistischen Gesinnung; aufgrund ihrer Zuwendung zur geographischen wie sozialen Peripherie; aufgrund ihres Geschlechts; aufgrund ihrer Bescheidenheit.”




Februarkämpfer

Im unvergessenen Februar
als die Geduld zu Ende war
da griffen wir zu den Waffen
wir wollten keine Knechte sein
wir standen für das Letzte ein
und hatten´s nicht geschafft.
Wir ließen uns zu lange Zeit,
die Macht der Feinde war zu breit,
wir gingen ins Verderben.
Als uns die schwere Stunde rief
im Hass der Feinde Kugel pfiff,
da hieß es stehn und sterben.
Als man uns tief zu Boden schlug,
weil wir nicht einig, stark genug,
da mußten wir es büßen.
Die rote Fahne lag im Kot,
sie häuften auf uns Leid und Spott
und traten uns mit Füßen.


Nur keine Milde war ihr Sinn,
auf unserm Blut stand ihr Gewinn,
sie waren nicht bescheiden.
Sie labten sich an unserem Schmerz,
und zielten froh nach unserm Herz
und hängten uns mit Freuden.
Auf Leichen stiegen sie empor,
und öffneten gar weit das Tor
der Not im eigenen Lande.
Und Schlag auf Schlag und Trug auf Trug,
das war ein böser Funkenflug
zum großen Weltenbrande.
Und was auch alles kam und war,
der blutig zwölfte Februar
hat uns ins Herz getroffen.
Wir halten noch die Faust geballt,
die Rechnung ist noch nicht bezahlt,
die Wunden stehn noch offen.

Henriette Haill

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