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ausgabe #7. essay. sabine f. freitag

  

wir die anderen

   

Hört man das Wort Diskriminierung, dann denkt man vorrangig an die Ausgrenzung und Beleidigung von Menschen anderer Hautfarbe, Nationalität, Religion, politischer Meinung oder Kultur. Wenn ich an Diskriminierung denke, dann denke ich vor allem an eine Art der Diskriminierung, die den meisten nicht sofort einfällt. Die Diskriminierung von Menschen, die optisch nicht der gängigen Norm entsprechen, sei es, dass sie zu dick, zu dünn, zu groß oder zu klein sind, Narben haben oder sonstige außergewöhnliche Male, die sie von der breiten Masse abheben. Solche Menschen haben es in vielerlei Hinsicht nicht leicht und werden auf unterschiedlichste Weise im Leben diskriminiert.

Welche Arten der Diskriminierung solcher besonderen Menschen fallen mir da ein? Nun, beginnen wir mit der wirtschaftlichen Diskriminierung. Jeder Mensch braucht Bekleidung, elegante Bekleidung für den Beruf, Trainingsoutfits für den Sport und Freizeitkleidung für die meist spärliche Zeit die uns noch frei bleibt. Wie sieht es in den meisten Bekleidungstempeln aus für Menschen, die nicht der Norm entsprechen? Nun, da ich nicht ganz der Norm entspreche und auch viele Leute kenne, die dies nicht tun, kann ich sagen, es ist nicht einfach die passende Bekleidung für die jeweilige Situation zu finden, wenn man nicht Größe 38 hat. In den meisten Geschäften gibt es Bekleidung von Größe 36 bis 44 und alles was darüber oder darunter geht, ist „leider nicht in unserem Sortiment“. Auch wenn man recht klein oder sehr groß ist, ist es nicht einfach bei unseren gängigen Konfektionsgrößen das richtige zu bekommen. Bei „Untergröße“ kann man sich Hosen usw. ja noch abschneiden lassen, aber wenn man ein so genanntes Gardemaß erreicht hat, …, naja, anstückeln geht schlecht! Also muß man hier in Geschäfte gehen, die entweder solche spezielle Kleidung für spezielle Menschen haben, oder sie von einem Schneider extra anfertigen lassen. Und da solche Menschen froh sein müssen, dass sie überhaupt etwas zum Anziehen bekommen, kann man dafür ja jeden Preis verlangen.

Aber Bekleidung ist im Leben ja nicht alles - auch bei Möbeln ist es meist so. Die gängigen Möbel sind dem Durchschnitt der Bevölkerung angepasst. Aber was ist, wenn man alleine schon die 2 Meter lang ist, die normal ein Bett hat, oder man so klein ist, dass man in der durchschnittlichen Küche nichts aus den oberen Regalen holen kann. Klar, ist man klein, kauft man sich eine Leiter, aber ist man groß? Das Zauberwort heißt wieder Extraanfertigung. Klar, man kann sich die Möbel bauen lassen, wie man sie braucht. Aber was kostet das? Mit Sicherheit einiges mehr, als man für „normale“ Möbel bezahlen muss.

Gut, sprechen wir vom Brötchenverdienen. In den meisten Bewerbungsunterlagen muss man ein Foto beilegen. Ist man dem Chef optisch nicht sympathisch, so kann man, auch wenn man die entsprechende Qualifikation hat, meist wieder ohne Job nach Hause gehen. Ist man außerdem in einem Job, der repräsentativ ist (z.B. Verkäuferin, Pharmavertreter), so wird man überhaupt nur dann eingestellt, wenn man über ein attraktives Äußeres verfügt. In manchen Firmen kann man sogar entlassen werden, wenn man z.B. einige Kilos zulegt. Also auch in dieser Lebenssituation ist man, egal wie gebildet, qualifiziert und engagiert man ist, vor Diskriminierung nicht gefeit.

Auch in der Öffentlichkeit ist es nicht einfach, wenn man nicht so aussieht, wie alle. Nun, das „kleinste“ Übel ist das „Angegafft“ werden. Man geht z.B. in Graz bummelnd durch die Stadt und man merkt sie einfach, die Blicke, die einem ins Gesicht starren. Aber das ist nicht alles. Da gibt es noch eine Steigerung. Zu den Blicken kann ein Tuscheln kommen oder ein blödes Lachen, bei dem man in seinem Innersten weiß, was es zu bedeuten hat. Und letztendlich die höchste Steigerungsstufe – das „Anpöbeln“. Man geht vergnügt weiter und ignoriert die Blicke und alles andere und dann passiert es – man bekommt eine blöde Meldung von einem, der sich glücklich schätzen kann, dass er der gängigen Norm entspricht. So wie, „He, du Zwerg“, „He, du fette Sau“ oder „Hast du das Monster gesehen“.

Letztendlich möchte ich noch einen letzten Absatz hinzufügen, einen Absatz, in dem es um die schönste Sache der Welt geht, die Liebe. In der heutigen Zeit ist es schon schwer genug, wenn man Single ist, einen Partner zu finden, in einer Zeit, in der im Fernsehen, in den Zeitschriften und auf Plakaten Menschen sind, die der Masse zeigen, wie sie aussehen soll, in der man sich wünscht, einen Freund zu haben, der aussieht wie Brad Pitt oder George Clooney oder eine Freundin, die eine unglaubliche Ähnlichkeit hat mit Angelina Jolie oder Heidi Klum. Es ist schon schwer genug, wenn man keine „besondere Auffälligkeit“ hat, und mit solchen retuschierten, ge-make-upten, auftrainierten und mit 1000 Filtern fotografierten „Traummenschen“ verglichen wird, die Liebe zu finden. Aber wenn man dann noch „speziell“ ist, ist es schier unmöglich. Durch all die in den oberen Absätzen genannten Diskriminierungen ist das Selbstbewusstsein eines „unnormalen“ Menschen so schon herabgesetzt genug. Sich da auch noch auf ein Risiko, wie z.B. einen Flirt, einzulassen und dabei enttäuscht bzw. diskriminiert zu werden, ist dann noch das berühmte Tüpfelchen auf dem i und wird meistens nicht mehr eingegangen. So leben die meisten zu dicken, zu dünnen, zu großen, zu kleinen Menschen, Menschen mit vielen Narben oder sonstigen Malen meist auch noch alleine. Dabei würden sie sich, wie jeder, wünschen, jemanden zum Reden, zum Anlehnen oder zum Umarmen zu haben.

Sabine Freitag

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