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You are here: Home Ausgaben Ausgaben #1-50 7 | Nov 05 reflux
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ausgabe #7. reflux. evelyn schalk


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Kultur der Stacheldrähte

Kleidungsstücke, Schuhe, Stoffetzen, hängen geblieben in den todbringenden Drähten des Stacheldrahtes gingen in den letzten Tagen als Nachrichten-Illustration mit Symbolkraft um die Welt. Auf dem hermetisch abgeriegelten Weg in eine lebenswerte(re) Zukunft, als Ergebnis der verzweifelten Forderung nach dem bißchen Gleichheit, das für jede(n) von ihnen soviel mehr bedeutet, als das Stück Papier auf dem das Recht darauf seit mehr als fünfzig Jahren geschrieben steht. Auf diesen Umstand wies jemand anläßlich eines, wie könnte es heuer anders sein, exakten 50-Jahr-Jubiläum vehement hin. In der Rede zum fünfzigsten Jahrestag der Wiedereröffnung des Österreichischen Burgtheaters brachte der deutsch-iranische Schriftsteller Navid Kermani die Verzweiflung derer, die in Marokko seit Wochen gegen die Drähte der spanischen Enklaven Ceuta und Melilla, gegen die Drähte der Festung Europas rennen, in eine der Hallen eben dieses Europas, die sich so maßgeblich als eine dessen großer Kulturstätten empfindet. Kermani spach von den ungezählten Toten der gescheiterten Überfahrten auf großen Frachtern und kleinen Schlauchbooten zwischen Tanger und dem spansichen Festland, und begann sie zu zählen, die gefundenen und registrierten zumindest und kam zur furchtbaren Bilanz von dreizehn- bis fünfzehntausend Toten in den letzten fünfzehn Jahren - die Straße von Gibraltar stellt damit das „größte Massengrab Europas“1 dar.
Vor fünfzig Jahren schien das blutigste Gewaltregime der Geschichte überwunden, ein über ein Jahrzehnt am Vernichten gehaltenes Massenmordsystem, das den Glauben an die Existenz und die Möglichkeiten von Kultur mit den Millionen Menschen, die seinen Anhängern zum Opfer fielen, zerstört zu haben schien. Gewalt gegen Kultur und Kultur versus Gewalt.
Vor wenig mehr als fünfzig Jahren „wußte“ niemand von den Stacheldrähten um die Vernichtungslagern der Nazis, wußte nicht im Sinne von wollte nicht die brutale Kehrseite der hohlen Phrasen zu Gesicht bekommen, nicht nicht nach innen schauen, den Kern der Sache nicht kennen. Heute wollen die wenigsten nach außen schauen, obwohl niemand behaupten kann, die Bilder nicht zu kennen. Lieber erliegen all jene die mit offenen Augen den Blick und vor allem die Reaktion darauf verweigern, einmal mehr der Propaganda. Heute lautet sie „Das Boot ist voll“ (wer einmal hingesehen hat bei den Frachtschiffen und den Schlauchbooten fragt sich wohl auf welches diese Behauptung am ehesten zutrifft) - Mord als Selbstschutz? Mit der Enthumanisierung durch diese Ideologie wurde er schon vor fünfzig Jahren millionenfach begangen.
Und die Kultur? Unter der Fuchtel von Machtinteressen gehalten und selbst mit einem Stacheldrahtzaun bekränzt/grenzt2 wird sie sich weiter schwer tun, etwas gegen Unmenschlichkeit auszurichten. Eine Aufforderung zur Grenzüberschreitung...

Evelyn Schalk

1 In: Navid Kermani. „Europa zwischen Burg und Tanger: Folgen Sie dem Routenplaner!“ Rede anläßlich des 50. Jahrestages der Wiedereröffnung des Burgtheaters, abgedruckt im Standard, 15.,16. Oktober 2005
2 So wurde beispielsweise trotz ihrer Nobelpreisehren Elfriede Jelineks Stück „Burgtheater“ in demselbigen nicht aufgeführt...

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