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ausgabe #7. essay. benjamin m. grilj

  

gewalt und diskriminierung

oder der Kreisel dreht sich


Soweit es die Geschichtswissenschaft zurückverfolgen kann, hat der Mensch Gewalt ausgeübt. Apodiktisch zur Gewalt gehört Diskriminierung, ohne einander kann dieses Paar nicht funktionieren. Auffallend ist, dass es kaum eine Tätigkeit gibt, bei der der Mensch derartig kreativ war und ist wenn es darum geht Schmerzen zuzufügen: egal ob bei den Sumerern, Hunnen, (spanischen) Inquisitatoren, Nazischergen oder amerikanischen Soldaten im Irak und in Guantanamo. Mit einigen Formen von Gewalt und Diskriminierung beschäftigen sich die Menschenrechte und die internationalen Gerichtshöfe, mit einem weit größeren Teil die Kultur, Literatur, Wissenschaft und ihr nahe stehende Gruppen. Ist die Aufarbeitung von Gewalt nur mehr ein Politikum des Bildungsbürgertums? Gewalt und Diskriminierung gegen einen selbst finden auch in unterschiedlichsten Bereichen der Wissenschaft und Kunst Beachtung: sei es Bulimie, Selbstzerstümmelung, Depression, oder ähnliches.

Diskriminierung ist eine Differenzsetzung, eine Grenzziehung, ein Ein- und Ausgrenzen. Auch wenn die Konsequenzen ähnlich sein können handelt es sich doch um unterschiedliche Formen der Gewalt.

Solipsismus auf der einen Seite ist ein Eingrenzen - Differenzkonstatuierung nach Innen. Die Flucht nach Innen aus Schwierigkeiten mit dem Aussen, Schwierigkeiten? Nein, nicht Schwierigkeiten, Angst: Angst aus unterschiedlichsten Gründen - Konsequenz ist dieselbe: ein Leben als Schatten seiner selbst, soziale Destruktion, diese führt wieder zu Angst. Ein Kreis? Nein, kein Kreis, eine Spirale - der Endpunkt nicht erkennbar. Das einzige was bestimmbar ist, sind die immer schneller - nein, schneller könnte positiv verstanden werden - kürzer werdenden Zyklen. Angst... Angst, allein zu sein! Doch allein ist man in diesem Zustand nicht: der Druck im Hals; das Pochen der Schläfen; das schwere Gefühl im Brustkorb - wie er sich hebt, wie er sich senkt, wie er sich hebt; die Gedanken die scheinbar plan- und ziellos umherschwirren. Ist man da allein? Nein, allein mit Sicherheit nicht - einsam! Ist es die Einsamkeit, die uns Angst macht? Einsamkeit als solche nicht... was ist es dann? Es ist die Angst aus Angst einsam zu sein. Die Spirale auf dem Kreisel dreht sich schneller, ob nach oben, oder unten ist nicht zu sehen - im Grunde genommen auch irrelevant; dass, was überbleibt ist die Angst. Mittlerweile ist auch die Ursache für diese nicht mehr sichtbar. Der Kreisel dreht sich.

Die Misanthropie ist kein eingrenzen, es geht darum andere auszugrenzen - alle anderen! Außer einem selbst. Die Frage, ob man alle, außer sich ausgrenzen kann, bleibt offen. Triebfeder ist der Hass. Ob der Grund dafür noch bekannt ist, bleibt ebenfalls offen. Klar ist nur, dass man hasst. Misanthropie ist Flucht, Flucht vor anderen, aber noch viel schlimmer: Misanthropie ist Flucht vor sich selbst. Misanthropie als Antwort, Antwort einer gekränkten Person, eines unbeachteten Selbstbewusstseins - Versuch, nur Versuch - abwertender Versuch. Das Ego, das erstickt wurde - nein, nicht wie beim Solipsismus durch Selbstzweifel, nein durch einen Schlag von außen kommt es zur Destruktion - oder zumindest erinnert man sich selbst so daran. Das Ziel des Misanthropen ist Hass. Worum sich der Kreisel hier dreht ist also klar. Er weitet seine Kreise nach außen, immer weiter und bezieht somit immer mehr in seinen Hass ein. Denn, der Kreisel er dreht sich.

 Misanthropie und Solipsismus sind Versuche einer gekränkten Person vor Situationen zu fliehen - Ziel nicht ungewiss - Ziel ist Angst: Angst zu versagen; Angst missbraucht zu werden; Angst allein zu sein; und die Angst davor, selbst Ursprung dieser Differenzsetzung zu sein. Es geht hier nicht um einen qualitativen Vergleich von gewalttätigen Verhalten und/oder dessen Folgen, sondern um einen Aspekt der bei dieser Themenstellung häufig nicht beachtet wird - in einem der suizidstärksten Ländern Europas aber eine gewisse soziale und gesellschaftliche Relevanz hat. Denn, der Kreisel er dreht sich.

Benjamin Grilj

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