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ausgabe #7. shortstory. clemens setz

  

das mahlstädter kind

  

Vor einigen Jahren hielt in unserer Stadt ein wandernder Jahrmarkt. Eines Abends, nach langen Stunden in der Kanzlei, ging ich auf dem Gelände spazieren. Der Abend war vom langsam beginnenden Frühling noch warm und die Lichter der Holzbuden und Zelte standen unauffällig vor sich hin summend neben der Stadt. Die Geräusche der Menschen lagen wie ein Geruch in der Luft und vermischten sich mit vereinzeltem Klingeln, denn vor den Schaubuden hingen Büschel hölzerner Glocken, die man als interessierter Kunde durch eine herabhängende Kette betätigen konnte.
Ich entdeckte in einem der kleineren Häuschen eine Skulptur aus braunem Lehm. Der Besitzer, ein alter Mann mit einem dicken Gehstock aus schwarz bestrichenem Holz, lächelte mich eindringlich an, seine Lippen stülpten sich und seine Zähne platzten, als zerrissen sie die glatte Haut einer Frucht, hervor. Bei näherer Betrachtung stellte sich heraus, dass die Figur ein großes Kind aus Lehm darstellte, das auf dem Boden saß und den Kopf demütig gesenkt hatte. Seine Haut war nicht glatt, sondern mit kleinen Rissen und knöchelgroßen Mulden bedeckt. Der Besitzer erzählte, nachdem ich ihm fast automatisch eine Handvoll Münzen in die Hand gelegt hatte, dass es sich um das Mahlstädter Kind, ein bedeutendes Kunstwerk, handle, obwohl es noch nicht vollendet sei. Der Künstler hatte sich damit begnügt, einem großen Lehmblock sehr ungefähre und vage Züge eines sitzenden Menschen zu geben und hatte es in seiner Heimat Mahlstadt auf dem Marktplatz aufgestellt. Die Menschen kamen in Scharen und wunderten sich über die grobe Schlichtheit, schüttelten sogar die Köpfe und zuckten mit den Achseln, bis der Künstler ihnen erklärte, dass es eben noch nicht vollendet sei. Da zuckten sie wieder die Achseln und murrten, warum er es denn nicht zuerst vollendet und dann auf dem Marktplatz aufgestellt hätte. Der Künstler antwortete, und ballte gleichzeitig seine Hand zu einer demonstrativen Faust, dass jeder Bürger seiner Heimatstadt diese ungenaue Figur mit Schlägen, Tritten und ähnlichem in die bekannte, allen geläufige Form eines Menschenkindes bringen durfte, ja sogar bringen musste, in Sinne einer allgemein künstlerischen Verantwortung und zu diesem Zwecke sei auch kein Zaun wie um die übrigen Kunstwerke der Stadt aufgestellt.

Ein paar Tage ging das Leben weiter wie gewöhnlich. Die Figur stand einfach am Marktplatz und die Leute gingen vorbei, jeder mit eigenen Besorgungen und Ermächtigungen beschäftigt und nur ein paar Dorfkinder spielten um das Mahlstädter Kind herum, bekletterten es oder versteckten sich dahinter. Doch dann, so erzählte der Besitzer der Schaubude und trat langsam an die Skulptur heran, fand man gelegentlich einige größere Mulden und Risse auf der lehmigen, aus merkwürdigen Gründen immer noch weich formbaren Oberfläche, allerdings immer erst morgens, nach einer unbewachten Nacht. Wohl hatten die meisten Bewohner Angst, als aggressiv oder anmaßend zu gelten oder fürchteten vielleicht insgeheim die Plumpheit ihres mit aller Kraft zuschlagenden Körpers. Diese Anspannung lockerte sich in einigen Wochen und schließlich schlugen auch am Tag einzelne Passanten zu, manche sogar mit Stöcken oder um die Hand gewickelten Ketten. Das Gefühl, ein großes Kunstwerk mitzugestalten, beflügelte die Gemeinde, in den Ratsversammlungen kam es jedes Mal zu einem Streit um die genaue Form eines landläufigen Menschenkindes; dazu wurden Fotos von allen Kindern des Dorfes und der Umgebung aufgehängt, um daraus einen Mittelwert an Physiognomie und Proportion zu errechnen. Man stellte eine Tafel auf, auf der zu lesen war, welche Stellen der Lehmfigur noch an meisten von der angestrebten Kinderform abwichen und wie diese am besten zu bearbeiten seien. Täglich ging eine Gruppe von Vermessern zur Skulptur und beschriftete die Tafel mit neuen Ergebnissen. Die Kinderform gewann immer mehr an Deutlichkeit und eines Tages befand die Ratsversammlung, dass das Kunstwerk nahe genug an der Vollkommenheit war und dass außerdem die täglichen Gewaltangriffe, wenn sie auch nur auf eine Lehmskulptur gerichtet waren, auf Dauer für die psychische Gesundheit der Bewohner nicht förderlich sei. So wurde ein Zaun errichtet und eine große, in stolzen Lettern geschriebene Aufschrift angebracht, die den besonderen Werdegang des Kunstwerkes für Reisende und Neugierige beschrieb. Die Konsistenz des Kindes blieb unterdessen unverändert weich, formbar, abwartend. Der Künstler wurde zu Versammlungen geladen, alle möglichen Preise wurden ihm zugesprochen, darunter auch der Schlüssel der Stadt, doch er schien nicht mehr in der Stadt zu wohnen, seine alte Wohnung fand man leer geräumt, die Fenster in ihr waren zerschlagen und die Wasserhähne mit roher Gewalt aus den Hälsen gerissen; die Nachbarn gaben an, ihn seit Monaten nicht gesehen zu haben, und er wurde schließlich als verschollen verzeichnet.

Zögernd und nachdenklich kehrte Ruhe ein in der Stadt, die sich um eine Attraktion reicher sah. Nach einem harten Winter und dem darauf folgenden Strom an Bettlern und Obdachlosen, der vom Land in die Stadt kam, bildete sich in der Stadt eine Art Untergrundbewegung, die allmählich zu einer Partei anschwoll. Diese Bewegung hatte es sich zum Ziel erklärt, die bestehenden Herrschaftsverhältnisse umzustülpen und damit auch die Vorstellungen von Schönheit und Gesinnung. Nach den ersten öffentlichen, offenbar ästhetisch motivierten Morden und Foltermärkten, beschloss der Sprecher der Bewegung das Kunstwerk am Marktplatz nach den neuen Vorstellungen umzugestalten. Der Zaun wurde, nachdem er gerade einmal einen Winter lang stehen hatte dürfen, eingerissen und mit den hölzernen Überresten desselben wurde das Kind eine lautstarke und heiße Nacht lang bearbeitet. Dass der Lehm, aus dem es bestand, immer noch weich und für jeden Schlag empfänglich war, wunderte die Neue Bewegung nicht. Sie sah es als einen bestätigenden Wink des Schicksals. Der Kopf des Kinds wurde um ein beträchtliches Maß verkleinert und der Form einer unbeweglichen Spielkugel angeglichen, während der übrige, sitzende Leib durch gezielte und vorausberechnete Schläge – auch die Neue Bewegung stellte eigene Personen für die Berechnungen an, die den charakteristischen blauen Zylinder trugen – mit einem größeren Brustkorb versehen, neben dem die dünnen Beine beinah untergingen. Nach der vollzogenen Umgestaltung der Figur wurde ein Fest veranstaltet und die Ankunft der Neuen Allgemeinen Form eines Kindes mit einem lauten Feuerwerk begrüßt. Zu der Feier waren viele Gastredner und berühmte Persönlichkeiten, die allesamt auf wundersame Weise etwas über das bisher nur stadtbekannte Kunstwerk zu sagen wussten, geladen. Unter den Gastrednern war auch der Name eines völlig unbekannten Kunstgeschichteprofessors, der aus der benachbarten Hauptstadt angereist war. Als dieser schließlich auf die Bühne kam und mit seinem Vortrag beginnen sollte, erkannte die erstaunte Menge in ihm das Gesicht des Künstlers, der einst die unfertige Kinderfigur auf dem Mahlstädter Marktplatz aufgestellt hatte. Nur eine Lesebrille und ein halbtransparenter Bart verdeckten das vor Zeiten so bekannte Gesicht. Nach langen Beifallstürmen und einer von den Veranstaltern eilig improvisierten Lautsprecherdurchsage, welche die Identität des Vortragenden stolz verkündete, legte sich eine erwartungsvolle Stille auf die Zuhörenden. Nach einigen verschwiegenen Sekunden hob der Künstler schließlich seine vom Alter geschwächte Hand und streckte seinen Zeigefinger in Richtung der Zuhörerschaft aus. So verharrte er einige Minuten, in denen er den Kopf gesenkt hielt und an einem Wort mümmelte, das nicht und nicht kommen wollte. Der Künstler versuchte es noch einmal, ließ den Arm fallen und erhob ihn ein zweites Mal, aber auch diesmal kam er über ein leises lallendes Stottern nicht hinaus. Er wirkte völlig ausgetrocknet, seine Gesichtshaut schien an manchen Stellen geradezu abzubröckeln. Da die Menge durch die nicht eingelöste Erwartung einer großen Rede lauter wurde und sogar einzelne Steine und Tomaten auf die Bühne flogen, schritt schließlich die Polizei ein, die den Künstler auf der Bühne zuerst vor Angriffen dadurch schützte, indem sie ihn behutsam und väterlich umzingelte. Die Beamten waren von der Anwesenheit des lebendigen Mythos in einem heldenhaften Hochgefühl. Doch da der Künstler den Arm mit dem unverständlich ausgestreckten Zeigefinger nicht senken wollte, auch nachdem man ihm, zuerst mehr als liebevoll spöttische Warnung denn als Strafe, auf den Arm geschlagen hatte, worauf er einige wortähnliche Laute in verzweifeltem Tonfall von sich gab – bildete sich eine Bewegung, ein finsterer Taumel unter den Polizisten, ähnlich einer Schar von verbissenen Kindern, deren blinde Tritte den Ball, um den sie sich streiten, absichtlich verfehlen. Man fesselte den Künstler unter dem hereinbrechenden Geschrei der Zuhörer und bearbeitete ihn mit Schlägen, Tritten und anderem so lange, bis dieser, ein regloses und verdrehtes, staubtrockenes Bündel, auf den Brettern der Bühne liegen blieb.


Hier endete die Geschichte des alten Mannes, der, nachdem er meinen Dank für seine Erzählung mit einer zerstreuten Verbeugung empfangen hatte, auf ein unscheinbares Preisschild über ihm deutete, auf dem zu lesen stand: Ein Schlag – fünfzig Cent, Zwei Schläge – siebzig, usw. Seine Hand hielt mir einen goldenen Schlagring entgegen. Ich schüttelte den Kopf und winkte mit der Hand ab. Der Besitzer, ohne beleidigt zu sein, zuckte nur mit den Schultern und begab sich, um die nächste Kundenglocke abzuwarten, wieder hinter die Trennwand, wo er, wie man gerade noch erkennen konnte, das Kinn auf seinen Gehstock stützte.

Clemens Setz

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