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ausgabe #3. essay. ulrike freitag


wer – be – zahlen?

  

Es ist wieder einmal soweit. Drei Flugblätter, zwei Broschüren und eine Zeitung, oder besser gesagt eine Informations-Zeitung, die wiederum Informationsblätter und zwei „Beilagen“ enthält. Wobei die Bezeichnung „Informations-“ eigentlich durch „Konsumenteninformations-“ ersetzt werden sollte. Da der Platz der mir zur Verfügung steht aber beschränkt ist, nenne ich es liebevoll „Werbung“. Diese flattert – oder besser gesagt fällt – mit einem lauten Knall (weil so schwer!) durch den mittlerweile viel zu schmalen Schlitz an meiner Eingangstür. Dieser Schlitz, falls Sie, wie meine Nachbarin, auch einmal „schnell“ Altpapier loswerden wollen, befindet sich an der Tür zu meiner Wohnung, direkt unter dem unauffälligen knallroten Aufkleber mit der Aufschrift: „Wir reduzieren unseren Papiermüll – Bitte keine Werbung!“ und dient eigentlich nur dazu, dem Werbemittelverteiler anzuzeigen, wo die Fracht zu deponieren ist. Was auf dem Aufkleber steht wird daher seit jeher ignoriert. Klebt man den Türschlitz zu, landet alles vor der Tür und verhilft einem zu einem fiesen Haarriss im rechten Knöchelgelenk, wenn man morgens eilig die Wohnung verlassen will.

Was ist jetzt aber mit jenen, deren Tür aus unerfindlichen Gründen nicht zugänglich ist (bitte mir mitzuteilen, wie man das macht), denn diese armen Menschen kann die Werbung dann ja gar nicht mehr erreichen und sie wären dazu verurteilt nur zu kaufen, was sie auch wirklich brauchen. Damit den Bemitleidenswerten dieses Los jedoch erspart bleibt, wird alles was man durch den Türschlitz gepresst bekommt, und noch vieles mehr, auch noch mal per Post verschickt, natürlich sicherheitshalber auch wieder „An einen (jeden) Haushalt“ Dabei muss der Postbote vor allem darauf acht geben, dass Briefe und andere „persönliche“ Sendungen in die Werbeprospekte gesteckt werden. Denn nur das garantiert dem Werbekunden der Post, dass man sich das ganze Zeugs auch wirklich durchsieht, anstatt es in dem direkt neben den Briefkästen platzierten Papierkorb zu deponieren.

Ich habe mir die Mühe gemacht zusammenzufassen was in einer Woche bei mir so an „Information“ hinterlassen wird: Durch den Türschlitz kommen in einer Woche zirka 80 dag Information in Papierform. Durch den Postkasten kommt in etwa 1kg. Das wären dann ca. 1,8 kg in der Woche – in gewissen Zeiten oft mehr (4 mal Abverkaufszeit – je 50 dag plus, 3 mal Feiertage und Silvester je 50 dag plus) ergibt auf das Jahr (52 Wochen) gerechnet Daumen mal Pi 100 kg! Bei ungefähr 8 Mio. Einwohnern aufgeteilt auf ca. 4 Mio. Haushalte sind das wiederum 400.000 t Papier. Wenn die Hälfte davon recycled wird (… schließlich bin ich ja Optimistin) bleiben noch 200.000 t – das ist ungefähr ein Waldstück so groß wie ...
Umweltschützer können sich auch noch ausrechnen wie viel Bäume im Jahr für mich sterben! Besser gesagt, wie viele für mein nicht vorhandenes Konsum-Informations-Bedürfnis sterben! Es sterben aber auch viele Hühner und Kühe weil sie gut schmecken. Die haben dann aber zumindest einen „Zweck“ erfüllt. Was kommt aber heraus, wenn ich mir einmal die Zeit nehme und meine erhaltenen Informationen (Prospekte) aufnehme und zu meinem Vorteil nutzen (ihnen also auch Sinn und Zweck verleihe) möchte?

Ich bin ein langsamer Leser und brauche für eine A-4 Seite im Werbeprospekt zirka 2 Minuten. Am Tag erhalte ich im Schnitt eine achtseitige Broschüre oder 4 Zettel mit zwei Seiten. Das sind dann ungefähr 16 Minuten. Um die Informationen „sinnvoll“ zu nutzen, müsste ich jene Informationen, die für mich relevant sind, ausselektieren, was bei einer A-4 Seite ungefähr 0,5 Minuten dauert, also insgesamt dann 20 Minuten, täglich. Wenn ich dann noch einen Vorteil daraus schlagen möchte Preise zu vergleichen, müsste ich alle Informationsmaterialien aufbewahren (und dabei auf die jeweilige Gültigkeit achten). Zusätzlicher täglicher Zeitaufwand: ca. 10 Minuten, außerdem ist das Einrichten einer zusätzlichen “Gedächtnisschublade“ erforderlich, um den Überblick zu bewaren! Das sind dann 30 Minuten und etwas, das ich absolut nicht machen möchte.

Übrigens, wenn man sich diese „Zeitungen“ (Werbemagazine, die sich als Wochenzeitungen tarnen) genauer ansieht, entdeckt man wirklich skurrile Dinge. Erst kürzlich berichtete eine dieser Zeitungen voller Stolz, sie habe schon knapp 20.000 Leser und „es werden mehr!“ – Diese Zeitung, die sich durch Werbung finanziert, wird in einer Auflage von 10.000 Stück hergestellt und danach an knapp 10.000 Haushalte (mit durchschnittlich zwei Personen) verteilt, ihnen also vor die Tür geschmissen!
Ja, wir sind alle Leser!
Am aller meisten ärgern mich die Firmen die auf Nummer sicher gehen! Die ihre Informationen beim Konsumenten, koste es was es wolle hinterlassen möchten. Ja, das Prospekt aus der Post sieht gleich aus wie das, das ich gerade in die Hand gedrückt bekommen habe. Es sieht auch gleich aus wie das, das ich mit in meine Einkaufstüte gepackt bekommen habe – es sieht sogar gleich aus wie das, das da vor meiner Tür liegt. Bei so vielen Wiederholungen bekomme ich immer gleich das Gefühl, ich sehe ORF, nur dass die Werbeunterbrechungen noch länger dauern. Aber wenn ich jetzt auch noch anfange über Fernsehwerbung zu reden bzw. schreiben, oder gar von der den Ohren so zuträglichen Radiowerbung … vielleicht sogar noch Wahlwerbung … da bräuchte der aussreißer einen saftigen Werbevertrag (den er jedoch konzernseitiger Einflussnahme wegen nicht annehmen würde) um einen solchen Papieraufwand zu zahlen!

Ulrike Freitag

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