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ausgabe #3. essay. evelyn schalk

    

weihnachtlicher umkehrschluß

   

Das gleißende Licht blendet mich, schmerzt weißgrell in meinen Augen, aber, egal wohin sich mein Kopf dreht, die Pupillen reflexartig ausweichen, treffen sie wieder und wieder auf Neonblitze...

... und egal ob diese nun halogenschneidend gelb, rot oder blau unterlegt sind, alle durchstoßen sie die Iris, dringen in die dahinterliegenden Sphären und filetieren diese in plastikflitterkompartible beliebig verwertbre Elemente, die was draußen geschieht drinnen umsetzen und so – an dieser Stelle Umkehrschluß genannt - draußen wieder vorantreiben.
Ich gehe weiter, automatisiert, obwohl sich alles in mir, zumindest alles zu diesem Zeitpunkt
noch?, Lebendige, dagegen wehrt, sträubt , schreit. Doch dieser Protest  wird automatisch unterdrückt. Informationsfetzen wie sie mir portionsweise serviert werden, kommen mir in den komprimierten Sinn, automatisch – oder vielmehr automatisch unterdrückt wie freie Information in diesem Österreich, sofern sie nicht konzerngesponsert oder regierungspolitisch wert-voll frei-willig untergeordnete Positionen einnimmt und frei von der Leber weg vertritt, worauf man in solchen f/Freiheit(lich)en Gefilden christlicherweise immer tritt, mit Füßen nämlich: wirtschaftspolitische Scheinbelanglosigkeiten deren Relevanz diverse Ökonomen aus persönlich-profitablen Interessen nicht wahrnehmen bzw. als nicht wahrgenommen transportiert wissen wollen – dazu zählen etwa Menschenrechte, soziale Belange,
(un-)gerechte Einkommensverteilung, Arm-Reich-Schere usw. usf.  Die sterile Helligkeit des Alles-Möglichen meiner konsumatorischen Umgebung lässt mich – richtig, automatisch! – die Augen wieder schließen, Umkehrschluß…
Ich laufe weiter, meine Schritte haben sich beschleunigt, werden schneller nahe am Rennen; die Paradoxie möglichst schnell dorthin zu gelangen wo ich am wenigsten sein will treibt mich zu immer neuen Höchstleistungen im Geschwindigkeitsmarathon an, an dessen Ziel nach der Siegesverkündigung im Namen der den Läufer befehligenden Mächte für diesen heute sicherer denn je der eigene Zusammenbruch und Tod stehen.

Das Gedränge wird stärker und stärker, ein Strudel, ein Sog, ein…
Richtig das Gedränge, nicht das Drängen, das ja einen tatsächlichen Wunsch implizieren würde. Doch ein Gedränge – Nervenleitungen und –synapsen permanent reizerstickt, überflutungsbedingt…
So nach Luft schnappend  inmitten meiner hysterischen Wünsche mir doch eine Welt zu bauen wie uns suggeriert wird, dass sie zu sein hat, bringt mich dieses Wissen noch mehr in Rage und die Enge um mich herum wird bedrohlich, kaum ertragbar.

Menschenkapital

Ich höre, nein fühle – was ist das? – das Vibrieren der Lautsprecherdurchsagen, ein Klingeln, Hupen um mich herum, oder war es (m)ein Schrei? Nicht einmal das vermag ich mehr zu erkennen.
Das Reden, der Stimmengewirrsinn schwillt an zu einem unaushaltbaren Dröhnen, das mich an meine Sinnesgrenzen bringt, während ich mich, den freien Willen der Zielstrebigkeit vortäuschend, in einer Menge, Masse aufzulösen drohe, die ihr einziges Streben nach Haben, Kriegen, Raffen von Dingen ausrichtet, mit deren Besitz sie auf den Erwerb von Bonuspunkten ihrer Ich-AG-Perversion spekuliert. Ein Ich, das längst nicht mehr aus Fleisch und Blut besteht, sondern aus Zahlen, Daten und vermeintlichen Fakten, die durch die fibergläsernen Bahnen eines gigantomanischen Kapitalmarktes fließen, auf dem mit Menschen nach Stückzahl und Kursschwankungen gehandelt wird.

Fahnenstangenende...

Alles um mich herum dreht sich mit den blauen Weihnachtsmännern mit Frauengesichtern, im Labyrinth von rosa Kugeln, Silberflitter, giftigen Zügen und monströsen Dekoverwirrungen, die wirklich perfekt die Haltung ihrer Creators zum Ausdruck bringen. Meine Gedanken nageln sich jedoch fest während mein Inneres sich zusammenzieht, die Kontraktionsmuskulatur meines Magens versucht, meinen Körper von jenem Eintopf aus punschversüßstoffter Luft, E-Nummern-konzentrierten Nikoläusen und chemieverseuchtgebündelter Waffelschwaden zu befreien, den ich freiwillig ohnehin nie zu mir genommen hätte.
Einen Moment bleibe ich stehen, wieder nach Luft - was immer das auch sein mag - ringend,  und halte mich fest, halte mich tatsächlich fest an einer Fahnenstange, Symbolträgerin eines Landes, in dem nicht einmal mehr an der Oberfläche versucht wird so zu tun, als würde aus jenen Geldfluten, die all der Irrsinn um mich herum produziert, auch nur ein Bruchteil jenen zugute kommen, die es am bittersten nötig haben. Eines Landes in dem eine Regierung, die keiner will und alle akzeptieren unverhohlen Menschen ihre momentane wie auch, denn gründlich samma schließlich!, zukünftige Existenzgrundlage raubt und Politik zum konzernopportunen Dienst an Machterweiterung und Eigenkapitalertragssteigerung degradiert. Die Blutstreifen über mir lassen mir die Adern gefrieren, die Zirkulation meiner Gedanken schließlich meine sämtlichen Eingeweide zusammenschnüren, während sich die hastenden Menschen um mich herum ums nächste Schaufenster drängeln.

Ich denke, denn sehen kann ich sie von hier aus nicht – ein Platz also, um den mich die gesamte Stadtregierung sowie die meisten der rennenden Abnehmer rundum unglaublich beneiden, an die Menschen, die zwischen Schauen und Fenstern und was weiß ich noch alles Hände und Hüte und Plastikbecher aufhalten und immer wieder als Bedrohung für eine unsere Gesellschaft stilisiert, nein konstruiert werden, die sie mit aller Gewalt auf diesen Platz im Nichts dazwischen zwingt.
Denn während drinnen die Geldströme fließen, von den Geschäften über die Banken, die Regierungen und Finanzmärkte und draußen gefroren wird und mensch sich selbst demütigt, werden hinter Panzerglas und Kameras Panzerfahrzeuge vor Kameras finanziert , die vor den Augen von Millionen das Leben von Millionen auslöschen, für die Macht und den unglaublichen Luxus so weniger. (Meine Gedanken haben jetzt wirklich einen weiten Weg zurück gelegt, während meine Füße keine zwei Meter vorangekommen sind und mein Ich noch immer auf der Stelle zappelt)

„Last Christmas“ tönt es hinter der Glastüre an der ich gerade vorbeispaziere und obwohl ich dem Lied nichts abgewinnen kann, setze ich ein Fragezeichen hinter den Titel.

Evelyn Schalk

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